Kampfkünste der/des Ninja/Ninjutsu - weiß jemand Rat?

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4 Antworten

Hm da scheint ein englischer Autor viel Fantasie walten zu lassen und ein wenig was zu vermischen.

Generell sind Ninja ein "realer Mythos". Es gab sie, aber es ist so wenig überliefert, da sie sich immer im Verdeckten gehalten haben, dass viel auch Dichtung ist. Allerdings haben sie die Dichtung auch teilweise selbst zu verantworten. Sie haben sich mit vielen Tricks den Ruf des unsichtbaren Schattenkriegers (siehe auch das angehängte Scherzbild von
Nichtlustig.de - http://www.nichtlustig.de/toondb/101205.html)
erarbeitet, der scheinbar übermenschliche Kräfte hat, dass so mancher Samurai schon vor Ehrfurcht (und nur Furcht) erstarrt ist, wenn plötzlich wie aus dem Nichts eine Rauchwolke (aus einer Rauchbombe) erscheint, aus der ein Ninja hervortritt.

Über die Entstehung der Ninja gibt es diverse Theorien, von Bergmönchen bis zu abtrünnigen Samurai, die nach dem Verlust ihres Führers das Leben im Untergrund dem Seppuko (ritueller Selbstmord - Samurai die ihren Herren verloren, fühlten sich entehrt, da sie ihre Aufgabe nicht erfüllt hatten, und folgten ihm) bevorzugten, ähnlich den Ronin (herrenloser Samurai).

Erst mal ein wenig zur Entstehung, die Wurzel der Kampfkünste ist eigentlich China, und noch eigentlicher Indien. Shaolin-Mönche waren nicht immer die vitalen Wirbelwinde wie wir sie heute kennen, sie hockten in unbequemen und ungesunden Gebetshaltungen in ihrem Kloster und beteten rund um die Uhr. Ein indischer Yogi der vor über tausend (und ein paar hundert) Jahren auf der Durchreise war, war so schockiert, dass er ihnen erst mal Yoga beigebracht hatte. Aus der neuen Freude an Bewegung und Gesundheit entstand dann alles, was heute Grundlagen der Kampfkunst Kung Fu und der anerkannten traditionellen chinesischen Medizin ist. Ursprünglich als Sport, später weiterentwickelt zur Kampfkunst um die Shaolin-Kloster verteidigen zu können. Das umfasst die Techniken des Kung Fu in schnell (heute als Kung Fu oder vereinfacht als Wing Chun unterrichtet), langsam (Tai Chi und Qi Gong), sowie viel Wissen über Heilkreuter und Nervenpunkte, in Kampfkünsten wie Dim Mak oder Heilkunde wie Akupunktur und Akupressur angewendet.

Da wären wir dann schon beim Dim Mak - das ist nämlich chinesisch und deshalb unter dem Namen bestimmt nicht von Ninja angewendet worden. Der Japaner hat dafür einen eigenen Namen, nämlich Kyusho Jitsu (Kunst der Vitelpunkte) bzw. Kyusho Ryo (Schule der Vitalpunkte). Die Ursprünge liegen aber klar im Dim Mak. Abwegig ist Dim Mak/Kyusho Jitsu nicht, dem entspringt ja auch in Star Trek Mr. Spocks Todesgriff. Tatsächlich befindet sich z.B. am Hals der Vagusnerv, der den Herzschlag reguliert. Wer diesen exakt trifft, kann einen Gegner binnen einer Sekunde bewusstlos machen oder gar töten. In einem wilden Gerangel, möglicherweise gegen bewaffnete Gegner (aber eine Schlägerei ist auch schon zu wild), den Vagusnerv so zu komprimieren, dass der Gegner das zu Spüren bekommt, halte ich aber für fast unmöglich. Andere Nervenzentren wie ein beherzter Schlag auf den Solarplexus (danach geht es dann auch erst mal "atemlos durch die Nacht") oder andere Punkte, die einfach nur höllisch weh tun aber leicht zu treffen sind, halte ich für deutlich gangbarer.

Generell haben sich die Ninja allen Techniken bedient, die sie finden konnten, und finden war teilweise wörtlich gemeint. Da Geld knapp bei ihnen war, nahm man auch mal abgebrochene Samuraischwerter ansich, die den Mythos des geraden Ninja-To, des Ninja-Schwertes prägten. Der Hintergrund ist jedoch: Da Japan keinen guten Stahl hatte, wurden die Schwerter (eigentilch Säbel) speziell geschmiedet, durch x-faches Falten verschiedener schlechter Stahlarten entstand eine einigermaßen brauchbare Legierung, die durch Härten nur an der Seite der Schneide (dadurch entsteht die Krümmung des Säbels) an der Schneide hart und belastbar wird, aber zum Parieren zu spröde wäre, an der anderen Seite jedoch weich und flexibel genug zum Parieren ist. Bricht nun ein Schwert ab, bleibt nur der hintere, weniger gebogene Teil übrig und das Schwert wirkt gerader. Alle haben aber gemeinsam: Weder ein Katana (langes Samuraischwert), noch ein Wakizashi (kurzes Samuraischwert) oder ein abgebrochenes Irgendwas wäre je für den Ninja-Film-Mythos "Schwert in Fels rammen und als Kletterhilfe benutzen" zu gebrauchen gewesen. Zum Klettern hatten die Ninja aber auch Hilfsmittel: Die Tabi, eigentlich Socken mit abgetrenntem großen Zeh für die traditionellen japanischen Holzsandalen, bekamen Sohlen und wurden zu Jika Tabi, "Tabi die die Erde berühren". Durch den abgetrennten großen Zeh konnte man sich bequem in die vorher in ein Seil gemachten Knoten reinstellen und so sehr einfach das Seil, das man vorher an einem Wurfanker eine Mauer hochgeworfen hat, hochklettern. Mit genug Halt, im Seil stehend auch kämpfen zu können. Dass man ähnliches Spezial-Schuhwerk zum übers Wasser laufen gehabt hätte, wäre mir aber nicht bekannt.

Während ein Samurai einem strengen Ehrenkodex folgte, Leben mit dem Schwert und sterben durch das Schwert, war den Ninja alles recht, was sie einsetzen konnten. Pyrotechnik und beim späteren Aufkommen selbiger auch Schusswaffen, eingeschlossen.

Da Ninja in Clans organisiert waren, die ihre Künste mündlicher überliefert haben (von Generation zu Generation weitergegeben), ist viel Wissen verlorengegangen. Zumindest drei Ninja-Ryo (Schulen) sind übrig geblieben, der letzte Großmeister der eigenständigen Ryo war Toshitsugo Takamatsu, aktueller Großmeister ist Masaaki Hatsumi, der diese Ryo allerdings mit sechs Samurai-Ryo, deren Großmeister-Titel er ebenso von Takamatsu vererbt bekam, zum System Bujinkan Budo Taijutsu zusammenlegte. Deswegen werben viele Dojos des Bujinkan auch unter dem Namen Ninjutsu.

Unterrichtet wird im Bujinkan primär die waffenlose Kampfkunst (Taijutsu, wörtlich Körperkunst) sowie einige Waffen. Die Basis sind verschiedene Grundpositionen, Bewegungskunde und eine ausführliche Fallschule, trainiert werden Schlag- und Tritt-Techniken, Hebel und Würfe. Die Basiswaffen für höhere Schülergraduierungen sind Bokken (Katana aus Holz), Hanbo (kurzer Stock, wörtlich "Halbstock", ca. 90cm), Jo (längerer Stock, ca. 120cm) und Bo (Stock, ca. 180cm oder besser gesagt 6 Fuß).

Die traditionelle Kleidung im Ninjutsu ist ein Gi ähnlich dem Judo-Gi, nur in Anlehnung an den Ninja-Mythos in schwarz (ein Ninja war nicht immer schwarz, als Ninja im Schnee tarnte es sich in Weiß besser und als Spion fällt man in Zivil sowieso am wenigsten auf). Gürtelfarben sind weiß für den niedrigsten Schülerrang (10. Kyu), grün für die Herren und rot für die Damen für die weiteren Schülerränge (9. bis 1. Kyu) und schwarz für alle Meisterränge (1. bis 15. Dan). Ränge lassen sich durch Sterne und die Farben des Bujinkan-Emblems am Gi noch differenzieren, das macht man aber selten.

Kyusho Jitsu ist kein Bestandteil des regulären Unterrichts, wird aber gerne als Seminar angeboten. Gleiches gilt für spezielle Waffen wie Sai, Tonfa, Naginata oder Nunchaku. Wobei du für Kettenwaffen wie Nunchaku oder Kusari Fundo in's Ausland müsstest, da sie in Deutschland, wie auch Wurfsterne, komplett, ohne Ausnahmegenehmigung, verboten sind.

In den 80ern war es noch üblich, auch die Shinobi Iri, also auch die Überlebenskünste der Schattenkrieger zu unterrichten. Ein Idol auf dem Gebiet ist Stephen K. Hayes, der das mittlerweile aber auch aufgegeben hat. Einige Bücher von ihm zu dem Thema sind leider heute nur noch gebraucht und schwer erhältlich. Also alles was mit Wetterkunde, Navigation, Heilkunde, Bewegen in schwerem Gelände (von geräuschlosem Bewegen auf knarzenden Holzdielen bis Klettern), Meditation und all dem noch zu tun hat und Bujinkan zu Ninjutsu aufrundet. Die Trainer der Generation Hayes gehen leider mehr und mehr in den Ruhestand und weichen einer jüngeren Generation, für die Bujinkan eine eher pragmatische Kampfkunst ist. Trotzdem bleibt es die Basis für Ninjutsu.


Welt-Ninja-Tag - (Buch, Japan, Bushido)
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Kommentar von volker79
07.02.2016, 11:14

PS Sorry wenn in einigen Absätzen plötzlich ein Zeilenumbruch unvermittelt auftaucht. Aufgrund eines Timeouts (langer Text, lange geschrieben, automatischer aber nur halber Logout") konnte ich nicht posten, musste den Inhalt der Textbox noch mal kopieren, die Frage nochmal aufrufen und wieder reinkopieren. Dabei hat es die Formatierung zerlegt und in der Zeit die ich zum Bearbeiten hatte, habe ich nicht alle Umbrüche gefunden, die der Computer mir eingefügt hatte (Umbruch am Ende einer Zeile ist schwer zu enttarnen)

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Kommentar von anksmt
07.02.2016, 15:12

Vielen Dank, für die Arbeit, die sie in diese ausführliche Antwort steckten! Sie hat mir sehr geholfen. 😊

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Kommentar von nihonto1
08.02.2016, 00:53

Hallo Volker79,

zunächst möchte ich mich für diesen außergewöhnlich fundierten und ausführlichen Text und den Versuch mit urbanen Mythen aufzuräumen herzlichst bei Dir bedanken und ziehe meinen Hut!!! Schön, Mitstreiter gegen Sagen und Mythen zu haben :o)

Bezüglich der Schwerter erlaube ich mir einige Anmerkungen bzw. Präzisierungen:

Die ´schlechte Stahlqualität´ bezieht sich vor allem auf den sehr hohen Kohlenstoffgehalt des Ursprungsmaterials (sehr spröde) und auf die Inhomogenität durch Einschlüsse, unerwünschte Legierungselemente und nicht zuletzt einfach durch Dreck. Daraus ergibt sich die Pflicht, den Stahl zu raffinieren, was die japanischen Schmiede in ihrer Falttechnik perfektioniert haben. Hierbei wird das Ausgangsmaterial bis zu ca. 15 mal gefaltet, um Unreinheiten zu entfernen oder zumindest gleichmäßig zu verteilen und um den für die Teilhärtung erforderlichen Kohlenstoffgehalt zu erreichen. (Es werden jedoch nicht verschiedene Stahlarten verschmiedet um eine Legierung zu erreichen ... Hüstel :o)

Das mit den geraden Ninjato ist auch schön erklärt! Man hat sich im Wesentlichen wohl einfach bei den zur Verfügung stehenden Waffen bedient und natürlich auch gebrochene Waffen weiter benutzt. Allerdings bricht ein japanisches Schwert gerne da, wo es eine Schwachstelle hat ... und die kann überall liegen. Sinnvollerweise wird dann der obere Teil weiter verwendet, falls die Spitze (mit durchgehender Härtung) noch intakt ist, da bei einer nachgeschliffenen Spitze (jetzt ohne Härtung, da diese an der Schneide ins Leere laufen würde) der Gebrauchswert stark herabgesetzt wäre. Da die Krümmung der meisten japanischen Schwerter (Ausnahmen, je nach Entstehungszeit und Schmiedeschule) im unteren Bereich am stärksten ausgeprägt ist, entsteht auf diesem Weg eine relativ gerade Klinge! Darüber hinaus wurden auch Samuraischwerter teilweise mit sehr geringer Krümmung produziert, vor allem im Kanbun Shinto (Mitte bis Ende des 17.Jhdts). Die ´geraden Ninja-Schwerter´ (und auch die lustigen quadratischen Stichblätter in Wurfsternoptik) sind wohl insgesamt eine reine Hollywood-Erfindung!

Daß die Ninja so dämlich waren, ein Schwert, von welchem im Zweifelsfall das Leben des Trägers abhängt, als Kletterhilfe zu benutzen, wage auch ich ernsthaft zu bezweifeln ... aber vielleicht gibt es ja deswegen heute keine Ninja mehr, weil deren Schwerter alle beim Klettern drauf gegangen sind? :o)

Nochmals meinen Dank an Volker für den tollen Text. Immer schön weiter gegen Halbwissen und Unwahrheiten!!!

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Die Richtung nennt sich Ninjutsu, glaube ich. Aber vieles aus den Büchern und Filmen ist sicherlich übertrieben ;) oder wird nicht so hier in Europa gelehrt. Dennoch kann es ein kleiner Anhaltspunkt sein.

Gibt aber nicht viele Vereine... Ich persönlich habe eine spezielle Art von Karate gemacht. Traditionell modern aufbereitet. Neben den typischen Selbstverteidigungssschen, würde dort nach und nach auch Waffentraining und dergleichen eingeführt und uns gezeigt wo welche Punkte am Körper liegen.

Einfach mal im Sportverein deines Vertrauens reinschauen. Überhaupt Sport zu machen ist schonmal gut ;) leider sind viele nicht so traditionell ausgelegt... Also solltest du dir nicht die größte Hoffnung machen...

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Die Bücher habe ich auch gerade gelesen. Ja, du kannst diese Techniken in Deutschland lernen. Es gibt viele Vereine, die Ninjutsu anbieten. Ninjutsu gibt's bei mir nicht, deswegen mache ich Aikido. Würde ich dir sehr empfehlen. Wir machen da viel Taijutsu (Kampf ohne Waffen, macht man im Ninjutsu auch) und auch Kampf mit Bokken (Schwert) und Jo (Stock). Also genau so wie Jack in der Niten Ichi Ryu ;)
Ist wirklich eine schöne Kampfkunst.

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Kommentar von anksmt
08.02.2016, 14:46

Klingt gut! Jetzt fehlt nur noch das Wissen darüber, ob man Dim Mak auch in Deutschland erlernen kann, da Jack dies auch bei Soke gelernt hat😝 Vielen Dank!

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Kommentar von Kampfsport15
09.02.2016, 09:31

Das weiß ich nicht. Aber in München gibt es einen 10. Dan (!!!!) in Ninjutsu. Wenn es einer kann, dann er.

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denke dran, dass beim "Mythos Ninja" gerne auch extrem übertrieben wird, um sie entsprechend darzustellen. Sicher haben sie einiges auf dem Kasten, was man jedoch meines Erachtens sicher nicht so einfach im vorbeigehen in einem Verein lernen kann. Denke, dass man da Jahrzehnte einplanen sollte und entsprechende Lehrer haben sollte. Die jedoch zu finden ist auch nicht sooooo einfach, da die ursprüngliche Kampfkunst der Ninjas nicht mehr so breitgefächert ist .

Google sollte dir helfen können, einen Verein/Kampfschule zu finden, die sowas anbietet

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Kommentar von anksmt
07.02.2016, 03:49

Ja, das weiß ich. Jedoch vertraue ich dem Autor, da er sehr viele Recherchen gemacht & so gut wie alles von Japanischen 'Meistern' gelernt hat. Ich habe schon gegooglet, aber soweit finde ich nur Schulen, die das Waffenlose kämpfen anbieten, von meditieren, wie es die Ninja taten, oder Dim Mak steht nirgendwo etwas & das ist schon etwas traurig, finde ich. Naja, trotzdem vielen Dank für deine Antwort :)

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