Ist das Buch Emilia Galotti noch zeitaltergemäß?

3 Antworten

Das Drama von Lessing „Emilia Galotti“ ist dramaturgisch genial aufgebaut und allein deshalb auch heute noch sehenswert.

Natürlich nimmt man heute Anstoß an dem Mord des Vaters an seiner Tochter Emilia. Diese Tat ist nur auf dem Hintergrund des Zeitgeistes der Aufklärung zu verstehen. Die Tugend war eines der hohen, idealen Prinzipien im Zeitalter der Aufklärung. Sie folgt aus dem „aufklärerischen“ kategorischen Imperativ Kants. Insofern ist die Tat des Odoardo Galotti sozusagen als konsequent „tugendhaftes“ aufklärerisches Handeln zu verstehen. Als tugendhafter Mensch wollte er unter allen Umständen verhindern, dass seine Tochter von Hettore Gonzaga zur Mätresse erniedrigt wird.

Andererseits steht dem Handeln des Odoardo aber der fundamentale  Grundsatz Kants entgegen: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“.

Lessing stellt nun den Konflikt zwischen Adel und Bürgertum dar. Er kritisiert sowohl die absolutistische Willkür (Hettores) als auch die engen bürgerlichen Moralvorstellungen (Odoardos). Die Selbstständigkeit des Kindes wird unterdrückt und tritt hinter dem Zwang zur unbedingten Pflichterfüllung zurück. Lessing kritisiert damit, ganz im Sinne von Kant, die Unmündigkeit des Bürgertums: Emilia ist nicht in der Lage, eine unabhängige, möglicherweise lebensrettende Entscheidung zu treffen, da ihre streng christliche Erziehung sie nicht dazu befähigt. Von jeher gewohnt, behütet und umsorgt zu werden, kann Emilia keinen eigenen Willen entwickeln und wird zum Spielball des Prinzen bzw. der Eltern.

Lessing verdeutlicht zunächst an der Figur des Prinzen den radikalen Verstoß gegen die von Kant verkündeten Tugendprinzipien und kritisiert sie scharf. Andererseits zielt seine Kritik auch auf den Repräsentanten des Bürgertums Odoardo, da dieser das Tugendprinzip zu eng und zu radikal auslegt. Das ist genauso verabscheuungswürdig wie das Verhalten des Prinzen.

Die unbedingte Wahrung der Familienehre führt zur totalen Unmündigkeit und Abhängigkeit des Kindes (Emilia). Indem Odoardo auf diese Weise die Familienehre verabsolutiert, verstößt er gegen das von Kant postulierte aufklärerische Prinzip sapere aude (wage es, weise zu sein). Mit dem Mord an seiner Tochter, den er zugunsten der Familienehre ausführt, fällt er in „altes“ vor-aufklärerisches Denken und Handeln zurück.

Diese Intentionen sind derart deutlich zu erkennen, dass das Stück keinesfalls veraltet ist. Der Mord an der eigenen Tochter wird nicht gutgeheißen, sondern scharf kritisiert.

Also aufführbar ist es noch, zumindest nach der Definition, die wir in Deutsch erarbeitet haben, warum, das kannst du selbst rausfinden. ich gebe dir aber noch ein paar Stichpunkte: Aufklärung und Emotionen

Man könnte aber auch sagen, dass es nicht mehr zeitgemäß ist (zumindest nicht in Deutschland, wenn auch in anderen Kulturen: Warum? Stichwort dieses Mal: Ehrbegriff, Verginia-Mythos

Alles Liebe und viel Spaß beim Recherchieren, jetzt da du ein paar Denkanstöße hast

Bevi

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