Ist das Abitur zum neuen Hauptschulabschluss verkommen?

12 Antworten

Zu allem, was bereits gesagt wurde, möchte ich noch einen Aspekt hinzufügen:

Ganz grundsätzlich kann man eine höhere Quote von Abiturienten und Studenten eingentlich nur begrüßen. Denn eines der Hauptprobleme am deutschen Bildungssystem ist - meiner Meinung nach - dessen Undurchlässigkeit gerade für Menschen mit nicht-akademischem Familienhintergrund.

Dass immer mehr junge Menschen ein Studium aufnehmen können, heißt letztlich, dass immer mehr Menschen die Chance zum sozialen Aufstieg haben. Die Arbeitswelt ist in den letzten Jahrzehnten in vielen Bereichen komplexer geworden und höhere Bildungsabschlüsse werden von Arbeitgebern auch öfter nachgefragt.

Ein Universitätsstudium ist außerdem kein Hexenwerk und ein Genie muss man dafür auch nicht sein. Ich gehe jede Wette mit, dass ein Großteil der Schüler in Deutschland von den intellektuellen Anlagen her zu einem Studium in der Lage ist. Aber was für einen Schulabschluss man erwirbt, hängt in D leider immer noch viel zu sehr von der sozialen Herkunft ab.

Es muss außerdem nicht jeder Abiturient ein Studium aufnehmen (und das tun auch bei weitem nicht alle), aber je mehr die Chance dazu haben, desto besser ist es in meinen Augen. Denn was - nicht nur in Deutschland, sondern weltweit - an geistigem Potential unentdeckt und ungenutzt bleibt, nur weil der Zugang zur höheren Bildung aus sozialen oder finanziellen Gründen nicht wahrgenommen wird, geht - salopp gesprochen - auf keine Kuhhaut.

Ich studiere Jura an einer Uni, wo das Fach ohne NC angeboten wurde, wirklich jeder kam rein. Jetzt sehe ich was für Deppen (inklusive mir) mit mir in den Vorlesungen und in den Übungen sitzen .... Ich weiß nicht ob ich das Zeug dazu hab aber manche von meinen Kommilitonen sind definitiv DUMM. (nehm ich an aus Äußerungen, Grammatik)

Erfahrungen zeigen aber auch dass von den 500 Studenten die hier angefangen haben, nach dem 1.Semester schon mehr als 50% ausgesiebt werden ... Eine beträchtliche Menge, die beweist, dass man a) fleißig sein muss b) weiterhin Lust aufs Fach c) mindestens ein bisschen intelligent sein muss um das Studium zu packen.

Ein Problem im Allgemeinen sehe ich in der Zukunft: eine überakademisierte Gesellschaft, eine Generation erneut aus einem völlig veralteten Schulsystem der es nur schwer gelingen kann die Probleme der Zukunft zu bewältigen (gute Politik, Gesselschaftsethik, ...) sowas halt. Ich mach mir auch Sorgen ...

Prinzipiell ist das nicht schlecht, wenn das gesamte Bildungsniveau angehoben wird. Das Leben, insbesondere das Berufsleben wird ja auch immer komplizierter.

In dem Zusammenhang ist auch der Bachelor zu sehen. Früher gabs nur die Alternative, voller Abschluss (Diplom) oder Abbruch. Nun brauchen wir aber keine 50% der Bevölkerung als Vollakademiker. Daher machen auch nur die Besten den Master und der Rest wird mit dem Bachelor nach Hause geschickt. Das sind dann bessere Facharbeiter.

Ein Problem sehe ich in Deutschland. Es gehen die nicht die intelligentesten Kinder an die Uni sondern es gehen die Kinder an die Uni, deren Eltern es sich leisten können und die von ihren Kindern erwarten, dass sie ebenfalls studieren. Für Arbeiterkinder, und seien sie noch so intelligent, ist das Bildungssystem sehr undurchlässig.

Aber warum ist das so?
Andere Nationen haben massiv teurere Studentenwohnungen und Studiengebühren.

Arbeiterkinder erhalten nicht schwierigere Prüfungen nur weil sie Arbeiterkinder sind. Und streng genommen ist es sogar für die aus den ärmsten Familien leichter an Geld fürs Studium zu kommen.
Wenn Mama und Papa kein Geld haben, dann erhält der Nachwuchs volles Bafög.
Haben Mama und Papa von guten Einkommen einen erheblichen Hauskredit abzuzahlen, dann bekommt der Nachwuchs kein Bafög - weil Mama und Papa haben ja Geld.
Ob Mama und Papa aber das Haus verkaufen oder auch noch die 3 Jahre von Bachelor zum Master den Nachwuchs mitstemmen wollen/können, steht auf einem anderem Blatte.

Warum wirkt sich in Deutschland die Herkunft derartig aus?
Ich weis es nicht, vermute hier aber das Umfeld der sozial Schwachen. Ich wüsste nicht an welcher Stelle das Bildungssystem als solches schuldig sein soll.

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@Jackie251

Das liegt auch daran, dass viele Lehrer die Schüler schon vorverurteilen. Dessen Eltern haben nicht studiert, der kann ja nix können. Und schwupp, ist das Kind auf der Hauptschule.
Hätte ich mir auch nie träumen lassen, aber ist mir tatsächlich zweimal passiert. Eine Lehrerin hielt mich für eine Hartz-IV-Empfängerin ohne Ausbildung, weil ich alleinerziehend war. Dabei bezog ich überhaupt keine Sozialleistungen.

Das Kind, das ja angeblich nur Hauptschule schaffen würde, ist heute Werkstudent am Fraunhofer Institut, NEBEN seinem Studium an einer sehr guten Uni. 3:)

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@Kristall08

Das mit dem Vorsortieren und in Schubladen stecken, habe ich auch schon öfters gehört.

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@Kristall08

Das ist doch sorry aber grober Unfug.
Ja das Potential von Schülern wird von der Lehrern nicht nur durch die Noten sondern auch mit dem sozialen Hintergrund entschieden.
Ob dies böswillige Absicht ist, oder ob hier Erfahrung eine wichtige Rolle spielt sei mal dahingestellt.

Denn machen wir uns nichts vor. Ein wackeliger 3er Kantidat in Mathe bekommt Nachhilfe nicht egal welche soziale Herkunft dahintersteht. Zudem ist es natürlich auch immer eine sehr persönliche Sache.
Es ist doch nunmal viel leichter einem Handwerker zu sagen "ihr Sohn hat ausreichende Mathekenntnisse um Handwerker zu werden" als das man einem Dr.Ingenieur sagen muss "ihr Sohn ist für ein Ingenieurstudium ungeeignet".
Natürlich geht der Lehrer auch hier mal den Weg des geringsten Widerstandes, er ist nur ein Mensch.

Tatsache ist und bleibt aber, diese Beurteilungsunterschiede treffen nur auf Wackelkanditaten zu.
Es konnte noch niemand einen Fall in Deutschland vorweisen, wo dem 1er Kandidat in den MINT Fächern von der alleinerziehende Hartz IV Mutter eine Fleicherlehre empfohlen wurde, während der 4er Kanditat in Mathe zum Maschinenbaustudium hochgelobt wurde.

Schubladendenken ja gibt es.
Aber um ein Studium zu beginnen brauchts eh Rückrad, eigenen Willen und geistige Reife. Wenn du dir mit 19 noch einreden lässt "naja mit ihrer Mathenote sollten sie nicht studieren" tja, dann wäre beim Studium eh nur unteres Drittel rausgekommen.
Wenn du aber mit Hartz IV Wurzeln und einer Mathe 2 sagt entscheides dass du Maschinenbau studieren gehst, dann legt dir weder die Schule noch die Uni Steine wegen deiner Herkunft in den Weg.
Die Steine müssen einen anderen Verursacher haben.

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@Jackie251

Das ist kein Unfug, das ist wissenschaftlich belegte Tatsache.

Das fängt ja schon damit an, dass Kinder aus den unteren sozialen Schichten erst gar nicht aufs Gymnasium kommen. Insofern stellt sich die Frage nach dem Studium erst gar nicht.

Hartz-IVer können sich z.B. schon mal keine Nachhilfe leisten.

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@Jackie251

Rückgrat. ;)

Ja das Potential von Schülern wird von der Lehrern nicht nur durch die Noten sondern auch mit dem sozialen Hintergrund entschieden.

Allerdings ist es oft so, dass Lehrer nicht fragen, sondern aufgrund ihrer unglaublichen Erfahrung und Kompetenz (ironie-off) Leute in Kategorien stecken. Ich hätte es nicht geglaubt, wenn ich es nicht selber so erlebt hätte und das gleich mehrfach. Nach "ich bin alleinerziehend" wurde nicht mal mehr nach meiner beruflichen Tätigkeit gefragt. Die Krönung war, dass besagte Lehrerin in meinem Beisein einen Zeitungsartikel von mir lobend hervorhob, aber nicht mal auf die Idee kam, dass ich als Person gleichen Namens (übrigens ein eher seltener) die Verfasserin sein könnte. Dieselbe Lehrerin, die sich darüber mokierte, dass mein Sohn in der 3. Klasse die Harry-Potter-Bücher las, weil er die eigentlich vorgesehene "Leselöwen-Reihe" schon längst durch hatte...

Mein Sohn war kein Wackelkandidat, er ist hochbegabt. Er legte ein Verhalten an den Tag, das halt nicht schulkonform war. Er saß nicht brav in der Ecke.

Natürlich sind solche Kinder anstrengender und fordern ständige Aufmerksamkeit. Man kann sie als Plage betrachten, oder als Herausforderung. Wenn ich nur Lehrer geworden bin, weil ich einen gemütlichen Job haben wollte, dann ziehe ich ersteres vor.

Dann bin ich allerdings falsch in dem Job.

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@Kristall08

Meine Schwester, welche in einem Versuchsprojekt an einer Hauptschule zur psychologischen Betreuung der Kids eingesetzt war, ist völlig erschüttert über die Einstellung der meisten Lehrer.

Die schildert auch diese Kategorisierung und dass die Lehrer die Kids entsprechend ihrer Vorurteile viel zu früh abschreiben: "Aus dem wird sowieso nichts, wieso sollte ich da Energie investieren?". Komischerweise haben sich aber über 50% der speziell betreuten Kids schnell verbessert und letztlich auch innerhalb der Betreuung durch meine Schwester einen guten Ausbildungsplatz gefunden...wohlgemerkt, die waren von den Lehrern alle schon abgeschrieben.

Den meisten geht die Zukunft ihrer Schüler völlig am A...vorbei und denen kommt es nur darauf an, möglichst schnell und faul die Pensionierung zu erreichen.

Als Psychologen, Pädagogen, Vorbilder und Respektspersonen laufen da an den Schulen jede menge Luschen rum.

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@Hamburger02

Da wiederstprichst du dir jetzt aber selbst.
Erst sind Lehrer dämonische Fieslinge, die die Kids der Armen böswillig ignorieren und die Kids der Vermögenden werden gefördert.

Dann aber wieder gieren die Lehrer nur die Pensionierung und alle Schüler sind egal.

Für deine Bildung sind nicht nur deine Lehrer verantwortlich.
Natürlich muss das Elternhaus hier fördern und fordern.
Und mittelfristig bist du selbst dafür verantwortlich.
Ich sage nicht das ein 12 Jähriger seinen Lebenplan erstellen kann.
Aber ein Lehrling mit 16/17 muss geringe Verantwortung tragen können, er muss zB Geld in eine Kasse zählen, die Klappe halten wenn er als Arzthelfer persöliche Daten von Patienten erfährt oder auch die Schrauben an einem Auto zuverlässig festziehen.
DAS alles gestatten wir den jugen Menschen mit 16/17.
Aber Verantwortung dafür ob sie ihre Hausaufgaben machen und mit eigenem Willen eine 2 erreichen oder sich auf "Hauptsache 4 und bestanden" dürfen sie natürlich nicht übernehmen.
Da haben die vorverurteilenden Lehrer schuld...

Seien wir doch ehrlich. Du bist mit 20-30 anderen Schülern in einer Klasse. Und da gibt es keine Privatföderung und einen Lehrer der heimlich dem Arztsohn noch den Pythagoras erklärt.

Dazu kommt natürlich, dass gerade im Bildungswesen richtige Doppelblindstudien gar nicht durchgeführt werden, die meisten würden auch als unmoralisch/unethisch nicht gestattet.
Die Vorverurteilung ist zudem kein Problem in Deutschland exklusiv. Auch in anderen Ländern wurde der Effekt festgestellt.
Dennoch entscheidet in diesen Ländern die eigene Herkunft weniger über den später erreichten Abschluss.

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