Ist es für das Gelingen einer Traumatherapie nötig, dass eine nicht retraumatisierende Lebenssituation besteht?

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2 Antworten

Die Ansicht der Therapeutin ist eine weit verbreitete und ich höre sie immer wieder aus den verschiedensten Richtungen: Es ist auf keinen Fall so, dass das Problem des Jungen an der Schule liegt und egal wie schlecht es ihm geht, er MUSS in die Schule. Man kann den Kopf unterm Arm tragen - egal, Schule MUSS sein! Man kann schließlich auch ohne Kopf in einem Klassenraum sitzen. Und in der Schule werden angeblich wichtige Dinge gelernt.

Hier lernt der Junge, dass Gewalt (die von den Lehrern zur Verhinderung von Tobsuchtsanfällen des Jungen eingesetzt werden) ein Mittel zur Lösung von Konflikten ist. Die Erwachsenen machen das schließlich vor.

Mich erinnert die Auffassung, dass man ja das ganze Leben mit unangenehmen Situationen zu tun hat und es gut ist, wenn man sich früh daran gewöhnt, sehr an eine andere weit verbreitete, aber völlig falsche Auffassung. Die Situation nämlich, ein kleines Kind schreien zu lassen, wenn es im Bett liegt und schlafen soll. Was für ein Irrsinn! Es wird verkannt, dass man sich aus der Position der Sicherheit und Geborgenheit schwierigen Herausforderungen, und damit unangenehmen Situationen, viel besser stellen und sie meistern kann. Ein kleines Kind, was man schreiend im Bett liegen lässt, erfährt alles Mögliche, aber keine Sicherheit und Geborgenheit.

In der Schule wird oft vergessen oder gar nicht erst erkannt, dass das Verhalten des Lehrpersonal die Provokation ist. Man hält es für sowas von selbstverständlich, Kinder in Klassenräume einzusperren, von ihnen zu verlangen stillzusitzen und den Mund zu halten, ihnen ein Thema vor die Nase zu setzen, mit dem sie auch dann beschäftigen müssen, wenn sie sich nicht dafür interessieren. Es ist ja schön, dass sich die Lehrer provoziert fühlen. Aber was ist denn mit dem Jungen?

Gruß Matti

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Wellmom 07.10.2016, 22:48

Danke, du sprichst mir da aus der Seele - und dein Kommentar macht mich zusätzlich auf etwas aufmerksam, das mir bisher irgendwie durchgeschlüpft war: nämlich, dass da Erwachsene von einem noch recht kleinen Kind erwarten, etwas zu können, was sie selbst ganz offensichtlich nie gelernt haben: Angst, Ekel und Genervtheit zu überwinden, in sich selbst stabil und friedfertig zu bleiben und ohne Hilfe eine gewaltfreie Lösung zu finden.
Bei den nächsten Gesprächen der Mutter mit wichtigen Entscheidungsträgern werd ich dabei sein und drauf achten, dass genau dieser Punkt NICHT mehr "durchschlüpft"...

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Kuhlmann26 08.10.2016, 08:54
@Wellmom

Du kannst auch beobachten, dass Erwachsene von anderen Erwachsenen nie erwarten oder sogar verlangen würden, was sie wie selbstverständlich von Kindern erwarten/verlangen. Es genügt der Umstand, dass die Kinder noch keine 18 sind, um ihre Wünsche und Ansichten infrage zu stellen bzw. sie nicht zu respektieren.

Und in der Schule hat man sogar durch Gesetzestexte die Legitimation, das Recht dafür geschaffen, damit Lehrer so handeln können. Dass das rein willkürlich geschieht, kannst Du daran sehen, dass man im Gegensatz zur DDR in der Bundesrepublik bis vor wenigen Jahrzehnten noch das Recht hatte, physische Gewalt gegen Schüler anzuwenden. Das war rechtens, aber es war nie richtig.

Hier eine Buchempfehlung: http://www.tologo.de/wer-sein-kind-liebt/

Ich danke Dir für den Stern.

Gruß Matti

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Wellmom 08.10.2016, 22:48
@Kuhlmann26

Oooh, du kennst und empfiehlst den Tologo-Verlag auch... Na, das erklärt mir die Übereinstimmung...  ;-)

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Kuhlmann26 09.10.2016, 11:50
@Wellmom

Eigentlich war ich auf der Suche nach Beiträgen von Franziska Klinkigt. Sie ist auch Psychologin, jedoch keine SCHULpsychologin. Im Gegensatz zur Zweitgenannten kann sich Frau Klinkigt sehr wohl ein Leben ohne Schule vorstellen. Falls Du ihn noch nicht kennst, geh mal auf ihren Blog.

http://derblogfuerschueler.blogspot.de

Wie kontrovers das Recht auf freie Bildung selbst unter denen geführt wird, die die Wünsche ihrer Kinder akzeptieren, kannst Du an einem offenen Brief erkennen, den Frau Klinkigt an Dagmar Neubronner geschrieben hat. Familie Neubronner hat sich durch alle gerichtlichen Instanzen geklagt - und immer den Kürzeren gezogen - damit ihre Söhne nicht in die Schule gehen müssen. Diese haben gesagt, dass es ihnen in der Schule nicht gut geht. Der Brief entstand, nach dem Frau Neubronner mit anderen eine Konferenz ins Leben gerufen hatte, in der das Recht der Eltern auf häuslichen Unterricht gefordert wurde.

http://ghec2012kritik.blogspot.de/p/offener-brief-dagmar-neubronner.html

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Ist das die richtige Umgebung für das Kind und ist die Therapie ausreichend?

Das fällt mir als erstes ein, wenn ich deine Beschreibung lese.

Ebenso die Verhaltensweisen des Kindes, das auf Druck zu reagieren zu scheinst, bei einem Trauma ist eher von Flashbacks wegen Triggern auszugehen.

Also gilt es zu überprüfen, ist es wirklich ein Trauma, eben eine genaue Diagnose.
Dann reicht es aus, wenn das Kind ambulant therapiert wird, und ist die Beschulungsform die richtige.

Sicher muss ein Kind lernen Frustrationen auszuhalten, aber wenn das dauerhaft nicht funktioniert, dann muss das ganze Konzept grundsätzlich neu überdacht und ausgerichtet werden

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Wellmom 07.10.2016, 23:08

DAS hatte ich auch im Sinn... Ich hab selbst mal, auf vielfachen Rat, eine Traumatherapeutin konsultiert, die mir erklärt hat, dass nicht jede schlimme Lebenserfahrung wirklich ein "Trauma" im Sinne einer PTBS auslöst, und dass es durchaus möglich ist, dass auch ein Kind lebensbedrohende Erlebnisse ganz ohne Therapie wegsteckt, ohne Folgeprobleme. Und dass auch ich keinerlei Anzeichen einer PTBS mitbrachte - was sie mir so genau erklärt hat, dass ich bei dem Kind, um das es geht, nicht auf "Trauma" als Grund getippt hätte...

Dass das ganze Konzept neu überdacht werden muss, sehe ich so wie du. - Wird aber schwierig werden... Ich hab (in Bezug auf mein eigenes, auch schwer "inkludierbares" Kind) schon mit sooo vielen Schulräten und sonstigen Entscheidungsträgern gesprochen, dass ich den Eindruck habe, das Schulsystem ist so fest in Zement gegossen, dass jegliches "Überdenken" ganz ausgeschlossen ist...

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