Ist der Prinzipat die Fortsetzung oder der Bruch der Römischen Verfassung?

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1 Antwort

Der Prinzipat ist darin ein Bruch der römischen Verfassung, tatsächlich eine Alleinherrschaft zu sein. Aus einer Republik war eine Monarchie geworden. Dies zeigt sich z. B. auch deutlich in der Nachfolgefrage.

Der Prinzipat brachte allerdings die Alleinherrschaft in rechtliche Formen und bewahrte dabei einiges der republikanischen Verfassungseinrichtungen. Der Prinzipat ist sogar offiziell als Wiederherstellung der Republik dargestellt worden. Dies ist so sichtlich nicht zutreffend. Immerhin war aber von Bedeutung, ein Stück weit etwas von der traditionellen Verfassungsordnung zu bewahren, auch wenn sie insgesamt nicht fortgesetzt wurde. Gezielt wurde ein harter Bruch bei den Formen eher vermieden und eine für eine Eingewöhnung besser geeignete Gestaltung bevorzugt.

Bei Augustus war nicht mit dem Herkommen (mos maiorum = Brauch/Sitte der Vorfahren) übereinstimmend, wie er an die Macht und damit in den Besitz der Alleinherrschaft gekommen ist (für diese Zeit ist die Benennung Octavian verbreitet). Verfassungswidrige Handlungen, Einsatz militärischer Gewalt, Drohungen und Manipulationen waren daran beteiligt (so z. B. die Aufstellung eines eigenen Heeres als Privatmann, die Erzwingung von Ämtern gegen rechtliche Regeln, die Verfolgung von Gegnern durch Proskriptionen und die Bürgerkriegskämpfe).

Für Augustus (diesen Ehrentitel, der etwa „der Erhabene“ bedeutet, hat er 27 v. Chr. erhalten) war die Rücksichtnahme auf die republikanische Verfassungstradition wichtig. Nach seinem Sieg im Bürgerkrieg hat er den Bürgerkrieg beendet. Augustus hat für seine tatsächliche Machtstellung rechtliche Formen bevorzugt, die verhältnismäßig gut eine Fassade aufbauten, die den Schein wahrte (kein schroffes Beiseiteschieben), wenn nicht genau hingesehen wurde (eine eingehendere Auseinandersetzung z. B. Tacitus, Annales 1, 2- 3 beurteilt die neue Herrschaft als Alleinherrschaft [dominatio], auch wenn er die Schlüssigkeit der geschichtlichen Entwicklung anerkennt) Seinem Anspruch nach war der Staat/die Republik von ihm wiederhergestellt (res publica restituta).

27 – 23 v. Chr. ist er jedes Jahr Konsul gewesen, hat dann aber die jährliche Übernahme des Amtes abgebrochen. Er erhielt die Rechte der tribunizischen Gewalt (tribunicia potestas) und eine übergeordnete prokonsularische Befehlsgewalt (imperium proconsulare maius). Seine Herrschaft wird als Prinzipat bezeichnet (princeps = Erster).

Augustus hatte gewaltige finanzielle Mittel in seiner kaiserlichen Privatkasse, eine riesige Klientel und den Oberbefehl über eine große Anzahl Soldaten. In den Provinzen, die er durch von ihm ernannte Beauftragte (Legaten) verwaltete (kaiserliche Provinzen) befanden sich fast alle römischen Legionen. In den Provinzen, die als „befriedet“ galten und vom Senat verwaltet wurden (senatorische Provinzen) befanden sich sehr viel weniger Soldaten.

Der Senat konnte beraten und war an der Rechtsprechung beteiligt (Senatsgericht unter Vorsitz des Kaisers).

Augustus hat dem Senat ein wenig Macht überlassen, aber dieser hatte dabei in der Praxis eine ihm untergeordnete Stellung und war kein Partner auf gleicher Stufe der Macht. Der Spielraum für den Senat bei einem Konflikt mit dem Kaiser war nicht groß. Augustus konnte im Zweifelsfall in den Bereich des Senats eingreifen.

Die Häufung der Ämter, das Überschreiten der Jahresbegrenzung für eine Amtszeit und die fehlende Kollegialität in wichtigen Ämtern verstießen genaugenommen gegen republikanische Grundsätze.

Die Nobilität, der römische Adel, hatte eine starke gesellschaftliche Stellung und war für Führungsaufgaben im römischen Reich kaum entbehrlich. Augustus wollte seine Mitwirkung. Die Kooperation war besser möglich, wenn die im Senat vorhandene republikanische Tradition nicht allzu offensichtlich verletzt wurde. Caesars Ermordung war für Augustus ein abschreckendes Beispiel, in den Formen/dem Anschein nicht zu schroff gegen die republikanische Tradition zu verstoßen.

Bücher können bei dem Referat weiterhelfen, z. B.:

Karl Christ, Geschichte der römischen Kaiserzeit : Von Augustus bis zu Konstantin. 6. Auflage mit aktualisierter Bibliographie. München : Beck, 2009 (Beck's historische Bibliothek), S. 83:
„Gegenüber den bis heute weithin üblichen Vorstellungen eines in sich geschlossenen augusteischen Zeitalters und einer gleichsam monokratischen Herrschaft eines »Kaisers« oder »Monarchen« Augustus kommt es von Anfang an darauf an, sich den primär evolutionären Grundzug der Machtstellung des Augustus zu vergegenwärtigen. Der augusteische Principat ist nicht mit einer caesurartigen, schubähnlichen oder systematischen Etablierung einer neuen Verfassung identisch, ebensowenig mit der Verwirklichung umfassender politischer Programme, einheitlicher administrativer Organisationsschemata, großer militärischer Operationspläne in imperialistischen Dimensionen oder der Durchsetzung einer kompakten Ideologie als neuer Weltanschauung. Der Principat des Augustus ist erwachsen aus der Behauptung, Legalisierung und Sicherung der Macht eines neuen politischen Systems in einem längeren dialektischen Prozeß.“

S. 84: „Dem augusteischen Principat fehlen somit anfangs jene Systematik, Kohärenz und Geschlossenheit, die der historische Epochenbegriff im Grunde ebenso unterstellt wie jede strukturalistische Betrachtung. Beim augusteischen Principat handelt es sich im Gegensatz zu solchen Konzeptionen gerade um eine schrittweise Veränderung der traditionellen Strukturen, dies freilich nun in allen Bereichen der Politik wie der Administration. Es handelt sich in der Hauptsache um ein graduelles militärisches Vorgehen, das freilich auf einigen Schauplätzen seine eigene Gesetzlichkeit entwickeln konnte. Es handelt sich endlich im ideologischen Sektor um die Durchsetzung einzelner ideologischer Elemente, von Ideologemen, die sich erst allmählich zu einem ideologischen System, der Principatsideologie, zusammenschloss.

Dieser charakteristische, evolutionäre Zug des augusteischen Principats ist als eine teilweise geradezu traumatische Reaktion auf die provozierende Diktatur Caesars und auf deren Scheitern zu begreifen, ebenso das permanente Streben nach legaler Absicherung der Macht. Im Gegensatz zu den Diktaturen Sullas und Caesars, aber auch zu späteren systematischen Fixierungen der Rechte und Kompetenzen des princeps, wie sie vor allem aus der lex de imperio Vespasiani aus dem Jahr 69 n. Chr. bekannt sind, blieb die augusteische Lösung bewußt offen. Sie vermied absichtlich endgültige Festlegungen und war im Grunde, zumindest in ihren Anfängen, lediglich ein Durchgangsstadium zur bleibenden Institutionalisierung des Systems.

Aufgrund der Ausgangskonstellation ist es begreiflich, daß der augusteische Principat auch dort Kontinuität vorspiegeln mußte, wo in Wirklichkeit Diskontinuität überwog.“

Werner Dahlheim, Geschichte der Römischen Kaiserzeit. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. München : Oldenbourg, 2003 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte ; Band 3), S. 10:
„Auch der strengste Republikaner konnte nicht leugnen, daß die Preisgabe der triumviralen Ausnahmegewalt, die Teilung der Aufgaben im Reich, die sie ermöglichende Weiterführung eines auf zehn Jahre befristeten imperium consulare bei gleichzeitiger Weiterführung des Konsulats zwar nicht das von Männern wie Livius gepriesene Staatsgebäude wiederherstellte, jedoch aus den Trümmern der Bürgerkriege mehr Republikanisches zusammengezimmerte,und Volkstribune; die als selbst der Kühnste nach Aktium zu erhoffen gewagt hatte. Erneut tagten Senat und Volk, der Gesetzgebungsmechanismus der Republik kam wieder in Gang, das Volk wählte die Konsuln, Prätoren, Ädilen, Quaestoren und Volkstribune; die Promagistrate, vom Senat bestimmt, verwalteten die senatorischen Provinzen und stellten den Zugriff des Senats auf Teile des Reiches wieder her. Da verschlug es wenig, daß sich Augustus neben den amtlichen Wahlleitern das Recht sicherte, die Qualifikation der Bewerber zu überprüfen (Nominationsrecht) und Kandidaten dem Volk zu empfehlen (Kommendationsrecht). Erst das faktische Machtgefälle zwischen Prinzeps und wahlleitendem Konsul entschied, daß nur von Augustus geprüfte oder gar empfohlene Kandidaten gewählt wurden. Die Rechtsform der republikanischen Institutionen blieb davon unberührt.“

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S. 12 – 13: „Die Republik lebte in ihren Institutionen und in der Beschränkung der rechtlichen Macht des Prinzeps auf die Amtsvollmachten der Magistrate weiter. Allerdings nur für den, der anerkannte – und ein dankbares Geschlecht tat dies auch - , daß das Maß, mit dem man die verbliebenen Rechte der Republik bestimmte, das Zeitalter der Bürgerkriege war, in dem die ehernen Prinzipien von Annuität und Kollegialität längst verschüttet worden waren. Nur dann konnte man darüber hinwegsehen, daß alle Amtsgewalten des Augustus die Jahresgrenzen weit überstiegen (imperium consulare, tribunicia potestas), daß eine Fülle von Ämtern und Gewalten in einer Hand kumuliert waren (die Herrschaft über mehrere Provinzen, das Heereskommando, der Oberpontifikat) – die Republik hatte dies nie dulden wollen - , daß die Kollegialität in allen zentralen Machtmitteln nie hergestellt worden war. Trotzdem lebte die Republik: eingekleidet in eine Ordnung, die rechtlich normiert war und alle Formen der Machtausübung der Tradition entlehnt hatte, ohne diese zur Karikatur werden zu lassen.

Die Monarchie verhüllte sich in der auf den Begriff gebrachten Summe aller Taten für den Staat, die eigene Klientel und das wachsende Imperium: auctoritas.“

S. 13: „Die Entscheidung des Januar 27 hatte der allmächtigen Gewalt des Bürgerkriegsgenerals den Mantel der Legalität umgehängt und das Schwert an das Recht gebunden. Es entsprang dies der Einsicht, daß ohne das Zutun der Senatsaristokratie nicht zu regieren sei, so daß die Form, in der die Gewalt des siegreichen Revolutionärs legale Gestalt annahm, notwendig die der Tradition und ihrer adligen Hüter war. Die faktische Alleinherrschaft, die dabei in der sie verdeckenden Hülle der res publica restituta herauskam, war eine persönliche Herrschaft.“

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