Kann man dem in der Normandie gefallenen Bruder meiner Oma Ausländerfeindlichkeit vorwerfen oder nicht?

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Hi! Ich finde, Du tust dem Menschen unrecht. Du musst das Schreiben aus dem Werte-Verständnis des Briefeschreibers heraus lesen und nicht mit dem heutigen Blickwinkel.

Damals hat man vieles anders bewertet, als wir das heute tun und er hat nun mal in dieser Zeit gelebt. Als ich in den 70ern Jugendlicher war und angefangen habe, Rockmusik zu hören, hatte ich eine Tante, die hat immer völlig abwertend gesagt "das ist doch Hotten-Tottenmusik" - und so war das auch in den 50ern mit Rock'n'Roll und noch früher mit Jazz oder sogar Swing. Alles was neu oder anders ist, wird erstmal misstrauisch bewertet. Und genaugenommen ist das auch heute noch so.

Da alle anderen Briefe ja auf eine andere "Geisteshaltung" in Bezug auf Deine Bedenken schließen lassen, nimm es einfach als "persönliche Sorge des Schreibers" zu dem Thema Musik und bewahre das Bild, das sich aus den anderen Briefen ergibt. Alles andere fände ich falsch. Gruss

Nein, da übertreibst du. Er mochte halt die Jazzmusik nicht und hat dafür einen heute verpönten Begriff dafür genommen.

Mein Großvater, Sozialdemokrat aus Überzeugung und immer Antifaschist, war in seinem Musikgeschmack sehr einseitig. Er mochte nur Opern, natürlich keine moderne Oper. Richard Strauß war bei ihm die Grenze. Musik war für ihn alles von Bach bis Puccino. Und wer anders sang als die Callas oder Pavarotti, konnte nicht singen.

Auch er hat, Jazz oder die Musik der Stones oder Beatles als "Ne*ermusik" bezeichnet. Gerade der Jazz ist ja zum Teil "schwarze" Musik, und so was setzt sich dann fest. Wobei mein Opa durchaus schwarze Sänger und Sängerinnen verehrt hatte. Die Operndiva Jessie Norman z.B. oder auch Harry Belafonte. Er hatte auch nie was dagegen, wenn eine schwarze Sängerin die Venus in Tannhäuser gab.
Allerdings konnte er nie verstehen, warum die von ihm so verehrte Jessie Norman zusammen mit Freddie Mercury aufgetreten war. (Barcelona). Wo doch Freddie Mercury gar nicht singen konnte.

Vielleicht war dein Großonkel also genauso wenig Rassist wie mein Opa, er hatte nur einen anderen Musikgeschmack.

Der Bruder deiner Oma ist im Geiste des Nationalsozialismus erzogen worden, er war zur Zeit der Machtergreifung noch sehr jung und wurde die folgenden Jahre durch diese "Ideologien" geprägt.

Das er zugänglich für andere Einflüsse war, zeigen u.a. die Äußerungen bezüglich Frankreichs und dessen Bewohner.

Der Wortgebrauch von Wörtern wie N...ger, was nichts Anderes als Schwarzer bedeutet usw., waren früher durchaus üblich, in manchen Ländern bis heute.

Wer bspw mit deutschen Schlagern aufgewachsen war, der tat sich natürlich schwer mit Musik, die er nie zuvor gehört hat, dazu eventuell noch in einer Sprache, die er nicht versteht. Das galt sogar noch großenteils für die direkte Nachkriegsgeneration.

Musik ist eine Frage des persönlichen Geschmacks, man muss nicht alles mögen, das ist völlig normal.

Man kann nicht pauschal jedem Deutschen der damaligen Zeit Rassismus unterstellen, ebensowenig wie man z.B. jedem Soldaten die Mitschuld an Kriegsverbrechen geben kann.

Das ist übertrieben. "Neg*r" war zu der Zeit nicht immer abwertend gemeint und zum Teil eine gängige Bezeichnung für Schwarze.

Und, dass er fand, dass Jazz-Musik der Deutschen Kultur schadet, bedeutet nicht zwangsläufig, dass er etwas gegäen besagte andere Kulturen hatte.

LG Malteä

Da schüttest du jetzt das Kind mit dem Bade aus.

Das war der damals übliche Begriff, dass wir das heute anders sehen konnte er doch damals nicht wissen. Sogar in meiner Kindheit war der Begriff üblich und stand in allen Schulbüchern. Also das kannst Du ihm jetzt nicht vorwerfen. Und jeder darf die Musik mögen oder nicht mögen wie er will. Er war eben kein Jazzfan - wahrscheinlich war es sowieso Swing. Aber das unterscheiden wir auch erst heute.

Und " der Einfluss dieser Musik die deutsche Kultur schädigt." - Ja mein Gott, er war eben in einem begrenzten Umfeld aufgewachsen und diese Meinung war damals weit verbreitet. Ich würde ihm das verzeihen.

Andererseits war er ja weltoffen und keinenfalls nationalistisch. Sonst hätte er ja die Franzosen und Frankreich nicht so bewundert. Ausländerfeindlichkiet kann ich gar nicht entdecken. Er ist damt ja schon einen großen Schritt aus seinem begrenzten Umfeld rausgetreten. Wenn der Krieg nicht gewesen wäre, hätte er sich sicherlich noch wesentlich weiter und weltoffener entwickelt.

und noch eins: "wie schrecklich er den Krieg findet" - er war also ein Kriegsgegner und kein Hurra-Nazi. Also ich denke Alles in Allem war er ein sehr positiver Mensch, der dabei war die Welt zu entdecken, wenn man ihn gelassen hätte.

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