Ist die allmähliche Verwandlung der Grammatik im Laufe eines Lebens spürbar?

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Diese Genitiv-Dativ-Verschiebung gibt es schon lange. Auch in den 50-ern des letzten Jahrhunderts sagte man schon "dem Vater seine Pfeife". Beleg dafür sind auch die ganz alten Aufnahmen "vom" Ohnsorgtheater.

Selbst wenn man aber dieses Beispiel nicht heranzieht, gibt es eine Menge, das sich in den letzten Jahrzehnten geändert hat. Durch die völlig anderen Lebensumstände sind Wörter wie "Kartoffeln stoppeln", "Diemen", "Chaiselongue" oder "Trottoir" völlig in Vergessenheit geraten. Dafür sind neue gekommen, - Anglismen zumeist.

Grammatisch hat sich nicht so viel getan. Einige Präterita und Partizipien sind schwach geworden, die meine Großeltern noch stark gebildet haben, was nun heute nicht mehr üblich ist: frug (fragte) - gewunken (gewinkt) - buk (backte) - stak (steckte).

Auffällig ist die Zunahme von Kurz- und Halbsätzen, die ja vor allem durch Emails und SMS gefördert wird, sowie diese neue Wortart (die 11.), nämlich das Inflektivum (auf-die-Schenkel-klopf, wegduck, rotwerd usw.), die aber noch nicht offiziell zugelassen ist bzw. von manchen Linguisten auch den Interjektionen zugeordnet wird.

Im Volksmund ist für das Inflektiv scherzhaft auch Erikativ im Schwange, weil die Micky-Maus-Übersetzerin Dr. Erika Fuchs als Urheberin vieler dieser Formen gilt. (Sie starb 2005.)

Veränderungen gibt es in der deutschen Sprache seit dem zweiten Weltkrieg eine ganze Menge, oft, aber nicht nur durch den Einfluss des Englischen.

Beispiele: "einmal mehr" (once more) statt früher "wieder einmal", "nicht wirklich" (not really) statt früher "eigentlich nicht", "nicht so ganz", usw.

Bedeutungsänderung: "realisieren" (wegen "realize") für "bemerken"; daneben besteht die alte Bedeutung "verwirklichen" weiterhin. "Deal": jede Art von Absprache, früher nur "Drogenhandel".

Wortvalenzänderungen: "erinnern" mit direktem Objekt: "Ich erinnere das nicht" anstatt "Ich erinnere mich nicht daran". Wegfall von früher notwendigen Ergänzungen zu "Kurzdeutsch": "Ich werde mich kümmern" anstatt "Ich werde mich darum kümmern". "Er hat nur gerunzelt" anstatt "Er hat nur die Stirn gerunzelt". 

Erst vor kurzem: Verwenden der Konjunktion "weil", die früher nur einen Nebensatz einleitete" auch als Einleitung eines Hauptsatzes, anstatt wie früher durch "denn". "Weil das sieht nicht aus" anstatt "Denn das sieht nicht aus". (Entstanden wohl aus "Weil: das sieht nicht aus" mit Pause hinter dem "weil".)

Der Wechsel des Kasus vom Genitiv zum Dativ nach zahlreichen Präpositionen ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass die Genitivkennzeichnung am Substantiv insgesamt schwindet: a) nach Substantiven, die auf "s" enden: "des Haus" anstatt "des Hauses". b) nach solchen auf "-ent": "des Student" anstatt "des Studenten" u.a.

Schwinden der Objektkennzeichnung ebenfalls bei Substantiven auf "-ent": "Hat jemand den Student gesehen?" anstatt "Studenten", ferner bei "jemand" "niemand" usw.: "Das müsste man mal jemand fragen" anstatt "jemanden". "Das wird doch niemand aufregen" anstatt "niemanden".

Insgesamt ist ein Schrumpfen der Morphologie (Wegfall von Endungen) zu bemerken, das auch bei anderen Sprachen beobachtet werden kann und teilweise (z.B. im Niederländischen) schon zum Zusammenbruch der Deklination geführt hat. Bei weiterer Verbreitung eines nicht normgerechten Deutschen (nicht: Deutsch) wird auch das deutsche Genus in Gefahr geraten. Evtl. verschwindet "der" zugunsten von "die", weil das schon im Plural einheitlich verwendet wird (Kleinstkinder verwenden deshalb zunächst nur "die") und weil feminine Deklinationsmuster i.w. nur Singular und Plural unterscheiden (bis auf den Dativ Plural).

Bei den Satzgefügen kann man beobachten, dass Sätze allgemein kürzer werden und weniger tief gestaffelt sind als früher, meist gibt es nur einen Nebensatz. Damit sie jeder versteht, werden Texte wie Anleitungen usw. nur noch als eine Reihe von kurzen Hauptsätzen formuliert. 

Ich habe mit meinen jungen 19 Jahren schon eine Veränderung festgestellt. War "damals" die Bildung und die Benutzung des Genitivs noch gang und gäbe, wissen heutzutage viele Jugendliche erschreckenderweise nicht mehr, wie der Genitiv gebildet wird und dass es ihn überhaupt gibt.

Es heißt oft (beispielsweise) „Der Ballon vom Kind" anstatt „Der Ballon des Kindes". Ich habe mal im Rahmen eines Referats im Deutsch Leistungskurs gefragt, wie denn der Genitiv gebildet wird: Keiner der fast 30 Schüler wusste die Antwort. Schrecklich...

Ich hoffe ich konnte dir in gewisser Weise weiterhelfen.

Ha! Für meinen Teil habe ich diese Problem nicht und hätte problemlos Antworten können. Dank der Tatsache, dass ich deutsch nicht als Muttersprache spreche und es also lernen musste (endlich etwas gutes daran!) - auch den Genitiv, den ich eigentlich sehr schöne finde, und auch benutze, musste ich lernen. Aber nicht zu wissen, wie eine Sprache funktioniert macht noch nicht automatisch, dass man sie nicht gut spricht bzw. schreibt. Mein Philosophielehrer, zum Beispiel, war unfähig, mir genau zu erklären, wie das Konjunktiv I so *gebildet werde*, als ich ihn gefragt habe, obwohl er sich doch immer beschwerte, dass wir fälschlicherweise den Konjunktiv II an dessen Stelle benutzten. Zurück zum Thema. Konstruktionen wie "der Ballon vom Kind" habe ich auch schon oft gehört. (Oder schlimmer: "vom Kind der Ballon", oder noch "vom Kind sein Ballon", oder etwas in der Art). Also schön gefunden. PS, vielen Dank für deine Antwort :)

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