Ist undiplomatischer Meinungsausdruck manchmal ehrlicher?

6 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Ja das kann der Fall sein. Aber nur weil man die eigene Meinung vorsichtig formuliert...zum Beisiel weil man sich bewusst ist, dass man auch falsch liegen kann, ist das noch lange nicht unehrlich.

Abgesehen davon kommt es drauf an wie du undiplomatisch definierst.

"Ich mag deine Frisur nicht"

"Deine Frisur ist hässlich"

"Mit der Frisur bist du hässlich"

Sind drei unterschiedliche undiplomatische Meinungen. Nur das erste finde ich vertretbar. Bei den anderen beiden wird die eigene Meinung als allgemeingültig angesehen, es wird also nicht differenziert, dass es hierzu auch andere Ansichten geben könnte.

Im besten Falle könnte man an das erste Statement noch eine Erklärung hängen, warum man die Frisur nicht mag und eventuell einen Änderungsvorschlag machen. Damit hätte man dann schon einen ehrlichen Dialog begonnen.

Es kann aber sein, dass die andere Person sich durch den undiplomatischen Kommentar beleidigt fühlt und deswegen gar keine Lust mehr auf einen Dialog hat. Ein Dialog ist aber wichtig um herauszufinden, ob man mit seiner Ansicht recht hat oder nicht und eventuell einen Kompromiss zu finden.

Resumee: Man sollte ehrlich sein, aber warum zur HölIe muss das heißen, dass man nicht gleichzeitig auch diplomatisch seien kann?

Es gibt Authentizitäöt und Offenheit. Das ist gut,

Es gibt aber auch eine Missachtung des französischen Satzes "c'est le ton qui fait la musique". Das ist schlecht.

Da die balance zu finden ist in der Pubertät oft nicht leicht, oft verwechselt man da dümmliches Revoltieren und Beleidigungen mit Offenheit. Und Löcher in den Jeans aber gleichzeitig nicht zur Wahl gehen hält man für effektiven Protest gegen gesellschaftliche Missstände.

Aber unsere (hoffentlich vorhandene) Intelligenz versetzt uns in die Lage, die Balance zwischen diesen Parametern zu finden. Undiplomatisch sein bedeutet also nicht, dass man offen ist, sondern, dass einem die notwendige Intelligenz fehlt, diese Balance zu erspüren.

Ser viele Meinungsäußerungen sind mit Argumenten umnebelt, in denen sich die wirklichen Motive für etwas geschickt verstecken.

Als "undiplomatischer Meinungsausdruck" wird es meistens angesehen, wenn jemand solche Tarnargumente einfach ingnoriert und treffsicher das wirkliche Motiv anspricht oder es zumindest näher an den Fokus anderer Betrachter heranbringt.

Die Reaktion darauf ist in den meisten Fällen eine mehr oder weniger stärkere Verärgerung desjenigen, der seine wirklichen Motive mit Scheinargumenten getarnt hat.

Doch warum tarnt jemand seine wirklichen Motive und reagiert auf die Aufdeckung mit Verärgerung?

Die Antwort ist klar. Die wirklichen Motive werden für verwerflich gehalten, und deren Aufdeckung ist geeignet, einen Plan scheitern zu lassen.

Wer sich auf solche Weise "undiplomatisch" verhält, gewinnt damit sicher nur sehr schwer sog. "gute Freunde", dafür aber etwas leichter echte Freunde, von denen es allerdings erheblich weniger gibt als die gewöhnlichen "guten Freunde".

Doch würden alle Menschen auf solche Weise "undiplomatisch" sein (was ja nicht ausschließt, daß man dennoch höflich bleibt), dann wären u. a. auch Dinge wie Vetternwirtschaft, Korruption, Abzocke u. a. eher bescheidene Randerscheinungen anstatt Schwerpunkte.

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