Ist eine Mehrheitsentscheidung ein induktiver Schluss?

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Mehrheitsentscheidung ist ein Verfahren für die Praxis, keine erkenntnistheoretische Schlußfolgerung.

Bei einem »Vergleichen« ist allgemein zu unterscheiden, ob ein Gleichsetzen oder ein Vergleichen als Vergleich (Gemeinsamkeiten und Unterschiede) gemeint ist.

Vergleichen als Vergleich ist bei sehr vielem möglich, da nur irgendein Gesichtspunkt als Bezug des Vergleichs zwischen Dingen (Tertium comparationis) erforderlich ist und der Vergleich sowohl Gleichheit als auch Ungleichheit unter dem jeweiligen Gesichtspunkt ergeben kann.

Aus einer Vielzahl einzelner Meinungen bei einer Mehrheitsentscheidung ergibt sich, daß eine Mehrzahl innerhalb einer Gruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Meinung geäußert bzw. gehabt hat (wenn dies eine echte und aufrichtige Meinung war). Nur dies ist ein Sachverhalt, der dabei abgeleitet werden kann.

Eine Mehrheitsentscheidung ist bei Geltung eines Mehrheitsprinzips dafür ausschlaggebend, welche Gesetze, Vorschriften, Verhaltensregeln oder Ähnliches für eine Gruppe aufgestellt werden.

Es geht dabei darum, was für das Handeln verbindlich sein soll.

Dies ist nicht dasselbe wie die Frage, welcher Sachverhalt tatsächlich besteht (Wahrheitsfrage hinsichtlich der Realität oder Wirklichkeit).

Zu einer Stufe höhere Allgemeinheit kommt es bei einer Mehrheitsentscheidung nur darin, für wen Gesetze, Vorschriften, Verhaltensregeln oder Ähnliches gelten sollen/als verbindlich aufgestellt sind. Von Individuen geht es zur Gesamtheit einer Gruppe. Wenn bei einer Abstimmung für Gesetzesvorschlag A und Gesetzesvorschlag B abgestimmt wird und die Mehrheit für Gesetzesvorschlag A abstimmt, so ist das Gesetz (inhaltlich Gesetzesvorschlag A) eine allgemeine Regel hinsichtlich seiner rechtlichen Verbindlichkeit, aber sonst nicht allgemeiner als Gesetzesvorschlag A zum Zeitpunkt der Abstimmung, bei der einzelne Meinungen für ihn eintreten, oder Gesetzesvorschlag B.

Bei einer Mehrheitsentscheidung geht es darum, das Zusammenleben in einer Gruppe/Gemeinschaft zu regeln.

Wahrheitsfragen können so nicht gut entschieden werden.

Die Mehrzahl kann sich irren. So war es einmal eine Mehrheitsmeinung, die Erde habe eine feste Position im Kosmos und andere Himmelskörper drehten sich um sie.

Es ist noch nicht einmal gewährleistet, daß die Leute, die eine Meinung haben bzw. die Mehrheit (ausreichend) Erfahrung mit der betreffenden Sache haben. Daneben ist unsicher, wie richtig und wie sorgfältig sie nachdenken und wie gut ihre Urteilskraft ist. Mehrheitsmeinungen sind veränderlich. Auf denselben Sachverhalt bezogen können aber nicht zugleich die voneinander abweichenden Mehrheitsmeinungen A und B wahr sein. Das einzelne Ergebnis ist nur, daß bestimmte Leute eine bestimmte Meinung hatten und einmal Meinung A, ein anderes Mal Meinung B eine Mehrheit erhielt.

Eine Meinung zu etwas kann nicht einfach einer Beobachtung eines Phänomens gleichgesetzt werden. Die Meinung belegt nur das Vorliegen dieser Meinung. In anderer Hinsicht ist es keine sichere empirische Stütze zu einem Sachverhalt. Die Meinung ist kein Ergebnis, daß etwas Tatsache in einem Einzelfall ist. Eine Erhebung von einzelnen Fällen/Beispielen zu einer allgemeinen Regel ist nicht als Folgerung berechtigt. Nicht einmal eine tatsächliche beobachtete regelmäßige Verbindung in Form einer Erfahrung über Sachverhalte kann zugrundegelegt werden.

Der Induktionsschluß ist auch erkenntnistheoretisch anfechtbar. Induktive Schlüsse sind nicht logisch zwingend gültig. Induktion leistet keine allgemeingültige Begründung als mit Sicherheit notwendiges Folgern. Die wirkenden Kräfte bzw. die Notwendigkeit der Verknüpfung können nicht unmittelbar wahrgenommen werden. Eine Notwendigkeit einer immer so weitergehenden regelmäßigen Verbindung von Ereignissen ergibt sich nicht aus der Erfahrung. Zusätzlich ist eine Annahme über eine Gleichförmigkeit und Beständigkeit der Natur Voraussetzung.

Induktive Schlüsse sind inhaltlich eine Informationserweiterung. Sie sind Schlüsse vom Besonderen (Einzelfällen) zu Allgemeinen (vgl. Thomas Zoglauer, Einführung in die formale Logik für Philosophen. 4., überarbeitete Auflage. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2008 (UTB für Wissenschaft : Uni-Taschenbücher : Philosophie ; 1999), S. 57 – 58)

Induktion kann eine bedeutsame Rolle bei der Hypothesenbildung spielen, allerdings kann bei ihr keine Folgerung strikt notwendig gefolgert werden.

Mark Zegarelli, Logik für Dummies : [der Schluss ist das Ziel]. Übersetzung aus dem Amerikanikanischen von Katrin Krips-Schmidt. 1. Auflage. Weinheim : Wiley-VCH, 2008 (Für Dummies), S. 65 – 66:
„Induktionen sollte man, so nützlich sie auch sein können, mit Vorsicht genießen. Fünf netten Leute zu begegnen – oder auch zehn oder 10.000 – ist noch keine Garantie dafür, dass der Nächste, den man trifft, nicht doch unfreundlich ist. Selbst 100.000 freundliche Leute in einer Stadt garantieren nicht, dass die meisten oder alle Bewohner dieser Stadt freundlich sind – es kann ja sein, dass sie nur den netten begegnet sind.

Trotzdem ist die Logik mehr als nur eine starke Vorahnung, dass eine Annahme richtig ist. Die Definition logischer Richtigkeit fordert ja, dass - wenn die Prämissen wahr sind – auch die Konklusion wahr ist. Und weil die Induktion hinter diesem Standard zurückbleibt, wird sie sowohl von der Wissenschaft als auch von der Philosophie als der berühmte weiße Elefant betrachtet. Er sieht zwar so aus, als könne es mit ihm funktionieren, letztlich nimmt er aber doch zu viel Platz im Wohnzimmer ein.“

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@Albrecht

wird sie sowohl von der Wissenschaft als auch von der Philosophie als der berühmte weiße Elefant betrachtet. Er sieht zwar so aus, als könne es mit ihm funktionieren, letztlich nimmt er aber doch zu viel Platz im Wohnzimmer ein.

Hallo Albrecht,

das habe ich nicht ganz verstanden. Was haben "funktionieren", "weißer Elefant", "Wohnzimmer" und "Platzeinnahme" gemeinsam?

Wäre nett, wenn du da nochmal ein oder zwei Sätze zu schreibst. Das wäre bestimmt auch für den Fragesteller interessant, weil so, ohne Zusammenhang, fällt es schwer, das zu verstehen.

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@Suboptimierer

Hier handelt es sich offenbar zum Teil um idiomatische Redewendungen der englischen Sprache. Ein weißer Elefant ist eine Sache, die mehr Ärger als Nutzen bringt. Dem Anschein nach ist Induktion für logische Ableitung verwendbar und erscheint nützlich (funktionieren), aber die logischen Folgekosten sind zu hoch (wenn Induktion als zwingender logischer Schluß akzeptiert wird, müssen viele sich dabei ergebende Schlüsse akzeptiert werden, die zu ungesichert sind, mit guten Gründen angefochten werden und durch andere Erfahrung widerlegbar sind). Induktion ist, als zwingender Schluß eingesetzt, in der Wissenschaftstheorie unökonomisch (nimmt zu viel Platz im Wohnzimmer ein).

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@Albrecht

Achso, also ist es das Problem, eine Grenze ziehen zu können zwischen sinnvoll eingesetzter Induktion und nicht sinnvoll einsetzbarer. Man kann nicht das Moment abschätzen, bei dem man vom Speziellen wahrscheinlichkeitstheoretisch aufs Allgemeine schließen sollte / könnte.

Dankeschön für die Erklärung.

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Nein. Mehrheitsentscheidungen sind keine Gedankenschlüsse, sondern organisatorische Mittel zur Erzielung einvernehmlicher Lösung bei divergierenden Interessen. Dabei geht es auch keineswegs um Wahrheiten oder Unwahrheiten.

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