Ist Wing Chun für Pazifisten geeignet?

10 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Wing Chun ist eine Kampfmethode, die zur Selbstverteidigung prädestiniert ist. Die Frage, ob Pazifisten im Wing Chun "gut aufgehoben" sind, kann nicht eindeutig beantwortet werden, weil es "in allen" Kampfkünsten auf den Anwender ankommt. Das heißt, "man kann" Wing Chun, Aikido, Judo etc, durchaus mit einer pazifistischen Einstellung trainieren, vielleicht weil einem der Stil einfach gefällt, vielleicht, weil man sich körperlich darin "aufgehoben" fühlt, vielleicht aus sozialen Gründen, weil Freunde oder die Freundin es ebenfalls betreiben. Pazifismus ist eine Lebenseinstellung, die Gewalt ablehnt, KK ist eine körperliche, wie auch geistige Methode, die Gewalt gegen Gewalt einsetzt. Natürlich kann man sich mit dem Argument der Selbstverteidigung über Wasser halten, wenn man sich für die KK "entschuldigen" muss, weil man im übrigen privaten Leben Gewalt ablehnt. Man kann aber ebenso die KK deswegen "lieben", weil sie logisch und mit dem Bestreben des geringsten Schadens eingesetzt wird, weil trainiert wird, den Schaden gering zu halten.

Nur ist das eben auch nur die halbe Wahrheit. Es gibt keine sinnvolle SV, die den Angreifer schont, es gibt nur eine sinnvoll Selbstverteidigung, die mich selbst schützt. Der Selbstschutz ist auch das Argument der meisten Armeen dieser Welt, im Einsatz werden dann Menschen getötet (natürlich nur die Bösen). In einer realen SV-Situation wird der Angreifer i.a.R. geschädigt (er ist ja der Böse). Dieser moralische Anker gibt mir für eine effektive SV natürlich Recht: Die Entscheidung hat der Angreifer mir abgenommen, indem er angreift.

Der Pazifist hat IMMER ein Problem, wenn der akute SV-Fall tatsächlich eintrifft. Auch wenn er Gewalt ablehnt, wird er in einer SV-Situation dieser nicht entgehen können. Entweder in der Form, sich selbst schaden zu lassen, oder den Angreifer zu schaden.

Wer immer sich im biblischen Kontext (...halte auch die andere Backe hin) verstehen möchte, sollte nicht ausblenden, dass selbst die Jünger Jesu z.T. bewaffnet waren. Die Bibel voll ist mit Berichten über Gewaltanwendung auf Seiten Gottes oder seines Volkes. "Liebe deine Feinde" ist nicht dahingehend zu versehen, sich in jedem Fall ihrer Gewalt hinzugeben.

Meine Einstellung ist die, dass ich Gewalt "grundsätzlich" als Mittel der Problemlösung ablehne. Wenn sie mir aber aufgezwungen wird, will ich es sein, der sie übersteht. Ob der Angreifer dabei heil heraus kommt, ist dem Ziel der eigenen Unversehrtheit untergeordnet.

Die Hoheit des Staates, das Gewalt nur er einsetzen darf, der Einzelne kein Recht auf Gewaltanwendung hat, wird in den Gesetzen zur Selbstverteidigung relativiert. Es ist die Ausnahme, die dem Einzelnen zugebilligt wird, weil der Staat den Einzelnen nicht in jeder Situation schützen kann. Der Staat duldet diese Ausnahme. In dieser Weise nehme ich das für mich in Anspruch, ohne mir Gewissensbisse darüber zu machen, wenn ich im Ernstfall Gewalt anwenden muss.

Ein hundertprozentiger Pazifist verteidigt sich auch körperlich nicht, würde im akuten SV-Fall sich eher schädigen lassen. Aber auch dass lässt noch zu, sich mit KK zu befassen, solange die reale Anwendung keine Option für das Ausüben der KK bleibt.

Also: Die Entscheidung kann nur sehr persönlich getroffen werden und hat entsprechende Konsequenzen für viele Bereiche des Lebens.

Danke,für die ausführliche Antwort:) Ich denke das Kampfkunst auch,dann sinnvoll ist wenn es darum geht andere zu verteidigen..  Nur noch eine Frage das die Armeen natürlich nur gegen die “Bösen“ kämpfen war Ironie oder?

0
@V7T7R

Ja sicher ist das ironisch gemeint. Damit  sollte das Denkmuster der Rechtfertigung plakatiert werden.

1

Nun, ich versuche, meinen Leuten beizubringen, dass es beim Kämpfen nicht darum geht, den anderen umzuhauen, sondern darum, selber kreativ, gewissermaßen künstlerisch, tätig zu werden.

In der Kampfkunst stelle ich mich dar, ich zeige, wer und wie ich bin. Kampfkunst ist ein Mittel, sich auszudrücken. Ganz so, wie auch Gesang, Tanz, Schauspiel, Malerei, Bildhauerei.

Und da ich nicht alleine übe, sondern Kampf nur dann möglich ist, wenn ich einen Partner habe, bietet meine eigene Aktivität dem anderen die Möglichkeit, sich ebenfalls auszudrücken - und umgekehrt. So entsteht im Zusammenspiel der beiden Kämpfer Kampfkunst. Die trotz allen sportlichen Kämpfens friedlich ist.

Kunst ist stets pazifistisch. Kunst, die zu Kriegen aufruft, ist perverse Kunst, diese Art Kunst ist in der Kampfkunst nicht erwünscht.

In der Kampfkunst, in den Martial Arts wollen wir uns selbst üben, unseren Geist schulen und gemeinsam mit anderen ein friedliches Zusammensein erstreben.

Das ist deine Einstellung, deine Sicht von der Kampfkunst und sie bleibt Dir natürlich unbelassen. Dein Ding.

Man kann Kampfkunst aber auch trainieren, um sie tatsächlich im SV-Fall anwenden zu können und dieser Sichtweise sein Training unterordnen, eben nicht nur schöne Bewegungskunst.


1
@Shiranam

Ich stimme dir völlig zu. Die Frage hier ist aber, ob WT für einen Pazifisten geeignet ist. Und das ist auf jeden Fall so.

Wie jede Kampfkunst, jeder Kampfsport, geht es letzten Endes immer um Harmonie und Eleganz, will man erfolgreich sein.

Einem starken, kräftigen Yang begegnet man stets am besten mit einem dunklen, weichen Yin und umgekehrt. Setzt man hingegen Yang gegen Yang, ensteht eine sinnlose Schlägerei. Setzt man Yin gegen Yin, entstehen sonderbare Verstrickungen. Erst die harmonische Ergänzung dessen, was der andere macht, hin zu einem Ganzen, führt zu einer effektiven Technik. Und so sind gerade effektive Techniken stets in hohem Maße ästhetisch. Wenn sich auch die Ästhetik nicht jedem auf Anhieb erschließt.

0

Wing Chun ist eine Kampfkunst, die sich heute sehr stark auf Selbstverteidigung Konzentriert. Ich selbst besuche regelmäßig das Wing Chun und Karate Training und ich muss sagen, dass beides gut, aber Wing Chun besser für die Straße geeignet ist. Krav Maga hat übrigens sehr viel aus dem Wing Chun übernommen und gilt ja auch als effektive SV Möglichkeit.

Also... Ja ich denke um dich zu schützen, falls es dazu kommen muss, denke ICH, dass es die beste Möglichkeit ist. Wie andere darüber denken weiß ich nicht, aber viele teilen meine Meinung.

Soweit ich weiß, wurden Vorläufer von Wing Chun ursprünglich im antiken China - zur Zeit der "streitenden Reiche" (ca. 400 v. Chr.) - extra für den Kriegseinsatz entwickelt... ;) da man bei Kampfstilen wie Wing Chun sehr kräftesparende Bewegungen einsetzt um so lange wie möglich auf dem Schlachtfeld durchhalten zu können... ;)

Das musst du für dich selbst entscheiden. Was verstehst du unter einem Pazifisten?

Wenn dir Sicherheit so wichtig ist, lerne lieber weglaufen, Deeskalation und beschäftige dich mit Prävention.

Hab mir überlegt es mal,mit Parkour zu

0

Was möchtest Du wissen?