Ist die freie Willensbildung nur im Zustand einer Geisteskrankheit möglich?

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8 Antworten

Mir sei gestattet einige sperrige Ausführung zur Problematik des sog. "freien" Willens auszuführen:

Zu unterscheiden ist  in der Beschreibung von Willensprozessen zwischen Willensfreiheit und Handlungsfreiheit:
Bei der Willensfreiheit geht es darum, wie der Wille des Menschen zu Stande kommt und was eine diesbezügliche Freiheit, also Freiheit der Willensbildung, bedeuten könnte. Bei der Handlungsfreiheit (….), geht es darum, ob ein auf ein Tun ausgerichteter Wille in die Tat umgesetzt werden kann.“  [1527]
Hierzu ist eine kognitiv-antizipative Handlungssimulation notwendig - eine „…Abkoppelung der Reaktionsselektion von der unmittelbaren Reiz-verarbeitung….“  [1528]

Die Determinierung besteht darin, „….dass die Verhaltensselektion nicht mehr
ausschließlich durch die aktuelle Reizsituation, sondern durch
repräsentationale Zustände (Ziele, Erwartungen, Bewertungen) determiniert wird, was es uns ermöglicht, in Abhängigkeit von den jeweils verfolgten Zielen in nahezu beliebig unterschiedlicher Art und Weise auf ein und dieselbe Situation zu reagieren
. Darüber hinaus bildet die Fähigkeit zur Bedürfnisantizipation und Selbstkontrolle die funktionale Grundlage für eine vermutlich spezifisch menschliche Form von Autonomie, die
darin gründet, dass unser Verhalten bis zu einem gewissen Grad unabhängig von inneren Determinanten wie aktuell angeregten Bedürfnissen, emotionalen Impulsen und starken Gewohnheiten wird. Auch wenn diese Fähigkeiten meistens selbstverständlich erscheinen mögen, beruhen sie auf der bemerkenswerten Fähigkeit unseres Gehirns, das Zusammenspiel sensorischer, kognitiver und motorischer Systeme von einem Moment zum nächsten im Sinne übergeordneter Ziele auf immer wieder neue Weise konfigurieren und koordinieren zu können (….)Diese Verhaltensflexibilität zusammen mit der Unabhängigkeit von der unmittelbaren Reizsituation dürften einen Grund dafür sein, warum wir subjektiv den Eindruck haben, dass es uns – sofern kein äußerer Zwang ausgeübt wird – frei steht, wie wir in einer Situation handeln.“
[1529]   

Zum Schluss noch ein letzter perspektivistischer Erweiterungsgedanke: „Während virtuelle Wünsche unterbewusst unser Handeln
motivieren können, kann das Wollen nur bewusst gesetzt werden und auf solche Weise unser Handeln motivieren. Das zweite Moment des Wollens ist das wollende Verhalten, in dem ein Tun in Bewegung gesetzt wird und man das
gesetzte Ziel verfolgt. Es sei hier betont, dass die beiden Momente der
Willenssetzung und des wollenden Verhaltens nicht notwendigerweise zusammen auftreten. So ist es durchaus möglich, dass nicht auf jede Willenssetzung ein wollendes Verhalten folgt. Daher mündet nicht jeder Wille, den wir uns gesetzt haben, in ein wollendes Verhalten, und das aus verschiedenen Gründen, im Fall des Neides etwa aus Angst vor einer Strafe oder aus Gründen der Erziehung.“
[1543]
    

Anm.: Zitatquellen reiche ich gern bei Anfrage nach.

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Kommentar von Cocokiki3
04.09.2016, 21:45

danke für den aufwand. ich kann mich nicht entscheiden wem ich die hilfreichste antwort geben soll.

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Willensfreiheit ist nicht gleichbedeutend mit Kausalfreiheit und Strukturlosigkeit. Im Gegenteil: Willensfreiheit ist ein so organisierter Entscheidungsprozeß und ist eingebettet in ein so organisiertes Komplexitätsfeld. Daraus entsteht dann ein Metasystem welches unvorhersagbar - also nicht-prozeßhaft sondern (potentiell) sprunghaft (fluktuativ) wird. - Diese ganze fluktuative Komplexität befindet sich als Emergenzpotential eines "Offenen Systems" bereits in jedem einzelnen  (psychisch gesunden) Individum selbst.

PS: Zum Leidwesen der Neuropsychologie und aller Kontrollfreaks (Politiker, Manager, Wirtschaftwissenschftler, Soziologen, Psychologen etc.). :-D

PSS: Oder zum Leidwesen aller ermüdeten Pessimisten was die menschliche Entwicklung betrifft. ;-)

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Kommentar von Cocokiki3
04.09.2016, 21:45

danke für den aufwand. ich kann mich nicht entscheiden wem ich die hilfreichste antwort geben soll.

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Ich sehe das etwas anders als meine Vorredner.

Eine freie Willensbildung ist nur im Zustand völliger Gesundheit möglich.

Die eigentliche Ursache der Unordnung in uns ist das Suchen nach einer Realität, die uns von einem anderen versprochen wurde. 

Wir folgen mechanisch dem, der uns ein wohltuendes spirituelles oder sicheres Leben zusichert. 

Es ist höchst seltsam, daß, obgleich wir uns der politischen Tyrannei und Diktatur widersetzen, wir innerlich die Autorität, die Tyrannei eines anderen hinnehmen, die unseren Geist und unser Leben verwirrt.

Wenn wir nun jede sogenannte spirituelle, politische oder sonstige Autorität mitsamt allen Zeremonien, Riten und Dogmen verwerfen, nicht intellektuell, sondern tatsächlich, bedeutet das, daß wir allein stehen und uns damit bereits im Konflikt mit der Gesellschaft befinden. 

Dieser Konflikt ist freie Willensbildung. 

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Kommentar von Cocokiki3
01.09.2016, 12:24

oho, ein romantischer theologe.

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Nein, frei Willensbildung ist da möglich, wo man sich den Einflüssen von Außen bewußt ist. Je mehr man sich seiner Selbst gewahr ist, desto freier kann man sein Leben gestalten.

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Ich habe von Peter Bieri in seinem Buch "Handwerk der Freiheit" folgenden Gedanken gelernt:

Man sagt gemeinhin, auch der Wille sei determiniert, weil es immer Gründe dafür gibt, dass wir etwas bestimmtes wollen. Determiniert sein heißt aber unfrei sein. Also gibt es keinen freien Willen. Das wird so gemeinhin gesagt. 

Nun, Peter Bier überlegt, was die Alternative wäre. Er macht ein Gedankenexperiment und stellt sich einen Willen vor, der von nichts abhängt, von wirklich gar nichts! Eigentlich müsste dieser Wille dann ja frei sein. Aber bei näherer Betrachtung sieht man, dass ein solch "freier" Wille uns vollkommen unfrei machen würde. Denn alles, was ich wollte, wäre vollkommen willkürlich und entspränge dem Zufall. Wenn ich im Restaurant bin und meinen Willen befrage, was ich essen möchte, dann antwortet er plötzlich Fußball spielen. Bieri schließt daraus, dass ein vollkommen freier Wille nicht wünschenswert ist, denn er macht uns unfrei.

Wenn wir von der Freiheit des Willens sprechen, dann müssen wir also etwas meinen, das die Determination des Willens positiv mitdenkt bzw. darin kein Problem für die Freiheit des Willens an sich sieht.

Ich würde einem Geisteskranken, so unscharf wie diese Bezeichnung auch ist, einen willkürlichen Willen zuschreiben. Er hat keine Gründe, keine Alternativen zwischen denen er wählen kann, er wird von seinem Willen heimgesucht und kann sich nicht dagegen wehren.

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Kommentar von Cocokiki3
04.09.2016, 21:45

danke für den aufwand. ich kann mich nicht entscheiden wem ich die hilfreichste antwort geben soll.

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Den freien Willen gibt es im Grunde gar nicht.

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Kommentar von Cocokiki3
01.09.2016, 11:33

also, ja?

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Als verfechter des harten Determinismus würde ich sagen, dass eine Freie Willensbildung in keinem Zustand möglich ist.
Alles basiert auf Ursache - Wirkungs Prinzip.

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Kommentar von Cocokiki3
01.09.2016, 11:49

bist du denn religiös?

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Kommentar von Marcel89GE
01.09.2016, 11:52

Genauso ist es.

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Es gibt keinen freien Willen, da uns alles was uns im Alltag begegnet positiv/negativ beeinflusst

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Kommentar von Cocokiki3
01.09.2016, 11:35

also wäre der freie wille nur im zustand der bewußtlosigkeit möglich?

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Kommentar von BetterInStereo
01.09.2016, 11:35

Wenn man's so nimmt theoretisch ja! Aber auch das ist nicht garantiert! Man bekommt unbewusst trotzdem die Umwelt mit ^^

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