Ist Erdogan/AKP ein Nationalist?

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6 Antworten

Der Mann ist nationalistisch, er träumt übrigens von einer Neuauflage des Osmanischen Reiches. Derlei Träume sind lupenreiner Nationalismus.

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Kommentar von voayager
05.11.2016, 11:52

danke für den Stern

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Das hängt sicher davon ab, wie man "Nationalismus" und "Konservatismus" definiert. Ich finde, Erdogans Gesinnung ist eindeutig konservativ, gleichzeitig bedient er sich in seiner Rhetorik nationalistischer Töne.

Konservativ stammt vom lateinischen Wort "conservare" ab, was so viel bedeutet wie "erhalten/bewahren". Begegnet uns im Alltag z.B. bei der Konservenbüchse, die die Nahrungsmittel darin erhalten soll. Da natürlich nicht alle Entwicklungen der Gegenwart gut sind, ist es prinzipiell nicht schlecht, wenn man gewisse Dinge bewahrt. Problematisch wird eine konservative Geisteshaltung aber dadurch, dass sie meist durch eine grundsätzliche Verschlossenheit gegenüber neuen Denkansätzen, Erkenntnissen oder Hinterfragungen charakterisiert ist. Das macht den Konservatismus statisch und häufig auch rückständig. Im Bezug auf Erdogan ist mit dem Adjektiv "konservativ" seine religiöse Gesinnung gemeint. Erdogan folgt einer erzkonservativ-sunnitischen Auslegung des Islam. Eine solche Auslegung setzt die islamischen Schriften in ihrer wörtlichen Bedeutung absolut und ignoriert die zeitlichen und sozialen Kontexte dieser. Somit entstehen im wahrsten Sinne des Wortes "zurückgebliebene" Wertevorstellungen, die ihren Ursprung aus dem 7. Jahrhundert der mekkanischen Gesellschaft haben. Besonders problematisch ist, dass diese Wertevorstellungen als das direkte Wort Gottes betrachtet werden und ihnen somit ein zeitloser und gesellschaftsunabhängiger Absolutismus zugesprochen wird. Diese konservative Doktrin lässt Erdogan in seine Politik einfließen. So versucht er beispielsweise, das Bildungssystem mit Imam-Hatip-Schulen zu unterwandern (diese ursprünglichen Koranschulen sollen zum Grundschul-Standart werden), Islamgelehrte in die Justiz einzuberufen und natürlich diverse konservativ-religiöse Gesetze durchzusetzen. Obwohl es einen erheblichen Mangel an Krankenhäusern, richtigen Schulen, Universitäten und Frauenhäusern gibt, werden vorderrangig Moscheen gebaut. Auch instrumentalisiert er den konservativen Islam zu eigenen Machtzwecken, etwa indem er den Koran bei einer Rede mit auf die Bühne nimmt und hoch in der Hand hält. Er präsentiert sich somit als Vertreter des Islam und möchte die Assoziation herstellen, dass jeder gläubige Muslim ihm seine Stimme zu geben hat.

Beim Nationalismus müssen wir in der Türkei zwischen zwei verschiedenen Definitionen von Nationalismus unterscheiden. Da gibt es einmal den klassischen kemalistischen Nationalismus, der sich in seinen Werten auf Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk und seine Ideologie, den Kemalismus, beruft. Diese Form von Nationalismus macht sich vor allem die Anhängerschaft der Oppositionsparteien CHP und MHP zu eigen. Seit jüngster Zeit gibt es aber auch den "neo-osmanischen" Nationalismus. Dieser Nationalismus lehnt den Kemalismus strikt ab und definiert sich über konservativ-islamische Werte, gepaart mit dem Überlegenheitsgefühl, als Türken die vorherrschende Rasse des osmanischen Reiches gewesen zu sein. Es ist also eine Re-Besinnung, die das osmanische Reich idealisiert und eine Quasi-Neuauflage dessen fordert. Solche Bestrebungen erinnern stark an den Faschismus, der von Benito Mussolini ins Leben gerufen wurde - Mussolini idealisierte ebenso das römische Reich, gaukelte dem italienischen Volk eine Opferrolle vor und rief es dazu auf, eine Neuauflage des römischen Reiches anzustreben. Erdogan benutzt eine ähnliche Rhetorik, indem er dem Volk einredet, böse westliche Mächte hätten das gottgewollte osmanische System zerstört und es müsse wieder errichtet werden. Er schmückt seine Reden mit historischen Lügen, wie z.B. der, dass die Osmanen zuerst Amerika entdeckt hätten oder als erstes von der Kugelform der Erde gewusst hätten. Mit diesen angeblichen Errungenschaften will er den Stolz auf die Osmanen heraufbeschwören. Seinen Präsidentenpalast hat Erdogan nach osmanischem und seldschukischem Modell bauen lassen, neuerdings tauchen immer häufiger Paraden in osmanischer Tracht auf und es werden Statuen von osmanischen Kriegern errichtet. Den rassistisch anmutenden Nationalismusgedanken hat Erdogan neulich bei seinen Anfeindungen gegenüber deutschen Bundestagsabgeordneten offenbart: Dort nannte er Özdemir & co, "angebliche Türken, die mit dem Türkentum nichts zu tun haben" und forderte einen Bluttest. Die Nationalität über das Blut zu definieren und anderen Menschen ihren Migrationshintergrund wegen konträrer Meinungen abzusprechen, ist de facto rassistisches Gedankengut, das an die Nazis erinnert.

LG

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Ob jemand konservativ ist, kann jeder für sich selbst entscheiden. Konservativ bedeutet, am Alten festhalten zu wollen. Das muss nicht einmal schlecht sein, wenn es darum geht, für Sicherheit und Stabilität werben zu wollen.

Es ist die Frage, wie alt das Alte sein darf, sodass man sich damit noch identifizieren kann. Wenn jemand daher käme und wolle Methoden einführen, die es seit dem Mittelalter nicht mehr gibt, dann wäre dieser "konservativer" als jemand, der Methoden von vor 30 Jahren wieder einführen will (die denen aus dem Mittelalter evtl. widersprechen), obwohl beide sich als konservativ bezeichnen würden oder von anderen so bezeichnet werden würden. Hinzu kommt, dass sogar sich widersprechende Praktiken aus der selben Zeit, allesamt als konservativ gelten könnten.

Der Zeitgeist entscheidet, welche Einstellung legitim als konservativ angenommen wird. Konservativ ist ein Begriff, der mit jeder Generation neu interpretiert werden kann. Was früher modern war, ist heute konservativ.

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Kommentar von uyduran
18.07.2016, 12:27

Naja, ich verbinde mit dem Begriff "konservativ" aber auch eine gewisse grundlegende Verschlossenheit gegenüber Veränderungen und Hinterfragungen. Wohingegen es ja das Prinzip eines Reformers ist, die eigene Marschroute ständig zu hinterfragen und bei neuen Erkenntnissen Veränderungen einzuläuten.

Nehmen wir uns z.B. den religiösen Konservatismus: Im Islam weigern sich die konservativen Kräfte strikt dagegen, die islamischen Schriften historisch-kritisch zu beleuchten und ihrem zeitlichen und sozialen Kontext nach zu deuten. Somit halte ich den Konservatismus in jeglicher Hinsicht für eine statische, verschlossene und wenig selbstkritische Geisteshaltung.

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Natürlich ist Erdogan ein Nationalist. Die Medien drücken sich nur diplomatisch aus. Wie auch oft bei der AfD.

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Nationalsozialistisch trift es weit eher.
Konservativ = das bestehende bewahren, den Islam.

Was ein demokratischer Islam sein soll kann Dir von der Politik wahrlich niemand erklären.

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Mir scheint, er hat mit der Türkei weniger am Hut als mit dem dem Osmanischen Reich, das er wieder auferstehen lassen will - als Kalifat

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