Ist das Staunen der Ausgangspunkt der Philosophie?

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6 Antworten

Bei den antiken Griechen ist anscheinend Staunen Ausgangspunkt der Philosophie gewesen.

Dieses Staunen hat etwas nicht als selbstverständlich angenommen, sondern für in Frage stehend gehalten. Damit galt es, Phänomene in ihrem Zusammenhang zu erklären. Philosophie besteht wesentlich darin, Dingen auf den Grund zu gehen.

Staunen ist zumindest ein möglicher Ausgangspunkt des Philosophierens.

Wichtig ist eine Überlegung, um welche Art des Staunens es geht, wenn dieses Anfang/Ursprung/Ausgangspunkt des Philosophierens ist.

Bloßes bewunderndes Schauen bzw. bloße Verblüffung ist dafür nicht ausreichend. Denn darin steckt kein Bestreben, einen Zustand der Unkenntnis zu überwinden und eine Klärung zu erreichen.

Das Staunen, um das es geht, ist eine bestimmte Art der Verwunderung und mit Neugier verbunden. Einerseits wird gemerkt, (noch) nicht über eine Erklärung für etwas zu verfügen oder auf etwas gestoßen zu sein, das nicht zusammenzupassen scheint, andererseits besteht Offenheit, Aufmerksamkeit und es gibt einen Wunsch und ein Streben nach Wissen/Erkenntnis/Einsicht. Was rätselhaft, geheimnisvoll und unerklärlich erscheint, wird nicht einfach so belassen. Jemand fragt sich verwundert, wie sich etwas wirklich verhält und warum es dies tut. Es gibt also zuerst einen Zustand der Unkenntnis/eines mangelnden Wissens, aber dann einen Versuch, aus ihm herauszukommen, durch Untersuchung/Erforschung/Denken zu Wissen/Erkenntnis/Einsicht zu gelangen, etwas zu verstehen und es erklären zu können.

Zum Staunen, das den Anfang bildet, gehört daher, Denkprozesse und Erkenntnisprozesse in Gang zu setzen.

Platon und Aristoteles haben bei ihren Aussagen über das Staunen (τὸ θαυμάζειν) als Anfang des Philosophierens ein solches Staunen gemeint.

Wer so staunt, wird nicht mit einer voreiligen Beantwortung, für die nichts in Frage steht, zufrieden sein.

Platon, Theaitetos 155 d (im Zusammenhang scheinbarer Widersprüche, die Staunen/Verwunderung auslösen): μάλα γὰρ φιλοσόφου τοῦτο τὸ πάθος, τὸ θαυμάζειν· οὐ γὰρ ἄλλη ἀρχὴ φιλοσοφίας ἢ αὕτη, καὶ ἔοικεν ὁ τὴν Ἶριν Θαύμαντος ἔκγονον φήσας οὐ κακῶς γενεαλογεῖν.

„Denn dies ist sehr das Erlebnis/das Erleiden/die Widerfahrnis/die Gemütsbewegung/die Leidenschaft eines Philosophen, das Staunen/die Verwunderung; denn es gibt keinen anderen Anfang/Ursprung der Philosophie als diesen, und wer gesagt hat, Iris sei die Tochter des Thaumas, scheint die Abstammung nicht schlecht angegeben zu haben.“

Aristoteles' Metaphysik : griechisch – deutsch. Halbband 1: Bücher I (A) - VI (E) Neubearbeitung der Übersetzung von Hermann Bonitz. Mit Einleitung und Kommentar herausgegeben von Horst Seidl. Griechischer Text in der Edition von Wilhelm Christ. 3., verbesserte Auflage. Hamburg : Meiner, 1989 (Philosophische Bibliothek ; Band 307), S. 13 (Aristoteles, Metaphysik A 2, 982 b):

„Am gebietendsten unter den Wissenschaften, gebietender als die dienende, ist die, welche den Zweck erkennt, weshalb jedes zu tun ist; dieser aber ist das Gute für jedes Einzelne und im ganzen das Beste in der gesamtem Natur.

Nach allem eben Gesagten fällt also die gesuchte Benennung derselben Wissenschaft zu: Sie muß nämlich eine auf die ersten Prinzipien und Ursachen gehende, theoretische sein; denn auch das Gute und das Weswegen ist eine der Ursachen. (c) Daß sie aber keine hervorbringende (poietische) ist, beweisen die ältesten Philosophen. Denn Verwunderung war den Menschen jetzt wie vormals der Anfang des Philosophierens, indem sie sich anfangs über das nächstliegende Unerklärliche verwunderten, dann allmählich fortschritten und auch über Größeres Fragen aufwarfen, z. B. über die Erscheinungen an dem Mond und an der Sonne und den Gestirnen und über die Entstehung des Alls. Wer sich über eine Sache fragt und verwundert, der glaubt sie nicht zu kennen.“

S. 15 (Aristoteles, Metaphysik A 2, 983 a): „(e) Ihr Besitz jedoch muß für uns gewissermaßen in das Gegenteil der anfänglichen Forschung umschlagen. Denn es beginnen, wie gesagt, alle mit der Verwunderung darüber, ob sich etwas wirklich so verhält, wie etwa über die automatischen Kunstwerke, wenn sie die Ursache noch nicht eingesehen haben, oder über die Sonnenwenden oder die Inkommensurabilität der Diagonale (eines Rechtecks); denn verwunderlich erscheint es allen (anfänglich), sofern sie die Ursache noch nicht eingesehen haben, wenn etwas durch das kleinste Maß nicht meßbar sein soll.“

zur Begriffsgeschichte:

Elenor Jain/Tobias Trapp, Staunen, Bewunderung; Verwunderung. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 10: St –T. Basel : Schwabe, 1998, Spalte 116 – 126

Spalte 116: „Zu grundlegender philosophischer Bedeutung gelangt der Begriff durch die von PLATON und ARISTOTELES getroffene und in der Geschichte der Disziplin unaufhörlich kommentierte Aussage, das S. sei Anfang der Philosophie schlechthin. PLATON faßt das S., die dem Philosophen eigentümliche Leidenschaft (πάθος), nicht nur als Ursprung (ἀρχή) der Philosophie, indem die aporetische Situation des Denkens kennzeichnende Verwunderung gerade das Weiterfragen anregen soll, sondern auch als Ziel der Philosophie, insofern die Schau der höchsten Idee mit S. verbunden ist. ARISTOTELES und die ihm folgende Tradition verstehen das S. zunächst als unmittelbaren Ausdruck einer Unwissenheit (um die Ursachen der Erscheinungen), welche aber in dem von der intellektuellen Neugier angeleiteten Erkenntnisprozeß – hier zeigt sich die erschließende Kraft des S. – aufgehoben werden kann und soll.“

„Die stoische Philosophie erklärt geradezu die Freiheit von S. zum wesentlichen Ziel der Philosophie und philosophischen Lebensführung. Seit ZENON gilt die »staunenslose Verfassung der Seele« (ἀθαύμαστος διάθεσις τῆς ψυχῆς) als das angemessene Verhalten gegenüber der Sphäre des ethisch Gleichgültigen. PLUTARCH schreibt schon dem Pythagoras das μηδὲν θαυμάζειν als Kennzeichen seiner Weisheit zu. CICERO lobt ebenfalls das »nihil admirari« als »hervorragende und göttliche Weisheit« (»praestans et divina sapientia«). Die mit Blick auf die Unerschütterlichkeit und Leidenschaftslosigkeit des Weisen geforderte Staunenslosigkeit (Athaumasie, θαυμασία) soll die Seele vor Unfreiheit bewahren und ihre Glückseligkeit sichern helfen. HORAZ prägt hierfür die berühmte Wendung: »Nichts anstaunen, nur dies im Grunde, dies allein kann Menschen glücklich machen und erhalten« (»Nil admirari prope res est una … solaque, quae possit facere et servare beatum«). Die als Betäubung infolge eines ungewohnten Eindrucks (ἐκ φαντασίας ἀσυνήθους πράγματος) verstandene ἔκπληξις (auch κατάπληξις) thematisiert die stoische Affektenlehre auch wirkungsgeschichtlich bedeutsam als Erscheinungsform der Furcht.“

S. = Staunen

Literatur dazu: Stefan Matuschek, Über das Staunen : eine ideengeschichtliche Analyse. Tübingen : Niemeyer, 1991 (Studien

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Sorry, aber das ist eine der typischen Schulbuchfragen, eine Vereinfachung auf eine monokausale Antwort. In der Realität gibt es viele Zugänge zur Philosophie und Staunen ist evtl. eine davon. Die Wege zur Philosophie sind individuell sehr verschieden und es gibt genausoviele verschiedene Antworten. Philosophie ist ja von den Themen her breit gefächert und schon von daher ergeben sich ganz verschiedene Zugänge.

Ich würde eher sagen das neugier der Ausgangspunkt jeglicher Wissensschaft ist. Im grunde kann man deine Aussage also mit Ja beantworten

Wenn es eine gute Philosophie ist, steht das Staunen am Ende.

... selbst, wenn am Anfang vermeintliche Sicherheiten gestanden haben.

Es darf auch schon mal u.a. das Grübeln über etwas sein, was den entprechenden Zugang herstellt.

Ich denke der Ursprung der Philosophie ist das Unbehagen auf Fragen keine befriedigende Antwort zu finden. Also eher Unbehagen als Staunen....

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