Irre ich mich, habe ich eine Wissenslücke oder ist es wirklich so?:

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23 Antworten

Hallo!

Bei deinem Nickname klingt die Frage schon ein wenig ironisch- nicht böse gemeint! ;-)

Tatsächlich kam es 1972 nach einem Flugzeugabsturz in den Anden. An Bord war ein Rugbyteam, das in Turbulenzen geriet und mitten in den Bergen abstürzte. Dabei kam von den ca. 50 Passagieren ca. 10 bei dem Absturz um. Weitere starben schnell an den extremen klimatischen Verhältnissen oder durch Verletzungen. Zunächst ernährte man sich von dem, was im Flugzeugwrack vorhanden war. Als kein Essen mehr da war, kam es zu passiven Kannibalismus. Niemand wurde extra dafür umgebracht, sondern man bediente sich der schon Verstorbenen. Durch die Kälte blieb zudem das Fleisch weitgehend geschützt vor dem Verwesungsprozess. Anders als Tiere verfügt der Mensch über ein über die Gesellschaft vermitteltes Moralbewusstsein und die Fähigkeit der Differenzierung und Selbstreflexion. Die "Nahrung" wurde mit Bedacht ausgewählt, so wenig wie möglich gegessen und manche Verstorbene aus Respekt nicht angerührt.

In Seemannskreisen war Kannibalismus auch bei uns bekannt: So gab es zum Beispiel einen dokumentierten Fall im 19. Jhrd. bei dem vier britische Seeleute auf dem Atlantik kenterten und es im Rettungsboot zu Kannibalismus kam. Den ohnehin schon halbtoten, siebzehnjährigen Kabinenjungen ( er trank dummerweise Salzwasser) traf es dann. Die anderen Drei ernährten sich von seinem Blut und Fleisch und wurden Tage später von einem deutschen Frachter gerettet.

Bei sehr vielen Tierarten- jedenfalls Carnivoren und Omnivoren- ist auch Kannibalismus bekannt. Einen religiös oder sexuell motivierten Verzehr von Fleisch der eigenen Art gibt es allerdings nicht. Sehr oft kommt ein aktiver Kannibalismus bei größeren Reptilien und Fischen vor. Schließlich wird damit nicht nur der eigene Nahrungsbedarf gedeckt, sondern auch die Population des Artbestandes reduziert. Somit dann auch mehr Ressourcen für die größeren Tiere. Von verschiedenen Adlerarten ( Kaiseradler, Steinadler) weiß ich, dass es unter Umständen zu Kannibalismus im Horst kommen kann, wenn der Nahrungsbedarf nicht ausreichend durch die Eltern gedeckt wird. Dann frisst das stärkere, reifere Adlerküken schon mal eines seiner kleinen Geschwister. Der von dir aufgelistete Geier ist ebenfalls ein Allesfresser; für mich schwer vorstellbar, er könnte vor einem seiner toten Artgenossen halt machen. Bei Löwen wird kurzerhand einfach der Nachwuchs von einem Anderen getötet und meist gefressen ( Infantizid). Dann ist das Weibchen auch grad wieder frei von dem unnötigen Ballast der Kinder.. Die Natur kennt da keine Gerechtigkeit und Moral ;-).

Bei den Wölfen weiß ich es nicht, aber die hier schon angesprochene Version mit den "Anstandswarten" klingt schlüssig.

LG Aphaiton

Im Anhang noch die Dokumentation über die Flugzeugopfer von 1972:

suuee 25.09.2012, 23:04

wow, toller film.. einfach hammer.. :)

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Daß ein hungernder Hund seinen toten Besitzer nicht annagt, ist nicht wahr. Da gab es schon genug dokumentierte Fälle, wenn ein Besitzer plötzlich verstorben ist und der Hund nicht aus der Wohnung herauskonnte, hielt er sich an das, was gerade da und freßbar war, sprich "Herrchen" oder "Frauchen". Auch daß Wildtiere ihre Rudelmitglieder nicht fressen, stimmt nicht. Sobald ein Tier tot ist, wird vielleicht noch eine "Anstandsfrist" abgewartet (solange es rein theoretisch noch mal aufwachen könnte), aber spätestens wenn es "eindeutig" zu riechen anfängt, ist es für die anderen Futter. Soviel ich weiß, haben die Leute in dem genannten Fall trotzdem so was wie "Ethik" gezeigt, indem sie bestimmte Teile - Köpfe und Innereien der Toten - nicht angefaßt haben, sie haben nur das Muskelfleisch von Armen und Beinen genommen. (menschliches Gehirn essen ist übrigens potentiell lebensgefährlich, davon bekommt man die Prionenkrankheit "Kuru", die genauso wie das eng verwandte BSE tödlich verläuft).

leckerlecker 24.09.2012, 09:32

Danke für diesen sehr aufschlussreichen Beitrag!

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botanicus 24.09.2012, 09:54

An sich ein guter Beitrag, aber diese Prionenkrankheiten bekommt man nur dann davon, wenn der Tote sie auch schon hatte. Die Wahrscheinlichkeit ist also abartig gering.

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Daoga 24.09.2012, 10:35
@botanicus

Wie man inzwischen weiß - auch durch den ganzen BSE-Skandal, der die Forschung in dem Bereich ordentlich angekurbelt hat - besteht bei zunehmendem Alter des Lebewesens, von dem das Hirngewebe stammt - egal ob das jetzt eine Kuh oder ein Mensch ist - auch ein zunehmendes Risiko, daß sich bereits auf natürlichem Weg (durch Virusinfektion oder auf andere Weise, so viel genaues wissen die Forscher selbst noch nicht) ansteckende "mutierte" Prionen gebildet haben. Schließlich bekommen Menschen hin und wieder Creutzfeld-Jakob, die menschliche BSE-Variante, auch ohne daß sie verseuchtes Rindfleisch gegessen oder an einem Mitbürger herumgenagt haben. Und auch bei Rindern, die niemals Tiermehl auch nur gesehen haben, geschweige denn gefressen, kann BSE zuweilen auftreten. Bei Schafen gibt es die Variante Scrapie, die möglicherweise durch einen Virus erzeugt wird, weil sie zu häufig auftritt, um sie auf Tiermehl oder ähnliche Faktoren zurückzuführen (Schafe bekommen üblicherweise kein Tiermehl).

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Erst kommt das Fressen, dann die Moral (Berthold Brecht)

Wenn die Tiere Hunger! haben werden sie sich immer! an den Nahrungsreserven der verstorbenen Artgenossen oder Herrchen bedienen. Alles andere wäre Verschwendung und die Natur verschwendet nichts.

Ursusmaritimus

Nein, wir sind eben weniger Tier, weil eine Tier frisst von Natur aus, wie du sagst, seine "Partner" nicht; der Mensch kann aber sein eigenes Wohlergehen über seine Natur stellen und indem er andere Menschen frisst ist er nichtmehr natürlich und somit auch nicht mehr wirklich tierisch...so seh ich das...

Diese Begebenheit ist wahr und kam (und kommt) in ähnlichen Situationen seit Jahrtausenden immer wieder vor. Darüber gibt es auch andere Dokumentationen.

Die beiden beim Menschen am stärksten vorhandenen Triebe sind der sich fortzupflanzen und der zu überleben... Ganz sachlich und ganz ohne Bewertung einer solchen Lage.

kannibalismus bringt bei den meisten säugetieren probleme. durch den verzehr von artgenossen, steigt nämlich das risiko, dass sich prionen im körper bilden, beim menschen entsteht durch prionen z.b. das kreutzfeld jakob syndrom und bei anderen säugern ähnliche krankheiten. daher gibt es m.e. einen instinktiven ekel bzw. abneigung gegen das fleisch von artgenossen. allerdings schwindet diese hemmung, wenn man ohne dieses fleisch sonst verhungern würde. das ist beim menschen ebenso wir bei allen anderen fleisch- und allesfressern. der mensch verhält sich also nicht anders, als andere tierarten.

leckerlecker 24.09.2012, 08:33

Fundiertes Hintergrundwissen. Bist Du im ärztlichen Bereich forschend?

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leckerlecker 24.09.2012, 08:41
@Destroyer69

Die Frage muss aber mit den richtigen Suchbegriffen gestellt werden. Und das ist nicht immer leicht.

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flirtheaven 24.09.2012, 08:42
@leckerlecker

ich bin in der medizinischen forschung tätig, allerdings in anderen bereichen. aber man liest fachzeitschriften.

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nun, in der not haben sie die toten gegessen. aber nur so viel, um wirklich überleben zu können. und sie haben von sterbenden den segen dazu bekommen, sie essen zu dürfen. die doku darüber hiess: Überleben

http://de.wikipedia.org/wiki/Fuerza-A%C3%A9rea-Uruguaya-Flug_571

keiner, der nicht in solcher situation war, darf darüber urteilen. keiner der angehörigen, die dort als nahrung dienten, haben die überlebenden dafür verurteilt. jeder hat das verstanden.

Das Hunde nicht das Fleisch ihrer Besitzer nicht fressen ist schon mal falsch, es gab schon öfter Berichte darüber, das komplett ausgehungerte Hunde neben der angenaggten Leiche ihres Besitzers gefunden worden sind. Ich schätze, dass es schon möglich ist, dass die Hunde erst zögern von ihrem Besitzer zu fressen, aber nach einiger Zeit siegt einfach der Hunger, ihr Instinkt. Bei den anderen bin ich mit nicht so sicher, da es wahrscheinlich nicht sehr oft vorkommt, dass diese Tiere in so eine Not geraten, dass sie wirklich ihre Artgenossen fressen müssen.

Diese Menschen hatten nur die Wahl, die Verstorbenen zu essen, oder selbst zu sterben. Ich würde das nicht wertend betrachten.

Übrigens haben sie die Angehörigen eines Mitüberlebenden unangetastet gelassen. Und sie haben dafür gesorgt, dass sie, wenn es soweit war, sie einen Leichnam zum Essen ausgraben mssten, nicht wussten, um wen es sich handelte.

Der Mensch ist kein Fleischfresser, sondern ein Allesfresser. Nur durch die Evolution und Gesellschaft ist es nicht mehr moralisch und ethisch vertretbar!

Hab vor kurzem mal einen Bericht darüber gesehen :)

so, wie diese menschen das in einer extremsituation, in der es ums überleben ging, getan haben, so würden das wohl auch die von dir genannten tiere tun, wenn sie kurz vorm verhungern wären.

ps: menschen sind tiere, und das ist neutral gemeint

Iamiam 24.09.2012, 10:17

richtig, aber sie haben die Fähigkeit zur abstrakten Reflexion, auch Selbst-Reflektion.
Und eine gewachsene Moral in der Not infrage zu stellen, nicht den Trieben wehrlos ausgeliefert zu sein, halte ich für eine Erungenschaft der Evolution! (die allzuhäufig freilich auch in anderen Situationen missbraucht wird)
Korr: Sorry, die Evolution kennt keine Errungenschaften, sie hat keine Ziele. Es ist die in der Evolution erworbene Errungenschaft des Menschen!

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Enzozozo 24.09.2012, 10:35
@Iamiam

diese "Errungenschaft des Menschen" ist eine völlige illusion wie die "moral" an sich.

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das stimmt, es war , soviel ich weiss, eine Rugbymanschaft, die sonst keine Chance hatten zu überleben. Es gibt auch ein Buch darüber, weiss im Moment allerdings nicht, wie es heisst

hpaulenz 24.09.2012, 08:28

sieh mal bei Google 1972 war das

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Nee das stimmt nicht. Zumindest nicht pauschal.

Bei Hunden weiß ich es definitiv, dass die auch Artgenossen fressen, wenn sie sonst nichts haben, da hab ich grad erst ne Doku drüber gesehen.

Ich glaube es gibt auch Tiere, die das nicht machen, aber das eher weniger.

kuechentiger 24.09.2012, 10:49

es gibt auch Tiere, die das nicht machen

Ja, Pflanzenfresser.

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Findera 24.09.2012, 20:23
@kuechentiger

Lol, bei denen ists ja wohl klar, die hab ich da jetzt garnet einbezogen ^^

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Das ist falsch. Wir haben anfang des Jahres eine Katze aus einer Wohnung befreit. Sie ernährte sich von ihrem toten Herrchen. Hunde machen das auch. Und Kanibalismus unter den Tieren ist nicht ungewöhnlich. Übrigens hätte ich in den Anden auch das Fleisch der Toten gegessen.

Hallo leckerlecker,

dein Nickname ist etwas makaber zu dieser Frage ;-) In den Anden war es so das die Menschen die verspeist wurden nicht in einer direkten Beziehung zu einander standen, da hat Niemand seine Ehefrau gegessen o.Ä. Bei Hund und Herrchen siehts etwas anders aus.

Bevor man verhungert, frisst man alles - denn das Überleben hat allerhöchste Priorität. Das gilt für Geier wie für Menschen.

das stimmt...ich erinnere mich, dass das damals durch die Presse ging. wenn ich mich nicht irre, ist das sogar verfilmt worden.

hpaulenz 24.09.2012, 08:25

richtig, verfilmt wurde es auch noch

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(Wenn das stimmt, wären wir Menschen ja tierischer als Tiere.)

Ja,so ist leider.Der Mensch ist das schlimmste Raubtier!!

Landlilie 24.09.2012, 08:29

Es geht nicht darum, dass ihnen langweilig war, oder dass sie gierig auf Menschenfelisch waren, sondern dass diejenigen, die sterben mussten, den Übrigen das Leben retten konnten.

Einer für alle, alle für einen...

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Annelein69 24.09.2012, 08:37
@Landlilie

Ja,ich weiss worum es dir geht."Normalerweise"würde man das nicht tun.Aber es war ja für diese Menschen der absolute Ausnahmezustand.

Aber Menschen machen so viele schlimme Dinge die sie"normalerweise"nicht tun sollten und meistens wenn sie nicht in einem Ausnahmezustand sind.Blick dich um,es ist nicht mehr schön auf der Welt.

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Iamiam 24.09.2012, 10:12
@Annelein69

"es ist nicht mehr schön auf der Welt":
es war noch nie "schön"=so, wie wir uns das gewünscht hätten.
immerhin haben wir das Faustrecht weitestgehend abgeschafft, das Recht des Stärkeren besteht aber weiterhin, nur etwas weniger offen brutal und damit etwas erträglicher.
Wir haben eben die Verhältnisse, deren Entstehung wir zugelassen haben oder zulassen mussten, weil sich nicht genügend Individuum zur Schaffung besserer Zustände eingesetzt haben oder alle sich schon im Vorfeld weigerten, qualifiziert(!) drüber nachzudenken, was uns blühen könnte....
Warnungen gabs genug, Stammtisch"Widerstand" auch!

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Destroyer69 24.09.2012, 08:32

menschen sind tiere. und auch raubtiere. aber in solch einer situation wären viele bereit, das gleiche zu tun. wer darüber so urteilt, hat noch nie hunger verspürt oder hat kein verständnis für extremsituationen. in solchen fällen:

wer keine ahnung hat: einfach mal die finger stilhalten

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Annelein69 24.09.2012, 08:42
@Destroyer69

Ich habe nicht geurteilt und weiss sehr wohl um die Extremsituation dieser Menschen,das war aber auch nicht unbedingt seine Fragestellung!!

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der mensch ist ein tier...und nur weil wir zahlenmäßig und technologisch weiter sind als die anderen lebewesen, macht uns das nich besser

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