Inwiefern kann man den Menschen als rationales Wesen bezeichnen?

3 Antworten

Den Menschen pauschal als rationales Wesen zu empfinden halte ich für eine Fiktion. Allenfalls läßt sich eine Zweckrationalität erkennen, die jedoch meistens so sehr auf einzelne Punkte fixiert ist, daß daneben diverse andere Notwendigkeiten vernachlässigt werden.

Dazu kommt, daß aufgrund des Wesens der Menschen rationales Verhalten ab einer kritischen Größe sogar insoweit schädlich sein kann, als daß Rationalität der Menschlichkeit im Wege steht.

Betrachtet man die Sache jedoch mit den Augen eines Informatikers, dann ist zwar sehr deutlich und ganz allgemein ein Streben nach Rationalität über den Weg des bewußten Durchdenkens auftauchender Herausforderungen erkennbar.

Doch die eigentliche im Detail steckende Problematik zeigt sich in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen:

Rationalität am Arbeitsplatz:

Der Betrieb gedeiht, aber der Mensch bleibt ab einem überschrittenen Triggerpunkt auf der Strecke. Die sichtbaren Folgen sind immer mehr Arbeitsstreß durch stetiges Verdichten der Arbeitsgegebenheiten, und am Ende noch mehr und noch mehr Arbeit, um mit einem Teil des Erlöses die notwendige Erholung von diesem Streß finanzieren zu können.

Rationalität im privaten Bereich:

Es ist möglich, auch den privaten Bereich zu perfektionieren. Doch die Familie wird dabei zur reinen Funktionseinheit (roboterhaft), und die für das Wohlfühlen notwendige Emotionalität wird beschädigt.

Rationalität in der Politik und Verwaltung:

Wo sie in diesen Bereichen maßgeblich zum Tragen kommt, führt es durch Zentralisierung zu einem allgemeinen Abbau des Sinns von Einrichtungen, nämlich ein möglichst hürdenfreies Bereitstellen von Dienstleistungen. Rationalität in der Verwaltung bedeutet dadurch auch Nötigung der Bevölkerung zu unrationalem Verhalten (von Pontius zu Pilatus laufen).

Rationalität in der Städteplanung:

Sie stellt zwar auf engem Raum diverse Möglichkeiten zur Verfügung, führt aber gleichzeitig dazu, daß stetig mehr Lebensqualität verloren geht, weil diverse andere Dinge dem Rationalitätsdenken weichen müssen, die zuvor neben anderem auch wichtige Hilfsmittel für die Erhaltung sozialer Kontakte waren (Tante-Emma-Läden, die gemütliche Eckkneipe, Wildwuchs-Grünflächen für wohnungsnahe Spaziergänge usw.)

Diverse weitere Beispiele ließen sich anfügen.

Rationalität bedeutet auch Reduzierung von Arbeitsschritten, doch in der Praxis bedeutet dasselbe dann auch Reduzierung der Bewegung, was dann zunehmend recht irreational durch Jogging, Trimmräder in der Wohung usw. kompensiert wird.

Auch diverse technische Neuerungen (Handy usw.) zeigen an, wie sehr überzogene Rationalität menschliche Grundbedürfnisse so sehr aushebeln kann, daß dieselbe Technik, die alles rationaler machen soll, auch total irrational und relativ wenig erfolgreich dazu benutzt wird, verlorengegangene Grundbedürfnisse wie z. B. Kommunikation, Meinungsbildung usw. zu kompensieren.

Manche Extreme in der schriftlichen Kommunikation sprechen ebenfalls für sich selbst. Abkürzungen nach dem Muster "je mehr, desto besser" sind zwar äußerst rational, aber sie verhunzen mittelfristig die Sprache, wirken ausgrenzend für andere, die mit Abkürzungen nicht gut klar kommen und erschweren das Verstehen erheblich.

Der rationale Mensch wird so zu einer Person, die sich bzgl. emotionaler Erfordernisse selbst im Wege steht und vielfach noch nicht einmal in der Lage ist, einen brauchbaren Mittelweg zu finden.

Schlußfolgernd meine ich, daß der Mensch bzgl. seiner Arbeitsleistung sehr rational sein kann und es vielfach auch ist, sich jedoch bzgl. seiner Lebensqualität zunehmend komplett irrational verhält, weil die Schaffung von mehr Rationalität an der einen Stelle diverses vom Grunde her Überflüssiges und damit Irrantionales erzwingt.

Insofern, als er hin und wieder die Möglichkeit hat, Entscheidungen nicht nur spontan oder aus einem Gefühl heraus zu treffen, sondern auf der Grundlage gründlichen Nachdenkens, kann man den Menschen als "rationales Wesen" bezeichnen. Aber nicht jeder Mensch kann jederzeit in jeder Frage rational entscheiden, die Menge der Störfaktoren ist dazu viel zu groß.

Der Mensch KANN über sich selbst und seine Umgebung nachdenken. Er KANN die Konsequenzen seines Tuns in einem gewissen Rahmen erfassen und kalkulieren. Er KANN abwägen, welche Entscheidung unter gegebenen Umständen sinnvoller, erfolgversprechender, nachhaltiger ist.

Dass er es bisweilen nicht tut, ändert nichts an seiner Fähigkeit dazu.

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