Kabale und Liebe - Rolle des Präsidenten

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Präsident von Walter (ein Vorname wird nicht genannt) ist bei Friedrich Schiller, Kabale und Liebe (1784), der Regierungschef eines deutschen Fürstentums mit absolutistischer Herrschaft. Der Fürst (ein Herzog) tritt nicht persönlich in Erscheinung. Er ist der einzige, der (als Staatsoberhaupt) Präsident von Walter übergeordnet ist.

Das Amt des Präsidenten ist das des ersten Ministers/Premierministers/leitenden Ministers/vorsitzenden Ministers. Der Präsident ist Vorsitzender des Ministerkollegiums.

Präsident von Walter ist durch Hinwegräumung (mittels Mord) seines Vorgängers in das Amt gekommen. Seine Pläne sehen seinen Sohn Ferdinand als zukünftigen Nachfolger im Amt des Präsidenten vor (1. Akt, 7. Szene):

„Du wirst die Uniform ausziehen und in das Ministerium eintreten. Der Fürst sprach vom Geheimenrat – Gesandtschaften – außerordentlichen Gnaden. Eine herrliche Aussicht dehnt sich vor dir. – Die ebene Straße zunächst nach dem Throne – zum Throne selbst, wenn anders die Gewalt so viel wert ist als ihr Zeichen – das begeistert dich nicht?“

Das Amt des Premierministers erwähnt der Präsident gegenüber dem Hofmarschall im Zusammenhang von Überlegungen zur Zukunft, wenn er selbst das Amt nicht mehr innehat. Indem der Präsident im Gespräch von Bock (dem Hofmarschall verhaßt) als zu erwartenden zukünftigen Premierminister angibt, weil sein Sohne Ferdinand das Amt nicht wolle und sich sonst niemand melden werde, möchte er den Hofmarschall dazu bewegen, auf eine von ihm gewünschte Weise tätig zu werden und zu beeinflussen. Wie der Text zeigt, ist „Premierminister“ eine andere Bezeichnung für das eigene Amt, das des Präsidenten (3. Akt, 7. Szene):

„Nein – nein! Sie haben vollkommen Recht. Ich bin es auch müde. Ich lasse den Karren stehen. Dem von Bock wünsch’ ich Glück zum Premierminister. Die Welt ist noch anderswo. Ich fordere meine Entlassung vom Herzog.“

Friedrich Schiller, Kabale und Liebe. Herausgegeben von Walter Schafarschik. Stuttgart : Reclam, 1980 (Universal-Bibliothek : Erläuterungen und Dokumente ; Nr. 8149), S. 4:
Präsident von Walter : Präsident in der Bedeutung von ›Premierminister, Präsident des Ministerkollegiums‹, vgl. dazu 56, 35 f. Urspr. stand im Personenverzeichnis ›Minister‹, Schiller änderte im ›Mannheimer Soufflierbuch‹ (vgl. Kap. II,2) in ›Präsident‹. In der ersten Fassung des Stücks (vgl. ›Bauerbacher Fragment‹, Kap. II,1) hieß sein Sohn Ferdinand ›Wieser‹, nicht ›Walter‹."

S. 37: „56, 35 f. Premierminister : frz. premier ›der erste‹; der erste, oberste Minister des Fürsten, heute auch Ministerpräsident.“

Helga Meise, Kabale und Liebe : ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Akten (1784). In: Schiller-Handbuch : Leben - Werk – Wirkung. Herausgegeben von Matthias Luserke-Jaqui unter Mitarbeit von Grit Dommes. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2005, S. 65 - 88

S. 68: „[…] Präsident von Walter, Vorsitzender Minister des fürstlichen Ministerkollegiums, […].“

S. 69: „Der Präsident von Walter, erster Minister des Landes und von Adel, agiert in einem «Saal»; entsprechend der zeitgenössischen Bedeutung des Wortes dürfte dieser in einem stattlichen Gebäude liegen, das dem Präsidenten gehört und Funktion und Anspruch seiner Rolle demonstrativ ausstellt, in der Tradition, in der adlige Funktionsträger bei Hof danach trachten, nicht nur auf eigenen Gütern, sondern auch in der Residenz sesshaft zu sein.“

Vielen Dank, eine wirklich herausragend ausführliche Antwort!

Wissen Sie zufällig auch, ob die Amtsbezeichnung "Präsident" an den damaligen Fürstenhöfen üblich war bzw. könnten Sie einen Minister der damaligen Zeit benennen, der als "Präsident" bezeichnet wurde? Oder ist dies eine "Erfindung" Schillers?

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@kurtvictor

Die Bezeichnungen in den deutschen Territorien sind nicht völlig einheitlich gewesen, aber oft gab es damals eine Einrichtung, die Geheimer Rat (dies war auch ein Titel für ein einzelnes Mitglied) oder ähnlich genannt wurde. Zumindest zum Teil hat es dabei für eine Spitzenposition die Bezeichnung Präsident gegeben.

Friedrich Samuel Graf von Montmartin war 1763 – 1766 Premierminister und Geheimratspräsident in Württemberg.

Carl Friedrich Graf von Bassewitz war 1771 – 1781 Geheimratspräsident in Mecklenburg-Schwerin.

Stephan Werner von Dewitz war 1769 – 1784 Geheimratspräsident in Mecklenburg-Strelitz, 1784 – 1800 Geheimratspräsident in Mecklenburg-Schwerin.

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http://www.lerntippsammlung.de/Kabale-und-Liebe-Charakterisierungen-d--F-ue-rst-und-Pr-ae-sident.html

Denkt über Dinge, die er tut, nach

   Nicht leichtgläubig

 Achtet stark auf Äußeres

   Egoistisch/ will seine Macht stärken

   Nutzt andere aus

  Bevormundend 
   Leicht reizbar 

Dieser Text bietet nichts neues! Dass er ein Minister sein muss, war mir auch klar. Eine Chrakterisierung wollte ich nicht. Es geht mir mehr darum, was es mit dem Amt eines Präsidenten an damaligen Fürstenhöfen im Allgemeinen auf sich hat. Diese Antwort zeugt also davon, dass Sie meine Frage nicht verstanden haben. Ich möchte einfach nur wissen, welche Bedeutung das Amt eines Präsidenten in diesem Kontext hat.

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er ist ein möchtiger minister und untersteht direkt dem fürsten.

ich meine, dass schiller seine person mit absicht etwas nebulös hält, um seine macht damit zu unterstreichen.

Aber das Amt "Präsident" muss damals ja etwas konkretes gewesen sein. Oder meinen Sie, Schiller habe sich dieses Amt ausgedacht? Vielleicht gibt es ja irgendwo Informationen über zeitgenössische "Präsidenten" und deren Aufgaben?

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@kurtvictor

das kann durchaus fiktiv sein, ja. warum nicht? ich würde mich eher darauf konzentrieren, welche aspekte des adels der präsident hier symbolisiert. das fände ich wesentlich wichtiger.

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@taigafee

Ich finde es nur verwirrend, dass der Titel "Präsident" ja auf einen leitende Funktion hindeutet, er aber offenbar nicht der Regierungschef ist, es sei denn die Bezeichnung "Premierminister" meint bei Schiller den Ersten Minister nach dem Regierungschef. Eine solche differenzierte Abstufung wäre allerdings nicht sehr wahrscheinlich. In der Regel hat der Fürst doch einfach irgend einen Mann seines Vertrauens zum "Regierungschef" (war natürlich offiziell der Fürst, der sich jedoch in vielen Fällen nicht für Staatsgeschäfte interessierte) ernannt, der dann eben in der Regierung die Richtlinien vorgab.

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Du hast schon die richtige Idee, der Präsident ist nicht das Oberhaupt. Wobei Schiller mit Kabale und Liebe zeigen möchte, dass Gott das Oberhaupt ist, Gott ist der oberste Richter. Dies zeigt das Ende, weil kein Gericht oder Staatsoberhaupt das Ende bestimmt, sondern Gott allein. Es geht genau darum zu zeigen, dass genau diese hohen Positionen im Staat trotz allem nicht die höchste Entscheidungskraft haben. Das war Schillers Weltansicht zu dieser Zeit. Quellen: http://kabaleundliebe.org/

Ja, aber die Frage ist immernoch: Was für eine Position hatte er nun inne? Worin besteht "diese hohe Position"? Staatsoberhaupt ist der Fürst, aber was war ein Präsident, wenn nicht Regierungschef? Ich finde es verwirrend, dass der Titel "Präsident" ja auf eine leitende Funktion hindeutet, er aber offenbar nicht der Regierungschef ist, es sei denn die Bezeichnung "Premierminister" meint bei Schiller den Ersten Minister nach dem Regierungschef. Eine solche differenzierte Abstufung wäre allerdings nicht sehr wahrscheinlich. In der Regel hat der Fürst doch einfach irgend einen Mann seines Vertrauens zum "Regierungschef" (war natürlich offiziell der Fürst, der sich jedoch in vielen Fällen nicht für Staatsgeschäfte interessierte) ernannt, der dann eben in der Regierung die Richtlinien vorgab. Oder beschreiben die Bezeichnungen "Präsident" und "Premierminister" hier das selbe Amt?

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