John Hospers: Was ist seine Begründung dafür, dass Willensfreiheit eine Illusion ist?

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2 Antworten

John Hospers begründet seine Behauptung, Willensfreiheit sei Illusion, mit der Auffassung, es gebe determinierende Faktoren, die alles Geschehen, sowohl das in der physikalischen Welt als auch menschliche Handlungen, in einem Kausalzusammenhang (Ursache-Wirkung-Kette) notwendig herbeiführen. Alle Ereignisse seien unausweichliche Folge aus vorangehenden Ausgangsbedingungen und Gesetzmäßigkeiten. Die Wissenschaft gewinne zunehmend Kenntnisse. Damit zeige sie schrittweise die Behauptung, Menschen hätten Willensfreiheit, als bloßen Aberglauben. John Hospers behauptet, Menschen seien keine Spur freier als ein Stein. Die Kräfte, die auf einen Menschen wirken, seien komplexer und daher schwieriger zu entdecken als die, die auf einen Stein wirken, aber grundsätzlich sei es ähnlich. Wer die Gesetze menschlichen Verhaltens und alle Umstände eines Menschen zu jeder Zeit kenne, könnte alles vorhersagen, was dieser Mensch in jeder zukünftigen Situation tun wird.

Eine strenge und vollständige Determiniertheit menschlichen Verhaltens begründet John Hospers mit einem psychologischen Determinismus. Der Mensch sei insofern eine Ursache seiner Handlungen, als sie durch seinen Charakter verursacht seien. Der Charakter der Menschen sei aber durch Erbanlagen und Umweltbedingungen (insbesondere frühkindliche Erfahrungen) geprägt und geformt. John Hospers argumentiert besonders (indem er etwas, was von psychoanalytischen Theorien behauptet wird, als gegeben voraussetzt) mit dem Umbewußten. Ängste, Begierden/Sehnsüchte und Gefühle seien Ergebnisse unbewusster Einflüsse und wirkten sich als Motivationen aus. Daher sei das menschliche Verhalten nach Gesetzen des Verhaltens aufgrund der Umstände in einer Situation und seines Charakters völlig determiniert. Welches Motiv sich beim Wollen und Handeln duchsetze, ereigne sich notwendig und unausweichlich.

Zu einer Illusion von Willensfreiheit kommt es nach Auffassung von John Hospers, weil die Menschen keine Kenntnis der hinter ihrem Verhalten stehenden Faktoren haben, die sie auf notwendige Weise determinieren (bestimmen). Die Menschen fühlen sich als Verursacher ihrer Handlungen und bilden sich ein, Willensfreiheit zu haben, weil sie die Zusammenhänge nicht durchschauen

Ein Beispiel ist ein Mörder: Sein Charakter sei durch negative frühkindliche Erfahrungen geprägt. Diese hätten als unbewusste Triebkräfte sein Handeln bestimmt, indem sie sich in Aggressivität entladen hätten. Er hätte sich gar nicht anders verhalten können. Die Faktoren, die sein Verhalten bestimmt hätten, hätte er nicht selbst gemacht und sich auch nicht aussuchen können. Daher sei er für seine Handlung nicht verantwortlich. Ein normales (nicht neurotisches/verbrecherisches) Individuum sei dies auch nicht, sein Charakter sei ebenfalls gepägt, nur nicht von genau den gleichen negativen Erfahrungen.

Ein Einwand gegen die Auffassung von John Hospers liegt darin, dieser habe zwar auf Einflüsse hingewiesen, aber nicht wirklich eine Zwangsläufigkeit nachgewiesen, bei der diese Einflüsse das Verhalten mit unausweichlicher Notwendigkeit festlegen. Die Aussagen über Gesetze des Verhaltens täuschen eine Notwendigkeit/Zwangsläufigkeit/Unausweichlichkeit vor, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Das Vorliegen von Einflüssen ist mit Willensfreiheit vereinbar, wenn die Einflüsse einen Spielraum lassen, der offensteht. Entscheidungen sind ihrem Begriff nach bewusst. Unbewusstes setzt sich nicht einfach automatisch um, ohne Möglichkeiten der Kontrolle, des Innehaltens und abwägenden Überlegens.

ein Text, in dem John Hospers seine Theorie vertritt:

John Hospers, What means this freedom? In: Determinism and freedom in the age of modern science : a philosophical symposium. Edited by Sidney Hook. Washington : New York University Press, 1958, S. 113 – 130

deutsche Übersetzung (auszugsweise): John Hospers, Zweifel eines Deterministen. Texte zur Ethik. Herausgegeben von Dieter Birnbacher und Norbert Hoerster. Originalausgabe. München : Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1976 (dtv ; 6042), S. 330 – 338

deutsche Übersetzung: John Hospers, Die Reichweite menschlicher Freiheit. In: Freies Handeln und Determinismus. Herausgegeben und eingeleitet von Ulrich Pothast. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1978 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft ; Band 257), S. 93 – 114

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Seminu 20.01.2016, 14:02

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Die Zwangsläufigkeit lässt sich nachweisen, wenn man John Hospers Auffassung konsequent anwenden, durchdenken würde.

 Die Aussagen über Gesetze des Verhaltens täuschen eine Notwendigkeit/Zwangsläufigkeit/Unausweichlichkeit vor, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist.

Lässt sich dieses Nicht-Vorhandensein nachweisen?

Wirkliche Freiheit gibt es nur dann, wenn es keine Ursache gäbe, aber ist eine Wirkung überhaupt ohne Ursache möglich?

Die Einflüsse können nur dann einen Spielraum lassen, wenn dies möglich ist, wenn Wirkungen keine Ursachen haben.

Natürlich gibt es die Möglichkeit, unbewusstes zu kontrollieren, aber auch diese Kontrolle hat seine Ursachen, seine Zwangsläufigkeit.

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Albrecht 20.01.2016, 15:17
@Seminu

Die Meinung, wirkliche Freiheit gebe es nur, wenn es keine Ursache gäbe, Wirkungen keine Ursache hätten, ist falsch. Sie ist eine Verwechslung von Kausalprinzip und Determinismusprinzip.

Selbstbestimmtheit mit einem überlegten Wollen und Handeln aus Gründen ist etwas mit Ursache, aber ohne Zwangsläufigkeit.

Ich empfehle zur Unterscheidung von Kausalprinzip und Determinismusprinzip:

Geert Keil, Willensfreiheit. 2., vollständig überarbeitete und
erweiterte Auflage. Berlin ; Boston, Massachusetts : de Gruyter, 2013
(Grundthemen Philosophie). ISBN 978-3-11-027947-4

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Seminu 20.01.2016, 23:02
@Albrecht

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Die Meinung, wirkliche Freiheit gebe (gibt) es nur, wenn es keine Ursache gäbe, Wirkungen keine Ursache hätten, ist falsch.

Diese Behauptung ist ziemlich kühn, da die Bedeutungen von Kausalprinzip und Determinismusprinzip umstritten sind..!

Meines Erachtens bedeutet kausal einfach gesagt, dass jede Wirkung eine Ursache hat. Und determiniert, dass jede Ursache die gleiche Wirkung hat.

Dieser Unterschied aber spielt in unserer Frage über die Willens-/Entscheidungsfreiheit gar keine Rolle, da es ja eigentlich darum geht, ob das Ich die Ursache über die Wirkung sein kann.

Nach meiner logischen Einschätzung über all die umstrittenen Thesen, nimmt das Ich die Ursache bloss wahr und äussert ihre "Entscheidung". Dh. dass nicht das Ich die Ursache ist. 

Um behaupten zu können, dass das Ich entscheidet, müsste erst mal festgelegt werden, was das Ich überhaupt ist, denn selbst dies ist umstritten..!
Die Buddhisten zB behaupten, dass es gar kein Ich gibt....
Da ist nur Bewusstsein, das sich einbildet, zu entscheiden.
Wenn man nämlich genau hinschaut, dann kann man feststellen, dass man zB nicht entscheiden kann, was einem gefällt und was nicht, man kann es bloss feststellen.

Somit wäre es weiser zu sagen, dass die Meinung, "...wirkliche Freiheit gebe (gibt) es nur, wenn es keine Ursache gäbe, Wirkungen keine Ursache hätten", umstritten ist...!

Wie sagen die Agnostiker doch so schön:  Man kann über nichts mit Bestimmtheit sagen, wie es wirklich ist...!

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Albrecht 21.01.2016, 02:26
@Seminu

Die angesprochene Behauptung ist gut abgestützt. Freiheit bedeutet nicht Unverursachtsein. Dies zeigt sich bei richtigem begrifflichen Denken.

Freiheit ist einerseits eine Unabhängigkeit, die Abwesenheit von Zwängen und Hindernissen (wozu die Zwangsläufigkeit eines streng notwendigen Verlaufs gehört), andererseits Selbstbestimmung, die in einer Wahl eine Möglichkeit ergreifen kann.

Freiheit kann nicht einfach mit bloßem Zufall gleichgesetzt werden. Denn dann fehlt jede Grundlage für eine Selbstbestimmung.
Freiheit ist mit dem Vorliegen von Einflüssen/Faktoren verträglich. Ein voraussetzungsloses, unbedingtes, absolutes Losgelöstsein/Freischweben ganz nach Belieben, das eine Illusion wäre, ist nicht erforderlich. Gründe für ein Handeln und ein Wollen bedeuten nicht eine keine Wahl lassende Notwendigkeit.

Strikte Determiniertheit (die allein geignet ist, die Existenz von Willensfreiheit zu verneinen) bedeutet: Alles ist auf notwendige Weise bestimmt, es gibt einen zwangsläufigen Ablauf.

Eine Gleichsetzung von diesem Determinismusprinzip mit dem Kausalprinzip ist unzutreffend. Das Kausalprinzip enthält nur: Jedes Ereignis hat eine Ursache. Daraus, dass notwendigerweise jedes Ereignis eine Ursache/einen zureichenden Grund hat, kann jedoch nicht abgeleitet werden, daß jedes Ereignis unausweichlich notwendig ist.

Bei der Aussage, das Ich nehme bloß die Ursache wahr, kann von einer „logischen Einschätzung“ nicht die Rede sein. Die Entscheidung ist das Ende/der Abschluß der Willensbildung einer Person. Das Wollen steht an einer Schnittstelle zwischen Denken und Handeln. Dies als bloßes Wahrnehmen und Äußern darzustellen ist eine falsche Beschreibung. Und zu Anfang einer Willensbildung liegt noch gar nichts als wirksam gewordene Ursache einer Entscheidug fertig vor. Eine Person kann sich Möglichkeiten vorstellen, abwägend überlegen, Möglichkeiten beurteilen.

Eine Person kann zwar bloß feststellen, was ihr in einem bestimmten Augenblick gefällt und nicht gefällt. Wollen bzw. Entscheiden ist aber etwas anderes als Gefallen an etwas haben. Und einen Vorgang, bei dem gar keine Entscheidung stattfindet (auch nicht für das Bewußtsein), für eine These heranzuziehen, Personen bildeten sich nur ein zu entscheiden, ist eine abwegige Argumentation.

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Die Gründe für menschliches Handeln und Denken sind ausschließlich chemische Reaktionen, auf die man keinen Einfluss hat. Das Gehirn hat sich aber so entwickelt, dass wir denken, wir könnten unser Leben selbst steuern.

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