Ist das Böse der Kern und der Ursprung allen Seins?

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Aus deinem Beitrag erkennt man, dass du die Welt als zutiefst widerwärtig wahrnimmst. Aus einer damit verbundenen Ohnmachtssituation - der Einzelne kann schließlich nahezu nichts am Weltgeschehen ändern - möchtest du jetzt zumindest eine Art theoretisches Konstrukt anbieten, das dir hilft, mit diesem dir unerträglich erscheinen Zustand umzugehen. Das ist sehr gut nachvollziehbar, weil der Mensch zu allen Zeiten bemüht war, sich mit den bedrohlichen Phänomenen seiner Umwelt irgendwie zu arrangieren. So entstanden schließlich auch die Mythen, in denen Deutungen und Rituale angeboten wurden, um die Kräfte des für den Menschen Feindlichen zu beschwören und vielleicht sogar zu bändigen oder gar unschädlich zu machen.

Wenn du nun einen "modernen Mythos" zur Weltentstehung vorlegst, erinnert das so etwas an ein Bestreben, mit dem von dir titulierten "Bösen" besser umzugehen zu können.

Philosophisch kann man dennoch einige Einwände vortragen: So sind zunächst einmal alle Hypostasierungen von Eigenschaften, Gefühlen oder Bewertungen überaus problematisch. Wer heute in der Philosophie einen Terminus wie "Das Gute", "Die Liebe" oder "Das radikal Böse" verwendet, begibt sich auf ganz dünnes Eis, d.h. er kann sehr schnell einbrechen und mit seiner Argumentation völlig wirkungslos bleiben. Als Platon vom "Guten" und "Schönen" sprach, hatten die Menschen seiner Zeit noch die Bereitschaft, sich so einem "Ideenhimmel" anzuvertrauen. Doch leider, leider sind die aufgeklärten Leute unserer Zeit dazu nicht mehr bereit. Heute  muss man sich beeilen, das "Gute" oder das "Böse" als Metaphern zu deklarieren, mit denen man versuchen will, bestimmte Erlebnisweisen des Menschen diskursiv zugänglich zu machen.

Schon Konrad Lorenz titelte sein Hauptwerk "Das sogenannte Böse. Zur Naturgeschichte der Aggression". Darin beschreibt er auf vielen hundert Seiten, dass das "Böse" ein Konstrukt des Menschen ist, um die ihm feindlich begegnenden Wirkmächte einzufangen und verstandesmäßig "handhabbar" zu machen. Tatsächlich aber wirkt in der Stammesgeschichte der Tiere die Aggression als wichtiger Motor des Kampfes um evolutiven Erfolg, Ausbreitung, Stabilisierung und Höherentwicklung. Eben diese Evolutionsprinzipien stehen in vielerlei Hinsicht zu unseren humanitären Idealen im Widerspruch. 

Alles Konkurrenzverhalten im Geschäftsleben z.B. hat zum Ziel, die eigene Institution zu stärken und die Konkurrenten klein und unbedeutend zu halten, oder sogar zur Aufgabe zu zwingen. Im Gegensatz zu einer friedlichen Kooperation ist man sogar bemüht zu expandieren, d.h., wenn das Geschäft gut läuft, will man zusätzlich Filialen an anderen Standorten aufmachen und auch dort die Mitbewerber verdrängen oder vernichten. Prinzipiell finden das auch alle Beobachter bis auf die Geschädigten ganz in Ordnung. Manchmal kommt zwar noch ein gewisses Bedauern auf, wenn man sich an die "Kleinen" in der Branche erinnert, doch dann kauft man getrost beim "Riesen", der einfach die größere Auswahl und den besseren Preis bietet.

Auch bei den Weltanschauungen, bei den Ideologien, bei den Religionen, bei den Wirtschaftssystemen und bei den Kulturen finden wir diesen Wettbewerb. Überall findet ein Kampf statt, wobei es nur normal ist, dass die eigene Gruppe als "Die Guten" bezeichnet wird, währnd die andern als "Die Bösen" gebranntmarkt werden, die uns vernichten wollen. 

Bilanz: Nach meiner Sicht ist weder das Gute noch das Böse der Ursprung des Weltgeschehens, sondern es sind die Wirkmechanismen der Evolution, die weder gut noch böse sind. Nietzsche titelt seine berühmte Abhandlung auch "Jenseits von gut und böse", in der er überzeugend klar macht, dass wir diese Unterscheidungskriterien überwunden haben sollten. Man kann die Wirkmächtigkeit der Evolutionsprinzipien nur geduldig zur Kenntnis nehmen und daraufhin Denk- und Handlungsmuster entwickeln, die ein leidlich gutes Leben mit freudvollen und positiven Erlebnissen ermöglicht. Verbitterung ist dabei nie ein Königsweg zum guten Leben, und eben das sollte eine deiner ersten Einsichten zu einem erfreulichen  philosophischen Leben werden.

Das Böse gewinnt nicht immer - in der Welt hat man zwar schon manchmal den Eindruck, aber am Ende wird abgerechnet, auch wenn manche Ungerechtigkeit nicht stets sofort wieder in Ordnung gebracht wird. Das Böse ist das Problem der Menschheit und von alleine nicht lösbar. Es steckt in uns drin. Dazu bedarf es etwas, was von außen und von oben kommt. Das Böse ist in sich selbst nicht schlüssig, sondern zutiefst befremdlich in jeder Weise. Nur Gott (der die Liebe und der Allmächtige ist) kann über alles Verstehen und Begreifen eine Lösung schaffen.


Der Begriff ''Metaphysik'' bedeutet ja wörtlich ''über der Natur'', also beinhaltet sie die Frage, was letztlich hinterder ganzen physikalischen Natur und Unendlichkeit steht? Sozusagen das Geheimnis der ''Wirklichkeit des Seins'' und dem, was nach der Physik  kommt! Ich denke nicht wenige Menschen machen sich tatsächlich ernstlich ihre Gedanken über den Sinn, Zweck und Ziel des Lebens. Tragisch ist es, wenn in aller Mühe und Anstrengung durch Physik, Astronomie, Prosa, Philosophie und Mathematik der Mensch am Wesentlichen und Eigentlichen vorbeiforscht- und denkt. Die Metaphysik stellte anfangs den universellen Anspruch auf die Letztbegründung aller Philosophie. Gewissermaßen die göttliche Lehre - nur eben ohne die letztgültige Wahrheit Gottes! Das Wunder des Lebens steckt nicht in erster Linie im Detail sondern in einer lebendigen Person. Hinter Geburt, Leben und Tod des Menschen steht der Schöpfer, hinter der Physik steht und handelt Gott (Apostelgeschichte 17,26).


Aber ohne Glauben ist es unmöglich Gott zu gefallen (Hebräer 11,6) und auf unseren Verstand sollen wir uns auch nicht verlassen. Erfolge in der Naturwissenschaft (Darwin) ließen quasi mit der Zeit die Metaphysik uninteressant werden. Der Affe löste sozusagen den denkenden Menschen ab! Der Kreis schien sich zu schließen. Das Problem dabei ist, wer ständig sich im Kreis bewegt trifft immer nur wieder sich selbst, aber niemals Gott. Die weltliche Weisheit ist letztlich im entscheidenen Moment blind. Also hat es Gott gefallen durch ''törichte Predigt'' die selig zu machen, die daran glauben (1. Korinther 1,21). Es ist der Glaube an die Vergebung der Sünden durch Jesus Christus, der uns von Tod, Teufel und der Sinnlosigkeit des Seins befreit.

Das klingt ein Bisschen Heilig, aber ich finde dennoch sehr Gefallen an deiner Antwort. Mich beschleicht schon meine nächste "große" Frage: "Ist die Vernunft die göttliche Macht?" - Gerne darf diese Frage JEDER klauen. Denn dann kann ich ebenfalls partizipieren. Jedes Lebewesen ist auf seine Art und Weise vernünftig, um gut zu sich zu sein. Vielleicht ist das "Prinzip" der Vernunft ja DER Schlüssel zu einem universellen Gedeihen.

Mich beschleicht nur der dringende Verdacht, dass, wenn wir an die Vernunft mehr glauben wollen als an uns fehlbare Wesen selbst, dass wir dann viel vom Glauben an uns selbst aufzugeben haben.

Leider tritt "das Böse" oder besser gesagt das rücksichtslos selbstsüchtige auch oft gepaart mit Intelligenz und Kurzsichtigkeit zugleich auf. Dies führt leider oft zu Handlungen, unter welchen andere, oft erst Generationen später, den Preis zu zahlen haben.

Friede sei mit dir!

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@Azdak

Danke - zunächst kann man sagen (als Christ zumindest) daß es vernünftig ist an Gott (Jesus) zu glauben gemäß dem, was in den Evangelien steht. Also spielt auch der Verstand hier eine Rolle. Ebenso wie bei der Liebe - die im Kern einfach eine Entscheidung ist - auch wenn es (menschlich gesehen) sicherlich noch die Gefühle gibt. Aber die ändern sich (temporär oder auch grundsätzlich mit zunehmendem Alter).

Was dann noch bleibt ist der Wille und die Entscheidung sich zu lieben (in guten wie schlechten Zeiten). Das spiegelt sich auch im Glaubensleben wieder. Glaube trotz Anfechtung, Anfeindung, Krankheit, Leid und Trauer. Das ist sicherlich nicht alles (es gibt auch Freude, Frieden, Erfolg, Glück) aber vieles ist einfach vernunftbegründet - auch manches Böses zu ertragen und dennoch Hoffnung zu investieren und sein Leben annehmen.

Der  Verstand ist nützlich, aber in Glaubensdingen nicht das Maß aller Dinge. Gott und sein Wirken kann man nicht stets logisch erklären und verstehen. Gott ist Gott. Dennoch hat jeder auch seine natürlichen Gaben und Fähigkeiten, die man gerade auch als Christ nutnen darf, um Gutes zu bewirken und etwas aufzubauen.

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Ich bin Philosoph und mache mir hammermäßig schwere Gedanken über die Architektur der Metaphysik des Seins.

Wenn du Philosoph bist, solltest Du wissen, dass ein Diskurs nur dann sinnvoll und möglich ist, wenn Du Deine Begriffe am Anfang sauber definierst, besonders dann, wenn es um so verschwommene Begriffe wie ,,das Böse" und ,,das Sein" handelt. Sonst kommen noch 47 zusätzliche Antworten und jeder versteht etwas anders darunter. Man kann dann sehr schön aneinander vorbei reden.

Wenn du Philosoph bist, solltest Du wissen, dass ,,gut" und ,,böse" relative Begriffen sind, welche sich immer auf Sachverhalten, Intentionen, Erwartungen und Konsequenzen beziehen und erst an Hand von diesen Randbedingungen als ,,gut" und ,,böse" beurteilt werden können.

Am Anfang und Ursprung war das Böse. Und das Böse war einfach böse.

Dieser Satz tönt eindrücklich, sagt aber überhaupt nichts aus. Die Aussage ,,einfach böse"  ist sinnentleert. ,,Das Böse" ist eine unerlaubte Abstraktion, wie ,,das Blaue" oder ,,das Liebe" Es sind Eigenschaftswörter, die Eigenschaften von Dingen, Handlungen oder Umständen andeuten und auf sich gestellt keinen Sinn machen.

Wenn Du gerne Schreinerarbeiten machen möchtest, solltest Du zuerst die Werkzeuge, wie Hobel, Schraubenzieher und Hammer und deren Verwendung kennen. Für eine sinnvolle, ,,hammermäßige"  Philosophie ist es nötig, die Werkzeugkiste des Philosophen zu beherrschen: Logik, Semantik usw.
Ich muss anerkennen, dass Deine Auführungen keine logischen Widersprüche enthalten. Ob sie inhaltlich Sinn machen ist eine andere Frage.

Ich wünsche Dir viel Erfolg und Befriedigung auf dem schönen Wege zum Philosophen! 

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