Ist es nicht unmoralisch, ältere Menschen wegen Mitschuld am Holocaust noch vor Gericht zu ziehen?

37 Antworten

unmoralisch sicher nicht. So etwas wird schon im Rechtssystem berücksichtigt. Wenn die nicht mehr haftfähig sind, wird die Haft nicht vollzogen. Nur es sind erwachsene Menschen, die haben etwas verbrochen und die sind jetzt Jahre frei gewesen, trotz ihrer schuld. Und Mord verjährt ja nicht. Das Gesetz sieht gar nicht vor, daß Leute ab einem bestimmten Alter nicht mehr verurteilt werden können. Klar, das ist jetzt einfach nur Show, quasi um zu zeigen, daß Deutschland so etwas nicht billigt und knallhart dagegen vorgeht. Und ich gebe zu, man könnte darüber streiten, ob es gerecht ist, die jetzt noch zu verurteilen, weil zu dem Zeitpunkt, als er die Straftat begangen hat, auch Mord noch verjährt ist. Nur die Abschaffung der Verjährung wurde halt durchgeführt, kurz bevor sämtliche NS-Straftäter davon gekommen wären. Sicher auch, damit man sich nicht der Schmach ausliefert, wenn die sich plötzlich frei dazu bekennen und triumphieren, daß man sie nicht mehr belangen kann. Und unser gesetz besagt, daß eine Straftat erst dann verjährt ist und verjährt bleibt, wenn sie einmal verjährt war. Also wenn die Verjährungsdauer per Gesetz rechtzeitig verlängert wird, bevor die Straftat verjährt ist, gilt auch für diese Straftat die neue Verjährungsfrist. Deshalb hat man da eigentlich keinen Handlungsspielraum und muß so ein offizialdelikt verfolgen und angemessen aburteilen. Das soll ja auch abschreckende Wirkung haben. Wer ein Kapitalverbrechen begeht, muß sich dessen bewußt sein, daß er sein ganzes Leben lang unter der Strafverfolgung leiden muß.

Was mich natürlich etwas ärgert, so ein 94jähriger wurde ja jetzt zu 6 Jahren Haft verurteilt. Und bei den deutschen Haftbedingungen glaube ich sogar fast, daß es das beste ist, was ihm passieren konnte. Andere in dem Alter brauchen auch betreutes Wohnen und zahlen dafür viel (die Kassen übernehmen ja nur einen Teil entsprechend der Pflegestufe). Viel unterwegs sein, wird man in dem Alter eh nicht. Der bekommt im Gefängnis sein Essen, hat einen Schlafplatz, kommt so sogar etwas unter Menschen, während andere in dem Alter zwar nicht einsitzen, aber trotzdem stärker isoliert sind... Also eher fände ich es in sofern unfair, daß ihm das nun auf Steuerkosten widerfährt, wofür andere Leute viel bezahlen.

Dieser Ärger ist vergleichbar gering zu dem den sie anderen zugefügt haben, daher finde ich die Strafverfolgung angebracht. Gäbe es eine Altersgrenze könnte man ja ab dieser alles (straffrei) tun.

Wäre das 3, Reich nicht gestürzt worden, bestünde es noch fort, gäbe es sicher keine Strafverfolgungen für diese Taten.

Kein Ergebnis des Strafrechtes eher eines der politischen Veränderung.

Letztendlich erledigt sich diese Problematik durch Zeitablauf. Ich vermute mal, dass die meisten inzwischen verstorben sind ohne sich jemals für ihre Taten rechtfertigen zu müssen.

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Oh, da ist ein Loch im Geschichtsbewusstsein und ich bin augenblicklich ohne Beleg, sehe es aber wie Wurzelstock...

Zur 'moralischen' Schuldfähigkeit der Nazis...
Es gab den unermüdlichen "Simon Wiesenthal", dessen Initiative zur Aufdeckung untergetauchter Nazis sehr erfolgreich war. Dazu hatten die deutschen Behörden in der Aufarbeitung der alten Nazigreuel nur oberflächliche Erfolge. Man spürte die Unlusst der Deutschen (so schien es ganz offenbar), nach Kriegsende nun auch die schlimmsten Nazis zur Rechenschaft zu ziehen.
Bis in unsere Zeit waren die juristischen Verteidiger ziemlich erfolgreich mit dem Argument: "Ja, mein Mandant (der grausame Nazi) hatte ja gar keine Schuld! Er konnte sich nicht gegen die Übermacht der Partei und der Befehle stellen, er MUSSTE gehorchen!Dazu musste man wissen, dass so manche entscheidenen Juristen auch schon in der Nazizeit "Recht" gesprochen hatten...!

Und in dieser Zeit, 50/60er Jahre, gab es einen Umschwung im Rechtsbewusstsein in Deutschland und man kam zum Schluss, dass man sich nun nicht mehr nur pauschal hinter der Befehlstreue verstecken könne. Es konnte und musste auch das eigene, menschliche Unrechtsbewusstsein zum Ausrauben, Quälen und Töten unschuldiger Bürger aufgrund ihrer Rasse angesetzt werden. Zumal man genügend überzeugende Beweise vorlag, dass jene Nazis sehr wohl ein solches Unrechtsbewusstsein hatten. Weltweites Aufsehen erzeugte damals der Prozess 1961 gegen "Adolf Eichmann", den Verwalter des Todes. Bitte vielleicht nicht nur bei Wiki nachlesen.

= Man nahm die deutsche Trägheit zur Naziverfolgung auch in Deutschland nicht mehr hin und erkannte die Verantwortung jedes Einzelnen für seine menschenverachtenden Taten im Dritten Reich, zumal in Hinsicht der bekannten Gesetze zu den "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".
Und so wandelte sich auch der Ansatz moralischer Bewertungen der realen Nazitaten jedes damaligen Täters. Für diesen Vortrag fehlen mir nun also griffige Daten/Zahlen aus der Geschichte, man möge also bitte bei Simon Wiesenthal, Adolf Eichmann, Hannah Arendt, Demjanjuk und vielleicht entsprechenden Geschichtsbüchern selbst nachblättern. Darüber hinaus lohnt es sich (mnchmal) dann doch, die eigenen Großeltern zu fragen. Etliche Begebenheiten haben in den familiären Erzählungen überdauert.

Ich sehe allerdings sejr wohl eine große moralische Schuld und Verpflichtung aller Nazis, auch der befehlsausführenden Schergen, an den grauenvollen Menschenvernichtung teilgehabt zu haben. Daraus folgere ich auch moralisch die volle strafrechtliche Verantwortung. Es gab damals eben auich Menschen, die sich eben aus den genannten Gründen NICHT schuldig machten. Der Soldat, der zum Todesschuss im Standrecht befohlen war, wurde nicht verfolgt, wohl aber Betreiber des Naziunrechts und ganz sicher die bekannten Freiwilligen und grausamen Schlächter.

Hallo!

Ich finde zwar das nicht unmoralisch, da Straftaten schon der Verfolgung bedürfen, aber erst recht nach dieser Zeit nüchtern betrachtet eigentlich unnütze. Die betagten Herren, die da verknackt werden sollen, sind entweder Pflegefälle oder geistig nicht mehr wirklich auf der Höhe... und da sie sowieso nicht in Haft kommen aufgrund ihrer meist sehr schlechten gesundheitlichen Verfassung, sind das Prozesse, die nur den Steuerzahler Geld kosten.. auch in der Unterbringung in Pflegeheimen bzw. bezogen auf die Betreuung, da so alte Leute nicht mehr "gefängnisfähig" sind. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ich persönlich habe das Thema erstmals 2009 am Fall von John Demjanjuk - was ja durch sämtliche Medien ging - erfahren & fand es spontan einfach nur abstoßend. Jemand, bei dem - sorry!! - mit einigem Menschenverstand sehr gut absehbar ist dass er seinen eigenen Prozess im Verhältnis 2:1 nicht mehr er- oder überlebt bzw. dass er aufgrund schlechter gesundheitlicher Verfassung bzw. Alzheimer/Demenz usw. nicht mehr in Haft genommen werden kann, sondern ein reiner Pflegefall ist, sollte echt in Ruhe gelassen werden. Ist z.B. John Demjanjuk nicht sogar gestorben, bevor es überhaupt zu einem Urteil gekommen ist? Ich meine da war was... weiß es aber nicht mehr.

Vllt. bin ich zu jung um mir darüber ein Urteil erlauben zu dürfen - bin 26 - aber ich sehe den Sinn dahinter einfach nicht. Auch wenn da schreckliche Taten passiert sind: Ich habe was gegen die Vorstellung, so alte, kranke und schwache Leute vor den Kadi zu ziehen für Taten, die 70-75 Jahre zurückliegen. 

Da geht eigentlich es nur um die politische Korrektheit bzw. darum, dass man sich noch immer schuldig fühlt und sich ewig in dieser Rolle suhlt bzw. das dem Rest der Welt zu beweisen. Das zeigte auch am Beispiel von John Demjanjuk auf, dass ihm keine konkreten Taten zugeschrieben werden konnten & er nur stellvertretend für andere angeklagt wurde --------> hat für mich 'nen bitteres Nachgefühl. Ohne ihn verteidigen zu wollen: Sein Pech war, dass er im Gegensatz zu seinen damaligen "Kollegen" 2009 noch am Leben war. Man suchte schlicht einen Schuldigen.. wäre Demjanjuk es nicht gewesen, man hätte einen anderen von irgendeinem Zipfel der Welt einbestellt.

Man sollte das wirklich eines Tages ad acta legen können.. das zeigte mehr Würde als ständig drauf rumzureiten. Erst recht, wenn eines Tages keiner der damals Aktiven mehr lebt bzw. keine Zeitzeugen mehr da sind, sollte man es spätestens auf die Geschichtsbücher begrenzen. Aber ich kann mir in dem wahnhaften Bestreben um die "political correctness" durchaus vorstellen, dass der Staat dann die Nachkommen damaliger Aktiven versucht dranzukriegen, nur um aller Welt zu zeigen, dass man sich bis in alle Ewigkeit schuldig fühlt.

Sorry für meine deutlichen Worte, aber das ist meine ganz neutrale Ansicht.


fand es spontan einfach nur abstoßend

Abstoßend ist, wie Menschen sich mit Massenmördern solidarisieren.

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Da geht eigentlich es nur um die politische Korrektheit

Die "politische Korrektheit" ist ein politischer Kampfbegriff der Rechten, um moralische Empfindungen und Handlungen oder gar um die Durchsetzung deutschen Rechts argumentationslos abzuwerten. Eine Worthülse, der es an  Aussagekraft mangelt.

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und sich ewig in dieser Rolle suhlt

Niemand "suhlt" sich in einer Rolle. Ganz stumpfes rechtes Vokabular.

Die Bereitschaft der Deutschen zur Aufarbeitung der Verbrechen gehört zu den größten kulturellen Errungenschaften. Sehr viele  Staaten kämpfen heute noch mit den massiven gesellschaftlichen Konflikten und Problemen, die aus einer nie versuchten Aufarbeitung resultieren.

Viel weniger bedeutendere   Dinge wirken in den Genen und in unserem kollektiven Gedächtnis weit über eine oder zwei Generationen hinaus. Der Massenmord an Millionen von Zivilisten ist Teil und bleibt Teil unserer Gesellschaft. Wer das nicht versteht hat gar nichts verstanden. Oder hat die Verbrechen immer noch nicht realisiert.

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wahnhaften Bestreben um die "political correctness" durchaus vorstellen, dass der Staat dann die Nachkommen damaliger Aktiven versucht dranzukriegen

Wieder dieses stumpfe rechte Vokabular. "Wahnhaft" ist wohl nur, die Durchsetzung deutschen Rechts als "wahnhaft" zu bezeichnen.

Wahnhaft ist außerdem die groteske Unterstellung Menschen könnten zu Unrecht belangt werden, nur weil sie verwandt sind.

Hier zeigt sich eine ideologische Denkweise, die man als  bedenklich bezeichnen muss rotesand.

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