Ist moralisches Handeln immer egoistisch? Kriterien für moralisches Handeln

8 Antworten

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Die schlichte Gleichsetzung von altruistischen Handeln und moralischen Handeln halte ich für falsch. Die nicht gelungene Definition moralischen Handelns trägt zu den in der Folge aufgetretenen Schwierigkeiten bei.

Die Theorie, nach der Menschen bei alle Handlungen die eigene Befriedigung anstreben und daher ihre eigentlichen Beweggründe immer egoistisch sind, heißt psychologischer Egoismus. Bei Handlungen, die altruistisch zu sein scheinen, wird von ihm stets die Unterstelllung eines „eigentlich“/„in Wahrheit“/„in Wirklichkeit“ letztlich ausschlaggebenden egoistischen Beweggrundes als Erklärung vorgenommen.

Die (anfechtbare) logische Herleitung verwendet ungefähr folgendes Muster:

1) Alle wollen nur das, was sie wollen.

2) Alle wollen nur das, was ihren Interessen entspricht.

3) Alle wollen immer nur die Befriedigung ihrer Interessen.

4) Alle wollen immer nur ihre Befriedigung.

Am Anfang steht eine Tautologie. Die Ableitung zwischen Satz 1 und Satz 2 enthält eine Lücke. Es gibt unterschiedliche Arten der Bestrebungen des Willens. Willensbestrebungen können auf bestimmte Gegenstände ausgerichtet sein oder sich auf die Befriedigung von Willensbetrebungen beziehen. Die Willensrichtung ist dabei anders. Wer Interesse an etwas Essbaren hat, kann z. B. eine Speise für sich wünschen. Bei einem auf die Befriedigung eines Hungergefühls zielenden Wollen ist aber nicht das (dem Wunsch zugrundeliegende) Hungergefühl Gegenstand des Wunsches. Ein großer Teil der Wünsche sind sachbezogen und unmittelbar auf den Gegenstand gerichtet. Auch zwischen Satz 3 und Satz 4 gibt es eine Lücke. In Satz 3 bedeute Befriedigung die Erfüllung des Wunsches. In Satz 4 bedeutet Befriedigung ein von der Erfüllung des Wunsches ausgelöstes Gefühlserlebnis eines Subjekts. Interessen und Wünsche können sich aber auch auf etwas richten, das für die wünschenden Subjekte gar nicht erlebbar ist (z. B. Sachverhalte in der Zukunft, die außerhalb der eigenen Lebenszeit liegen).

Die Voraussetzung ist eine Formulierung bzw. Definition, die schon ausschließt, es könne anders sein. Unter Handeln wird etwas verstanden, das auf Nutzen/Interesse abzielt, also den größtmöglichen Nutzen anstrebt (Handlungstheorie des rationalen Egoismus), und unter Nutzen/Interesse dann etwas, das in Eigennutz/selbstsüchtigen Interessen besteht. Damit wird die vom psychologischen Egoismus aufgestellte Behauptung aber zu einer, die nicht aufgrund von Erfahrung bestätigt oder widerlegt werden kann. Begleiterscheinungen der Befriedigung/Zufriedenheit/Freude sind nicht die allein entscheidenden Beweggründe nichtegoistischen Handelns. Es gibt eine auf eine Sache zielende Absicht der Handlungen. Etwas kann um einer Sache selbst willen getan. Eine möglicherweise vorhandene Tatsache der Wirksamkeit eines weiteren Motivs (z. B Freude daran zu haben, anderen eine Freude zu bereiten oder für Gerechtigkeit einzutreten) beseitigt nicht die Eigenschaft, sittliches Handeln mit einem Sollen zu sein. Wer anderen hilft, hilft nicht unbedingt, automatisch und zwingend bloß, um seine Helferrolle zu genießen, die möglicherweise Anerkennung verschafft.

Egoismus ist eine Ich-Bezogenheit (das lateinische Wort „ego" heißt „ich"). Eigenliebe in dem Sinn, sich selbst zu lieben und für sich zu sorgen, kann eine gute Grundlage sein, auch andere Menschen lieben zu können und sich um ihr Wohlergehen zu kümmern. Eigene Interessen wahrzunehmen und einen Nutzen für sich selbst anzustreben, ist nichts an sich Verwerfliches, sondern zunächst einmal ein berechtigtes Ziel. In manchen Situationen kann ein Sorgen für das eigene Wohl als Selbstbehauptung für das eigene Überleben und Wohlergehen notwendig sein.

Schädlich ist ein bloß gieriger und tendenziell schrankenloser Egoismus. Rücksichtslos ist eine Eigennützigkeit und Selbstsucht, die Vorteile mit ausschließlichem Blick auf einen eigenen Nutzen auf Kosten anderer verfolgt und Interessen anderer grundsätzlich niemals als gleichermaßen berechtigt anerkennen mag. Dies läuft darauf hinaus, für sich selbst etwas zu fordern und versuchen durchzusetzen, was man anderen nicht ebenfalls zugesteht. Ein solcher Egoismus verletzt die Goldene Regel („Was du nicht willst, daß man dir tu, das füg auch keinem andern zu.") und ethische Prinzipien wie den von Immanuel Kant als Kriterium aufgestellten kategorischen Imperativ („Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne."). Ein wohlverstandenes Eigeninteresse kann durchaus zu einer Zusammenarbeit mit anderen führen, in der beide Seiten gewinnen. Eine solche Einstellung ist auch kein völliger Gegensatz zu einem Altruismus (die einfache Gegenüberstellung von Egoismus und Altruismus als sich ausschließende Alternativen ist hinderlich). Es ist also möglich, eine Verbindung von wohlverstandenem Eigeninteresse und anderen Interessen/einem Allgemeininteresse anzustreben, bei dem das Interesse letztlich zusammenkommt und sich ein Gewinn für mehrere (in einem optimalen Fall für alle) Seiten ergibt.

Zum Finden von Theorien ist eine einführende Übersicht über Theorien auf dem Gebiet der Ethik nützlich (eine Möglichkeit ist, in einer Bibliothek nach einem Buch darüber zu suchen).

Andere Kriterien als das Fehlen von Egoismus (bzw. Vorliegen von Altruismus) hat es in großer Zahl in Theorien gegeben, z. B.: richtiges Anstreben des Glücks (gutes und gelungenes Leben), Tugendhaftigkeit (Ausrichtung nach objektiven Werten und richtige innere Einstellungen wie z. B. Gerechtigkeit), Gewissen, Verantwortung, größtmögliches Glück der größtmöglichen Zahl als konkrete Form eines Nützlichkeitsprinzips (Utilitarismus), Verwirklichung eines in der Weltordnung gegründeten Guts (Naturrecht gehört zu diesem Ansatz), Übereinstimmung mit der (praktischen) Vernunft, Handeln nach Regeln, die in einem herrschaftsfreien Gespräch bei allen beteiligten vernünftigen Wesen Zustimmung erhalten könnten (Diskursethik; ein Ansatz, bei der Verfahren [der Verständigung] zu einem Kriterium wird) .

Hi, was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu. Moral hängt immer von der Sichtweise, Sitten und Gebräuche des Handelnden ab. Die Eskimos bspw. boten früher fremden Gästen ihre Ehefrauen an. GRund: Variation, Aufstockung ihres Genpools. Europäische Missionare fanden dies aber unmoralisch. Von: Gemeinnutz geht über Eigennutz - bis zu: Du bist nichts, Dein Volk ist alles - ist es nur ein kleiner Weg. Gruß Osmond

Es ist zu bezweifeln, dass Inuit sich mit Vergrößerung/Steigerung genetischer Möglichkeiten/Vielfalt beschäftigten.

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@deewee

Hi, siehe Link. lgO http://www.rundschau-online.de/html/artikel/1262692398574.shtml Zitat: Lebenspartner-Verleih

Irgendwo hört wohl jede Gastfreundschaft einmal auf, und so verleiht auch kein Eskimo mal eben seinen Lebenspartner an Touristen. Nein, ganz sicher nicht. Dieser Irrtum geht wohl auf einen Brauch zurück, der früher einmal als „Lampenlöschspiel“ bekannt war. Die Eskimos, die früher in kleinsten Gruppen und Gemeinschaften fernab jeglicher Zivilisation zusammenlebten, mussten verhindern, dass die Blutsverwandtschaft allzu eng wurde.

Deshalb war es üblich, benachbarte Gruppen zu besuchen, um dort Partner unter den Gastgebern auszuwählen. Hier ging es aber weniger um romantische Liebesbeziehungen oder lockere Sitten, sondern vielmehr um reine Zweckgemeinschaften, die das Überleben in den unwirtlichen Arktisregionen sichern helfen sollten. Später dann sorgten die ersten Walfänger für eine Blutauffrischung.

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Was ist Moral? Ethisches oder moralisches Handeln wird als gut betrachtet. Ethik und Moral sind, trotz Ausführungen vieler Philosophen, Nützlichkeitserwägungen und Nützlichkeitskonventionen. Diese sind auf mich selbst, auf das Individuum oder auf Gruppen bezogen. Somit ist moralisches Handeln tatsächlich egoistisch. Der Ursprung ist entwicklungsgeschichtlich oder historischgenetisch: Die 'Befindlichkeiten' erster Zellen in deren Millieu, führten im Laufe der Evolution, später durch Kultivierung zu Moral und Ethik. Verhaltensnormen sind nützlich zum Funktionieren von Gesellschaften. Es gibt moralisches Handeln. Sie haben in Ihrem Philosophiekurs neu und trefflich bewertet, die Konvention abgestreift. Das zeugt von Denken.

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