Inwiefern war Platon ein metaethischer Kognitivist?

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2 Antworten

Platon ist in der Ethik schon allein aufgrund seiner Ideenlehre eindeutig Kognitivist. Auch was gut ist, hat nach seiner Auffassung an einer Idee Anteil, z. B. irgendeine gerechte Handlung oder ein gerechter Zustand an der Idee des Gerechten/der Gerechtigkeit. Ethische Begriffe werden von Platon häufige verwendet, wenn Beispiele für Ideen vorkommen. Die Ideen sind durch vernünftiges Denken erkennbar, also kognitiv.

Nach der Lehre Platons sind die Ideen wirklich Seiendes, etwas Bestimmtes, in sich selbst gleiche (mit sich selbst identische) Wesenheiten. Sie gehören zu einer Welt der Ideen, einem Bereich für das Denken einsehbarer Dinge. Die Ideen bilden einen nur geistig erfaßbaren Bereich, an dessen Spitze die Idee des Guten steht. Nach einer Aussage bei Platon ist die Idee des Guten (ἡ τοῦ ἀγαθοῦ ἰδέα Politeia 517 c) sogar kein Sein, sondern liegt jenseits des Seins und übertrifft es an Alter und Kraft (οὐκ οὐσίας ὄντος τοῦ ἀγαθοῦ, ἀλλ’ ἔτι ἐπέκεινα τῆς οὐσίας πρεσβείᾳ καὶ δυνάμει ὑπερέχοντος Politeia 509 b). Die Idee des Guten gilt als größter Gegenstand der Erkenntnis/Lernstoff (ἡ τοῦ ἀγαθοῦ ἰδέα μέγιστον μάθημα Politeia 505 a).

Das Erfassen der Idee als Ganzes, als Sacheinheit, leistet nach Platon die Vernunft (νοῦς) und zwar das einsehende Denken (νόησις). Das hin- und herlaufende (diskursive) Denken (διάνοια), das eher als Verstand bezeichnet werden könnte, ist beim Erkenntnisvorgang beteiligt (vgl. Politeia 508a – 509d [Sonnengleichnis]; 509d – 511 e [Liniengleichnis]; 514 a– 521 b und 539 d – 541 b [Höhlengleichnis]).

Platon hat nach antiken Zeugnissen eine Prinzipienlehre (griechisch ἀρχή = Prinzip) vertreten, zu der es in den schriftlichen Dialogen nur einige andeutende Hinweise gibt. Platon hat sie mündlich vorgetragen („ungeschriebene Lehre“) und mit anderen erörtert. Als Prinzip der Einheit verleiht das Eine (ἕν) als Idee des Guten allem Grenze und Bestimmung und damit Existenz und Erkennbarkeit.

Für die Beantwortung der Frage ist erforderlich:

1) Klärung, was metaethischer Kognitivismus (und Nonkognitivismus) bedeutet

2) Einordnung von Platons Gedanken in die Problemstellung, zu der Kognitivismus und Nonkognitivismus entgegengesetzte Standpunkte sind, wobei Textaussagen herangezogen werden

Metaethischer Kognitivismus und Nonkognitivismus

Metaethik ist eine Theorie der Ethik und hat das Ziel, begriffliche Grundlagen für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Moral bereitzustellen. Metaethik beschäftigt sich beispielweise mit der Frage, was überhaupt ein moralisches Urteil ist und welches Verhältnis es zu anderen Urteilsarten hat (worin ist es gleich, worin unterschiedlich?). Metaethik fällt nicht mit wertenden/normativen Aussagen inhaltlicher Art moralische Urteile, sondern analysiert formale Gesichtspunkte (vg. insgesamt Nico Scarano, Metaethik – ein systematischer Überblick. In: Handbuch Ethik. 3., aktualisierte Auflage. Herausgegeben von Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2011, S. 25 – 35).

Kognitivismus ist in der Ethik der Standpunkt, moralische Fragen seien grundsätzlich durch Erkenntnis (kognitiv) entscheidbar, moralische Urteile also rational begründbar und wahrheitsfähig (ob sie richtig sind oder nicht, kann grundsätzlich geklärt werden). Werte, was gut ist, was sein soll – bei all diesem kann grundsätzlich ein Geltungsanspruch auf Wahrheit durch Erkenntnis entscheiden werden. Nonkognitivismus ist der entgegengesetzte Standpunkt, der dies verneint und also in moralischen Fragen durch Erkenntnis eine Entscheidung über Richtigkeit nicht für möglich hält.

Albrecht 25.10.2012, 08:29

Christoph Lumer, Kognitivismus / Nonkognitivismus. In: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. Herausgegeben von Hans Jörg Sandkühler. Band 1: A – N. Hamburg : Meiner, 1999, S. 695:
Kognitivismus / Nonkognitivismus - Kognitivismus (bzw. Nonkognitivismus) ist allgemein: die These oder eine Theorie, die die These vertritt, daß bestimmte Fragen prinzipiell (nicht) rein kognitiv, d.h. durch Erkenntnis, etwa mit wissenschaftlichen oder wissenschaftsähnlichen Mitteln, entscheidbar sind. 'Prinzipiell kognitiv entscheidbar sein' soll dabei heißen: Es gibt Erkenntnisverfahren, die, wenn sie in bestimmten Situationen angewendet werden würden, zur Entscheidung führen würden.

Nach kognitivistischen und nonkognitivistischen Theorien wird insbesondere in der Ethik unterschieden: Ethischer (Non-)Kognitivismus ist also: die These oder eine Theorie, die die These vertritt, daß moralische Fragen prinzipiell (nicht) rein kognitiv entscheidbar sind.

In der heutigen Diskussion wird 'ethischer Kognitivismus' aber meist enger verstanden (und die weitere Bedeutung häufig gar nicht gesehen), nämlich als Bezeichnung für die These, daß das in moralischen Aussagesätzen Gesagte (z.B. 'Du sollst A tun', 'Es ist moralisch geboten, daß p', 'A zu tun ist das moralisch Beste') rein kognitiv entscheidbar ist. Einhellige Meinung ist, daß dies genau dann der Fall ist, wenn das durch die Äußerung moralischer Aussagesätze Ausgedrückte - eo ipso wahrheitsfähige - Urteile sind. Dies ist eine These über die Bedeutung moralischer Sätze, also eine metaethische These. Man kann diese spezielle Form des ethischen Kognitivismus also als 'metaethischen Kognitivismus' bezeichnen und so definieren: Metaethischer (Non-)Kognitivismus := These oder Theorie, die die These vertritt: Das in moralischen Aussagesätzen Ausgedrückte sind (keine) wahrheitsfähige(n) Urteile. Dies ist die mit Abstand häufigste Definition von '(Non-)Kognitivismus'.“

Christoph Lumer, Kognitivismus und praktische Begründung. In: Günther Kreuzbauer/Norbert Gratzl/Ewald Hiebl (Hg.), Persuasion und Wissenschaft : aktuelle Fragestellungen von Rhetorik und Argumentationstheorie. Wien ; Berlin ; Münster : Lit-Verlag, 2007 (Salzburger Beiträge zu Rhetorik und Argumentationstheorie ; Band 2), S. 166:
Kognitivismus ist allgemein: die These, dass bestimmte Fragen prinzipiell rein kognitiv, d. h. durch Erkenntnis, etwa mit wissenschaftlichen oder wissenschaftsähnlichen Mitteln, entscheidbar sind. Entsprechend ist dann der ethische Kognitivismus: die These, dass moralische Fragen prinzipiell rein kognitiv entscheidbar sind […].

Die Debatte um den ethischen Kognitivismus ist fast so alt wie die philosophische Ethik (siehe schon: Platon, Politeia).“

S. 166 – 167: „Semantischer ethischer Kognitivismus ist die These, dass das in moralischen Aussagesätzen Gesagte (z. B. „Du sollst A tun.", „Es ist moralisch geboten, dass p.", „A zu tun ist das moralisch Beste.“) rein kognitiv entscheidbar ist. Einhellige Meinung ist, dass dies genau dann der Fall ist, wenn das durch die Äußerung moralischer Aussagesätze Ausgedrückte — eo ipso wahrheitsfähige — Urteile sind, wobei hier mit „Urteil" die Bedeutung eines Aussagesatzes gemeint ist (und nicht der (psychische) Urteilsakt). Genauer kann man also definieren: Semantischer ethischer Kognitivismus ist die These: Das in moralischen Aussagesätzen Ausgedrückte sind wahrheitsfähige Urteile. Dies ist die mit Abstand häufigste Definition von 'Kognitivismus'.“

An Stelle der Bezeichnung „metaethischer Kognitivismus“ zieht er nun die Bezeichnung „semantischer Kognitivismus“ vor. S. 166 Anm. 2: „Dort habe ich für den semantischen Kognitivismus allerdings die Bezeichnung „metaethischer Kognitivismus" verwendet, weil „Metaethik" eine Zeit lang fast ausschließlich die Semantik der Moralsprache Letzteres ist jedoch eine Verengung des Ausdrucks „Metaethik" und zugleich eine Fehlbezeichnung: Metaethik ist der Wortbedeutung nach ja Ethik der Ethik. Da zudem auch im allgemeinen philosophischen Sprachgebrauch „Metaethik" inzwischen eine weitere Bedeutung gewonnen hat, verwende ich jetzt lieber den Ausdruck „semantischer Kognitivismus“.“

Vgl. auch Edgar Morscher, Kognitivismus/Nonkognitivismus. In: Handbuch Ethik. 3., aktualisierte Auflage. Herausgegeben von Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2011, S. 36 – 48

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Albrecht 25.10.2012, 08:30

Detlef Horster/Jürgen Oelkers, Einleitung. In: Detlef Horster/Jürgen Oelkers (Hrsg.), Pädagogik und Ethik. 1. Auflage. Wiesbaden : VS, Verlag für Sozialwissenschaften, 2005. S. 14:
„Für Vertreter des Kognitivismus ist es lediglich ein Erkenntnisproblem, auf moralische Fragen eindeutige Antworten geben zu können. Sie sind der Auffassung, daß es objektive Werte, die lediglich erkannt werden müssen. Bereits SOKRATES war der Auffassung, dass man das Gute erkennen könne und dass man danach strebe, „es zu gewinnen und für sich zu haben“. (Philebos 20d) Die Erkenntnis führe zur Fähigkeit der Unterscheidung „aller Güter und Übel“. (Laches 199c). ARISTOTELES war ebenfalls der Auffassung, dass man das Gute erkennen könne (Vgl. Nik. Ethik 1094a 1–3).“

Anm. 2: „Klassische Kognitivisten sind SOKRATES, PLATON, ARISTOTELES, THOMAS VON AQUIN und KANT.“

Marcel van Ackeren, Das Wissen vom Guten : Bedeutung und Kontinuität des Tugendwissens in den Dialogen Platons. Amsterdam ; Philadelphia : Grüner, 2003 (Bochumer Studien zur Philosophie ; Band 39) S. 14:
„Platon ist — wie in moderner Sprache festgestellt wurde — ein moralischer Kognitivist, d.h. er ist davon überzeugt, dass Urteile im ethischen Bereich wie die über feststehende Fakten anderer Gegenstandsbereiche geartet sind und daher genauso „wahr" oder „falsch" sein können.“

Platon

Nach Platons Standpunkt ist Wissen/Erkenntnis für Tugend notwendig (zur Gleichsetzung - Tugend ist Wissen - , dem „Tugendwissen“ vgl. Menon 87 c – 89 a, Gorgias 460 b, Laches 194 d, Protagoras 360 d, Politeia 348 c – 351 c). Fehlverhalten ist ein intellektuelles Versagen. Protagoras 345 a – 359 a wird die These vom Tugendwissen ausführlich dargelegt wird. Sie ist auch als moralischer Intellektualismus bezeichnet worden. Danach beruht richtiges/gutes Handeln auf Erkenntnis/Wissen, falsches/schlechtes Handeln auf Mangel bzw. Fehlen an Erkenntnis/Irrtum/Unwissenheit. Wissen wird als nicht nur notwendige, sondern sogar hinreichende Bedingungen für richtiges/gutes Handeln beurteilt. Ein Wissen um das Gute bezüglich des Handlungsbereiches gewährleistet, richtig/gut zu handeln.

Im Dialog ‹Politeia› ist das Hauptthema die Gerechtigkeit (δικαιοσύνη). Beim Versuch, ihr Wesen zu bestimmen, werden in der Erörterung rational nachvollziehbare Argumente verwendet.

Der Gerechte wird in Parallele zum Arzt und zum Steuermann verstanden, die sich durch ein bestimmtes Wissen auszeichnen (Politeia 340 d – 342 d). Als Ergebnis, über das Übereinstimmung erzielt wird, zeigt sich (Politeia 350 c) der Gerechte (δίκαιος) als gut (ἀγαθός) und weise (σοφός), der Ungerechte ( ἄδικος ) als unwissend/töricht/dumm (ἀμαθής) und schlecht (κακός).

Philosophen/Philosophinnen sollen den Staat leiten und sie sind durch Erkenntnis zu einer Einsicht in die Tugenden fähig.

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Odysseus247 29.10.2012, 11:00
@Albrecht

Das ist ja alles ganz schön - aber ein bisschen übertrieben für die Sache, oder? ;)

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Albrecht 29.10.2012, 13:38
@Odysseus247

Eine gut erläuterte Antwort ist erlaubt.

Was dort steht, kann nicht alles als in den Grundzügen selbstverständlich bekannt vorausgesetzt werden.

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  1. Wer sagt das?

  2. Was verseteht "er" darunter?

... das ist doch die Frage, oder?

Ich kann da nur mutmaßen: Platon fragt sich in der Politeia wie der Staat funktionieren sollte (und nicht wie er funktionierte). Er fragt grundlegend (-meta-) danach wie ein Staat funktionieren sollte (-ethisch-) und das macht er nicht anhand von Erfahrungen sondern mithilfe des Intellekts (-kognitiv-).

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