Ist George Berkeley wirklich ein Emipirist?

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2 Antworten

Die Begriffe „Empirismus“ oder „Empirist“ sind Sammelbegriffe, Schubladenbegriffe, die helfen sollen, etwas Ordnung in die Vielfalt philosophischer Ideen zu bringen. So gibt es nicht DEN EMPIRISTEN, sondern es kommt immer darauf an, wer aus welcher Perspektive einen Philosophen in die Schublade EMPIRIST tut. Gleiches gilt für Begriffe wie „Rationalist“ oder „Idealist im philosophischen Sinn“, denn nicht jeder Idealist ist auch ein Idealist im philosophischen Sinn. So gibt es Philosophen wie Kant, Aristoteles oder die späte Stoa, die in dem einen Schubladensystem in der Schublade EMPIRIST abgelegt werden, in einer anderen Schubladenordnung unter EMPIRIST oder REALIST oder bei manchen sogar in beiden, dann manchmal unterteilt in „früh“ und „spät“. Erst recht am Ende der Scholastik, als die Kirche und die auf deren Staatsverständnis gerechtfertigte Macht der Feudalherren machtgefährdende Äußerungen teils sehr hart verfolgten, zumindest auch im eher liberaleren England über die akademischen Aufstiegschancen bestimmten (woran z.B. noch David Hume gescheitert ist), kann man nicht sicher sein, welche verschrobenen Winkelzüge nur ein Versteckspiel vor der Inquisition waren, welche anzeigten, dass auch Philosophen, wenn sie sich aus der scholastischen Haut lösen wollten, immer noch aus Überzeugung auch scholastische Fetzen mit sich herumschleppten. Dass z.B. Locke vom geächteten Epikureismus infiziert war, ist unstrittig. Doch gab es in der immer noch scholastisch-spekulativen Mainstream-Philosophie kaum Möglichkeiten, solche Fragen offen auszudiskutieren. Diese Situation muss man auch im Kopf haben, wenn man Berkeleys Versuche beurteilen will, eine eigenständige, aus der Scholastik herausgelöste Philosophie einerseits mit Erfahrung beginnen zu lassen um sie dann als reine Projektion eigener Glaubenswurzeln im Schutze der Kirche der offenen Diskussion zu entziehen.

Seine eigene Art der Bindung an die christliche Religion kommt in seinem Bestreben zum Ausdruck, auf den Bermuda-Inseln eine Kolonie zu gründen mit dem Zweck, einmal den Eingeborenen das Christentum zu bringen und mit ihnen das Beispiel eines einfachen und natürlichen Lebens zu verwirklichen, dessen Strahlkraft auch Europa auf den rechten Weg führen sollte. Man merkt, dass für den späteren Bischof sein Empirismus keinesfalls in einen gottlosen Materialismus münden durfte. Wenn Berkeley Lockes Philosophie so interpretiert, dass nach dessen Meinung den vom Verstand gebildeten komplexen Ideen nicht Wirkliches entspricht, dann wäre bei Akzeptanz für den gläubigen Berkeley der komplexe Begriff GOTT nicht existent.

Jetzt konnte Berkeley nach Locke und Isaak Newton die Bedeutung von Wahrnehmung und Erfahrung als Grundlage unseres Denkens nicht mehr so einfach in Abrede stellen. Ihm kam aber entgegen, dass Wahrnehmen, Erfahren in der Ablösung aus der Scholastik stark auf das Individuum bezogen wurde, das passiv als Spiegel oder Katalysator einen materiellen Input von außen in Begriffe und damit in Denkbares umsetzte, was in Grundzügen noch bei Kant und Schopenhauer festzustellen ist.  Die Funktion des Schwamms oder Katalysators als Bewusstsein = Geist umzudeuten und diesen göttlichen Teil des Menschen als den wahren Betrachter und Ordner der äußeren göttlichen Schöpfung umzudefinieren (was schon Nikolaus von Kues so dargestellt hat), war ein logischer Schritt. So ist dann mit einem Mal die reale Welt weggezaubert in reine Empfindung eines kleinen Geistes im Erkennen des großen Geistes. Über die Brücke dieses extremen Individualismus des Erkennens, letztlich zusammengeführt über die Gemeinschaft im großen göttlichen Geist, gelingt es Berkeley Wahrnehmung, Erfahrung zwar als Grundlage unseres Bewusstseins bestehen zu lassen, doch es ist eine durch das Materielle hindurchgreifende Aktion des Geistes. Er verwandelt letztlich die Impression in eine Projektion, indem er behauptet, dass jede Impression nur eine Projektion sei. So hat er seinen Gottglauben gerettet und der Materie den Garaus gemacht.

Das Zaubertor dahin von der Erfahrung eines Locke zur reinen Projektion (die teilweise noch in Kants oder Schopenhauers „vorgestellter Welt“ zu finden ist) ist die Gleichschaltung von Bewusstsein und Geist als göttlicher Substanz. So wird Gott in die reale Welt hineingezaubert als Schöpfer und Kinovorführer, der uns als gemeinsame Kinobesucher einen Film als Realität auf die Leinwand des Bewusstseins zaubert. Den Film wiederum halten wir für eine reale Erfahrung. In dieser Erzählform wird die Nähe zum Höhlengleichnis erkennbar und die Frage aufgeworfen, wieweit Berkeleys anfängliche Erfahrungsbetonung nur ein dem Mainstream in England gefälliger Trick ist, ausschließlich durch die Hintertür den „reinen Geist“ zu behaupten (!) mit einer idealen Welt der reinen Vorstellung. So gesehen würde ich letztlich Berkeley als gemogelten Empiristen und in Wirklichkeit verkappten Idealisten bezeichnen. Ist er auch ein Rationalist? Wenn Gott als der alles beherrschende Geist den Film von der Welt getextet und geschnitten hat und nur unserem Bewusstsein wie einen Film über die Leinwand Bewusstsein vorführt, dann ist auch unsere Rationalität eine Betrogene, die sich rational vorkommt, obwohl sie nur im Kino sitzt.

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Kommentar von berkersheim
19.04.2016, 13:46

Korrektur: Im ersten Absatz - 9. Zeile heißt es fälschlicherweise:

"in einer anderen Schubladenordnung unter EMPIRIST oder REALIST oder bei manchen sogar in beiden,"

da muss es korrekterweise heißen

"in einer anderen Schubladenordnung unter EMPIRIST oder IDIALIST oder bei manchen sogar in beiden,"

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Ja das ist möglich, Ich würde es eher eine Zwischenposition nennen, die Kant ja auch einnimmt. Nach heutigen Maßstäben ist das kein Empirismus, aber gemessen am vorher herrschenden Rationalismus ist das schon ein wichtiger Schritt dahin.

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