Kann "das Vernünftigsein" an Sprache liegen?

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6 Antworten

Da hast du eine sehr interessante Beobachtung gemacht!

Mit deinem Vergleich sprichst du den Unterschied zwischen einer anschaulichen Sprache und einer abstrakten Sprache an. Die deutsche Sprache bildet ihre Worte anschaulich, das heißt, dass viele Wörter schon erklären, was gemeint ist: HANDSCHUH, BAHNHOF, UMHANG. 

Nach diesem Prinzip lässt sich leichter (spielerisch) lernen, weil der Lernvorgang unseren Hirnstrukturen eher entgegenkommt, während für das Erlernen  abstrakter Sprachen die für den Verstand (Ratio) zuständige Seite des Gehirns zuständig ist.

Abstrakt heißt in dem Zusammenhang, dass für eine definierte Bedeutung ein Begriff steht, welcher nicht anschaulich seine Bedeutung 'zeigt', sondern den man einfach auswendig lernen muss  (Beispiele: glove = Handschuh; station = Bahnhof, cape = Umhang). Hier ist der Lernvorgang mühsamer (wenn er nicht spielerisch gestaltet wird, wie es heutige Sprachlernmethoden machen).

Zum besseren Verständnis ein bisschen Sprachgeschichte:

Eher abstrakt sind Latein sowie dessen Ableger: die romanischen Sprachen (also die Sprachen, die zu Zeiten des alten Roms durch römische Legionen erobert und z.T. besiedelt wurden - was sie an sprachlichen Einflüssen (Vulgärlatein) dort hinterließen, hat sich mit der Zeit in jedem Land anders entwickelt - in Spanisch, Portugiesisch, Französisch, Rumänisch, Italienisch.  
Englisch, das du ja ansprichst, wurde ab dem Jahr 1066 romanisch geprägt durch Wilhelm den Eroberer, der die britischen Inseln eroberte und seine Sprache aus dem heutigen Frankreich mitbrachte.    

In der Bevölkerung, deren Volkssprache sich bis dahin überwiegend aus keltisch- und germanischstämmigen Wörter zusammengesetzt hatte, breitete sich nun  Französisch in vielen Bereichen des täglichen Lebens und besonders in Wissenschaft und Technik aus. 

Soziologisch gesehen ging durch die bei Hofe gesprochene Sprache eine Vorbildwirkung aus - alle, die den gesellschaftlichen Aufstieg anstrebten, befleißigten sich, so zu sprechen - und damit flossen verstärkt abstrakte Begriffe in die Alltagssprache über und setzten sich dort fest.   

Trotzdem - daneben existiert im Englischen aber weiterhin noch eine zweite Ebene, die mit Wörtern, Partikeln und Redewendungen aus der alten germanischen Quelle gebildet wird: Sie werden eher im familiären, vertrauten Umgang miteinander verwendet.

Wenn sich Englischsprecher also in 'gehobener' Sprache ausdrücken (wollen), so ist es eher abstrakt (wie auch in Presse und Medien): und das ist die Sprache, die du weniger gut verstehst. 

Ein bisschen ausführlich erklärt - aber schließlich wolltest du ja den Grund wissen, warum du das eine gut und das andere nicht so gut verstehst: es sind letztlich nicht die Sprachen selbst, sondern die Hirnstrukturen beim Spracherwerb und beim Sprechverstehen dafür verantwortlich.

Ich hoffe, ich konnte dir damit weiterhelfen.

Aditya 20.08.2017, 13:04

Top!

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OlliBjoern 21.08.2017, 01:09

Danke. Du hast die beiden lexikalischen Ebenen (germanischen Ursprungs und altfranzösischen Ursprungs) gut beschrieben.

Ich möchte allerdings ein paar Dinge ergänzen.

Etliche germanische Wortstämme erkennen auch wir Deutschen nicht immer als solche. "glove" ist ein germanisches Wort, verwandt z.B. mit isländisch "glófi".

Im Deutschen sind etliche germanische Wörter schon lange teilweise oder ganz durch andere ersetzt worden. "horse" (englisch), aber "Pferd" hat "Ross" ersetzt bei uns.
"kvarn" (schwedisch, Mühle), aber "Mühle" ist lateinischen Ursprungs.

Auch in gehobenen deutschen Texten kommen viele Fremdwörter vor, und es ist gar nicht so leicht, Wörter wie "abstrakt", "soziologisch" oder "Struktur" in deutsch 1:1 auszudrücken.

Isländisch ist ein sehr interessanter Fall, denn diese Sprache vermeidet konsequent lateinische oder englische Fremdwörter.
Beispiel: deutsch "Idee" (Latein)
isländisch "hugmynd" (Denk-Bild)

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Spielwiesen 21.08.2017, 08:22
@OlliBjoern

ollibjoern: danke - aber dann gehört 'glove' zu den abstrakten germanischen Worten, denn der Sinn erschließt sich ja nicht anschaulich.

Spannend finde ich auch immer die Re-Importe, wie z.B. Balkon - ein Wort mit Migrationshintergrund: zuerst kamen die Langobarden (und das wahrscheinlich noch vor der Völkerwanderung!) und brachten den balko  aus dem Althochdeutschen mit nach Italien. Dort wurde damit im offenen Vorbau in den oberen Stockwerken die Öffnung gesichert und der balcone (it.) abgestützt. Von dort übernahmen die Franzosen den balcon - welcher dann als BALKON wieder rapatriiert wurde. Sprachgeschichte kann wahre Abenteuergeschichten erzählen...

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Hm, das kenne ich nun nicht so. Ich denke, es hat vielleicht auch mit dem Thema zu tun, und damit, an welchen Stellen du suchst. Ich schaue oft englische Wikipedia-Artikel an, und finde diese recht hilfreich. Oft sind sie auch ausführlicher als die entsprechenden deutschen Artikel. Das hat aber primär nichts mit der Sprache zu tun. 

Aditya 21.08.2017, 07:13

Danke!

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Nein, ich war immer mehr auf Englisch fokussiert. 

Zum einen hast du natürlich einen Bezug zu deiner Muttersprache, die Formulierungen usw von Deutschen sind natürlich oftmals eingängiger. 

Vielleicht ist dir Englisch zu "fremd" weshalb du von vornherein keine Beziehung zu dem Artikel herstellen kannst?

Ja, das geht mir auch so. Ich verstehe zwar Englisch, aber eben oft nur "so ungefähr". Die feinen Differenzierungen verstehe ich im Deutschen halt besser.

Menschen aus unterschiedlichen Kulturen haben halt verschiedene Sicht - und Denkweisen. Ich denke, es wird eher daran liegen, falls es so ist.

Meiner Meinung im Gegenteil. Mein Englisch ist relativ gut, es sei denn es geht um Fachsprache oder eben um hochgestochene Wortwahl, weswegen ich fast alles auf Englisch gucke und lese. Ich glaube es kommt auf deine Sprachkenntnisse und deine Quellen der Artikel usw. an. Hier mal ein Beispielvideo, von einem Kanal der wie Kunst in meinen Augen ist - das auf Deutsch zu gucken fühlt sich einfach nur falsch in meinen Augen an.. :

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