Kann die menschliche Psyche grundlos krank sein?

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10 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Mobbing kann sehr wohl gravierende psychische Störungen auslösen.Selbst wenn du zurückblickst und es dir nichts ausmacht das Erlebte noch einmal durchzugehen, hast du "Schäden" in dir, auf die du nur kaum bewussten Zugriff hast. Auch scheint es, als hättest du es verdrängt, was ja erstmal gut ist - allerdings sollte man es es sich eingestehen, nicht andersherum. Solche Dinge zu verdrängen ist logisch - könntest du im allgemeinen schlimme Erfahrungen nicht verdrängen, dann wärst du entweder ein Wrack oder Tot.

Bei Phobien ist es ja genauso, wenn du die negativen Symptome bewusst lenken und beeinflussen könntest, dann wäre eine Phobie ja nichts schlimmes. Leider geht das nun mal nur sehr eingeschränkt. Das Gehirn wurde zu sehr auf diese Phobie geprägt, um sie selbst aktiv wieder los zu werden. Man verlernt ja auch nicht plötzlich das Laufen, da müsstest du Wochenlang trainieren, um erste Erfolge zu erzielen. Du hast Jahrelanges Mobbing erfahren, dein Kopf hat aus diesen Jahren undementierbar gelernt.

Bei den Auslösern bin ich mir sehr sicher, dass das Mobbing einen großen Teil dazu beigetragen hat. Du beschreibst dich ja selbst als eher das "schwarze Schaf", was auch im Kindergarten schon auffällig war. Wer aus dem menschlichen Schwarm raus fällt, wird immer von anderen skeptisch und verachtend angesehen, die Unterbewussten Teile des Gehirns nehmen alles, was um einen passiert auf und speichern sämtliches ab. Wenn ein Zeitraum nun aus negativen Emotionen und anderen hasserfüllten Informationen besteht, hat das abgespeicherte im Kopf nun eben diesen negativen Touch, der das Gehirn sehr prägt und aus der gesellschaftlichen Bahn wirft. Zudem lernt das Gehirn um einiges schneller, wenn Emotionen mit einfließen - heißt, wenn du angegriffen wirst, dann erzeugt das eine richtige Delle oder Kerbe in deinem Kopf.

Therapien können auch mehr Leid als Hilfe sein. Eine Therapie zeigt einem durchaus, was die Krankheiten sind, wie man in der Regel damit umgeht etc. Allerdings erinnert eine Therapie auch immer daran, dass man eine abnorme Psyche hat. Man hat also eine geringere Chance, dass man diesem Kreislauf aus psychischen Krankheiten wieder entrinnen kann. Das gilt auch für den Umkreis - wenn man mit Menschen schlechter interagieren kann, wenn sie über die eigenen psychischen Beschwerden Bescheid wissen, dann sollte man diese Menschen meiden. Am besten auf einen Neuanfang hinarbeiten, in dem man im gesellschaftlichen Sinne frisch, stabil und normal sein kann. Von seinem Umfeld als normal interpretiert zu werden hilft unheimlich solche Störungen wieder loszuwerden.

Als Tipp will ich dir geben, dass du dir ein Hobby suchst, soweit du noch keines gefunden hast. Du kannst sicherlich etwas überdurchschnittlich gut - vermutlich etwas künstlerisches? Halte daran fest, denn diese Art von Ablenkung und "Energie- und Zeitabgabe" hilft dem Kopf, sich selbst zu reparieren und die negativen Gedankengänge mit positiven zu übermalen.

Das ist durchaus brauchbar, sofern sich die Fragestellerin aus ihrem Kokon heraus begibt, an sich arbeitet. Hobbies haben schon recht zahlreiche Menschen über zahlreiche Klippen gebracht.

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"Grundlos" entsteht eine Erkrankung nie, egal ob psychisch oder physisch. Ich will dir etwas erklären:

Veranlagung: Selbstverständlich kannst du eine Veranlagung tragen, die psychische Erkrankungen mindestens begünstigt. Dabei muss kein weiterer Krankheitsfall in der Familie vorgekommen sein. Es gab zum Beispiel einmal eine Untersuchung, bei der Kleinkinder beobachtet wurden, ob sie mit ihrem Exkrementen spielen (das machen sie in dem Alter, zu dem sie laufen und auf's Töpfchen gehen lernen). Man fand heraus, dass nicht jedes Kind so gespielt hat. Weiter fand man heraus, dass Menschen, die nicht mit ihren Exkrementen gespielt hatten, später viel häufiger einen Waschzwang entwickelt haben. Ich persönlich gehe davon aus, dass Menschen durch die Vererbung eine "Grundeinstellung" ihrer Eigenschaften mitbekommen und bekommt ein Kind eine starke Einstellung für "Ekel", starke Einstellung für "Perfektion", eine starke Einstellung für "Wiederholungsneigung" und starke Einstellung für "konservatives Denken" (in diesem Sinne: alte Denkweisen schlecht aktualisieren können), dann hast du ein Kind mit einer Grundeinstellung, die nahezu ein Nährboden für psychische Krankheiten ist, auch wenn in der Familie sonst jeder gesund ist (man bedenke: Anlagen können mehre Generationen überspringen). Vielleicht bist du so ein Kind.

Veranlagung bedeutet nicht, dass solche Einstellungen zu unveränderlichem Verhalten führen. Es ist vergleichbar mit einem Lautstärkeregler. Deine Regler sind zu laut bzw. zu niedrig eingestellt, manche beeinflussen sich, meistens klemmen die Regler... Aber sie sind einstellbar.

Es kann sehr gut möglich sein, dass du während deines Lebens verschiedene Regler unterbewusst durch dein Denken in die Extreme verstellt hast. Dazu reichen Informationen aus dem Fernsehen, aus der Umwelt, aus den Büchern, aus dem Alltag. Unterbewusst hast du Bewertungen dieser Informationen vorgenommen und je nachdem, wie du bewertet hast, deinen Regler niedriger oder höher gestellt. Dazu brauchen die Informationen nicht traumatisch gewesen zu sein. Zum Beispiel siehst du als Kind einen Eimer in der Wohnung deiner Freundin stehen. Dir geht durch den Kopf "Erbrechen!", weil du vor 2 Jahren im Bett liegend brechen musstest. Dir wird so unwohl wie zum Zeitpunkt der Erkrankung, das Gefühl prägt sich ein. Nun siehst du häufiger mal einen Eimer, denkst immer an die Krankheit und ans Brechen, das schlechte Gefühl. Irgendwann siehst du einen Eimer und kriegst gleich das Gefühl als müsstest du brechen, die Erinnerung kommt nach dem Gefühl. "Glückwunsch", du hast den Regler in die Extreme geschoben, während andere in einem Eimer einen Eimer sehen und nichts weiter. Die Krankheit muss nicht traumatisch gewesen sein, das unangenehme Gefühl und die Vermeidungshaltung reichen vollkommen für eine Konditionierung.

Wenn man sein Bein wegen einer Verletzung monatelang entlastet, führt das zu Problemen in der Körperhaltung, die schmerzen. Die Psyche funktioniert ähnlich.

Wow! Respekt! :-) Ich habe selten eine SO gute und leicht verständliche Darstellung einer klassischen Konditionierung gelesen! Großes Kompliment! :-)

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dem pflichte ich bei, das kann so sein, ist zumindest ins Kalkül einzubeziehen

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Kurze Zusammenfassung der nun folgenden Antwort: Manche Menschen haben ziemliches Pech, was das angeht.

Auch glaube ich, dass Du Dir die Antwort schon sehr gut selbst gegeben hast, als Du diese Frage stelltest.

Ich denke nicht, dass solche Erkrankungen grundlos auftreten - es ist nur schwer, da einen einzigen Auslöser festzulegen, wo doch so viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen.

Zum Einen ist da natürlich die Genetik - es ist dazu auch nicht notwendig, dass psychische Erkrankungen in der Familie aufgetreten sind. Die Diagnosen, die Du erhalten hast, sind sicherlich eher anhand von Symptomen festgelegt worden als an körperlichen Befunden. Die moderne Psychiatrie folgt da eher einem deskriptiven (beschreibenden) Ansatz, da es ja leider bei vielen ihrer Störungsbilder nur zu wenige objektive und auch praktisch umsetzbare Testverfahren gibt, anhand derer man ganz genau sagen könnte, woher eine bestimmte Krankheit kommt. 

Bei der Entstehung dieser Krankheiten spielen natürlich verschiedene Faktoren eine Rolle. Es werden zwar genetisch gesehen keine kompletten Charaktereigenschaften vererbt, aber eben bestimmte Anlagen. Und da kann bei Familienmitgliedern auf jeden Fall irgendwo eine Ähnlichkeit vorliegen - und schon ist die Grundlage für eine psychische Erkrankung geschaffen, die vorher noch kein Familienmitglied hatte.

Was aber in diesen von Dir beschriebenen Fällen wichtiger ist, ist natürlich die psychische Entwicklung durch diverse Lernprozesse. Bei diesen Erkrankungen ist man ja meist nicht von Geburt an "krank", sondern zeigt anfangs noch vollkommen normale Verhaltensweisen, die dann zum Beispiel durch Konditionierung verstärkt werden. So kann es zum Beispiel sein, dass, wenn man in der Öffentlichkeit irgendeinen winzigen Fehler macht und dann von den anderen ausgelacht wird, daraus lernt, diesen Fehler nicht mehr zu machen, um das Gefühl zu vermeiden, das mit dem Ausgelachtwerden verbunden wurde. Prinzipiell ein guter Lernmechanismus, aber dann kommt eben auch wieder die Genetik ins Spiel: manche Menschen reagieren stärker auf solche Reize als andere, und so kann sich das immer weiter steigern, bis ein Verhalten oder ein Gedanke/Gefühl so stark ist, dass es als pathologisch (krankhaft) eingestuft werden könnte. 

Um das mal extrem zu vereinfachen - die neurotischen und somatoformen Störungen (wozu ich jetzt mal die Phobien, Zwangsstörungen und auch die Hypochondrie einordne) sind hauptsächlich psychogener Ursache, aber natürlich auch genetisch beeinflusst. Und sie beeinflussen sich auch gegenseitig - so sind Zwangsgedanken und -handlungen (und natürlich andere Verhaltensweisen wie zum Beispiel, bei Angst vor Menschen zuhause zu bleiben) oft ein Vermeidungsverhalten, welche Angst reduzieren sollen. Anfangs funktioniert das noch gut und läuft teilweise bewusst, teilweise unbewusst ab, doch da es ja super funktioniert (Zwangsgedanke verdrängt Beschäftigung mit einem Angstgefühl - wieder Konditionierung, da eben die Angst als negativer Verstärker wegfällt für den Moment), übt man dieses Verhalten, sodass man natürlich dann "besser" darin wird, es einzusetzen. So steigert es sich dann immer weiter, bis das einstudierte Verhalten plötzlich problematisch wird. Selbstverletzendes Verhalten funktioniert ähnlich, man verletzt sich selbst, Endorphine werden ausgeschüttet - Belohnung - Stress/Anspannung wird reduziert oder Leeregefühl überdeckt - kurzzeitiger "Erfolg".

Bei manchen Menschen ist es genetisch so, dass der Körper stärker auf solche Verhaltensweisen reagiert, sodass sich aus dem Zusammenspiel von genetischen, sozialen (Umweltbedingungen, belastende Lebensereignisse als Auslöser können natürlich auch vorhanden sein) und psychologischen Faktoren Symptome herauskristallisieren, die dann Leidensdruck hervorrufen. Das kann bei einem Menschen, der in einem fürsorglichen, schützenden Umfeld aufgewachsen ist, genauso passieren wie bei jemandem, der traumatische Erfahrungen durchleben musste - der einzige Unterschied ist dabei eventuell die Wahrscheinlichkeit. Ein Stichwort dazu wäre das Vulnerabilitäts-Stress-Modell, welches versucht, die Faktoren dahinter genauer zu beleuchten.

Diese Frage habe ich mir auch schon öfter gestellt, da ich bei meinen psychischen Erkrankungen auch keinen genauen Auslöser finden konnte - doch letztendlich gibt es schon Gründe dafür, nur das Zusammenspiel der einzelnen Faktoren ist bei jedem Menschen anders, sodass manche eben psychisch weniger krank oder "gesund" sind und andere nicht. Leider kann man da selten einen genauen Auslöser festlegen, da eben nicht nur ein bestimmtes Gen oder eine ganz bestimmte Erfahrung bei diesen Krankheiten ursächlich sind.

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