Ist Norditalien für die Armut in Süditalien verantwortlich... da bei der Vereinigung Italiens 1861 alles Geld vom Süden in zu den Unterdrücker aus Savoyen flos?

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2 Antworten

Immer wieder seit der Antike mußte Süditalien kulturelle, wirtschaftliche, politische und demographische Überformungen von außen erleiden. 

Eine einheitliche soziale und wirtschaftliche Entwicklung war dem Mezzogiorno im Gegensatz zum Norden stets versagt. Die Summe der historisch aufgehäuften, bis in die Gegenwart nachwirkenden Entwicklungshemmnisse ist unübersehbar. 

Ihre Folgen: Schwäche des stadtbürgerlichen Mittelstandes, nur geringe handwerkliche und gewerbliche Innovationen aus eigener Kraft, feudale Strukturen im Sozialaufbau und beim Bodeneigentum bis heute. An die Stelle von Investition in Gewerbe und Produktion trat seit der Jahrhundertwende eine Flucht des südlichen Kapitals in Immobilien. 

In Norditalien verlief die Entwicklung entgegengesetzt: Die Städte waren spätestens seit der Renaissance innovative Mittelpunkte der sie umgebenden Wirtschaftsräume und später Standorte der jungen Industrialisierung.

Auch die staatliche Einigung Italiens 1861, von der Bevölkerung des Südens zunächst enthusiastisch begrüßt, bescherte dem Mezzogiorno nicht den erhofften wirtschaftlichen Aufstieg. 

Im Gegenteil: Sie hemmte sogar die Landwirtschaft und erste Industrien des Südens (etwa um Neapel) und setzte sie vernichtender Konkurrenz des Nordens aus. Agrarsektor und produzierendes Gewerbe des Südens blieben schon vor 1900 hoffnungslos zurück. 

Die Massenauswanderung nach Amerika schwächt den Süden bis heute. Rund vier von zwölf Millionen Einwohnern verließen 1880 bis 1920 den Mezzogiorno. 

Ein entscheidender Fehler war die anpassungslose Übertragung der Steuergesetzgebung und Verwaltung des piemontesischen Musterstaates auf die anders gearteten Lebens- und Wirtschaftsräume der Südregionen. Ein Bewußtsein gesamtstaatlicher Einheit wurde nie erreicht. 

Auch die Bedingungen der Natur dürfen nicht übersehen werden. Im Süden fallen nicht jedes Jahr die für die Landschaft ausreichenden Regenmengen an. Diese Unsicherheit hat seit Jahrhunderten besonders die kleinen bäuerlichen Pächter getroffen. 

Trotz Mißernten mußten sie gleichbleibende Pachtzinsen an die Bodeneigentümer entrichten. So gerieten sie in Verzug und schließlich in generationsübergreifende Schuldknechtschaft gegenüber den Grundherren. Aus ihr entwickelten sich klientelähnliche Abhängigkeiten, die noch heute bei Wahlen zu spüren sind.

http://www.zeit.de/1993/39/der-fluch-des-mezzogiorno/komplettansicht

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Es sind nicht "die Norditaliener", sondern vor allem die Piemontesen. Die Savoier (Königreich Sardinien-Piemont) haben das süditalienische Königreich der Bourbonen, das damals recht wohlhabend war und in dem es der Bevölkerung verhältnismäßig gut ging, 1860 angegriffen, erobert und vollkommen ausgeplündert. Die Bevölkerung versuchte sich verzweifelt gegen diese Eroberung zu wehren, was einen rund zehn Jahre lang dauernden Bürgerkrieg zur Folge hatte, der mehr als eine Million Tote forderte. Davon hat sich der Süden bis heute nicht erholt.

Die Süditaliener haben bis heute keine Identifikation mit diesem Staat erreicht. Sie fühlen sich daher legitimiert, den Staat zu betrügen. Da es zum italienischen Staat nie Vertrauen gab, haben sich die verschiedenen Mafia-Gesellschaften ausbreiten können. Sie sind heute die wahre Bremse für die Entwicklung Süditaliens.  

Die Piemontesen haben übrigens auch Venetien im Nordosten Italiens, das 1866 zu ihrem Königreich kam, ausgeplündert, wenn auch nicht so skrupellos wie den Süden. Deswegen wollen ja auch die Veneter unabhängig werden. Sie weigern sich, den italienischen Staatsfeiertag am 25. April zu begehen, und feiern lieber an diesem Tag ihren Schutzpatron San Marco. Immerhin hat es die Republik Venedig rund 1000 Jahre gegeben, den Staat Italien gibt es seit etwas mehr als 150 Jahren.

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