Ist unser 'modernes' Leben ohne Ausbeutung möglich?

12 Antworten

Nein, es wird kaum möglich sein, zu einer Lebensform zurück zu kehren, die  100 % nachhaltig ist, und keinem Erdbewohner in welchem Land auch immer tangiert. Der ein oder anderer mag erfolgreich als Einsiedler über die Runden kommen, aber ganz frei zu werden von schädlichen Auswirkungen ist für die Menschen in unseren Breiten kaum mehr möglich.

Aber: Mann kann gewaltig viel tun, um seine Fußspuren auf der Erde zu verringern:

Verreise nicht mehr mit dem Flugzeug. Zwar sind die neue Flugzeuge energieeffizienter, aber der Verbrauch liegt noch immer um ein vielfaches höher als der eines Zuges.

Benutze Öffentliche Verkehrsmittel. Wenn du Auto fahren solltest, nehme Mitfahrer mit (bringt auch noch Geld in die Kasse).

Solltest du weit weg wollen, heuere auf ein Schiff an. Viele Frachter brauchen Personal, und man kann so die ganze Welt bereisen. Oder buche eine preiswerte Cruise, und fliege nicht zurück. Schiffsreisen sind energieeffizienter als Flugreisen. 

Besser ist es jedoch, Urlaub im eigenen Land zu machen. Das ist witzig, lehrreich und sehr gut für die Umwelt.

Kaufe lokal angebaute Lebensmittel, und möglichst jene, die zur Saison passen. Das spart die lange Transportwege und die Energie für die Lagerhäuser.

Kleidung: hier kann man gewaltig viel falsch machen. Der Verbrauch an Wasser zur Herstellung von Textilien ist ruinös für die Umwelt. Ironischerweise wird dieses gute Wasser just dort verschwendet, wo es oft Dürreperioden gibt, in Egypen z.B wo viel Baumwolle angebaut wird um die West-Europäer mit Jeans zu versorgen. So gut wie jeder in unseren Breiten besitzt viel mehr Kleidung als er braucht, und kauft jedes Jahr Zeug dazu. Deswegen:  Kaufe keine neue Kleidung mehr, sondern höchstens welche vom Secondhandladen. Dort gibt es viele gute Sachen zu einem Spottpreis. Wenn ihr die Sachen bei Oxfam kauft, unterstützt ihr die Arbeit von Oxfam in der Dritten Welt.

Und sollte es doch etwas neues sein: kaufe Stoff der in Italien gewebt wurde, und lasse es von einem Schneider in Deutschland nähen. Das ist teuer als bei Primark und KiK, ist aber auch Jahrzehntelang schön.

Esse kein Fleisch, oder nur geringe Mengen. In den Drittweltländer wird Soja angebaut für unsere Fleischindustrie. Es wäre wesentlich sinnvoller, wenn dort Nahrung für die Bevölkerung angebaut werden würde.

Kaufe möglichst viele unverpackte Produkte ein. 

Heize deutlich weniger, trage anstatt mehr warme Kleidung.

Usw. 

Dennoch steckt in all diese Bemühungen auch ein "Pferdefuss": Wenn wir einheimische Äpfel essen, anstatt griechische Trauben, verdienen die Griechen nichts, und können unsere Milliarden nicht zurückzahlen.

Wenn wir Rapsöl aus Nord-Deutschland kaufen, anstatt Olivenöl aus Italien, kommen noch mehr Türken nach West-Europa. Das Italienische Olivenöl wird in Italien hergestellt aus Oliven die zum großen Teil aus der Türkei kommen. Kauft man denen ihre Früchte nicht ab, verarmt die Bevölkerung und erinnert sich an die Sozialkassen in Almanya. 

Auch wenn wir in Deutschland nicht permanent konsumieren, bricht das Wirtschaftssystem zusammen. Diese Welt ist so strukturiert, dass wir ständig neue Autos, neue Handys neue Sofas und neuen Schnickschnack kaufen müssen, damit der Rubel rollt und die Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Wenn alle Menschen so leben würden wie ich, wäre Deutschland und halb Europa bankrott. 

Jeder gebildete Mensch kennt "The Club of Rome", und Schriften wie "Die Grenzen des Wachstums". Der Berg an Publikationen zu dem Thema liegt ja vor, wir können uns informieren über den bevorstehenden Kollaps, die Implosion der Währungen und das da noch so auf uns zu kommt. Wir sollten die ständige Vermehrung der Menschenmassen eindämmen. Anstatt lautet die neueste Prognose, dass Afrikas Bevölkerung von knapp 4 auf 6 Milliarden Menschen anwachsen wird, und die Weltbevölkerung in 50 Jahren fast 11 Milliarden betragen wird. (Zahlen der UN Wolrd Population Prospect). 

Es gibt Modelle, wie wir uns wieder vom Abgrund fortbewegen könnten. Diese Denkmodelle sind aber gänzlich tabu, weil sie nicht "Politisch korrekt" sind. Also werden sie ad acta gelegt, und sehen zu wie alles Tag für Tag schlimmer wird.

Dennoch: ich lebe meinen genügsamen, nachhaltigen Lebensstil, der als schöne Begleiterscheinung hat, dass ich immer Geld übrig habe :-) Der Weisheit letzter Schluss ist das aber auch nicht.

Wir sollten mal über die Ausbeutung nachdenken, was man also darunter versteht. Der Begriff wird in der Regel dann eingesetzt, wenn jemand einem anderen das Geschäft madig machen will, indem er ihn eines unmoralischen Handelns bezichtigt. 

Doch genau hier liegt das Problem: Wenn bei uns Millionen von Menschen zum Mindestlohn oder knapp darüber arbeiten, ist das dann Ausbeutung? Die meisten Leute argumentieren dann, dass die so nur dürftig Entlohnten doch eine bessere Ausbildung machen sollten, dann könnten auch sie in eine höhere Gehaltsklasse kommen. Jeder sei eben für sich selbst verantwortlich, und wer in der Jugend die Lehrer eben nur als Plagegeister wahrnehme, die Hausarbeiten allenfalls abschreibe und dann bei Prüfungen und Berufseinstellungstests versage, ernte schließlich nur die Früchte, die er selber gepflanzt habe. Klingt irgendwie nachvollziehbar. Das sind die Gesetze des Marktes: Wenn jemand nur eine Arbeit anbietet, die jede Maschine besser und billiger ausführen kann, dann kann er oder sie halt nicht mehr verlangen. 

Schwierige Sachlage, denn wenn man nun mit der Humanität als Argument kommt, dann ist sogleich zu fragen, wer für den Erhalt der humanitären Ideale denn bezahlen soll, d.h. wer liefert freiwillig das Geld, dass die schlecht Entlohnten haben wollten/sollten, deren Arbeit auf dem offenen Markt nur kleines Geld wert ist? Da wird jeder gern und schnell auf die Steuern verweisen, die hier einzuspringen hätten. Doch auch hier gibt es rasch Einwände, weil Betriebssteuern nicht unbegrenzt erhöht werden können, was anderenfalls zur Abwanderung der Industrien in billiger produzierende Länder führt. Auch individuelle Steuern kann man nicht beliebig erhöhen, weil sonst die Schwarzarbeit zunimmt oder die nächsten Wahlen verloren gehen. 

Die ganze Sache ist richtig schwierig. Das einzige, was man sicher sagen kann, ist, dass jeder Unrecht hat, der mit einer Aussage antritt, die da lautet: " Mann muss doch nur ....!" Es gibt ganz schlicht keine einfachen Lösungen, um die sog. ungerechte Bezahlung von Arbeit in der Welt zu beseitigen. Wenn in Billiglohnländern produziert wird, kann man nicht einfach verlangen, dass die Arbeiter dort besser zu entlohnen seien. Macht das der Betreiber eines solchen Unternehmens, steigen seine Kosten und er ist in wenigen Monaten weg vom Markt, weil ein anderer in einem anderen Land den Job übernimmt. Das sind die harten Gesetze der Verdrängung und des Wettbewerbes, die gerade nicht den Prinzipien unserer Humanität entsprechen. 

Bilanz: Solange Menschen auf dieser Erde wirken und schaffen, solange wird es große Ungleichgewichte in ihrer Bezahlung geben. Wo jemand geboren ist, welchen sozialen Status seine Eltern haben, wie die politischen Umstände beschaffen sind, wie seine genetische Ausstattung ist, das sind alles wirkmächtige Faktoren, die vorteilhaft sein können oder eben auch zu massiven Benachteiligungen führen können. Der entrüstete Protest ist da wenig hilfreich, denn wenn ich manchmal einen besonders laut Protestierenden frage, ob er denn nun wenigstens die Hälfte seines Einkommens an Menschen in Länder mit schlechter Lebenssituation überweisen würde, bezeichnet er mich meist nur als Idioten.

Du überschätzt die Bedeutung von Billigprodukten in unserem Alltag, die in Dritte-Welt-Ländern hergestellt werden. Es handelt sich allenfalls um Klamotten und Elektronikprodukte für den Heimgebrauch. Darauf basiert aber nicht unser Wohlstand. Durchaus gibt es hierzu teurere Alternativen, die ohne Ausbeutung hergestellt wurden und das finanzielle Budget der meisten westlichen Konsumenten nicht überstrapazieren würden. Außerdem haben sich die Arbeitsbedingungen in chinesischen Computer-, Elektronik- und Smartphonefabriken in den letzten Jahren verbessert und lassen sich nicht mit der Situation von Näherinnen in Bangladesch vergleichen.

Die aktuellen Kriege lassen sich auch nicht einfach als Konflikte ums Erdöl interpretieren. In den meisten Erdölförderländern herrscht Frieden. Zumeist profitiert die Bevölkerung, lebt oft in Wohlstand. Da die Förderung in hohem Maße maschinisiert ist, gibt es auch nur selten ausbeuterische Arbeitsverhältnisse. Ausnahmen bestehen, wenn z. B. die einheimische Bevölkerung aus den Fördergebieten vertrieben wird (wie z. B. in Nigeria).

Einige wenige Rohstoffe werden tatsächlich unter menschlich und ökologisch sehr problematischen Bedingungen gewonnen, so etwa das für die Handyproduktion wichtige Koltan. Hier müsste man Verbesserungen durchsetzen, die derzeit jedoch nicht am Gewinnstreben der großen Konzerne scheitern, sondern an den politischen und ökonomischen Bedingungen vor Ort.

Ausbeutung existiert zwar, aber zu behaupten "das moderne Leben" basiere darauf und der westliche Wohlstand ließe sich nur mit der Ausbeutung der Arbeitskraft von Menschen in Entwicklungsländern aufrecht erhalten, ist nicht zutreffend. 

Vielmehr ist derzeit das FEHLEN von qualifizierter Arbeit in weiten Teilen der Welt ein weitaus größeres Problem als Ausbeutung - die ökonomische Abgehängtheit und Perspektivlosigkeit vieler Menschen, die zum Nichtstun verdammt sind. Die globale Industrieproduktion konzentriert sich noch immer in Europa, Ostasien und Amerika - eine Situation, die jungen Menschen z. B. in Afrika, im Orient, in Südasien und Lateinamerika ihrer Chancen beraubt. Die Landwirtschaft produziert bei uns gewaltige Überschüsse, die in Entwicklungsländer exportiert werden und dort Bauern arbeitslos machen.


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