Ist es moralisch verwerflich, wenn man die Todesstrafe anwendet?

31 Antworten

Moral ist relativ zur Situation aber immer objektiv, wenn wir alle Informationen kennen. Da wir wahrscheinlich nie alle Informationen haben werden, müssen wir uns mit einer Annäherung begnügen.

Ein Gedankenexperiment:

Jemand erschießt jemand anderen, weil er seine Wertsachen haben möchte. Ein Anderer erschießt jemand anderen, weil er bedroht wurde und einer Liebsten stattdessen getötet werden würde. In beiden Fällen hat jemand einen anderen Menschen getötet. Ohne jetzt konkret auf die Strafe einzugehen oder ein konkretes Verhältnis zwischen den Taten zu "ermitteln": Würdest du beide Taten gleichermaßen bestrafen?

Weiteres Gedankenexperiment:

Jemand bringt einen anderen Menschen um, weil er seine Wertsachen haben will. Ein anderer bestiehlt einen anderen, aus dem gleichen Grund. Hier zwei Fragen: Würdest du beide mit der Todesstrafe bestrafen oder alternativ beide nur verwarnen?

Moral hatt etwas mit Fairness zu tun. Auch mit Toleranz, also Toleranz von Fehlern, die ein Mensch in seinem Leben macht. Das kann bis zur Selbstopferung für eine "gute Sache" gehen. Demnach kann man moralisches Verhalten als der Gesellschaft zuträglich beschreiben. Es ist ein Verhalten, was jeder verstehen würde, wenn man alle Informationen kennt, die zu dieser Situation geführt haben.

Die Todesstrafe ist absolut und irreversibel. Man gibt dem Menschen keine weitere Chance, obwohl man weiss, dass Menschen sich ändern können. Zudem können Fehler im Urteil (weil eben nicht alle Informationen zur Verfügung stehen) dazu führen, dass ein Mensch zu Unrecht der Todesstrafe zugeführt wird. Wir wissen auch, dass es Fehlurteile gibt. Moralische Beurteilungen beziehen diese Sachverhalte mit ein.

Man muss aber auch sagen, dass zum Beispiel in der USA die Anzahl der zum Tode verurteilten Menschen sehr gering ist. 2016 wurden gerade inmal 20 Menschen zum Tode verurteilt, was noch nicht bedeutet, dass sie sofort hingerichtet wurden. 2015 wurden 28 Menschen hingerichtet. Zudem haben diese Menschen durch besonders schwere Taten nach Auffassung der Gerichte ihr Leben "verwirkt". Alles ab "Mord" kann man davon ausgehen, dass die Todesstrafe gefordert wird. Meistens reden wir hier aber über Massenmörder. Es hängt auch mit den Motiven zusammen. Insofern auch Terroristen oder Menschen, die andere Menschen quälend zu Tode gebracht haben.

Kinder und Jugendliche werden komplett aus solchen Verurteilungen herausgenommen, zumindest in den USA. Dort kann man höchstens ab dem 16. Lebensjahr zu Tode verurteilt werden.

Die Todesstrafe ist aus meiner Sicht nicht mit dem Menschenrecht vereinbar. Ich sehe sie als Relikt aus einer Zeit, wo die Kirche und die Religion den Menschen ihre Moralvorstellungen aufdrücken wollte. Die Notwendigkeit von Todesstrafen ist nämlich nicht begründet. Wir hier in Deutschland leben ohne Todesstrafe. Zudem leben wir hier in einem der sichersten Länder auf der Welt, weit vor den USA. Von China mal ganz abgesehen.

Die Todesstrafe ist deshalb aus meiner Sicht nicht moralisch.

Wir haben wirklich eine vollkommen gegensätzliche Auffassung von Moral, ihren Auswirkungen und ihren Veränderungen im Laufe der Zeit.

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@Fuchssprung

Korrekt. Ich bin der Auffassung, dass Moral zeitlos ist und sich nicht verändert.

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@oopexpert

Dass sich die Moral immer wieder verändert habe ich doch bereits bewiesen. So macht es keinen Sinn für mich auch nur ein weiteres Wort darüber zu verlieren.

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@Fuchssprung

"Dass sich die Moral immer wieder verändert habe ich doch bereits bewiesen."

Nein, hast du nicht. Du hast nur bewiesen, dass die Behauptungen, moralisch zu handeln, sich geändert haben.

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Der Bibel nach ist die Todesstrafe gottbefohlen, sie kann also nur nach humanistischen Grundsätzen moralisch verwerflich sein:

 (2. Mos/Ex. 22,17) "Eine Hexe sollst du nicht am Leben lassen."

 (3. Mose 20,10): "Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben."

(3. Mose 20,11): "Wenn jemand mit der Frau seines Vaters Umgang pflegt, (…) so sollen beide des Todes sterben."

(3. Mose 20,12): "Wenn jemand mit seiner Schwiegertochter Umgang pflegt, so sollen sie beide des Todes sterben."

(3. Mose 20,13): "Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so (…) sollen beide des Todes sterben."

ODER: Beschneidung: (1. Mose 17,14): "Wenn aber ein Männlicher nicht beschnitten wird an seiner Vorhaut, wird er ausgerottet werden."

(2. Mose 12,15): "Wer gesäuertes Brot isst, vom ersten Tag an bis zum siebenten, der soll ausgerottet werden."

(2. Mose 21,12): "Wer einen Menschen schlägt, dass er stirbt, der soll des Todes sterben."

(2. Mose 21,14): "Wenn aber jemand an seinem Nächsten frevelt und ihn mit Hinterlist umbringt, so sollst du ihn von meinem Altar wegreißen, dass man ihn töte."

(2.Mose 21,15): "Wer Vater oder Mutter schlägt, der soll des Todes sterben." (Wer hingegen seine Kinder schlägt, hat nichs zu befürchten.)

(2. Mose 21,16): "Wer einen Menschen raubt, (…) der soll des Todes sterben."

(2. Mose 21,17): "Wer Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben."

(2. Mose 30,33): "Wer solche Salbe (heiliges Salböl, nur für Priester bestimmt) macht, (…) der soll aus seinem Volk ausgerottet werden."

(2. Mose 30,38): "Wer es (Räucherwerk) macht, (…) der soll ausgerottet werden." (2. Mose 31,15): "Wer eine Arbeit tut am Sabbattag, soll des Todes sterben."

(3. Mose 7,20): "Wer aber essen wird von dem Fleisch des Dankopfers, (…) der wird ausgerottet werden."

(3. Mose 7,21): "Und wenn jemand mit etwas Unreinem in Berührung gekommen ist, (…) der wird ausgerottet werden aus seinem Volk."

(3. Mose 7,25): "Denn wer das Fett isst von solchen Tieren, von denen man dem Herrn Feueropfer bringt, der wird ausgerottet werden."

(3. Mose 7,27): "Jeder, der Blut isst, wird ausgerottet werden."

(3. Mose 17,3-4): "Wer aus dem Haus Israel einen Stier (…) schlachtet (…) und sie nicht vor die Tür der Stiftshütte bringt, (…) ein solcher Mensch soll ausgerottet werden."

(3. Mose 17,8-9): "Wer aus dem Hause Israel (…) ein Brandopfer oder Schlachtopfer darbringt und bringt es nicht vor die Tür der Stiftshütte, um es dem Herrn zu opfern, der wird ausgerottet."

(3. Mose 19,8): "Wer davon (Brandopfer) isst, (…) ein solcher Mensch wird ausgerottet werden."

(3. Mose 20,2): "Wer unter den Israeliten oder den Fremdlingen in Israel eins seiner Kinder dem Moloch (Ein fremder Gott) gibt, der soll des Todes sterben."

(3. Mose 20,14): "Wenn jemand eine Frau nimmt und ihre Mutter dazu; (…) man soll ihn mit Feuer verbrennen."

(3. Mose 20,15): "Wenn jemand bei einem Tiere liegt, der soll des Todes sterben."

(3. Mose 20,16): "Wenn eine Frau sich irgendeinem Tier naht, um mit ihm Umgang zu haben, so sollst du sie töten."

(3. Mose 20,17): "Wenn jemand seine Halbschwester nimmt, (…) sie sollen ausgerottet werden."

(3. Mose 20,18): "Wenn ein Mann bei einer Frau liegt zur Zeit ihrer Tage, (…) so sollen beide aus ihrem Volk ausgerottet werden."

(3. Mose 20,20): "Wenn jemand mit der Frau seines Oheims Umgang hat, (…) ohne Kinder sollen sie sterben."

(3. Mose 20,27): "Wenn ein Mann oder eine Frau Geister beschwören oder Zeichen deuten kann, so sollen sie des Todes sterben."

(3. Mose 22,3): "Wer von euren Nachkommen herzutritt zu dem Heiligen, (…) und hat eine Unreinheit an sich, der wird ausgerottet werden vor meinem Antlitz. Ich bin der Herr."

(3. Mose 23,29): "Denn wer nicht fastet an diesem Tage, der wird aus seinem Volk ausgerottet werden."

(3. Mose 24,16): "Wer des Herrn Namen lästert, der soll des Todes sterben."

(3. Mose 27,29): "Man soll auch keinen gebannten Menschen loskaufen; er soll des Todes sterben."

(4. Mose 9,13): "Wer aber rein ist und wer nicht auf einer Reise ist und unterlässt es, das Passa zu halten, der soll ausgerottet werden."

(4. Mose 15,30): "Wenn aber ein Einzelner aus Vorsatz frevelt, (…) so hat der den Herrn geschmäht. Er soll ausgerottet werden."

(4. Mose 15,35): "Der Herr aber sprach zu Mose: Der Mann soll des Todes sterben."

(4. Mose 19,13): "Wenn aber jemand irgendeinen toten Menschen anrührt, (…) so macht er die Wohnung des Herrn unrein, und solch ein Mensch soll ausgerottet werden."

(4. Mose 19,20): "Wer aber unrein wird, (…) der soll ausgerottet werden." (4. Mose 35,16): "Wer jemand mit einem Eisen schlägt, dass er stirbt, der ist ein Mörder und soll des Todes sterben."

(4. Mose 35,17): "Wirft er ihn mit einem Stein, (…) so ist er ein Mörder und soll des Todes sterben."

(4. Mose 35,18): "Schlägt er ihn mit einem Holz, (…) so ist er ein Mörder und soll des Todes sterben."

(4. Mose 35,21): "Stößt er jemand aus Hass (…) so soll der des Todes sterben."

(4. Mose 35,31): "Und ihr sollt kein Sühnegeld nehmen für das Leben des Mörders; denn er ist des Todes schuldig und soll des Todes sterben."

(Ri 21,5): "Denn es war ein großer Schwur getan worden, dass, wer nicht hinaufkäme zum Herrn nach Mizpa, der sollte des Todes sterben."

(2. Chr 23,7): "Und wer in das Haus des Herrn geht, der sei des Todes!" (Hiob 36,12): "Gehorchen sie nicht, so werden sie dahinfahren durch des Todes Geschoß."

(Jer 26,11): "Dieser Mann ist des Todes schuldig; denn er hat geweissagt gegen diese Stadt."

(Hese 18,13): "Er soll nicht leben, sondern weil er alle diese Gräuel getan hat, soll er des Todes sterben."

(Ps 37,22): "Denn die Gesegneten des Herrn erben das Land; aber die er verflucht, werden ausgerottet."

Das erste mal, in meinem Leben, dass ich der Bibel zustimme! 😊

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Glücklicherweise ist die Bibel heutzutage nicht der einzige Quell menschlicher Moral. Sonst wären neben der Todesstrafe noch ganz andere Dinge moralisch in Ordnung.

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Hast DU kein Neues Testament?🤔

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Ein profundes Beispiel dafür, dass die Bibel nicht taugt, eine moralischen Basis abzugeben.

Primitive, dumme Rachegelüste und gerüttelter Größenwahn.

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Es zeigt, dass die Bibel und diejenigen, die ihr folgen, keine Ahnung von Moral haben. Mich wundert es nicht, dass sich insbesondere Gläubige dieser unmoralischen Bestrafung hingezogen fühlen. Denn nur sie haben vermeintlich ihren Gott im Rücken, der sie zu solchen Denkweisen führt.

Ich finde diese Korrelation hier auf GF erschreckend.

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"Die absolute Ächtung der Todesstrafe ist m.E. eine ideologische Verirrung, die das natürliche Empfinden für Gerechtigkeit verletzt. Wenn ein Massenmörder hingerichtet wird, ist das keine Rache, sondern heilsame Gerechtigkeit. Und Menschen resozialisieren zu wollen, die nie sozial waren, ist ein Unding" (s. Beitrag von Nefesch).

Auch ich bin dieser Meinung, jedenfalls bei vorsätzlicher Tötung eines Menschen. Nicht nur im Alten Testament, auch im Neuen Testament wird die Todesstrafe nicht ausgeschlossen (s. Paulus an die Römer: „Die Obrigkeit trägt das Schwert nicht umsonst, sie ist Gottes Dienerin und vollzieht das Strafgericht an denen, die Böses tun“ = Römer 13,4). Selbst Jesus hat die Todesstrafe nicht ausgeschlossen (Jesus: "Wer das Schwert nimmt, muss durch das Schwert getötet werden." s. Matthäus 26,52).

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