Jürgen Habermas "Diskursethik" Verständnisprobleme

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3 Antworten

Die Diskursethik, wie sie von Jürgen Habermas entworfen worden ist, stellte einen Versuch dar, an unhintergehbare Strukturen vernünftiger Verständigung überhaupt anzusetzen.

Gültige Norm ist bei der Diskursethik, was bei einem bestimmten Verfahren Zustimmung erhalten kann.

Diskurse sind Gespräche, in denen Geltungsansprüche (Ansprüche, daß die jeweiligen Bedingungen für die Gültigkeit einer Äußerung – eine Behauptung oder ein moralisches Gebot – erfüllt sind) mittels einer auf der Angabe von Gründen beruhenden Diskussion (Erörterung) geprüft werden.

Für den Diskurs soll eine ideale Sprechsituation als Eingangsvoraussetzung gelten. Alle, die in einen Diskurs eintreten wollen, verpflichten sich auf bestimmte Bedingungen. Jeder unter diesen Bedingungen erzielter Konsens (Einklang/Übereinstimmung) gilt als wahrer und richtiger Konsens.

Die an einem Diskurs Beteiligten müssen Argumentationsvoraussetzungen, obwohl sie einen idealen und nur annäherungsweise zu realisierenden Gehalt haben, tatsächlich machen, wenn sie überhaupt in eine Argumentation eintreten wollen. Voraussetzung für gelingende Kommunikation ist Verständlichkeit, in jeder Rede sind außerdem als Geltungsansprüche enthalten: Wahrhaftigkeit, (moralische) Richtigkeit und Wahrheit.

Die Bedingungen einer idealen Sprechsituation sind:

1) Alle möglichen Teilnehmer(innen) eines Diskurses müssen die gleiche Chance haben, kommunikative Sprechhandlungen zu verwenden, und können daher Diskurse eröffnen sowie durch Rede und Gegenrede, Frage und Antwort weiterführen.

2) Alle Teilnehmer(innen) eines Diskurses müssen die gleiche Chance haben, Behauptungen, Empfehlungen, Erklärungen und Rechtfertigungen aufzustellen und deren Geltungsanspruch zu problematisieren, zu begründen und zu widerlegen (keine Vormeinung bleibt auf Dauer der Thematisierung und Kritik entzogen).

3) Alle Teilnehmer(innen) eines Diskurses bringen ihre Einstellungen, Gefühle und Wünsche zum Ausdruck.

4) Alle Teilnehmer(innen) eines Diskurses haben die gleiche Chance, zu befehlen und sich zu widersetzen, zu erlauben und zu verbieten, Versprechen zu geben und abzunehmen, Rechenschaft abzulegen und zu verlangen.

Die Argumentationsvoraussetzungen lassen auch in Form von Regeln verschiedenen Ebenen zuordnen:

logisch-semantische Ebene:

1.1. Kein(e) Sprecher(in) darf sich widersprechen.

1.2. Jede(r) Sprecher(in)wendet einem auf einen Gegenstand angewendeten Ausdruck auf alle Gegenstände an, die diesem Gegensatz in allen Hinsichten von Belang gleichen.

1.3. Verschiedene Sprecher(innen) dürfen den gleichen Ausdruck nicht in verschiedenen Bedeutungen verwenden.

prozedurale Ebene (Verfahrensgesichtspunkte):

2.1. Jede(r) Sprecher(in) darf nur das behaupten, was er selbst glaubt.

2.2. Wer eine Behauptung oder Norm, die nicht Gegenstand der Diskussion ist, angreift, muß dafür einen Grund angeben.

Diskursregeln im engeren Sinn (Argumentation wird als ein Kommunikationsvorgang angesehen, der auf ein rational motiviertes Einverständnis zielt und gegen Zwang und Ungleichheit unempfänglich gemacht worden ist; der eigentümlich zwanglose Zwang des bessere Arguments bestimmt dann allein das Ergebnis des Diskurses):

3.1 Jedes sprach- und handlungsfähige Subjekt darf an Diskursen teilnehmen.

3.2. Jede(r) darf jede Behauptung problematisieren (a.), jede(r) darf jede Behauptung in den Diskurs einführen (b.), jede(r) darf seine/ihre Einstellungen, Wünsche und Bedürfnisse äußern (c.).

3.3. Kein(e) Sprecher(in) darf durch innerhalb oder außerhalb des Diskurses herrschenden Zwang daran gehindert werden, seine/ihre (in 3.1. und 3.2.) festgelegten Rechte wahrzunehmen.

Werke von Jürgen Habermas zum Nachlesen sind vor allem: Theorie des kommunikativen Handeln; Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln; Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handeln

Bücher über Habermas enthalten Darstellungen, z. B:

Jens Greve, Jürgen Habermas : eine Einführung. Konstanz : UVK Verlags-Gesellschaft, 2009 (UTB : Soziologie, Philosophie ; 3227), S. 88, S. 193 (Diskurs) und S. 194 (Ideale Sprechsituation)

Detlef Horster, Jürgen Habermas zur Einführung. 3., überarbeitete Auflage. Hamburg : Junius, 2006 (Zur Einführung ; 249), S. 50 - 65

Alessandro Pinzani, Jürgen Habermas. Originalausgabe. München : Beck, 2007 (Beck'sche Reihe : Denker ; 576), S. 145 – 146

Als Ergänzung zu Albrecht:

Erläuterungsbedürftig ist evtl. "unhintergehbar". Man kann metaphysische Grundannahmen (Glauben an Gott, Materialismus) nicht beweisen und so können Aussagen mit Wahrheitsanspruch, die auf diese Grundannahmen zurückgehen, zu unendlichen Streitereien führen. "Unhintergehbar" bedeutet, dass der Anspruch des Diskurses hinter den Anspruch "absoluter Wahrheit" zurückgeht, soweit, wie es für alle Grundeinstellungen möglich ist. D.h. man diskutiert um aktuelle Probleme auf der Ebene dieser Welt, ohne einen darüber hinausreichenden Wahrheitsanspruch anzutasten. "Hintergehen" könnte man diesen Anspruch nur, wenn man auf die metaphysische Ebene geht und so zu unentscheidbaren Ansprüchen kommt.

Das Problem der Diskursethik ist, dass sie darauf vertraut, dass Menschen gewaltfrei, ideologie- und glaubensfrei, unbeeinflusst von ökonomischen Interessen und Medien sich darüber verständigen können, welche Werte und Regeln im einzelnen gelten sollen. Unrealistisch daran ist, dass es eine Null-Situation, in der die Menschen unbeeinflusst von Vorprägungen offen und frei über Regeln bewertend reden können, gar nicht gibt. Wir haben alle eine Geschichte, eine Erziehung. Auch in unserer Demokratie findet die Diskussion über Werte und Regeln nur 'in Vertretung' statt. Das aber in Parteiungen, in einer medialen Landschaft, die über Wohl und Wehe der 'Vertreter' mitentscheidet, beeinflusst von Beratern und Lobbyisten.

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