Ist die heutige deutsche Presse zu einem zahnlosen Tiger geworden?

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8 Antworten

Nach meiner Erinnerung hieß der Chefredakteur der ARD Ernst Ruge. Er wandte sich mal sehr eindringlich in eigener Sache an das deutsche Volk. 

Damals berichtete er darüber, dass es bei der neu gewählten Politik mittlerweile üblich werde, Journalisten zu erpressen. Wer ungewünschte, also kritische Fragen stellt, der habe keinen Zutritt mehr zu Pressekonferenzen, könne nicht mehr zu Auslandsbesuchen deutscher Politiker mitreisen und so fort. 

Der Deutsche Michel schwieg dröge dazu. Es hätte einen Aufschrei nötig gehabt. Aber der Deutsche Michel war müde, merkte so langsam die Folgen seines letzten Blutrausches für seine Psyche. 

Und Lieschen Müller wird ja sehr gut in Mutter Courage beschrieben. 

Heute ist noch dradio kritisch. 

Versuche der ARD, ein Thema längerfristig kritisch zu verfolgen, scheitern am Interesse der Zuschauer. 

Es gab auch kaum Protest, als gute politische Sendungen gekürzt bzw. ganz eingestellt wurden. Sie wurden ersetzt durch Laberrunden, in denen gerne die immer gleichen Luftverschmutzer ihre immer gleichen schädlichen Ansichten verbreiten. 

Wir haben in diesem Zusammenhang noch ein anderes Problem:

Deutsche Organe der öffentlichen Ordnung sind nicht frei. 

Polizei ist gegenüber Politik weisungsgebunden. 

Staatsanwaltschaft und Richter werden von Politik berufen. Es besteht also Abhängigkeit. 

Diskussionen, diese Abhängigkeit abzuschaffen, wurden in Fachkreisen schon öfter geführt. Der Bevölkerung geht das Thema mehrheitlich nicht mal wo vorbei. Sie will damit nichts zu tun haben. 

Also kann es vorkommen, dass investigativer Journalismus durch nachrangiges und von Politik geschaffenes Recht an der Ausübung ihres Berufes durch vor Politik schleimkriechende Staatsanwaltschaft gehindert werden. 

Ok. Es liegt ja am Souverän, also an uns, den Wählern. 

Ich z.B. bin auf mehreren Plattformen kritisch unterwegs. Ich bin nicht alleine. 

Wir unterstützen, jede Person nach eigenen Kräften, freien Journalismus. Und bekämpfen Volksverhetzung und Verlogenheit. 

Kein Mensch und keine Berufsgruppe lebt auf einer einsamen Insel. Als Gesellschaft sind wir alle verantwortlich. 

Einen Zustand kritisieren ist der erste Schritt. Dann aber sollte gleich die Suche nach einer oder mehreren Lösungen beginnen. Das ist dann konstruktiv. 

Die Sendereihe "Zur Diskussion" des Deutschlandfunk existiert z.B. aufgrund hoher Hörer-Beteiligung und Kenntnisnahme durch andere Medien. Da WERDEN kritische Fragen gestellt, da SIND mehrheitlich sehr gut vorbereitete Journalisten anwesend. 

dradio wird durch die GEZ - ich bleibe bei dieser Abkürzung - finanziert. 

Die Sender mit den laufenden Bildern - nicht nur ARD und ZDF sondern auch Arte, 3Sat, Phoenix - bieten zahlreiche Möglichkeiten der Teilhabe. 

Überlassen wir diese Teilhabe jenen 40% unserer Bevölkerung, die maximal einfache Sätze versteht, dann brauchen wir uns über die Folgen wirklich nicht wundern. 

Das war früher so, das ist heute nicht anders. 

Denn auch die gute Recherche des Spiegel über die verfassungsfeindliche Tätigkeit eines Franz Josef Strauss wäre im Sande verlaufen, hätte damals nicht nur die Medienlandschaft, sondern auch ein beachtenswerter Teil der Bevölkerung dahinter gestanden. 

Schaffen wir es z.B. hier, den jungen Menschen die SMV und die SZ schmackhaft zu machen, schaffen wir zukünftige Änderung der aktuellen Situation. 

Sind wir bereit, für ein Medium den tatsächlich angemessenen Preis zu zahlen, kann auch gute Arbeit geleistet werden. Denn ein investigativ arbeitender Journalist ist erst mal für eine Weile in der Redaktion eine Lücke die Geld kostet. 

Zu Deiner Frage: 

Nein. Auch wenn es von Dödelskirchen nicht zur Kenntnis genommen wird. 

Ansonsten rate ich dazu, die verbotene Sendung von 

Die Anstalt 

auf youtube anzusehen. 

Orgrim 07.05.2017, 01:00

Die Sendung "Die Anstalt" kenne ich. Wie gesagt, gibt es glücklicherweise auch heute noch die eine oder andere wirklich gut recherchierte kritische Sendung/Bericht.

Aber die Reaktion der Bevölkerung bleibt in weiten Teilen aus. Und ohne den Druck, den die Bevölkerung aufbaut, ändert sich nichts, egal wie gut recherchiert etwas ist. Leider.

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teafferman 07.05.2017, 18:20
@Orgrim

"Die Anstalt" ist Satire. Von mir aus Kabarett alter Schule. Es ist keine spezielle politische Sendung wie es sie früher gab. Auch wenn sie deren Qualität hat. 

Da ist Deine Bevölkerung, die Du vermisst

https://www.change.org/de/Petitionen

Und hier ein sehr kleiner Ausschnitt der Ergebnisse

https://www.changeverein.org/erfolge/

Mach Dich mal näher mit der Seite vertraut. Für die Kampagne gegen Lebensmittelverschwendung fehlen z.B. noch Unterschriften aus ganz Europa, damit sie als Volksabstimmung bei der EU angenommen und umgesetzt wird. 

Da kann dann auch begleitend auf der Seite der EU aktiv teilgenommen werden. Durch Beiträge. 

Frankreich hat z.B. durch diese Kampagne schon Lebensmittelverschwendung verboten. 

Das ist aber nicht die einzige Seite, wo sich Menschen heute engagieren. Es gibt schon sehr lange greenpeace. Die haben dank massenweiser weltweiter Unterstützung schon Regierungen und Großkonzerne in die Knie gezwungen. 

Dann gibt es die Albert-Schweizer-Stiftung. Auch sie kann auf manchen Erfolg durch aktive Teilhabe der Mitmenschen verweisen. 

we act vom campact gibt es auch. 

Dann Lobbycontroll und die deutsche Organisation abgeordnetenwatch. 

fightforthefuture

Die fallen mir mal so spontan ein, weil ich da regelmäßiger aktiv werden kann als z.B. dank eines Aufrufs von upworthy oder pinkstinks. 

Schau Dich einfach mal um. Es gibt sicherlich noch mehr. 

Und der Rechtsweg ist auch heute noch der stille Veränderungsweg, welcher - gut vorbereitet - manchen Erfolg generiert. 

Danke für die Bewertung. 

Ach ja:

Auf der Straße lässt sich keine Veränderung schaffen. 

Sich in Laberrunden setzen verändert auch nicht. 

Plattitüden als Forderungen zu verstehen macht nur lächerlich. 

Aber sich online hinsetzen und Falschmeldungen korrigieren, ständige Wiederholungen nutzloser Meldungen als solche darstellen, gegen Volksverhetzungen und Plattitüden angehen

das schafft Veränderung. Sonst hätte die AfD heute schon viel mehr Mitglieder. Z.B. Der Verfassungssschutz würde mehr Akten nach Lust und Laune vernichten.

Und ich hätte heute sicherlich keinen kritischen Artikel über Sülze von von der Leyen zu Bundeswehr lesen können. Auf tichys einblick

Gibt aber noch massenweise andere Seiten wie netzpolitik und so fort. 

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Alles verändert sich, nichts bleibt so wie es ist und war.Du bist auch älter geworden und siehst die Dinge anders als damals.Wir haben doch heute eher ein Überangebot an Informationen , was eher zur Abstumpfung führt.Die Zeit der großen Themen , der Atomkraftgegener und Spät-68er ist vorbei.Das Internet hält die Leute im Bann, mehr als die Tageszeitung.Man beschäftigt sich heute auch mehr mit sich selber.Die Meisten interessiert, wie es mit ihrer Karriere ,ihrer Gesundheit und ihrer Rente aussieht ,wie hoch der Benzinpreis ist, ob der Euro stabil bleibt und wo der Urlaub interessant und günstig ist.Auch irgendwie verständlich.

Nunja nicht ohne Grund bezeichnet man sie Medien als 4 gewalt in einem Staat das diese Kontrollfunktion heutzutage nicht mehr gegeben ist liegt wohl an der immer weiter fortschreitenden Entwicklung hin zu einer art Hyper-Kapitalismus bei denen grosse Unternehmen mehr einfluss haben als ganze Staaten und letzendlich nur um den Profit zu maximieren z.B Schlagzeilen und Texte von Journalisten im "minutentakt" fordern ob diese dann noch sinnvoll sind wage ich zu bezweifeln und die Beföklerung ist mehr damit beschäftigt immer für den boss erreichbar zu sein und es gibt onehin zu viele Schlagzeilen um sich über alles aufzuregen oder nicht?

Für investigativen Journalismus hat man einfach kein Geld mehr.Manche Printmedien können sich heutzutage nicht mal einen eigenen Sportredakteur leisten.Da wird dann alles von der DPA gekauft und nur kopiert.

earnest 05.05.2017, 19:29

Wer ist "man"?

Nun der investigative Journalismus hat doch gerade - mit gewaltigem finanziellem und organisatorischem Aufwand übrigens - den weltweiten Skandal mit den "Panama Papers" aufgedeckt...

Für die kleine Provinzzeitung liegt du natürlich nicht falsch. Aber dort war der klassische investigative Journalismus eh nicht beheimatet.

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atzef 05.05.2017, 20:05
@earnest

Na ja, auch dort werden manche lokalen Skandale aufgearbeitet. Die schaffen es nur nicht auf die ganz große Bühne.

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Curalime 05.05.2017, 20:20
@earnest

Mit man meinte ich deutsche Medien.

Panama Papers würde ich jetzt mal als Außnahme bezeichnen.Man hatte vermutlich auch mit einem deutlich größeren Effekt gerechnet.

Die späteren Hacks bekam man ja fast gar nicht mehr mit.Football Leaks,Swiss Leaks(?),etc...Die mussten auch schon mit deutlich weniger Ressourcen auskommen.

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earnest 05.05.2017, 20:23
@atzef

Das schaffen aber auch die hier gescholtenen "Sportreporter" - blöd sind nämlich auch die nicht.

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earnest 05.05.2017, 20:25
@Curalime

Ein größerer Effekt als bei den Panama Papers? Dann hast du die Sache wohl kaum sehr genau verfolgt.

Dir wäre ansonsten auch aufgefallen, dass die Süddeutsche Zeitung bei der Aufdeckung des Skandals eine entscheidende Rolle spielte.

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Curalime 05.05.2017, 20:27
@earnest

Kann man sehen wie man will.Ist vielleicht auch alles eine Definitionsfrage.

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earnest 05.05.2017, 20:29
@Curalime

Nein, ich denke, hier sprechen die Fakten für sich: a) große Sache b) "deutsche Beteiligung" an der Aufklärung.

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Curalime 05.05.2017, 20:34
@earnest

Keine Ahnung warum du jetzt so einen großer Wert auf die Beteiligung legst.Hatten die Panama-Papers einen großen Effekt auf Deutschland? Hat sich dadurch die Denkweise der Menschen geändert ?  Bei den Snowden-Enthüllungen konnte man zumindest von einem nachhaltigen Effekt sprechen.

Leute haben sich mehr um IT-Sicherheit Gedanken gemacht, haben den NSA-Ausschuss verfolgt oder Medien wie Netzpolitk unterstützt.

Panama-Papers hat in meinen Augen nicht schockiert.Panama-Papers hat nichts geändert-außer das man jetzt sein Geld woanders hinbringt.

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earnest 05.05.2017, 20:59
@Curalime

Ich lege hier Wert auf die "deutsche Beteiligung", weil in der Fragestellung die "Zahnlosigkeit" der deutschen Presse beklagt wurde und die Aufdeckung des genannten Skandals ein Beispiel dafür ist, dass diese These der Fragestellung mehr als nur wackelt.

DARUM ging es mir.

(Und ich bin hier jetzt raus.)

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Phantasievolles Geblubber ohne die geringste Sachkenntnis von der Zeigeschichte der 50er, 60er oder 70er Jahre, bildungsferne Worthuberei um "Mechanismen", die lediglich an den Haaren herbeigezogene Behauptungen sind.

Nenn doch mal jeweils einen dieser von den Medien aufgedeckten Großskandale... Nur einen einzigen...


Orgrim 06.05.2017, 01:54

Zwei sehr gute Beispiele sind die Contergan-Affäre oder die Spiegel-Affäre.

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atzef 06.05.2017, 04:12
@Orgrim

Nein.

Nicht in dem behaupteten Zusammenhang. Der Contagan-Skandal wurde nicht durch investigativen Journalismus aufgedeckt, sondern durch die Häufung von schweren Fehlbildungen und wissenschaftlicher Forschung.

Und die Spiegelaffäre wurde überhaupt erst zu einer durch die Durchsuchung der Redaktionsräume und die Inhaftierung der Redaktion.

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sie ist Teil des herrschenden Systems, daher als solches zu betrachten

Ich denke mal die hat einen Maulkorb verpasst bekommen darf wohl nicht so frei über alles berichten!Gerade jetzt vor den Wahlen zum Thema Flüchtlinge.Merkels !!

Eine kurze Antwort auf eine sehr lange Mehr-als-nur-Frage:

Nein.

earnest 05.05.2017, 18:50

Oh, wie ich gerade sehe, wurde die Antwort von Bitterkraut gelöscht.

Hatte sie zu viele Zähne?

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