Ist es normal, dass man als Russlanddeutscher oft Identitätskrisen hat?

26 Antworten

Hallo!

Viele meiner Freunde sind Russlanddeutsche, meistens sogar schon hier geboren oder zumindest als Kleinkind mit maximal zwei-drei Jahren nach Deutschland gekommen ------> und viele von ihnen wissen, dass sie in Deutschland "der Russe" sind und in Russland für die Verwandten "der Deutsche". Zumindest an zweien aus meinem Freundeskreis nagte das schon sehr & sie fühlten sich zwischen zwei Kulturen.. einerseits die deutschen Freunde und die deutsche Umgebung, andererseits russisch-sprechende Eltern daheim, die mental und ideell noch in der GUS leben. Aber auch sie haben es geschafft, einer spätestens zu dem Zeitpunkt an dem er ein deutsches Mädchen aus einer alteingesessenen Familie von hier kennenlernte & es auch geheiratet hat :)

Auch ich selbst kenne das Thema von mir wenngleich in schwächerem Umfang.. stamme aus einer jugoslawischen Familie & meinem 1964 geborenen Onkel muss es als Jugendlicher genauso gegangen sein, auch ich (Jahrgang 1990) habe mich als schon verloren gefühlt ------> für die meisten Deutschen bin ich auch heute noch, obwohl keiner mehr drüber redet und es keine Anfeindungen gibt wie noch zu meiner frühen Realschulzeit, "der Jugo" und für die Verwandten dort sind wir "die Deutschen".. wir gehören zwar dazu, werden nicht gemobbt und fallen nicht auf, aber wir gehören nirgends zu 100 Prozent dabei.. obwohl man bei mir z.B. auch keinen Akzent hört, man kriegt's letzten Endes nur durch den Namen raus oder wenn man es weiß. 

Ich kann damit aber umgehen ------> weil ich gelernt habe, beides als Vorteil anzusehen.. einmal meine familiäre Herkunft und einmal, dass ich in Deutschland lebe und arbeite. Und ich fühle mich auch zu 100 Prozent als Deutscher ------> zum ehemaligen Jugoslawien habe ich keine tiefere Bindung, ich spreche nur sehr rudimentär serbo-kroatisch und kenne es nur von zwei Urlaubsreisen sowie Erzählungen und Fotos oder den langen Telefonaten, die mein Opa mit seinen Geschwistern oder Halbgeschwistern auf serbo-kroatisch führte :) Ich merke zwar, dass ich von der Mentalität her mit den "Deutschen" nicht soooo viel gemeinsam habe & hier und da doch der "Südländer" bzw. "Osteuropäer" ganz klar durchscheint, aber ich fühle mich dennoch als Deutscher.

Dir rate ich dazu zu stehen und danach zu gehen, wie du dich fühlst bzw. zu welchem Land und welcher Kultur du eine größere Verbindung hast. Wenn du dich deutsch fühlst und auch mit Russland nicht viel verbindest, vllt. sogar noch nie dort warst und nur kaum oder wenig russisch sprichst, solltest du zu Deutschland stehen & umgekehrt bezogen auf Russland.

Alles Gute :)

Leider ist das ein haeufiges Phaenomen, vor allem bei Kindern von Zuwanderern, auch bei den hier Geborenen der naechsten Generation. Sie leben zwischen zwei (oder mehr) Welten. Oft sind auch die Eltern keine grosse Hilfe, da sie selbst damit klarzukommen haben. Am schlimmsten ist es, wenn versucht wird, ein ueber hundertprozentiger Deutscher mit Gewalt zu werden. Das geht ganz sicher schief. Von der Herkunftskultur komplett loesen klappt auch nicht. Das erzeugt alles automatisch Widersprueche. Die beste Variante ist, man macht sich selbst klar, dass man ein Individuum ist, mit mehr Moeglichkeiten als der Durchschnitt. Nimm die Vorteile beider Welten, lass die Nachteile soweit wie moeglich weg, und sei ein selbstbewusster Mensch mit eigener Identitaet. Ich bin Bewohner Deutschlands mit Herkunft XXXXX. das ist was Besonderes. Das bin ICH. Ich stehe nicht nur dazu, ich lebe es. Nimm mich als Beispiel, ich bin ein Produkt von VIER Welten. Viele meiner Gewohnheiten sind Asiatisch, meine Mentalitaet ist basismaessig Latino/Karibisch. Meine Systematik ist oft Europaeisch, wenn ich es fuer richtig empfinde, ansonst eher Karibisch. Ich kann typische Speisen aus mindestens acht Laendern zubereiten und spreche genausoviele Sprachen. Glaubst Du, ich habe eine Identitaetskrise? Nicht die Bohne, aber meine hier geborenen Kinder haben. Ich habe wirklich alles versucht, ihnen zu helfen, eine eigene Persoenlichkeit zu finden, bei dem Einen hats mehr oder weniger geklappt, bei Anderen weniger. Ich habe auch gar nicht versucht, sie zu ueberfordern, sie gezwungen, viele Sprachen zu benutzen, aber ich habe sie ermuntert, mindestens DREI zu sprechen, quasi als Parallel Muttersprachen, Und Selbstbewusstsein gepaart mit Toleranz zu entwickeln.   

Was ist denn "deutsche Kultur"? Was ist "russische Kultur". Mit Sicherheit gibt es niemanden, der nur Aspekte einer Kultur in sich trägt. Es mag Teil der deutschen Kultur sein, pünktlich zu erscheinen, aber ist Döneressen auch ein Teil der deutschen Kultur? Goethe zu kennen, ist Teil der deutschen Kultur, aber kennt jeder Deutsche Goethe? 

Du gehörst hierhin, weil du schon lange hier lebst. Aber du hast genauere Kenntnis über Russland und die dortigen Gepflogenheiten als andere Deutsche. Und was dir an Verhaltensweisen aus Russland gefällt, kannst du doch einfach beibehalten.

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