Ist mein Asperger Normal?

5 Antworten

Ja, Du bist völlig normal- auch als Asperger-Autistin.

Ich habe auch AS, wurde mit 26 diagnostiziert.

1. Ich bin auch gerne mit mir vertrauten Menschen unterwegs. Sie geben mir Sicherheit und Orientierung und durch sie kann ich eher besondere Events besuchen, als wenn ich sie nicht hätte. Mal abgesehen von einem Urlaub alleine in Schottland (14 Tage, da war ich 22, hatte noch keine Diagnose) bin ich fast nur mit mir vertrauten Personen unterwegs (Konzerte, Weihnachtsmärkte, Einkaufen, ...).
2. Ich bin auch gerne alleine. Das ist völlig normal, dass man Rücktzug braucht, Ruhe.
3. Das ist normal- Du bist ja älter und weißt um diese Schwäche bei AS und, was es Deinen Mitmenschen bedeutet. Wenn ich selbst spreche, kann ich besser in andere Augen sehen, beim Zuhören aber lenkt mich Blickkontakt zu sehr ab und ich sehe anderen auf die Stirn und "fake" Blickkontakt. Engsten vertrauten, die um AS wissen, die wissen, wenn ich sie gar nicht ansehe beim REeden geht es mir am Besten und ich bin voll auf sie konzentriert. Aber bei allen anderen Mitmenschen und fremden gebe ich mir Mühe, weil denen ja dieser Blickkontakt sehr viel bedeutet.
4. Ich auch, es entspannt. Ob bei Gesprächen (wie eben erwähnt) mit den engsten vertrauten oder wenn ich unterwegs bin- es ist angenehmer, als in Geichter starren zu müssen.
5. Ich überlebe das auch. Man plant seinen tag, überlebt es aber, wenn man Überstunden machen muss, die nicht angekündigt wurden, man überlebt es, wenn man eine Umleitung fahren muss nach Feierabend, weil andere einen unfall hatten und so weiter. AS zu haben bedeutet ja nicht, dass man zwingend derart strenge Routinen haben muss, dass man förmlich tausend Tode stirbt, wenn man 06:36Uhr statt 06:35 Uhr früh aufsteht... Aber- je nach dem, was sich wann und warum um wie lange verschiebt- da werde ich zum Beispiel nervös.
6. Ich auch- was völlig normal ist- für jeden Menschen.
7. Ich auch, aber ich habe Probleme damit, wenn andere mich unvorbereitet umarmen oder mich welche umarmen wollen, die ich nicht mag.
8. Ich auch. Es gibt introvertierte Asperger und extrovertierte Asperger. Pass nur auf, wem Du vertraust. Man neigt zur Naivität und erkennt oft schlechter im Vergleich zu Nichtautisten anhand von Mimik, Gestik, Körpersprache und Betonung der Worte, wer es ehrlich mit einem meint und wer nicht. Ich hatte viele Enttäuschungen- vor allem in der Zeit vor meiner Diagnose.
9. Das verstehen ist ja nicht das Problem bei AS, sondern es anderen anzusehen, es zu erkennen, wenn einer sagt, ihm geht es gut- dabei meint er komplett das Gegenteil. Bei engsten Vertrauten kann ich manchmal erkennen, wenn sie das Gegenteil von dem sagen, was sie fühlen- sonst aber nicht. Sagt man mir aber deutlich, wie es einem geht, kann ich zu 99% nachvollziehen, was los ist und helfe- auf rationaler Basis, weshalb viele zu mir kommen, weil ich ihnen (so sagen sie) tatsächlich helfe anstatt dumm daherrede, alles würde wieder gut werden und sie dann nur in den Arm nehme wie andere.
10. Geht mir ähnlich. Schlimmer ist es, wenn man angebrüllt wird- dann weine ich- aber weniger wegen der Situation selbst, sondern weil es eine emotionale Überforderung bzw. Reizüberflutung ist. Wichtig ist, dass Deine Familie und freunde darum wissen, dass sie sich nicht verarscht vorkommen, wenn ein ernstes Thema ansteht wie schlimmstenfalls ein Todesfall und Du unffreiwillig lächelst.

Mich hat ein Mann, als ich 8 Jahre alt war, nach einem Einkauf gepackt und quer über die Straße gezerrt- ich brüllte nur. ich wusste, jetzt ist alles aus- der bringt mich um. Passanten starrten nur- dieser Mann schrie nur: "Geh nach Hause"- wollte es wohl so ausshehen lassen, als wäre ich sein Kind. Keiner half mir- erst, als er vor einer kellertür nach seinem Schlüssel kramte, warf eine Frau aus dem oberen Stock einen Blumentopf runter und brülllte, ersolle das Kind (mich endlich in Ruhe lassen), was bewirkte, dass er (durch die vielen Passanten) ungehindert floh. Ich stand unter Schock- aber bei der späteren polizeilichen vernehmung musste ich läxcheln- obwohl innerklich alles in mir schrie, weinte, verzweifelt war... noch schlimmer war es, als meine Mutter mir unterstellte, dass mir das alles wohl gefallen haben muss, weil ich lächelte...

Sage Deinem Umfeld, dass Du in falschen Momenten lächeln musst. Verstehen werden sie es wohl nicht immer, aber sie werden wenigstens wissen, dass es in Dir völlig anders aussieht als dein Mund zeigt.

Ich finde auch recht schnell Anschluss bzw. finden mich andere Leute- aber echte Freunde sind wenige darunter. Wenn Du das große Glück hast, schnell echte freunde- nicht nur nette Leute und bekannte zu finden, wünsche ich Dir, dass Du diese Freundschaften halten kannst, denn Freundschaften zu halten ist weitaus schwerer für unsereins als Freunde zu finden. Vor allem, wenn man noch an der Quelle sitzt (Schule, Berufsschule, ...). Wenn man arbeitslos ist, was leider auf viele (mich zum Glück nicht) Asperger zutrifft, da ist es weitaus schwerer, Freunde zu finden, wenn alte Kontakte zusammengebrochen sind.

Du bist für mich jedenfalls völlig normal- auch für eine Asperger-Autistin.

Ich habe einige Menschen mit Autismus kennengelernt. Bei diesen handelte es sich zwar überwiegend um "frühkindliche" Autisten bzw. Menschen mit nicht näher definiertem Autismus, ich kann dir aber sagen, dass es zwar immer wiederkehrende Gemeinsamkeiten gibt, was auch nicht weiter verwunderlich ist, da die Diagnose Autismus ja auf spezifischen Symptomen basiert ( --> wechselseitige soziale Interaktion, wechselseitige Kommunikation, stereotype/repetetive Interessen/Handlungen), aber jeder Mitmensch mit Autismus eben auch (selbstverständlich!) ein Individuum ist und sich die "qualitativen" Abweichungen oben genannter Symptome in ihrer Ausprägung unterscheiden.  

Die Daseinsformen waren vielfältig: von Mitmenschen, nichtsprechend, stark im Stimming versunken und gerne unbehelligt und allein (...) über Menschen, die sich gerne mitten ins Geschehen begeben, sehr an ihrer Umwelt wie an ihren Mitmenschen interessiert sind (...), Menschen, für die angefasst werden wie eine Qual erscheint  (und warscheinlich auch ist) und Pflegesituationen sehr schwer zu ertragen sind bis hin zu Menschen, die einen zur Begrüßung umarmen, nur um ein paar von vielen Möglichkeiten zu nennen. Diese Vielfalt ist wunderbar und fernab der über Autismus vorherrschenden Klischees. 

Dasselbe gilt auch für Mitmenschen mit Asperger. Bei manchen würde man es in der Begegnung niemals vermuten, bei anderen merkt man Unterschiede. Ich kenne auch Beispiele, wo die betreffende Person gerne mal "einen saufen" und feiern geht während andere eher zum Einzelgängertum neigen.  

Was dich betrifft: deine Diagnose wurde (hoffentlich) von diesbezüglichen Fachkräften gestellt und bedeutet nicht, dass du dich in die sprichwörtliche "Autisten-Schublade" stecken lassen musst. Wenn du für dein Empfinden (und nur das ist wichtig) gut in und mit deinem Leben zurecht kommst, ist das doch wundervoll, und so klang dein Text beim Lesen für mich, du hast sehr positiv geschrieben und viele Stärken benannt. 

Zweifelst du denn wegen der von dir empfundenen Unterschiede zu anderen Menschen mit Asperger deine Diagnose an?   

Auch hier erwähne ich gerne "DEN Asperger-Autisten gibt es nicht".

Sprich: Unter ihnen gibt es die unterschiedlichsten Charaktere wie bei Nicht-Autisten es der Fall ist.

Was möchtest Du wissen?