Ist es falsch im KZ keine Emotionen zu verspüren?

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12 Antworten

Ich habe vor einigen Jahren Auschwitz besucht, als ich in Krakau war. Wir fuhren mit dem Auto eine ganze Weile neben einer Eisenbahnlinie her und ich dachte: mit dieser LInie fuhren auch die Häftlinge in den Tod. Ich war sehr beklommen, es hat mir Angst gemacht, und ich dachte: Meine Güte, wenn ich schon beim Anblick der Eisenbahnschienen so reagiere, wie halte ich dann Ausschwitz selbst aus?

Aber als ich dann da war und das Hauptlager besichtigte, mit Guide, habe ich auch nichts empfunden. Ich stand vor diesem "Schaufenster", das einen Raum zeigte, der komplett mit Haaren gefüllt war - und ich habe nichts empfunden. Ich denke mir, es lag daran, dass ich "neben mir" stand. Als ich die vielen Koffer sah mit der Herkunftsbezeichnung ihrer Eigentümer war ich schon eher emotional beteilt. Aber es war nichts im Vergleich zu dem Anblick der Eisenbahnschienen.

Erst als ich die Stelle sah, wo Höss aufgehängt worden war, habe ich eine gewisse Befriedigung empfunden.

Ich war mit drei Freunden dort gewesen, denen es ähnlich ergangen war. Interessanterweise aber waren wir alle für den Rest des Tages schlecht gelaunt. Ich denke, es war eine Art Depression, die wir empfunden hatten.

Allerdings hatte ich am Tag danach in Krakau eine Synagoge besichtigt. An den Wänden der Synagoge hingen alte Fotos von Gläubigen. Fröhliche Fotos: Hochzeitsfotos, Foto von Picknicks, Ferienfotos, Familienfotos.
Ich besah mir die Fotos und wußte: sie sind wahrscheinlich alle umgebracht worden. Und da kamen dann die Emotionen hoch. Und wie. Ich habe fast einen Weinkrampf bekommen.
Aber in Auschwitz  selbst habe ich  nur ein dumpfes Nichts gespürt. Vermutich ist das ein Selbstschutz des Seelischen. (Ich war allerdings nicht in Birkenau gewesen.)

Ich glaube, jeder geht anders damit um. In Auschwitz z.B. stand ich vor Verbrennungsöfen. Und davor standen ein paar US-amerikanische Jugendliche, Juden, da sie die Kippa trugen, die sich bestens amüsierten. Sie knipsten sich gegenseitig vor den Öfen und hatten Spaß. Ich war mächtig schockiert, und habe dann gedacht: "Na ja, etwas unpassend, aber wenn einer das darf, dann ein Jude."

Ich denke mir, da reagiert jeder anders und auf seine eigene Art.



Es gibt Menschen, die keine Gefühle zulassen, weil sie Angst vor ihnen haben. Dann bleiben sie neutral, was auf Außenstehende distanziert und kühl wirkt.

Die Frage ist, ob es dir nur an diesem Ort so geht oder immer.

Ein ehemaliges KZ ist ein Ort, wo man sich als normal denkender Mensch nicht vorstellen kann oder auch will, was Menschen anderen Menschen ohne Skrupel und Gefühle angetan haben. Nachdenken darf man darüber definitiv nicht, weil es einfach nur völlig unmenschlich war.

Wer da dichtmacht, ist nicht zwangsläufig auch gefühllos, sondern eher innerlich geschockt, dass so etwas möglich war.

Es ist sehr indivudell.

Vor den Ferien war meine Stufe auf einer Exkursion quasi in Polen. 3 Tage volles Programm zum Holocaust. ( + 1 Woche jeweils Vor- und Nachbearbeitung)

Wir waren 2 Tage in Lublin, eine Unistadt und schon damals sehr groß, und im KZ Majdanek. Zuerst eine Stadtführung durchs ehemalige Ghetto, was viele 'geflasht' hatte, da es in Lublin die Halbealtstadt war und es dort auch eine große, wunderschöne kath. Kirche gibt. Wir besichtigten auch diese tiefen Innenhöfe. Da versuchte ich für diesen Tag mit das erst mal vorzustellen wir es ausgesehen hatte. Viele Menschen, schlechte hygiene Bedingungen, Krankheiten .. es ging nicht.

Es ging auch nicht als wir in Majdanek waren, obwohl ich mir den Zahlen nur zu genau bewusst war und was dort passierte. 2 Stunden ging unsere Frührung und ich füllte mcih schlecht, weil ich 'nichts' füllte. Andere weinten oder waren wütend oder es kam ihnen hoch. Und ich ging schweigend neben her, übersetzte das ein oder andere für den Austauschschüler was unser Guide sagte und füllte mich deshalb schlecht. Das einzig andere was ich fühlte, war das ich lieb in Führung auf Englisch gehabt hätte. Das erste mal schämte ich mich Deutsch zu sein und Deutsch als Muttersprache zu haben. Sonst nichts und das machte mich fertig.

Am Ende davon standen wir im Mausoleum von Majdanek, also aufgeschütteter Asche die am Ende des krieges auf dem Gelände gefunden wurde, und hörten wie eine jüdische Gruppe am anderen Ende betete. Auch da hatten viele weinen müssen, ich nicht und ich fühlte mich noch mehr wie ein Monster. Erst als wir uns noch mal zu einen Gespräch in großer Runde trafen, kamen mir die Tränen als mir wieder bewusst wurde, dass die Familie des Mannes meiner Urgroßmutter Mitglieder hatten, die bei SA und SS waren und die sich nach Hitler auch umgebracht hatten.

Es ging vielen so, dass sie sich schämten Deutsch zu sein. (so irrational das war. Keiner von uns hatte was damit zu tun und auch bei der Familie meines einen Urgroßvaters. Was hatte ich mit denen gemeinsam? Viele starben noch lange bevor meine Mutter geboren wurde)

Freunde von mir erzählten, dass sie behauptet hatten Engländer zu sein, als sie vom Guide einer jüdischen Gruppe gefragt wurden.

Andere berührte alles in keinster Weise, oder sie überspielten es sehr gut. Sie rissen immer noch Witze über diese Zeit und äußerten ziemlich direkt, das das Schämen oder Weinen der anderen nicht nachvollziehen konnten und das ist OK.

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