Ist Hobbes ein Anhänger des Naturrechts?

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Thomas Hobbes verwendet die Bezeichnungen Naturrecht und Naturgesetze (im Sinn von natürliche moralische Gesetze) bei seiner eigenen staatsphilosophischen Theorie.

Allerdings bekommt Naturrecht dabei eine andere Bedeutung und Hobbes weicht, auch wenn er in gewissem Sinn (Orientierung an der natürlichen Vernunft jedes einzelnen Menschen) als Vertreter eines Naturrechts eingeordnet werden kann, von der Tradition des Naturrechtsdenkens in bei sehr wichtigen Gesichtspunkten völlig ab. Das Naturrecht, wie es Hobbes entwickelt, gilt im Grunde unter Voraussetzungen (seine Befolgung entspricht Klugheit) und ist kein wahrhaft unbedingtes (kategorisches) Sittengesetz. Menschen kommen die friedensfunktionale Leistung des Rechts einsehen. Inhaltliche Normativität wird nicht hergeleitet. Bei Thomas Hobbes fehlen natürliche Reche in der Art von Menschenrechten bzw. Grundrechten. Woher die ethische Verbindlichkeit kommen soll, bleibt ziemlich unklar. Hobbes betrachtet das Recht und die Gesetze auch als von Gott geboren. Allerdings geht dies nicht über eine Setzung durch eine Willenshandlung hinaus.

In der Einteilung des Rechts unterscheidet Thomas Hobbes natürliches Recht und bürgerliches Recht (dem positiven Recht zugeordnet), was aus der Tradition übernommen ist. Allerdings nimmt er dabei einen Gegensatz zurück, indem er erklärt, das Gesetz der Natur und das bürgerliche Gesetz schlössen sich gegenseitig ein und seien von gleichem Umfang. Denn die natürlichen Gesetze, die im Naturzustand keine eigentlichen Gesetz seien, sondern Eigenschaften, die Menschen zu Frieden und Gehorsam hinleiten, würden im Staatszustand zu wirklichen Gesetzen, die dann staatliche Befehle und somit auch bürgerliche Gesetze seien (Leviathan 26). Hobbes ordnet auch die göttlichen (geoffenbarten) Gesetze den positiven Gesetzen zu, weil die göttlichen Gesetze weder von Ewigkeit her bestehen noch mit Hilfe natürlicher Vernunft erkannt werden. Diese Zuordnung ist in der Sache nur unter den Bedingungen möglich, daß sie den „moralischen“, in diesem Fall natürlichen Gesetzen nicht widersprechen und daß sie durch staatliche Gesetze zu göttlichen Gesetzen erklärt worden sind.

Der Gehorsam gegenüber den Souverän kann nach der Staatstheorie beendet werden (allerdings ohne eine Erlaubnis/Zulässigkeit des noch bestehenden Staates), wenn der Souverän seine Frieden und Ordnung schützende Aufgabe gar nicht mehr erfüllt.

Hobbes hält die Verteidigung des eigenen Lebens auch im Staat mit seinem Souverän für berechtigt (beruht auf dem Grundsatz der Selbsterhaltung, der ja der Grundpfeiler ist).

Rechtspositivismus: Jeremy Bentham, John Austin, Hans Kelsen, Herbert Lionel Adolphus Hart, Norbert Hoerster

Naturrecht: Marcus Tullius Cicero (in Anknüpfung an Gedanken bei anderen antiken Denkern wie Platon, Aristoteles und der Stoa), Thomas von Aquin, Francisco Suárez, Hugo Grotius, Samuel von Pufendorf, Christian Thomasius, John Locke, Christian Wolff, Jean-Jacques Rousseau

Mit Naturgesetzen meint Thomas Hobbes (heranzuziehen ist vor allem sein Werk „Leviathan, Teil1, Kapitel 14 – 15) natürliche Gesetze (englisch; natural laws, laws of nature; lateinisch: leges naturales). Das natürliche Gesetz ist eine aufgrund eines allgemeinen Grundsatzes verbindliche Vorschrift oder allgemeine Regel, welche die Vernunft lehrt, nach der niemand etwas unternehmen soll, was er als schädlich für sich selbst erkannt hat.

In der Staatsphilosophie von Thomas Hobbes spielen die Selbsterhaltung und das Eigeninteresse eine grundlegende Rolle. Das Streben nach Selbsterhaltung schließt nach seiner Auffassung die Bereitschaft ein, alle zur Verwirklichung dieses Ziels erforderlichen oder förderlichen Mittel zu erhalten und anzuwenden. Thomas Hobbes erklärt das menschliche Handeln insgesamt durch ein bindungsloses (keiner normativer Einschränkung unterliegendes) Selbstinteresse (es kann soziale Regungen einschließen, muß es aber nicht). Alle wünschen ihr Wohlergehen und haben die gleichen Leidenschaften. Hobbes beginnt bei den einzelnen Individuen und stellt eine egoistische Nutzenmaximierung als wesentlich dar. Natürliche Gesetze dienen diesen Zielen, weil damit Konflikte mit schädlichen Folgen vermeiden werden können. Ein gedachter Vertrag besteht darin, einen Staat zu bilden, der über Furcht Außenstabilisierung bewirkt und einen Friedenszustand herstellt.

Thomas Hobbes versucht eine rationale Ableitung der Notwendigkeit des Staates. Um aus dem Naturzustand herauszukommen und Frieden herzustellen, ist ein Staat notwendig. In einem Gesellschaftsvertrag aufgrund rationaler Kalkulation wird der Staat gegründet (als „politischer Körper“, eine künstliche Person, konstruiert) und ein Souverän übernimmt die Aufgabe, die Konflikte einzudämmen, die Wolfsnatur („homo homini lupus est“) durch Furcht niederzuhalten und Schutz zu bieten.

Ohne staatliche Ordnung befinden sich Menschen in einem Naturzustand. Konkurrenz, Misstrauen und Ruhmsucht prägen das Verhalten. Leidenschaften, Gier und rationale Vorsorge lassen dabei aggressives Verhalten nach der Überzeugung vom Thomas Hobbes erforderlich werden. Die Menschen müssen um ihr Leben fürchten, wünschen aber persönliche Sicherheit. Alle sind aus Gründen der Selbsterhaltung genötigt, Gewalt und List, die Raubsucht wilder Tiere, zu Hilfe zu nehmen. Es herrscht Krieg aller gegen alle (bellum omnium in omnes). Der Möglichkeit nach hat der Mensch ein raubtierhaftes Wesen (Vergleich mit einem Wolf: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf [homo homini lupus est]). Menschen sind deswegen schon aus Misstrauen genötigt, sich so zu verhalten, als ob die anderen aggressiv und ungerecht wären.

Das grundsätzliche natürliche Gesetz ist nach Thomas Hobbes, nichts sich selbst Schädigendes zu tun. Zur Überwindung des Kriegs aller gegen alle in einem fiktiven und abstrakten Naturzustand werden 2 oberste natürliche Gesetze aufgestellt:

1) Frieden suchen und, wenn keiner kommt, nach anderen Mitteln der Selbsterhaltung suchen

2) auf das Recht auf alles verzichten, sofern dies auch die anderen tun, und so viele Freiheiten einräumen, wie sie haben wollen (um mit dem Abgeben von Rechten andere Vorteile zu bekommen)

Ein gedachter Vertrag besteht darin, einen Staat zu bilden, der über Furcht Außenstabilisierung bewirkt und einen Friedenszustand herstellt. Dies geschieht durch Unterwerfung. Denn bei Hobbes stellt sich mit Hilfe eines auf Interessen reduzierenden Ansatzes nur die Alternative, den Naturzustand zu verlassen und in den Gesellschaftszustand einzutreten oder dies nicht zu tun. Ist der Eintritt einmal erfolgt, gibt es keine Optionen (Wahlmöglichkeiten) mehr, sondern nur noch Gehorsam als Ermöglichungsbedingung der Nutzenmaximierung.

Für Hobbes ist Sicherheit und damit Freiheit nur im Rahmen staatlich verfaßter Ordnung möglich, da nur innerhalb des Staates die Garantie von Rechten überhaupt denkbar ist. Die Individuen übertragen ihre Rechte dem Staat als Souverän in einem Gesellschaftsvertrag, der ein Unterwerfungsvertrag ist.

In Büchern stehen Erläuterungen der Gedanken, z. B.:

Bernard Willms, Thomas Hobbes. Das Reich des Leviathan. München : Zürich : Piper, 1987, S.125 – 152

Herfried Münkler, Thomas Hobbes. Frankfurt/Main; New York : Campus Verlag, 1993 (Campus Einführungen ; Band 1968), S. 80 – 137

Otfried Höffe, Thomas Hobbes. Original-Ausgabe. München : Beck, 2010 (Beck'sche Reihe ; 580), S. 112 – 174

S. 144: „Dieselben Naturgesetze, genauer: Vernunftgebote, kann man durchaus als göttliche Gebote verstehen. Der Grund liegt aber auch hier nicht in einem kategorial-überpositiven, sondern im Gegenteil in ihrem positiven Charakter: sie sind in der Heiligen Schrift als Wort Gottes geoffenbart.

Anton Hügli, Naturrecht. IV. Neuzeit 2: B. Spinoza, J.- J, Rousseau und die englische N.-Tradition von Th. Hobbes bis A. Smith: In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 6: Mo – O. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1984, Spalte 585 – 587 gibt an:

Hobbes beendet die Tradition, sich auf eine vom menschlichen Willen unabhängige Instanz (die Natur- und Schöpfungsnormen, der Wille Gottes, die in die Natur geschriebenen Neigungen und Normen) zu berufen.

Neue Grundlagen sind der Wille und die Einsicht der Einzelnen. Naturrecht (jus naturale) ist normative Begründung, wenn die bestehende staatliche Ordnung anerkannt werden soll, und affirmativer Einklang, wenn jeder die bestehende Ordnung zwangsläufig anerkennen muß. Natürliches Gesetz und alle, was aus ihm fließt, ist „law of nature“ und Gehorsamspflicht ein Teil davon.

Sich selbst zu schützen und zu verteidigen, wird als Naturnotwendigkeit betrachtet.

Natürliche Gesetze werden zu Recht, indem der mit höchstem Recht über alles gebietende Gott mit Recht verbietet und gebietet.

Der Hinweis auf Gott sei systemfremd.

Die Gleichsetzung von Macht und Recht drohe den zentralen Unterschied zwischen normativer Begründung und hervorgehender Schlußfolgerung, zwischen auf freiwilligem Vertrag beruhender Geltung und faktischer Erzwingbarkeit vollends zu vernichten.

François Tricaud, Thomas Hobbes, Doxographie. In: Die Philosophie des 17. Jahrhunderts. Band 3: England. Erster Teilband. Völlig neubearbeite Ausgabe. Herausgegeben von Jean-Pierre Schobinger. Basel : Schwabe, 1988 (Grundriß der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg ; Abteilung 4, Band 3.1), S. 149 – 160 gibt an:

Jeder hat das Recht, alles zu tun, was er in Hinblick auf die gegenwärtige oder zukünftige Selbsterhaltung für nützlich hältm und über diese Nützlichkeit entscheidet nur er allein.

Regeln, deren Befolgung die Bedrohung abzuwenden vermag, die der Mensch für den Menschen darstellt, bilden nach Hobbes ein „law of nature“ und das Naturrecht ist unschuldiger und blinder Egoismus.

Ein legitimes Recht, sein Leben zu verteidigen, bleibt unveräußerlich.

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