Ist Hannah Arendt unter Juden unbeliebt?

3 Antworten

Daß die Verbrechen des Nationalsozialismus (und anderer totalitärer Regime: Stalinismus, Pol Pot) nicht entschuldbar sind, steht außer Frage.

Vielleicht verwechseln aber manche Menschen Banalität mit Bagatelle. H. Arendt hat gezeigt, daß Eichmann und Konsorten keine Dämonen waren, die vor dem Spiegel ihre Teufelsfratze eingeübt haben, sondern daß ihre teuflischen Verbrechen Ergebnis kühler, rationaler und damit wenig emotionaler Überlegung waren.

Sie haben ihre Todeslisten geführt, wie ein Buchhalter seine Bilanz führt. Genau das ist mit Banalität gemeint.

Der Nachbar, der immer freundlich grüßt, mit dem ich mich über den Gartenzaun angeregt unterhalte, dessen Bücherregal gelesene! Klassiker enthält, könnte in einer anderen möglichen Welt ein KZ-Aufseher sein, der mich zusammen mit anderen Häftlingen in eine Gaskammer schickt.

Ein Gedanke, den die meisten Menschen verdrängen oder als lächerlich abtun. Denn die letzte Konsequenz wäre, daß vielleicht sie und ich selbst dazu fähig wären und dieser Gedanke muß in der untersten Schublade mit der Aufschrift „Tabu“ verschwinden.

Als Stanley Milgram in den USA sein Abraham-Experiment durchgeführt hatte, mußte er zum Teil auch Kritik dafür einstecken. Und aus demselben Grund.

Im Bezug auf Eichmann hat Hanna Arendt sich ganz sicher geirrt, und ihr Buch war schlecht recherchiert. Sie war ja nicht einmal bei der gesamten Gerichtsverhandlung dabei

Eichmann hat bei seiner Verteidigung gelogen, was das Zeug hielt. Insbesondere stellte er die haaresträubende Behauptung auf, er habe die Juden nur in die Vernichtungslager gebracht, doch er habe dann nicht gewusst, was mit ihnen passiert.

Was übrigens unter anderem dadurch wiederlegt ist, dass er persönlich z.b. Auschwitz besuchte...

Eichmann behauptete von sich auch, er habe in Befehlsnotstand gehandelt. Die Wahrheit ist, dass Eichmann einigen Erfindungsgeist in die Umsetzung des Völkermordes legte, und dass er immer wieder Vertreter anderer Ämter, die z.B. Juden als Zwangsarbeiter brauchten, austrickste, um mit seinem völkermord voranzukommen. Ganz konkret verlangten immer wieder Leute, die mit "kriegswichtiger" Produktion beauftragt waren, zwangsarbeiter am Leben zu lassen, und Eichmann lehnte das ab.

Dazu trickste er auch noch, um eine höhere Autorität zu bekommen, als er eigentlich hatte. d.h. er ging sehr kreativ und umtriebig vor, um seine "Aufgabe" zu erfüllen, von Befehlsnotstand konnte keine Rede sein.

Auch die andere These betreffs Judenräte war schlecht recherchiert und unrealistisch. Die Idee, dass man es einfach hätte anders machen können unterschätzt die kriminelle Energie der Deutschen. Diese haben erstens ständig gelogen und falsche Versprechungen gemacht, und zweitens waren sie völlig skrupellos, wenn ihnen in einem Judenrat jemand nicht gehorchte, war der des Todes. Übrigens haben auch relativ viele Mitglieder der Judenräte Selbstmord begangen, weil sie in einer ausweglosen Situation war. Das betraf nicht nur Adam Czerniakow von Warschau, der lieber Selbstmord beging als menschen zur Deportation nach Treblinka zu bestimmen.

Natürlich haben die Deutschen die these von Hannah Arendt gerne aufgesogen, weil sie das Gefühl hatten, dass diese Thesen sie entlasten.

Weitgehend hat die Geschichtswissenschaft Arendts thesen heute widerlegt.

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Im Bezug auf Eichmann hat Hanna Arendt sich ganz sicher geirrt, und ihr Buch war schlecht recherchiert.

Ihr Buch war nicht schlecht recherchiert. Das Buch basiert auf dem Material, was sich in den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeitn so zusammentragen ließ und es war wichtig es zu schreiben, weil es einfach reichlich Erklärungsbedarf gab, genau so wichtig wie es war, den Inhalten später als man es besser wussten in Teilen zu widersprchen.

Die Idee, dass man es einfach hätte anders machen können unterschätzt die kriminelle Energie der Deutschen.

Damit bin ich nun alles andere als einverstanden, als Deutscher habe ich für meinen Teil nicht das Bedürfniss Juden zu schikanieren.

Ersetze "Deutsche" hier bitte durch "Nazis" und ihre Satrapen in Form der mitwirkenden Elemente der Bevölkerung außerhalb der NSDAP.

Natürlich haben die Deutschen die these von Hannah Arendt gerne aufgesogen, weil sie das Gefühl hatten, dass diese Thesen sie entlasten.

Das wiederrum ist Unfug. Im Vergleich dazu, was von Deutscher Seite sonst so publiziert wurde, musste die "Banalität des Bösen" die Deutschen reichlich vor den kopf stoßen, weil es spätestens nach diesem Buch nicht mehr möglich war alles auf den Schnauzbärtigen zu schieben und die Mitwirkung weiter Kreise der Bevölkerung zu verdrängen.

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@Regenschirm235
Ihr Buch war nicht schlecht recherchiert. Das Buch basiert auf dem Material, was sich in den Wirren der unmittelbaren Nachkriegszeitn so zusammentragen ließ und es war wichtig es zu schreiben, weil es einfach reichlich Erklärungsbedarf gab, genau so wichtig wie es war, den Inhalten später als man es besser wussten in Teilen zu widersprchen

Zufällig weiss ich, dass der Staatsanwaltschaft im Eichmann-Prozess die Sassen-Papiere schon vorlagen, die die These des Befehlsnotstandes etc. sehr gründlich widerlegen. Hätte Arendt die gesamten Unterlagen des Prozesses gründlich studiert, wäre sie darauf gestossen.

zeugen sagten auch aus zu Eichmanns Besuch in Auschwitz.

Die Idee, dass man es einfach hätte anders machen können unterschätzt die kriminelle Energie der Deutschen.
Damit bin ich nun alles andere als einverstanden, als Deutscher habe ich für meinen Teil nicht das Bedürfniss Juden zu schikanieren.

Es waren die Deutschen als Besatzungsmacht in Polen, in der UdSSR, und in zahlreichen weiteren Ländern Europas. Sie haben auch Handlanger rekrutiert, die keine Deutschen waren. Aber insgesamt war das, was dort geschah, Ausdruck des Willens des deutschen Staates, der damals "Grossdeutsches Reich" hiess.

Nicht alle Deutschen, die dabei mitgemacht haben, waren überzeugte Nazis, siehe dazu die verschiedenen Arbeiten zu den verschiedenen Polizeibataillons, die Tausende, Zehntausende, Hunderttausende Menschen erschossen haben. Nicht alle Mörder dieser Bataillons waren unbedingt Nazis.

Ich glaube dir gerne, dass du heute kein Bedürfnis verspürst, Juden zu schickanieren, und das freut mich sehr. das heisst aber nicht, dass es 1933 bis 1945 nicht deutsche Staatsdoktrin war, Juden zu schikanieren.

daher ist die Bezeichnung "Deutsche" in diesem Kontext völlig adäquat, und wenn dich das stört, dann beschwere dich bei den Deutschen, die 1933-45 die Nazis gewählt, beim Nazi-Staat und dessen Verbrechen mitgemacht haben, ihn unterstützt haben, davon profitiert haben.

Bei mir bist du mit deiner Beschwerde an der falschen Adresse. Ich hätte mir gewünscht, die Geschichte wäre anders verlaufen, dann wären zahlreiche meiner Familienangehörigen am Leben geblieten.

Kriminelle Energie, mit der die Deutschen von 1933 bis 1945 Juden schikanierten, diskriminierten, plünderten, versklavten und ermordeten: sie gingen sogar in Klöster, um jüdischen Kindern nachzustellen, die dort versteckt waren, und töteten die, die sie fanden.

Die Deutschen liessen wirklich keinen Stein umgedreht, es war ihr erklärtes Zeil, alle Juden Europas zu ermorden.

Die Deutschen liebten die These des "Befehlsnotstandes" - wenn sogar Eichmann im Befehlsnotstand war, dann konnten sie daraus folgern, dass alle anderen Deutschen erst Recht "unschuldig" waren.

das ist übrigens auch eine these, die sich auf skandalöse Art und Weise durch sämtliche Prozesse in Deutschland zieht, wo immer wieder Massenmörder, die Tausende von Menschen unmittelbar auf dem Gewissen hatten, entweder frei gesprochen oder nur zu lächerlichen Strafen verurteilt wurden... Für Mord an hunderten, tausenden von Menschen, eigenhändig, durch erschiessen, so zwischen 4 und 8 Jahre Gefängnis, von denen meist nur die Hälfte abgesessen wurde...

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@Regenschirm235

Nun, wir wissen es inzwischen besser; und auch Arendt hätte es wissen können. Hatte doch Eichmann, nachdem er mit Hilfe des Vatikans nach Argentinien geflüchtet war, sich gegenüber seinem SS-Kumpan Willem Sassen gebrüstet: „Hätten wir 10,3 Millionen Juden getötet, dann wäre ich befriedigt und würde sagen, gut, wir haben einen Feind vernichtet. (…) Ich war kein normaler Befehlsempfänger, dann wäre ich ein Trottel gewesen, sondern ich habe mitgedacht, ich war ein Idealist gewesen.“

Damit hat Eichmann erfasst, was Arendt entging. Die großen Verbrechen der Moderne werden von Idealisten begangen. Die Verbrecher selbst mögen banale Existenzen sein, das Böse aber liegt in den Ideen, die sich ihrer bemächtigen und die keineswegs banal sind.

Warum Hannah Arendt die Macht des Antisemitismus, den sie am eigenen Leib zu spüren bekommen hatte, ausgerechnet dort unterschätzt, wo er seine tödliche Konsequenz entfaltete, bleibt unklar.

Klar ist hingegen, dass die Mär von der „Banalität des Bösen“ im Land der Täter dankbar aufgegriffen wurde.

Wie viel angenehmer war es, über das Verschwinden von Verantwortung und Moral im technokratischen Verwaltungsstaat und die Gefahr künftiger Untaten (etwa der USA) zu räsonnieren als über die eigene Anfälligkeit für einen Rassenwahn zu reden, der das Böse zum Guten erklärte.

https://www.welt.de/kultur/history/article11974228/Adolf-Eichmann-Warum-das-Boese-nicht-banal-ist.html

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Ich habe vor einiger Zeit den Dokumentarfilm "Die Unsichtbaren" gesehen. Er handelte vom Schicksal jüdischer Menschen, die während des Krieges in Deutschland untergetaucht waren. Am Ende des Filmes erzählte ein Überlebender, dass er nach dem Krieg gefragt wurde, ob er die Deutschen nicht hasste und dass er das absolut verneinen musste, da er die Erfahrung gemacht hatte, dass deutsche Menschen ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um ihn zu verstecken. Wenn er mit der kriminellen Energie der Deutschen gerechnet hätte, wäre er vermutlich umgekommen. Diese Leute mussten praktisch an eine andere Seite auch im Deutschen glauben. Ich wende mich nur gegen Paüschalisierung obwohl ich glaube, dass es eher eine missglückte Ausdruckweise ist, aus der Situation heraus, wo man sich mit den Betroffenen identifiziert. Ich fühle mich eigentlich persönlich nicht angegriffen aber vielleicht auch nur deshalb, weil ich mich gut eingebunden fühle mit Menschen, die mir etwas anderes spiegeln.

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@Sylta

Ich verstehe nicht, warum sich die Deutschen von heute dagegen wehren, dass man sagt, dass es damals "die Deutschen" waren.

wenn heute nur 11 Leute aus der deutschen Fussballnationalmannschaft die Fussball-WM gewinnen, dann sagen alle "Wir haben gewonnen"... dabei hat keiner von denen gespielt.

1933 bis 1945 waren weit mehr als 11 Deutsche an den Verbrechen beteiligt, denen Millionen von unschuldigen Menschen zum Opfer fielen. Die verbrechen wurden auf Anordnung des deutschen Staates begangen, und der deutsche Staat und seine Bevölkerung profitierten ja auch von den Vermögenswerten,die dort geplündert wurden.

Die Kleider der erschossenen bei den Massenerschiessungen und jene der erstickten in den Gaskammern, inklusive Unterwäsche, kamen der deutschen Volkswohlfahrt oder "Winterhilfe" zu Gute.

Das muss man sich vorstellen: die Deutschen befahlen ihren Opfern noch, sich auszuziehen, bevor sie sie erschossen oder mit Gas vergifteten, aus Gier, weil sie ihre Unterwäsche haben wollten. Und überall in Deutschland liefen Leute mit dieser Unterwäsche herum.

Aus Auschwitz wurden jede Woche mehrere Züge voll geplünderten Gutes zurück nach Deutschland geschickt. Und das waren nur die Koffer, die die Ermordeten mit sich trugen. Die Wohnungen und deren Einrichtung wurden ja auch von den Deutschen geplündert und Besitz genommen.

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@stranger5431

Wer will sich dagegen wehren??? Und durch welche Aussage von mir kommst Du darauf?

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Anstoß an der totalitarismustheorie wurde von vielen schlicht und ergreifend deswegen genommen, weil sie das Buch überhaupt nicht gelesen hatten, sondern nur den Titel und daher davon ausgingen Frau Arendt wollte damit die Verbrechen des Nationalsozialismus bagatellisieren "Banalität".

Das dürfte heute nicht mehr aktuell sein, zumal sich die Totalitarismustheorie als solche Ohnehin ein ganzes Stück vernutzt hat.

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