Jesus und Gewalt?

14 Antworten

Die Bibel ist ein praktisches Buch. Wenn Jesus z. B. davon spricht, "die andere Backe hinzuhalten", geht es darum, sich bei großen Beleidigungen (im griech. steht das Wort "rhapizo", das eine starke Beleidigung bedeutet) nicht rächen soll. Es geht dabei nicht um eine Selbstverteidigungssituation, in der man sich nach dem deutschen Strafrecht übrigens auch nicht rächen darf. Unser Gesetz erlaubt die Abwehr eines Angriffs mit verhältnismäßigen Mitteln, verbietet aber weitere Aktionen (= Rache), wenn der Angriff abgewehrt ist. Es ist sehr sinnvoll, auf Rache zu verzichten.

Wenn man einen unbewaffneten Angriff mit einem Messer oder einer Pistole kontert, würde das gegen das Notwehrgesetz verstoßen, da diese Reaktion nicht mehr verhältnismäßig wäre. Aus biblischer Sicht wäre das auch Sünde, da die Bibel u. a. fordert, sich an die geltenden Gesetze des Staates zu halten (Römer 13,1-7) und Jesus gelehrt hat, seine Mitmenschen und sogar Feinde zu lieben: "Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen" (Matthäus 5,44).

Ich zitiere mal ein paar interessante Aussagen des bekannten reformierte Pfarrers Dr. Peter Vogelsanger, der zum Thema "Christentum und Selbstverteidigung/ Notwehr" interviewt wurde:

"In Römer 13, also im Römerbrief des Paulus, finden sich die ganzen Ausführungen über die Schwertgewalt des Staates. Da wird gesagt: Der Staat ist die Ordinatio Dei - die Ordnung Gottes -, die eingesetzt ist auf dieser Welt zur Eindämmung des jederzeit lauernden und Macht an sich reißenden Bösen: "Sie trägt das Schwert nicht umsonst," (die Obrigkeit) "... sondern zur Bestrafung der Bösen und zur Belohnung der Guten." Das heißt, es ist die primäre Aufgabe des Staates, dem Bösen in dieser Welt Widerstand zu leisten, und Paulus sagt in diesem Zusammenhang: Es ist Pflicht des Christen, den Staat in dieser Funktion zu unterstützen...

..."Du sollst nicht töten" im Alten Testament heißt ganz eindeutig: "Du sollst nicht MORDEN". Also nicht einfach ein absolutes Tötungsverbot, so daß man keine Fliege und kein Kaninchen töten dürfte. Es ist damit auch kein absolutes Tötungsverbot in Bezug auf das menschliche Leben gemeint. Das kennt nämlich das Alte Testament nicht. Das Alte Testament kennt ja auch die Todesstrafe, und so weiter, und damit ist sicher auch die Notwehr inbegriffen. Wenn aus diesem alttestamentlichen Gebot eine Verneinung der Notwehr abgeleitet würde, wäre das nicht textgernäß...

... "Ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen", und dem Zitat wegen der Ohrfeige (Bergpredigt). Ich glaube aber, daß Jesus dort gar keinen Angriff auf das Leben im Auge hat. Er hat die Feindesliebe im Auge. Das heißt, meine Liebe soll so stark sein, daß sie auch den Feind einschließt und durch das Gute zu überwinden und zu gewinnen versucht, statt durch Gewalt. Damit ist aber nicht so sehr der Feind gemeint, der mein Leben bedroht, als einfach der Feind, der mich beleidigt. Das geht ja aus der Stelle mit der Ohrfeige hervor: Es ist der Beleidiger, dem ich nicht mit der selben Waffe heimzahlen soll.Es geht um den Beleidiger. Den soll ich entwaffnen durch die stärkere Kraft meiner Liebesfähigkeit. Daß die Vertreter der Gewaltlosigkeit sich auf diese Stelle in der Bergpredigt berufen, halte ich zwar nicht für einen Irrtum, aber für eine viel zu weitgehende Folgerung aus dem, was Jesus dort meint: den persönlichen Feind, der mir Schaden zufügen will und der mich haßt. Deshalb ist diese Aufforderung nicht übertragbar auf das Problem der Notwehr...

...Liebe heiß im eigentlichen Sinne des Neuen Testaments, unter Absehung von allen sentimentalen Mißverständnissen: Schutz und Bewahrung allen Lebens, soweit dies in meinem Verantwortungsbereich liegt. Man könnte als Christ vielleicht sagen: Ich will lieber leiden, will lieber den Angriff erdulden, als daß ich Gewalt ausübe, als daß ich den Gegner vernichte, Ich könnte die Bergpredigt so auffassen. Also: Ich dulde den Angriff und nehme halt unter Umständen das Martyrium oder den Tod auf mich und habe mir damit reine Hände bewahrt...

... Ich verteidige ja nicht nur mein eigenes Leben, sondern auch das Leben meiner Nächsten. Man kann noch weitergehen und sagen: Indem ich mich wehre gegenüber dem eindeutig bösartigen Angreifer, tue ich zweierlei: Erstens verteidige ich mein eigenes Leben deshalb, weil dieses Leben ja nicht nur mir gehört, so daß ich es wegwerfen könnte, wenn ich angegriffen werde. Zum Beispiel als Pfarrer gehöre ich ja nicht nur mir selber, ich gehöre auch der Gemeinde, die mir zur Seelsorge anvertraut ist. Als Arzt gehöre ich meinen Patienten, als Lehrer meinen Schülern; ich bin nicht nur Individualperson, sondern ich bin immer irgendwie Mensch in der Gemeinschaft, und indem ich mein eigenes Leben verteidige, bewahre ich auch ein Leben vor der Vernichtung, das einen Schutz und einen Wert für andere darstellt..."

Interessante Frage...   Lies die Offenbarung und Du wirst Blut nur so spritzen sehen.  Lies die Evangelien und du findest dort überwiegend eine gewaltfreie Ideologie die Jesus dort vertritt.

Bei den Überlegungen sollte man aber auch einen Aspekt mit einfließen lassen, an den kaum einer denkt:

Jesus hatte einen Auftrag vom Vater. Den hat er zu 100% erfüllt.  Wo ist also die Grenze zwischen dem was der Vater ihm aufgetragen hat und seinem ggf. eigenen?   Kurz vor seiner Verhaftung hat er immerhin zum Vater gebetet er möge den Kelch an ihm vorüberziehen lassen, aber er würde sich dem Willen des Vaters fügen.

Andererseits sagt Jesus selber, dass er und der Vater eins sind. Gern wird damit unterstellt das Jesus auf gleicher Stufe mit dem Vater steht, aber in Wirklichkeit meint es schließlich, dass der Vater und Jesus "gleichen Sinns" also gleicher Überzeugung sind.

Gruss

Jesus vertrat keine einheitliche Linie zum Thema Gewalt. Zwar sagte er immer, dass seine Jünger (als die sich ja auch heutige Christen verstehen) sich friedfertig und vergebend verhalten sollten, aber er drohte auch mit göttlichem Zorn und schrecklichen Ereignissen, die in der Zukunft nach dem Willen Gottes (und demnach auch nach seinem eigenen) kommen sollten.

Seine Wutreden richteten sich dabei interessanterweise nie gegen die Römer, wie man vielleicht erwarten würde, sondern gegen das jüdische Establishment, die Tempelaristokratie und die Pharisäer. Mit direkter Gewalt hat er allerdings nicht gedroht, und sie auch nicht praktiziert.

Natürlich weiß man nicht, ob die biblischen Berichte in dieser Hinsicht wirklich zuverlässig sind, und was Jesus wirklich plante. Im Lukas-Evangelium fordert er seine Jünger beispielsweise auf, sich Schwerter zu kaufen. Die werden wohl eher nicht zum Brotschneiden gedacht gewesen sein.

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