Ist die Einführung der Demokratie in Entwicklungsländern für uns hier im Westen eigentlich nützlich?

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12 Antworten

Das ist der Grund warum die Vorzeigedemokratie USA gestürzte Regime am liebsten durch Diktatoren ersetzt hat. Mit denen lässt sich besser verhandeln, da man nur die Interessen des Diktators berücksichtigen muss.

Ich finde wir sollten Demokratie jedem Land gönnen, auch wenn wir dann mehr bezahlen müssen für irgendwelche Güter. Ich hoffe nur dass die Länder auch was machen aus ihrer Demokratie. Ich habe mich auch über den arabischen Frühling gefreut, aber dadurch kamen auch Regierungen an die Macht die Gesetze sehr streng nach der Scharia auslegen und die Menschen, gerade dann Frauen ja eigentlich weniger Rechte bekamen. Das ist der einzige Nachteil einer Demokratie meines Erachtens. Ich versuche in Bezug auf faire Löhne einfach da einzukaufen wo die Menschen nicht ausgebeutet werden. Bestimmte Geschäfte meide ich schon von vornerein. Aber auch diese 1 Euro Läden hier in Deutschland. Umso günstiger die Ware umso weniger die Löhne für die Mitarbeiter, was ich auch nicht in Ordnung finde.

Warum sollten die Menschen das sehen? Was sich ändert, wenn in einem Land eine Demokratie gewählt wird, ist, dass die Politiker wählbar und abwählbar sind. Damit einhergehen würde sehr wahrscheinlich auch eine größere Pressefreiheit, aber was sich nicht ändern würde, jedenfalls nicht ohne einen zusätzlichen Aufwand, ist die Bildung der Menschen. Woher sollen ausgebeutete Arbeiter, die nie eine Schule besucht haben oder nur in einer rudimentären Grundschule gewesen sind, wissen, a) dass sie ein Recht auf höhere Löhne haben und b) wie sie dieses Recht einfordern können? Auch bedeutet Demokratie nicht automatisch gut funktionierender Sozialstaat. Wenn es keinen Kündigungsschutz gibt und das Arbeitslosengeld sehr niedrig ist, wird sich doch kein Arbeiter trauen, in Streik zu treten, selbst wenn es ein Streikrecht geben sollte. Außerdem sind auch viele demokratische Staaten korrupt. Zudem kann der Westen beim Aufbau demokratischer Strukturen und der Wirtschaft unter dem neuen demokratischen System helfen und sich damit eine wichtige Rolle als politischer Verbündeter und Handelspartner sichern. Deutschland importiert aus Libyen mittlerweile mehr Erdöl als damals unter Gaddafi. Wenn die Politiker untereinander lukrative Verträge abschließen, sind die kleinen Leute oft machtlos.

Zu deiner letzten Frage: Wir könnten das ja schon jetzt tun. Exotische Früchte, Kaffee und Schokolade mit dem fairtrade Siegel kaufen. Bioprodukte in Deutschland kaufen, weil überproduzierte Ware aus Massentierhaltung in die dritte Welt verkauft wird- weil es so billig ist, kaufen es mehr Menschen und die regionale Wirtschaft geht kaputt. Öko-fairtrade-Kleidung kaufen oder Second Hand einkaufen gehen und keine Kleidung mehr nach Afrika verschicken. Das neue fairphone bestellen. Statt Auto fahren lieber häufiger Rad oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen und sich ein benzinsparendes Auto kaufen... Also die Frage, ob es uns das wert ist, können wir uns in diese Moment beantworten: Machen wir das, was ich gerade beschrieben habe? Ich kann für mich sagen "teilweise". Ich achte oft darauf, aber ich achte oft eben auch nicht darauf. Wenn wir einkaufen gehen, legen doch viele von uns einen Schalter im Kopf um und denken überhaupt nicht nach über Ethik, globale Verantwortung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Ich kann mich davon auch nicht freisprechen. Beim Essen ist es bei mir ganz durchwachsen- mal so, mal so, beim Benzin super (ich habe kein Auto) und bei Kleidung nur schlecht- ich besitze ein einziges Kleidungsstück aus fairem Handel.

Ähm, Indien ist eine Demokratie. Es ist nicht umsonst als die "größte Demokratie der Welt" bekannt, wegen seiner Hunderte von Millionen Menschen. Und nein, in einer Demokratie zu leben heißt nicht zwangsläufig, dass die Marktwirtschaft in solchen Ländern dann zwangsläufig mehr oder weniger reguliert ist als bei uns.

Ob und inwiefern ein Wirtschaftssystem reguliert sein muss und ob Preis- und Lohnregulation nützlich oder schädlich sind, das ist eine andere Frage und hat m.E. nichts zwangsläufig mit Demokratie zu tun.

Nein, aber für die betroffenen Länder durchaus.

Mit Diktatoren kann man bessere Vereinbarungen treffen, weil diese nicht so einfach abgewählt werden können, wie eine schlechte Regierung in der Demokratie.

Wenn ich mir hier die Antworten so durchlese, dann fällt mir auf, dass offenbar viele gar nicht wissen, was Demokratie bedeutet. Also verzeih einen kleinen Exkurs:

Als Deutschland noch vom Adel beherrscht wurde, hatte der einzelne Bürger keinerlei Mitspracherecht. Auf die Frage wer regierte oder was entschieden wurde, hatte er keinen Einfluss. Die Bürger waren minderwertig.

Erst mit Aufkeimen des Sozialismus und insbesondere der Sozialdemokratie als Folge der französischen Revolution wurde das bisherige Macht- und Herscherprinzip in Frage gestellt. Das Schlagwort lautete "Gleichheit".

Gleichheit bedeutete auch, dass jeder Bürger das Recht hatte mit zu entscheiden und jede Stimme gleich viel zählt. Das Wahlrecht wurde eingeführt und in der weiteren Folge auch das Frauenwahlrecht (mit der gleichen Begründung). Das Recht in der Demokratie an Wahlen teilzuhaben und jede Stimme gleichviel gewicht hat, ist bereter Ausdruck des Menschenbildes, dass alle Menschen (nicht nur vor Gott) gleich wichtig sind, also auf Augenhöhe.

Wenn also heute Menschen nicht zur Wahl gehen, verzichten sie auf diese Gleichbehandlung und tragen damit dazu bei, dass wir als Gesellschaft uns wieder zurück entwickeln. Die Mächtigen profitieren von dieser geistlosen Haltung, weil sie nichts unversucht lassen, diese Gleichheit wieder aufzuheben. Und mit jedem, der auf Mitsprache und -entscheidung durch eine Wahl verzichtet, haben sie wieder Terrain zurück gewonnen.

In den Entwicklungsländern ist den Menschen dieser Vorgang noch viel bewußter, als es bei uns der Fall ist, weil sie dieses Recht noch nie besessen haben. Sie riskieren sogar ihr Leben und teilweise das ihrer Familien dafür, dass sie Mitreden und Mitentscheiden können, dass ihre Stimme das gleiche Gewicht hat, wie die jeden anderen Bürgers. Sie sind der Staat und es ist ihr Land und nicht das einiger weniger skrupelloser Menschen.

Wenn also manche so verächtlich über Demokratie schwadronieren, zeigt das nur, dass sie leichtfertig auf das Recht der Gleichbehandlung verzichten und einem totalitärem System damit den Boden bereiten. Darum ist Aufklärung auch heute noch im Westen notwendig.

Bitte verzeih diesen geschichtlichen Ausflug, der mir aber aufgrund der Antworten, die ich emotional durchaus nachvollziehen kann, notwendig erschien.

nixweiss123 28.06.2013, 19:12

@Immofachwirt,

Demütiger, verständnisvoller und einfühlsamer Kommentar! Danke, dafür...

Jason

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CholoAleman 29.06.2013, 02:40

Wunderbarer Kommentar, bis auf eine Kleinigkeit:

Als Deutschland noch vom Adel beherrscht wurde, hatte der einzelne Bürger keinerlei Mitspracherecht. Auf die Frage wer regierte oder was entschieden wurde, hatte er keinen Einfluss. Die Bürger waren minderwertig.

Das ist so nicht unbedingt richtig. Die Bürger in DE hatten viel mehr Rechte als in den meisten Ländern. So konnte - abgesehen von einigen Epochen - ein Bürger durchaus den König verklagen. Viele Sozialwissenschaftler führen die 'Obrigkeitshöhrigkeit' der Deutschen auf diesen Umstand zurück.

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Moin,

denkst du wirklich, das steht und fällt alles mit der Staatsform "Demokratie"? Selbst die problematischen oder Scheindemokratien werden immer noch hemmungslos ausgebeutet, manchem Staat hat/wird unsere Vorstellung von Demokratie mehr schaden als helfen. Da spielen gesellschaftliche, machtpolitische und wirtschaftliche Aspekte eine weit bedeutendere Rolle.

Siehe Syrien - dort wird falls der böse Assad einknickt wahrscheinlich ein hemmungsloses Gemetzel an ethnischen Minderheiten im Rahmen einer islamistischen Regierung einsetzen. Assad ist zwar kein Unschuldsengel und erfüllt nicht wirklich unsere demokratischen Ansprüche, aber in solchen Ländern herrschen nicht Verhältnisse wie in Deutschland. Clangebilde, schlechte Infrastruktur, ungebildete Bevölkerung...

Die "faire" Behandlung von Menschen wäre wohl so einiges Wert. Rein theoretisch würde unsere Wirtschaft selbst heute genug Lebensmittel hergeben, um das doppelte der Weltbevölkerung zu ernähren. Trotzdem sterben Millionen an Hunger.

mfg Nauticus

Immofachwirt 28.06.2013, 11:22

Welche Staatsform schlägst du denn vor?

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Nauticus 28.06.2013, 14:16
@Immofachwirt

Ich bin 17, Schüler. Mir fehlt momentan leider die Zeit zur Konzeption einer perfekten Staatstheorie ;-)

Es gibt da sicherlich keine Allgemeinlösung, die man über Nacht praktizieren könnte, um die Erde zum Paradies zu formen. Auch mit der Demokratie als Staatsform an sich habe ich kein Problem, sie hat sich hingegen historisch bestens bewährt, allen Mängeln und Kritikpunkten in der Anwendung zum Trotze.

Mir geht es eben darum, das in diesen Ländern der Wohlstand und die Gerechtigkeit damit kommen, dass man freie Wahlen durchführt. Beispiel Afghanistan - dort haben wir trotz der direkten militärischen Durchsetzung immer noch Krisen und Probleme in allen Bereichen. Man muss einfach mehr tun, als ein westlich orientiertes Staatsgebilde zu installieren. Siehe auch die ehemaligen europäischen Kolonien - dort sind Diktaturen und Bürgerkriege letztendlich eher die Begleiterscheinungen von wirtschaftlichen Problemen gewesen.

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Immofachwirt 28.06.2013, 14:43
@Nauticus

Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen.

Winston Churchill

Die Demokratie ist kein Garant dafür, dass es keine Korruption oder Ungerechtigkeiten gibt. Sie beinhaltet nur das Recht der Bevölkerung mitzumachen und mitzuentscheiden. Was das Volk letztlich daraus macht, kann die Demokratie nicht beeinflussen. Insofern ist es keine Frage des Systems, erst recht nicht des sog. westlichen Systems der Staatsform, sondern eine Frage der Wirtschafts- und Finanzordnung auf dieser Welt. Und wer diese im Sinne der Bevölkerung ändern will, bedarf der Demokratie.

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Demokratie lässt sich nicht per gesetz einführen. Und immer mehr Menschen erkennen auch ohne demokratische Staatsführung, dass sie auf der Verliererseite der Globalisierung stehen. Dagegen werden sie sich langfristig zur Wehr setzen. Und eine frei Menschhen in einer freien Welt, das ist doch einer der ältesten Träume der aufgeklärten Menschheit.

Zumindest würden deutsche Unternehmen nicht mehr ins Ausland wegen billigeren Gehältern gehen, sondern würden sich wieder in Deutschland ansiedeln, weshalb dann hier mehr Arbeitsplätze enstehen würden. Mir persönlich ist es lieber für jedes Produkt 1 Euro mehr zu zahlen, wenn dafür der Lebenstandard jedes Menschen auf der Welt gleich gut wäre.

Hallo,

ich denke mal dass Du da politisches System und Wirtschaftsverhältnisse durcheinander bringst. Die Demokratie ändert nicht unbedingt wirtschaftliche Verhältnisse.

Ein Beispiel: Costa Rica ist eine lupenreine Demokratie, in Amerika die drittälteste nach den USA und Kanada. Deswegen kriegen die Bauern dort noch längst nicht annehmbare Preise für ihre Bananen oder den Kaffee.

Andererseits werden in vielen Ländern Lateinamerikas mit zweifelhaften Demokratien (Venezuela, Ecuador, Panamá....) Mindestlöhne festgesetzt und Sozialgesetzgebungen durchgesetzt die selbst in DE nicht möglich wären. Mit dem Erfolg das die Leute keine Arbeit finden weil es zu teuer wäre sie anzustellen. Der Markt gibt es nicht her.

Auch in einer Demokratie fliessen Gelder in falsche Kanäle wie wir auch in Deutschland sehen. Einige wenige werden sich bereichern und an der Gesamtsituation wird sich nichts wesentliches verändern. Das Volk bleibt so oder so immer auf der Strecke.

wie wir sie fordern

Mit welchem Recht eigtl.?

Recht auf faire Löhne haben

Und was gibt ihnen so ein Recht wenn die Wirtschaft es nicht hergibt?

zu angemessenen Preise zu exportieren

Das müssten aber alle Länder gleichzeitig machen, sonst stehen die "fair bezahlten" ohne Käufer da auf dem Markt. Wie realistisch ist sowas?

Liter Super Benzin 6 Euro

Dir ist schon klar, dass dir Dein Staat das meiste Geld bei Benzin abnimmt? Nimm dem Staat die steuer Weg und du hast einen normalen Benzinpreis. Und die Ölpreise recht fair sind. Nur fliessen sie in Konzerntaschen anstatt in die Staatskasse der Länder.

das du den Wohlstand den du hier genießt dafür aufgeben würdest?

Ist doch nur das Problem der Wahrnehmung. Für mich sind Bananen, Fernseher und billige Textilien nicht Wohlstand. Ich könnte das heute noch aufgeben. Die meisten Menschen aber nicht, weil man sie schon zu Konsumenten von "Wohlstand" erzogen hat.

Wirtschaftlich und für spezielle Investoren zB im Bereich Rüstungsindustrie: ja - man beutet die Entwicklungsländer ja aus. Wenn es nicht nützlich wäre würde man es ja nicht machen

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