Ist es nicht unmoralisch, ältere Menschen wegen Mitschuld am Holocaust noch vor Gericht zu ziehen?

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36 Antworten

Oh, da ist ein Loch im Geschichtsbewusstsein und ich bin augenblicklich ohne Beleg, sehe es aber wie Wurzelstock...

Zur 'moralischen' Schuldfähigkeit der Nazis...
Es gab den unermüdlichen "Simon Wiesenthal", dessen Initiative zur Aufdeckung untergetauchter Nazis sehr erfolgreich war. Dazu hatten die deutschen Behörden in der Aufarbeitung der alten Nazigreuel nur oberflächliche Erfolge. Man spürte die Unlusst der Deutschen (so schien es ganz offenbar), nach Kriegsende nun auch die schlimmsten Nazis zur Rechenschaft zu ziehen.
Bis in unsere Zeit waren die juristischen Verteidiger ziemlich erfolgreich mit dem Argument: "Ja, mein Mandant (der grausame Nazi) hatte ja gar keine Schuld! Er konnte sich nicht gegen die Übermacht der Partei und der Befehle stellen, er MUSSTE gehorchen!Dazu musste man wissen, dass so manche entscheidenen Juristen auch schon in der Nazizeit "Recht" gesprochen hatten...!

Und in dieser Zeit, 50/60er Jahre, gab es einen Umschwung im Rechtsbewusstsein in Deutschland und man kam zum Schluss, dass man sich nun nicht mehr nur pauschal hinter der Befehlstreue verstecken könne. Es konnte und musste auch das eigene, menschliche Unrechtsbewusstsein zum Ausrauben, Quälen und Töten unschuldiger Bürger aufgrund ihrer Rasse angesetzt werden. Zumal man genügend überzeugende Beweise vorlag, dass jene Nazis sehr wohl ein solches Unrechtsbewusstsein hatten. Weltweites Aufsehen erzeugte damals der Prozess 1961 gegen "Adolf Eichmann", den Verwalter des Todes. Bitte vielleicht nicht nur bei Wiki nachlesen.

= Man nahm die deutsche Trägheit zur Naziverfolgung auch in Deutschland nicht mehr hin und erkannte die Verantwortung jedes Einzelnen für seine menschenverachtenden Taten im Dritten Reich, zumal in Hinsicht der bekannten Gesetze zu den "Verbrechen gegen die Menschlichkeit".
Und so wandelte sich auch der Ansatz moralischer Bewertungen der realen Nazitaten jedes damaligen Täters. Für diesen Vortrag fehlen mir nun also griffige Daten/Zahlen aus der Geschichte, man möge also bitte bei Simon Wiesenthal, Adolf Eichmann, Hannah Arendt, Demjanjuk und vielleicht entsprechenden Geschichtsbüchern selbst nachblättern. Darüber hinaus lohnt es sich (mnchmal) dann doch, die eigenen Großeltern zu fragen. Etliche Begebenheiten haben in den familiären Erzählungen überdauert.

Ich sehe allerdings sejr wohl eine große moralische Schuld und Verpflichtung aller Nazis, auch der befehlsausführenden Schergen, an den grauenvollen Menschenvernichtung teilgehabt zu haben. Daraus folgere ich auch moralisch die volle strafrechtliche Verantwortung. Es gab damals eben auich Menschen, die sich eben aus den genannten Gründen NICHT schuldig machten. Der Soldat, der zum Todesschuss im Standrecht befohlen war, wurde nicht verfolgt, wohl aber Betreiber des Naziunrechts und ganz sicher die bekannten Freiwilligen und grausamen Schlächter.

Ist es nicht unmoralisch, ältere Menschen wegen Mitschuld am Holocaust noch vor Gericht zu ziehen?

Nein. Es ist unmoralisch, das erst jetzt zu tun, es nicht schon vor Jahrzehnten getan zu haben.

Immerhin sind diese Leute schon sehr alt, und wenn sie dann ihre letzten Jahre im Bau verbringen müssen...

Was würdest Du dazu sagen, wenn jemand vor Jahrzehnten Deine Tochter vergewaltigt und ermordet hätte und erst jetzt erst in hohem Alter gefasst würde?

Die Leute haben Jahrzehnte in Freiheit verbracht, sich eine Existenz aufgebaut, oft viel besser gelebt als die Angehörigen ihrer Opfer. Es gibt keinen Grund, ihnen die Konfrontation mit den Verbrechen, an denen sie beteiligt waren, zu ersparen. Sie sollen froh sein, dass sie nicht kurz nach dem Krieg gehängt wurden, was nicht nur den schlimmsten Mördern, sondern durchaus auch Mitarbeitern widerfahren ist, die selbst nicht gemordet oder gar gefoltert haben.

Es muss außerdem keinesfalls jeder seine letzten Jahre im Bau verbringen. Wer nicht haftfähig ist, muss das nicht. Zeugnis aber muss er ablegen.

unmoralisch sicher nicht. So etwas wird schon im Rechtssystem berücksichtigt. Wenn die nicht mehr haftfähig sind, wird die Haft nicht vollzogen. Nur es sind erwachsene Menschen, die haben etwas verbrochen und die sind jetzt Jahre frei gewesen, trotz ihrer schuld. Und Mord verjährt ja nicht. Das Gesetz sieht gar nicht vor, daß Leute ab einem bestimmten Alter nicht mehr verurteilt werden können. Klar, das ist jetzt einfach nur Show, quasi um zu zeigen, daß Deutschland so etwas nicht billigt und knallhart dagegen vorgeht. Und ich gebe zu, man könnte darüber streiten, ob es gerecht ist, die jetzt noch zu verurteilen, weil zu dem Zeitpunkt, als er die Straftat begangen hat, auch Mord noch verjährt ist. Nur die Abschaffung der Verjährung wurde halt durchgeführt, kurz bevor sämtliche NS-Straftäter davon gekommen wären. Sicher auch, damit man sich nicht der Schmach ausliefert, wenn die sich plötzlich frei dazu bekennen und triumphieren, daß man sie nicht mehr belangen kann. Und unser gesetz besagt, daß eine Straftat erst dann verjährt ist und verjährt bleibt, wenn sie einmal verjährt war. Also wenn die Verjährungsdauer per Gesetz rechtzeitig verlängert wird, bevor die Straftat verjährt ist, gilt auch für diese Straftat die neue Verjährungsfrist. Deshalb hat man da eigentlich keinen Handlungsspielraum und muß so ein offizialdelikt verfolgen und angemessen aburteilen. Das soll ja auch abschreckende Wirkung haben. Wer ein Kapitalverbrechen begeht, muß sich dessen bewußt sein, daß er sein ganzes Leben lang unter der Strafverfolgung leiden muß.

Was mich natürlich etwas ärgert, so ein 94jähriger wurde ja jetzt zu 6 Jahren Haft verurteilt. Und bei den deutschen Haftbedingungen glaube ich sogar fast, daß es das beste ist, was ihm passieren konnte. Andere in dem Alter brauchen auch betreutes Wohnen und zahlen dafür viel (die Kassen übernehmen ja nur einen Teil entsprechend der Pflegestufe). Viel unterwegs sein, wird man in dem Alter eh nicht. Der bekommt im Gefängnis sein Essen, hat einen Schlafplatz, kommt so sogar etwas unter Menschen, während andere in dem Alter zwar nicht einsitzen, aber trotzdem stärker isoliert sind... Also eher fände ich es in sofern unfair, daß ihm das nun auf Steuerkosten widerfährt, wofür andere Leute viel bezahlen.

Ich finde, du lässt hier etwas ganz Wichtiges außer Acht. Zwar werden diese Menschen angeklagt, doch nur weil sie vor Gericht stehen, sind sie nicht automatisch schuldig. Das, sowie eine Strafe (wenn nötig), entscheidet allein das Gericht.

Zumal gibt es die Gelegenheit für Aufklärung (vor allem für Angehörige der Opfer), Täter-Opfer-Ausgleich, und es ist ein Zeichen nach außen, dass solche Taten nicht ungerechtfertigt bleiben. Bezüglich deren Gesundheitszustands, kann ein Gutachter bewerten, ob der Angeklagte termin- oder vernehmungsunfähig ist, oder nicht.

Mal ehrlich, das ist doch reine Farce den Leuten jetzt noch nen Prozess zu machen. Direkt nach dem zweiten Weltkrieg kam es da auch nur zu ganz wenigen Prozessen. Und warum? Weil niemand ein Interesse daran hatte. Die Allierten brauchten Deutschland, weil der neue Feind die Sowjetunion war.

In meinen Augen ist das reine Show was da heute geschieht. Den Leuten wird der Prozess gemacht weil sie keiner mehr braucht. Damals nach dem zweiten Weltkrieg sah es aber anders aus bei den Politikern. Also damals war es nicht wichtig, jetzt auf einmal aber schon? Verarschen kann ich mich alleine, für mich ist das nur PR..

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@Dominik986

Nein, es geht darum, den Strafbestand des Verbrechens gegen die Menschlichkeit zu bearbeiten, der nun einmal nicht verjährt. Was würde unsere Verfassung sonst für einen Sinn enthalten, wenn sich der Staat nicht daran hielte? Dabei geht es seit 1951 nur noch um Hauptschuldige und Belastete.

Damals wurde im Potsdamer Abkommen die Entnazifizierung beschlossen und später durch das Kontrollratsgesetz geregelt. Die Kriegsverbrecherprozesse übernahmen allerdings mehrheitlich die Alliierten, deutsche Gerichte hatten nur manchmal die Befugnisse, urteilen zu dürfen. Zudem ist es für ein System, das von einem bestimmten Denken durchflutet ist, schwierig, sich wieder selbst davon zu befreien.

Die Überordnung anderer alliierter Ziele gegenüber der Verfolgung von Kriegsverbrechern war schlussendlich in der Tat ein Problem. Doch ist es doch gut, dass versucht wird, diese bisher verdrängten Fälle nun trotzdem noch einmal aufzuarbeiten.

Ich finde es besser, nicht wegzuschauen, denn sonst würde man den Eindruck ausstrahlen, die verübten Straftaten wären ohne Weiteres verzeihbar.

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Alter schützt vor Strafe nicht. Wenn sie an Morden beteiligt waren, muss das gesühnt werden. Wenn sie aufgrund des Alters haftunfähig sind, müssen sie nicht ins Gefängnis.

Im Dritten Reich wurden auch haufenweise Kinder und Alte ermordet. Darauf haben die Täter keine Rücksicht genommen!

Es geht darum ihre Schuld/Unschuld gerichtlich zu verarbeiten. Da Mord nicht verjährt ist diese Aufarbeitung notwendig.

Das Alter ist hier nebensächlich, das wird erst bei der Frage Gerichtsfähigkeit und Straffähigkeit relevant.

In aller Regel wird gegen Tote nicht ermittelt, jedoch im aktuellen Fall des verstorbenen Serienmörders geht es um die Frage gab es Mittäter und wer waren unbedingt seine Opfer um Ermittlungen abzuschließen und den Hinterbliebenen Antworten zu geben.

Ich denke, hier muss man differenzieren.

Auf der einen Seite ist es in jedem Fall zu begrüssen, wenn Straftäter auch nach langer Zeit vor Gericht gestellt und bestraft werden.

Auf der anderen Seite denke ich, machen wir es uns heute zu einfach, denn die wahren Schuldigen sind schon lange tot und vielfach ungeschoren davongekommen. Die Leute, die heute vor Gericht gestellt werden, waren damals allesamt ganz kleine Lampen.

Sie waren damals junge Männer um die 20, die vor der Frage standen, ob sie durch den Dienst im Lager, dem Dienst an der Front entgehen können. Vor diesem Hintergrund machen wir es uns zu einfach, wenn wir die Mitarbeit in einem KZ schon pauschal als Beihilfe zum Massenmord ansehen. Diese Form der Verallgemeinerung kann ich nicht gut heissen, da sie den grundsätzlichen Prinzipien des Rechtsstaates widerstrebt.

ob sie durch den Dienst im Lager, dem Dienst an der Front entgehen können

Richtig. Nur mein Onkel hatte diese Wahl nicht. Er musste nach Russland.

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@Dahika

Ich will hier auf den Prozess gegen Oskar Gröning hinaus.

Mein Vater hatte diese Wahl auch nicht. Er wurde Ende 44 als 17-jähriger nach Ungarn geschickt.

Und um ehrlich zu sein, ich kann jeden verstehen, der hier das Lager gewählt hat.

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unmoralisch finde ich dabei nur, dass sie jetzt erst verknackt werden sollen. schliesslich hatten sie, trotz ihrer taten, ein normales, oft wahrscheinlich sogar ein gutes leben. es ist unmoralisch von der gesellschaft, sich so lange mit der strafverfolgung zeit gelassen zu haben.

annokrat

Hallo!

Ich finde zwar das nicht unmoralisch, da Straftaten schon der Verfolgung bedürfen, aber erst recht nach dieser Zeit nüchtern betrachtet eigentlich unnütze. Die betagten Herren, die da verknackt werden sollen, sind entweder Pflegefälle oder geistig nicht mehr wirklich auf der Höhe... und da sie sowieso nicht in Haft kommen aufgrund ihrer meist sehr schlechten gesundheitlichen Verfassung, sind das Prozesse, die nur den Steuerzahler Geld kosten.. auch in der Unterbringung in Pflegeheimen bzw. bezogen auf die Betreuung, da so alte Leute nicht mehr "gefängnisfähig" sind. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Ich persönlich habe das Thema erstmals 2009 am Fall von John Demjanjuk - was ja durch sämtliche Medien ging - erfahren & fand es spontan einfach nur abstoßend. Jemand, bei dem - sorry!! - mit einigem Menschenverstand sehr gut absehbar ist dass er seinen eigenen Prozess im Verhältnis 2:1 nicht mehr er- oder überlebt bzw. dass er aufgrund schlechter gesundheitlicher Verfassung bzw. Alzheimer/Demenz usw. nicht mehr in Haft genommen werden kann, sondern ein reiner Pflegefall ist, sollte echt in Ruhe gelassen werden. Ist z.B. John Demjanjuk nicht sogar gestorben, bevor es überhaupt zu einem Urteil gekommen ist? Ich meine da war was... weiß es aber nicht mehr.

Vllt. bin ich zu jung um mir darüber ein Urteil erlauben zu dürfen - bin 26 - aber ich sehe den Sinn dahinter einfach nicht. Auch wenn da schreckliche Taten passiert sind: Ich habe was gegen die Vorstellung, so alte, kranke und schwache Leute vor den Kadi zu ziehen für Taten, die 70-75 Jahre zurückliegen. 

Da geht eigentlich es nur um die politische Korrektheit bzw. darum, dass man sich noch immer schuldig fühlt und sich ewig in dieser Rolle suhlt bzw. das dem Rest der Welt zu beweisen. Das zeigte auch am Beispiel von John Demjanjuk auf, dass ihm keine konkreten Taten zugeschrieben werden konnten & er nur stellvertretend für andere angeklagt wurde --------> hat für mich 'nen bitteres Nachgefühl. Ohne ihn verteidigen zu wollen: Sein Pech war, dass er im Gegensatz zu seinen damaligen "Kollegen" 2009 noch am Leben war. Man suchte schlicht einen Schuldigen.. wäre Demjanjuk es nicht gewesen, man hätte einen anderen von irgendeinem Zipfel der Welt einbestellt.

Man sollte das wirklich eines Tages ad acta legen können.. das zeigte mehr Würde als ständig drauf rumzureiten. Erst recht, wenn eines Tages keiner der damals Aktiven mehr lebt bzw. keine Zeitzeugen mehr da sind, sollte man es spätestens auf die Geschichtsbücher begrenzen. Aber ich kann mir in dem wahnhaften Bestreben um die "political correctness" durchaus vorstellen, dass der Staat dann die Nachkommen damaliger Aktiven versucht dranzukriegen, nur um aller Welt zu zeigen, dass man sich bis in alle Ewigkeit schuldig fühlt.

Sorry für meine deutlichen Worte, aber das ist meine ganz neutrale Ansicht.


fand es spontan einfach nur abstoßend

Abstoßend ist, wie Menschen sich mit Massenmördern solidarisieren.

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Da geht eigentlich es nur um die politische Korrektheit

Die "politische Korrektheit" ist ein politischer Kampfbegriff der Rechten, um moralische Empfindungen und Handlungen oder gar um die Durchsetzung deutschen Rechts argumentationslos abzuwerten. Eine Worthülse, der es an  Aussagekraft mangelt.

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und sich ewig in dieser Rolle suhlt

Niemand "suhlt" sich in einer Rolle. Ganz stumpfes rechtes Vokabular.

Die Bereitschaft der Deutschen zur Aufarbeitung der Verbrechen gehört zu den größten kulturellen Errungenschaften. Sehr viele  Staaten kämpfen heute noch mit den massiven gesellschaftlichen Konflikten und Problemen, die aus einer nie versuchten Aufarbeitung resultieren.

Viel weniger bedeutendere   Dinge wirken in den Genen und in unserem kollektiven Gedächtnis weit über eine oder zwei Generationen hinaus. Der Massenmord an Millionen von Zivilisten ist Teil und bleibt Teil unserer Gesellschaft. Wer das nicht versteht hat gar nichts verstanden. Oder hat die Verbrechen immer noch nicht realisiert.

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wahnhaften Bestreben um die "political correctness" durchaus vorstellen, dass der Staat dann die Nachkommen damaliger Aktiven versucht dranzukriegen

Wieder dieses stumpfe rechte Vokabular. "Wahnhaft" ist wohl nur, die Durchsetzung deutschen Rechts als "wahnhaft" zu bezeichnen.

Wahnhaft ist außerdem die groteske Unterstellung Menschen könnten zu Unrecht belangt werden, nur weil sie verwandt sind.

Hier zeigt sich eine ideologische Denkweise, die man als  bedenklich bezeichnen muss rotesand.

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Oberflächlich gesehen, hast du recht. 90 j. Männer vor Gericht zu sehen, ist schon komisch.

Aber dann denke ich mir, dass dieselben Männer vor 70 Jahren keine Probleme damit hatten, 90 j. Männer in die Gaskammern zu schicken. Oder kleine Babys.

Von daher finde ich es richtig. Bei dem Gedanken an die Opfer verstummt mein Mitleid augenblicklich.

Ach ja, und eine Wahl hatten diese Männer immer. Ok, die Alternative wäre Stalingrad gewesen, die Ostfront. Da war natürlich das für sie sichere Ausschwitz natürlich die angenehmere Variante. Aber die Geschichte: "ich musste ja," ist längst widerlegt.

Mach also nicht die Täter plötzlich zu den armen Opfern.

Ich habe ein Problem mit Fragen nach der Moral.
Sie ist so ein künstliches Konstrukt für mich.

Die Menschen, die im KZ umkamen hat auch wohl keiner gefragt, ob sie das moralisch in Ordnung finden, dort bis zum Tod zu schuften oder vergast zu werden.

Keine andere Wahl? Ich denke nicht, dass es selbst da nur ein "mach was dir befohlen wird oder es geht die schlecht gab".
Aber ich kann mir - dank der Erziehungsmethoden und dem Drill in den Schulen sowie Kasernen - über Jahre oder gar Jahrzehnte, deren Gehirn so manipuliert wurde, dass sie dachten, sie hätten keine andere Wahl.

Rein pragmatisch gesehen bringt eine Bestrafung (außer den Unterbringungskosten = Einnahmen fürs Gefängnis sowie dem Finanzamt) gar nichts.
Weder gelangen die betreffenden Herren bis zum Lebensende zur Einsicht, dass sie falsch gehandelt haben noch macht es diese grausamen Taten ungeschehen.

Das mit dem Alter ist ein gutes Argument. Ich meine, die Wahrscheinlichkeit, dass solche Leute nicht mehr allzu lange leben, ist hoch. Das Alles lohnt sich eigentlich nicht mehr(Der ganze Prozessaufwand und Weiteres). Doch das Gesetz hat nun mal Recht und es muss durchgesetzt werden, sonst wäre es ja sinnlos und würde nicht mehr gebraucht werden, wenn Taten nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Die Moral spielt daher eine untergeordnete Rolle, wenn es nach der Gerechtigkeit geht. Eine Strafe muss schon irgendwie sein, auch wenn sie sehr spät kommt. Ich denke aber auch, dass es auf den Einzelfall ankommt. Wenn jetzt z.B. herauskommt, dass Herrn X im Alter von 99 eine Straftat nachgewiesen wird, die vor 70 Jahren stattfand, und dieser Herr halbwegs im Sterben liegt oder irgendeine schwere Krankheit hat oder sonst was, dann wäre es sinnlos, sich darüber weiter zu beschäftigen. Da fängt die Moral dann an :)

Ich möchte dich bitten, einige Dinge zu bedenken:

Die ganzen Prozesse der letzten Zeit beziehen sich allesamt nicht auf direkte Tatbeteiligungen sondern ausschliesslich auf die Anwesenheit der Angeklagten in den Lagern zur Zeit der Vorfälle.

Das Demjanjuk-Urteil war insofern wegweisend, als dass hier ein Wandel in der Rechtsprechung stattfand. Seit diesem Urteil wird die bloße Anwesenheit in einem solchen Lager schon als Beihilfe zum Mord angesehen. Eigens für die Verfolgung der NS-Verbrecher wurde die Verjährungsfrist für NS-Morde zweimal verlängert und letztlich im Jahr 1979 ganz aufgehoben.

Recht, Gesetz und gängige Rechtsprechung sind keine festen Größen sondern wurden gerade in diesem Zusammenhang nach Belieben angepasst. Nach rechtsstaatlichen Prinzipien, anhand derer Verjährungsfristen nicht rückwirkend geändert werden können, wäre de Verfolgung dieser Taten ab 1966 nicht mehr möglich gewesen.

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@Interesierter

Doch wo fängt dann die Moral an? Man kann nach meiner Ansicht nicht nur auf den Tatbestand und die Sachlage achten. Es ergibt für mich wenig Sinn, im uraltem Alter Leute zu verurteilen, die entweder "nur mal so" zu jener Zeit in einem KZ waren und dort "gearbeitet" hatten. Zudem ist es ja nicht klar, ob es bewusst gemacht wurde oder nicht. Oder vllt. Zwang? Dies kann man nicht mehr 100% nachweisen und alte Leute in den letzten Jahren für so etwas anzuklagen, halte ich für sinnlos, da wie gesagt, Vieles unschlüssig ist und außerdem das Leben der Angeklagten ggf. "bald" vorbei sein könnte. Es kommt halt auf den Einzelfall an, wie oben auch schon erwähnt :)

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Ich bin Jahrgang 1924 und habe die Zeit erlebt, könnte also auch auf der Anklagebank sitzen. Zum Glück habe ich den Werbern der SS widerstanden, die uns mit 17 ständig umgarnten, uns freiwillig zur SS zu melden. Hätte ich mich freiwillig gemeldet, säße ich vielleicht heute auch auf der Anklagebank. Ich wurde Soldat der Wehrmacht und habe 5 meiner besten Jahre als Soldat und Kriegsgefangener verloren.

Wenn ich zurückdenke an die verschiedensten Gefangenenlager, so würde ich wohl niemanden der damaligen Wachmannschaften erkennen und beurteilen können, wie er sich verhalten hat.

Deshalb sehe ich es als wenig sinnvoll an, Männer meines Alters anzuklagen. Wem nutzt das? Wie können sich die Ankläger in die damalige Zeit versetzen, die sie nicht erlebt haben? Wie können sich Zeugen an die alten Männer erinnern, die sie als junge Burschen gekannt haben? Hat ein SS Mann, der in der Schreibstube eines KZs saß nicht sein Leben lang in der Angst gelebt entdeckt zu werden?

Zum Glück sind die letzten der damaligen Generation bald ausgestorben. Ich frage mich, was wird dann aus den Anklägern?

Als unmoralisch würde ich das nicht sehen, denn unmoralisch waren die Taten, die sie eventuell begangen haben.

Allerdings ist es sinnlos 90jährige auf die Anklagebank zu setzen, denn keiner kann noch die ggf. verhängte Strafe noch verbüßen.

Es sind rein demonstrative Handlungen.

Für die Opfer sind diese "rein demonstrativen Handlungen" sehr wichtig.
Endlich wird ihr Leiden anerkannt und das sie Opfer von Verbrechen wurden. Darum geht es heute in erster Linie.

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@Dackodil

Ja, ich weis, aber dieses Denken ist mir fremd. Entweder etwas bringt mir einen direkten, zählbaren (monetären) Vorteil, oder ich lasse es. Ich wurde selbst schon Opfer von Straftaten. NAchdem ich wusste, dass ich keine Schadenersatz bekommen würde, mangels Leistungsfähigkeit des Täters, habe ich mich nicht gekümmert. also auch keine Anzeige erstattet. Hätte nur Arbeit gemacht.

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Unmoralisch war, unschuldige Menschen zu vergasen, verhungern zu lassen, durch Arbeit zu töten und was der Perversitäten mehr war.

Die Schuld wird durch die Zeit nicht geringer.

Niemand war gezwungen im KZ zu arbeiten. Jeder war auch im 3. Reich frei, sich eine andere Arbeit zu suchen.

Es geht auch nicht hauptsächlich darum, den Täter heute noch zu bestrafen. Die meisten inzwischen über 80 jährigen sind sowieso haftunfähig.
Es geht vielmehr darum, den Opfern Genugtuung zu verschaffen, ihr Leiden anzuerkennen.

Den Ausdruck, daß die Anklage von (Mit~)tätern eine Schweinerei sei, finde ich reichlich daneben, um nicht ähnliche Kraftausdrücke wie du zu benutzen.

Casual...,

lass mich dagegensetzen, dass ich es für moralisch unverantwortlich halte, würde man den alten Tattergreis NICHT auf die Anklagebank setzen! Oder meinst du, dass meine unentdeckte Straftat vor 20 Jahren nun keinerlei Gerichtsbarkeit mehr zugeführt werden sollte, ...weil ich ja nun ein gesetzter und vielleicht sogar gesellschaftlich arrivierter Mann wäre? ...eben!


Wobei damals der Massenmord ja nicht als Strafttat galt, wa saber keine Rolle heutzutage spielt. Trotzdem.

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@Casual1948

Was ich meine, dass der Massenmord ja nicht als Straftat galt, sondern als ''notwendig''. Also führte die SS ja auch die Befehle von oben aus. Klar, man mußte nicht der SS beitreten, man mußte auch nicht im KZ arbeiten, aber wenn man die Wahl zwischen Fronteinsatz und Lagerarbeit hat ist die Wahl ja wohl klar.

Entschuldige bitte, falls ich was wichtiges aus den Augen lasse, aber in der Schule beschäftigen wir uns gerade noch mit diesem Thema, und weil es hier auf meine Frage sehr viele Antworten auf einem sehr hohen Niveau gibt, brauche ich oftmals etwas, um das entsprechende Fachwissen anzueignen, um alles hier zu verstehen und mitverfolgen zu können.

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@Casual1948

Wahl zwischen Fronteinsatz und Lagerarbeit hat ist die Wahl ja wohl klar

Wenn bei so einer Frage die Wahl klar ist, kann es auch keine andere Antwort von der Justiz geben: Keinerlei Strafmilderung für SS Mörder und ihre Gehilfen.

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Nein, es ist ein Akt längst überfälliger Gerechtigkeit, die man den toten und überlebenden Opfern dieses Verbrechens schuldet.

Ob das gefällte Urteil gerecht ist, das ist eine andere Frage, die ich aber nicht beantworten kann. Gleiches gilt für die Art und Weise des Vollzuges, über den ich nichts weiß.

Ich weiß aber seit 1976, dass Oskar Gröning Anstoß an dem Verbrechen nahm, sich deshalb aus Auschwitz wegmeldete, und dass ihm das sogar gelang. Letzteres war nicht selbstverständlich. Doch viel mehr konnte man von einem Angehörigen der SS, der zuvor freiwillig in diese Organisation eingetreten war, in dieser Situation nicht erwarten.

Ich weiß weiterhin seit 1976, dass Oskar Gröning immer damit rechnete, zur Rechenschaft gezogen zu werden, und auch bereit war, Rechenschaft abzulegen.

Deshalb empfinde ich es als ungerecht, dass dieser Mann in der öffentlichen Meinung federführenden Verantwortlichen gleichgesetzt werden soll, die bis zuletzt an der Durchführung ihrer Aufgabe festhielten, obwohl sie ebenso wie Oskar Gröning sehr wohl wussten, das sie ein endloses Verbrechen war.

Nein, es ist ein Akt längst überfälliger Gerechtigkeit, die man den toten und überlebenden Opfern dieses Verbrechens schuldet.

This! und nichts anderes!

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Ich möchte heute nicht Ritter sein, um zu beurteilen, wie schuldig ein Mensch im Weltkrieg war. 

Was mich weit mehr beschäftigt sind die Opfer. Noch immer gibt es Tausende Menschen die in KZ's sassen und noch heute unter der damaligen Zeit leiden. Sei es durch Albträume an die Gräueltaten, die sie miterleben mussten oder durch Armut, weil sie praktisch keine Rente haben. Wichtig wäre, dass diese Menschen psychologische und soziale Hilfe erhalten, damit sie wenigstens in den letzten Lebensjahren ein einigermaßen angenehmes Leben haben.  

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Ich bin zwar nicht deiner Meinung, dass es unmoralisch diese
Menschen zu verklagen,  die unmoralisches
getan haben. Sie haben gemordet oder mindestens Beihilfe zum Mord in 1000
Fällen geleistet.  Mord ist etwas was nicht verjährt, da ist es egal wie alt man ist, wie jung man war und wie lange dies her ist. Es ist eher unmoralisch für die Angehörigen der Opfer, nach so
vielen Jahren keine Entschuldigung und keine Reue denen, zu bekommen, die ihrer
Meinung nach nur ihre Arbeit gemacht haben, die sich selber als Opfer sehen, da
sie ja gar nichts gemacht haben und nun bestraft werden sollen.

Wo ich dir recht geben muss, welchen Nutzen es hat  alten Säcke, die ihr Leben genossen haben,
für die paar Jahre ihres Lebens , eine Lebenslängliche Freiheitsstrafe zu
verhängen.

Auf der anderen Seite frag ich mich, was wäre so schlimm daran,
seine letzten Lebensjahre in der JVA zu verbringen? Ob sie jetzt zu Hause  im Schaukelstuhl oder in der Gefängniszelle
sterben, so lange leben werden sie nicht mehr.

 

Solche Gerichtsverfahren tragen den Charakter von Schauprozessen und sind daher eines Rechtsstaats unwürdig.

Nicht umsonst gibt es für die meisten Straftaten eine Verjährungsfrist, die der Tatsache Rechnung trägt, daß ein Mensch sich im Laufe der Zeit wandeln kann, das allgemeine Rechtsempfinden sich ändert und die Nachvollziehbarkeit der Tatumstände immer schwieriger wird.

Bei Tätern, die über 70 Jahre ein unauffälliges Leben geführt haben, ist es absurd, eine Anklage und Verurteilung mit der Gefahr der Tatwiederholung oder der Möglichkeit einer Resozialisierung zu begründen. Ein solches Verfahren läßt sich eigentlich nur als verspäteter Racheakt verstehen.

Solche Gerichtsverfahren tragen den Charakter von Schauprozessen und sind daher eines Rechtsstaats unwürdig.

Das ist ein Irrtum, der von den berüchtigten Moskauer Schauprozessen herrührt. Allgemeiner ist ein Schauprozess ein Gerichtsverfahren, an dem die Öffentlichkeit teilhat, da das Thema des Verfahrens ein erhebliches öffentliches Interesse auf sich zieht.

Nicht umsonst gibt es für die meisten Straftaten eine Verjährungsfrist,…

…die ich bei Gewalttaten mit bleibenden Schäden in jedem Fall ablehne. Was soll Gutes daran sein, dass jemand dafür belohnt wird, sich lange genug erfolgreich der Strafverfolgung entzogen hat oder sogar gedeckt wurde?

Die Verjährungsfrist für jemanden, der z.B. einen anderen Menschen verstümmelt hat, sollte beginnen, wenn das abgetrennte Körperglied nachgewachsen ist.

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@SlowPhil

Eine "gerechte" Strafe für eine Tat zu finden, die sich nicht wieder gut machen läßt, ist sowieso praktisch unmöglich.

Was die angesprochenen Prozesse angeht, besteht deren Zweck ja offensichtlich nicht darin, die Allgemeinheit vor einem Verbrecher zu schützen, sondern ein - fragwürdiges - politisches Signal auszusenden. Es erinnert an die Rechtspraxis früherer Zeiten, eine Hinrichtung "in effigie" auszuführen.

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@woflx

Das Signal ist nicht fragwürdig. Es besteht nämlich darin, dass man sich nicht an einem Mord beteiligen und irgendwann sicher sein kann, sich dafür nie verantworten zu müssen, und es nicht belohnt wird, sich jahrzehntelang der Verantwortung entzogen zu haben oder gedeckt worden zu sein.

Es geht übrigens auch nicht darum, einen Menschen unbedingt in den Bau zu stecken. Er soll Zeugnis ablegen.

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Die Schweinerei ist höchstens, dass die nicht schon vor 70 Jahren vor Gericht gezerrt wurden.

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