Ist Identität beständig oder ändert sie sich?

...komplette Frage anzeigen

4 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Identität ist ein weiter und im Grunde noch ungeklärter Begriff.

Zum Teil ist die eigene Identität genetisch festgelegt. Es gibt beispielsweise eine Untersuchung, die zeigt, dass Menschen mit einem bestimmten Genom anderes auf bestimmte Situationen reagieren. Allerdings sind nicht mal Gene unverrückbar (siehe: Epigenetik)

Weiters entstehen Eigenschaften durch äußere Einflüsse auf das Gehirn während der Kindheit und die Psyche entsteht. Allerdings kann auch das während des fortschreitenden Lebens geändert werden. Und die Psyche ist ein überaus komplexes Gebilde, das zahlreiche Widersprüche aufweist und welcher von denen ist nun Teil der Identität.

Dazu gibt es biologische Programme, die unsere körperliche und auch pysichische Entwicklung festlegen, beispielsweise während der Pubertät. Dies kann enorme Auswirkungen auf uns haben und auch während der Jugend findet beispielsweise ein bemerkenswerter Umbau statt. Diese biologischen Programme laufen dabei immer ab und beeinflussen uns zudem (siehe: Sex sells, Pheromene, Hunger, Müdigkeit) auch in jeder einzelnen Situation. Wir sind immer von unserem Körper und seinen Bedürfnissen beeinflusst, werden also niemals ganz gleich handeln, weil sich dies immer ändert.

Dazu gibt es noch dinge wie Bakterien oder Viren, die uns beeinflussen, zum beispiel sind unter den Unfallopfern mehr Personen die mit bestimmten Erregern (kann mich an den Namen nicht erinnern) die sie risikobereiter machen. Oder beispielsweise Darmbakterien, die deine charakterlichen Eigenschaften beeinflussen können (zumindest tun sie das bei Mäusen in hohem Maße, siehe Darm mit Charme von Giulia Enders) und wenn isch diese ändern, ändert sich auch deine Identität (sehr gering)

Dazu gibt es noch die Frage was überhaupt 'Ich' ist. Was ist das Bewusstsein, mit dem du diese Identität erfährst und warum fühlst du dich als EINE Person, obwohl es im Gehirn nichts derartiges gibt. Es scheint sich hierbei um verschiedene Zustände zu handeln, die gemeinsam ein Gefühl ergeben und dich fühlen lassen, dass du und du vor drei Monaten ein und dieselbe seid. (Ich empfehle: Wer bin ich und wenn ja wie viele von Richard David Brecht)

Mein Fazit: Nein es gibt nichts was sich als eine beständige Identität beschreiben lässt, wenngleich einige Elemente darin beständig sein können oder zumindest ähnlich bleiben, sodass man damit halbwegs klarkommen kann.

Danke für die Auszeichnung

0

“Identität kann verstanden werden »als ein fundamentales Organisationsprinzip, das es Menschen ermöglicht, unabhängig von anderen zu funktionieren. Die Funktion der Identität dient dazu, zwischen sich und anderen zu unterscheiden, und erlaubt eine Vorhersehbarkeit und Kontinuität einer Person über Situationen und Zeit hinweg « (….) Die Verankerung der Identität in der eigenen Geschichte sowie die durch eine entwickelte Identität ermöglichte Vorhersehbarkeit des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns erfüllt weitere zentrale menschliche Bedürfnisse, beispielsweise nach Sicherheit, Selbstwirksamkeit, Autonomie, und ist die Voraussetzung für ein einigermaßen stabiles Selbstwerterleben.“ [2537]

Am Ende der mittleren Adoleszenz in seiner "Grundausstattung" abgeschlossen, bleibt die personale „Identität als Kohärenz (…) [mit dem Verweis auf] auf die Stimmigkeit eines moralischen und ästhetischen [wie ethischen, religiösen, politischen oder sonstwie weltanschaulichen] Maximensystems, an dem sich eine Person orientiert ….“
[2532] ein lebenslanger Verfeinerungs-, Verformungs- und Veränderungsprozess, der „…ein ständiges Aushandeln und Interpretieren innerhalb konkreter Interaktions-situationen entstehendes Fließgleichgewicht…“ impliziert. [2535]

„Identität ist keine statische Entität, sondern befindet sich als Ausdrucksmittel des Einzelnen und von Gruppen ständig im Fluss. Gleichzeitig sind Identitäten jedoch keineswegs beliebig wählbar, sondern sie unterliegen gesellschaftlichen Konventionen und langfristigen Strukturierungs-prozessen, die für den Einzelnen kaum durchschaubar sind“. [2576]

[2532] Straub, Deutungskonzept, S.284
[2535] Hill / Schnell, Identität, S.2, pdf. Version,
[2537] Dammann, et al., Identität, S.277
[2576] Scheeßel/Burmeister, Identifizierung sozialer Gruppen, S. 9

Anm.: Die präzisen Textstellen können bei Bedarf nachgereicht werden

Wie es scheint gibt es mehrere Ebenen oder Schichten von Identität. Wenn man sie aneinander- oder besser ineinanderreiht, dann beinhaltet eine die andere, von der gröbsten bis zur feinsten:

Angefangen bei äußerlichen, physischen Merkmalen. Diese sind am unbeständigsten. Sie sind integriert in die nächstfeinere Identität bestehend aus persönlichen Erfahrungen, die die Psyche ausmachen. Diese wiederum ist integriert in etwas, was wohl schon geburtlich (tlw. genetisch) angelegt ist, der Charakter. Er scheint am beständigsten, das ist das stabile Ich-Gefühl wie du es beschreibst. Innerhwalb eines Menschenlebens ist es auch i.d.R. beständig. Da jeder Mensch aber sterblich ist, ist auch der Charakter vergänglich und damit (aus "feinerer" Sicht) unbeständig.

Und jetzt kommt die feinste Identität, die alle o.g. Schichten beinhaltet, selbst aber nicht änderbar und auch nicht loaklisier- oder definierbar ist, da sie nicht an Raum und Zeit gebunden ist. Ich würde diese Ebene als ein "göttliche" bezeichnen, die zwar alle vergänglichen Phänomene beinhaltet und wahrnimmt, selbst aber von allem unberührt ist.

Zusammenfassend würde ich sagen es kommt auf die Persepektive an. Je nachdem wo (auf welcher Ebene) die Identität sich gerade befindet, ist sie mal absolut unbeständig und wechselhaft oder zeitlos beständig und "ewig".

Es geht hierbei nicht um ein entweder-oder, sondern um gleichzeitige, ineinander verwobene Existenz von Vergänglichkeit und Beständigkeit. Widersprüchlich wird es nur, wenn du die Ebenen trennst und meinst dich nur für eine entscheiden zu müssen, während aber alle gleichzeitig möglich sind...

Was möchtest Du wissen?