Inwiefern hat die hexenverfolgung im mittelalter die macht der kirche unterstützt?

11 Antworten

Die Sache ist komplizierter als es in den Kommentaren aussieht. Das "Lies dich mal durch die Literatur" ist korrekt. Kein Kommentar hier, auch nicht meiner, ist vom Fachmann geschrieben, das merkt man sehr schnell. Dass Hexen als Bedrohung empfunden werden konnten, weil sie die Wahrheit der Kirche in Frage stellten - allein durch ihre Existenz! - ist nicht falsch gedacht. Die Inquisition gab es ja wirklich, und hatte das Ziel, alles fremde bzw. nicht kompatible auszulöschen.

Aber jetzt kommts: 1 Hexenverfolgung systematisch gab es nach(!) dem Mitteralter, in der beginnenden Neuzeit auf dem Weg zum Zeitalter der Aufklärung. 2 Die amtliche Inquisition der Kirche richtete sich nicht so sehr gegen Hexen, sondern gegen Abweichler von der kirchlichen Lehre (Häretiker, Verbreiter von eigenen Glaubenssystemen). Der Verfasser des berühmten Buches "Hexenhammer" war zwar Inquisitor, aber es ist kein Buch, das die Kirche genehmigt hätte, nicht einmal das von allen Inquisitoren anerkannt war. Es wurde beliebt und gut verkauft. Der Buchdruck war gerade erfunden, und wie es immer ist mit neuen Medien: Die Leute müssen erst mal lernen, damit kritisch umzugehen. 3 Ein wichtiges Werkzeug im allgemeinen Hexenwahn war die Denunization. Also vereinfacht gesagt "ich mag dich nicht, oder ich traue dir nicht, daher zeige ich dich als Hexe (oder Hexer) an" - so konnte man persönliche Gegner recht gut loswerden. Bewusst oder unbewusst. Das ist dann nur "Kirche" in dem Sinne, dass die Denunzianten auch Teil der Kirche waren, weil das damals alle waren. 4 Dazu kam sicher das, was wir als Aberglauben der Menschen bezeichnen. Wenn du glaubst, dass jemand dich verzaubern kann, und wenn du keinen Gegenzauber kennst, dann wirst du Angst davor haben. Dass aber an Magie geglaubt wurde, dass manche versuchten sie zu praktizieren, und dass gläubige Menschen dagegen waren, das ist wohl älter als die Kirche selbst. 5 Kirchliche genauso wie weltliche Gerichte führte die Prozesse durch - wer halt in dem Landstrich das Sagen hatte. Oft genug waren es aufgeklärte Kirchenleute, die verstanden, was für ein Wahnsinn die Hexenverfolgung ist, und dagegen! einschritten. Von "der Kirche" als solcher zu reden habe ich mir in diesem Zusammenhang daher abgewöhnt. 6 Und dann ist ja noch die Frage, wer oder was Hexen waren. Waren es Kräuterweiblein? Oder weise Frauen? Oder schlossen sie mit dem Teufel Bündnisse? Oder sagte man das nur von ihnen? Gab es überhaupt eine Gruppe von gleichgesinnten Menschen, die man echt "Hexen" nennen kann, oder ist das nur ein Schimpfwort, das man gegen alle Menschen benützt, die man für Böse hält? Das werden wir nie erfahren, dazu müsste es überlieferte Dokumente geben wie "Satzung und Ziele des Hexereivereins von Bullerbü" oder so. Wir haben aber nur die Schriften der Ankläger. Und sobald jemand ein Buch mit "Hexenkunst" geschrieben hätte, wüssten wir nur, dass ein! Mensch und seine Leser diese Meinung hatten. Daher kann man nicht so gut sagen, ob sie wirklich eine Bedrohung für die Kirche waren.

Wahrscheinlich wie immer im Leben: teils, teils. Zu fragen "wie haben sie die Kirche bedroht" oder auch nur "wie hat sich die Kirche bedroht gefühlt" geht eigentlich gar nicht, so lange nicht klar ist, ob "die Kirche" überhaupt einen Plan hatte, sich gegen so eine Bedrohung zu wehren. Ich persönlich gehe also lieber davon aus, dass es sich um ein explosives Gemisch handelte von Aberglaube, Angst vor dem Unbekannten, und tatsächlich auch Machterhalt, welches in der Bevölkerung verbreitet war und dadurch auch in der Kirche.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass unsere Vorstellungen vom Mittelalter sehr von Büchern und Spielfilmen geprägt sind. Die können noch so gut recherchiert sein, aber am Ende brauchen sie dann doch einen guten und einen bösen Menschen, und der Böse ist dann irgendein Machtfanatiker und so weiter, weil sonst die Handlung langweilig ist. Der gute dagegen ist ein liebevoller und liberaler Mensch, der sich traut, seine Meinung gegen die Autorität zu sagen, weil wir heutigen Leser das gerne mögen. Wir vergessen dann schnell, dass die Handlung an sich halt erfunden ist, und dass wir nicht wissen, wie es war.

Die Kirche hatte auch in Hände mit im Spiel (sowohl die katholische als auch die protestantische, denn auch Luther wandte sich nicht dagegen), aber man sollte ein paar Dinge dazu wissen/bedenken.

1) die meisten Hexenprozesse fanden nicht im Mittelalter statt, sondern später. Einer der ersten (!) Prozesse in Deutschland war 1479.

https://de.wikipedia.org/wiki/Hexenhammer

(Mittelalter ca. 1000 - 1500, nach 1500 spricht man nicht mehr vom Mittelalter)

2) die meisten Leute verwechseln die Hexenverfolgung mit der Inquisition. Die Inquisition hatte nicht die Verfolgung von Hexen zum Ziel, sondern verfolgte Angriffe gegen die Lehre der Kirche - sie untersuchte also Ketzerei. Galileo Galilei war nicht der Hexerei angeklagt, wohl aber der Ketzerei. Dies war somit ein Fall für die Inquisition (Inquisitor von Florenz).

https://de.wikipedia.org/wiki/Galileo_Galilei#Der_Prozess_gegen_den_Dialog

Manchmal stellte sich die Inquisition sogar gegen die Hexenverfolgungen. In Spanien (wo die Inquisition auch tätig war) gab es weniger Prozesse als z.B. in Deutschland.

3) viele Hexenprozesse wurden von der weltlichen Obrigkeit initiiert. Noch spät fanden Prozesse statt. Die Mutter des Astronomen Johannes Kepler wurde der Hexerei angeklagt, 1615.  Weder die Inquisition noch die Kirche waren hierfür direkt verantwortlich, sondern der Vogt von Leonberg.

https://de.wikipedia.org/wiki/Katharina_Kepler

Wo hast Du diesen Unsinn aufghelesen? Im Mittelalter waren Hexenverfolgungen seltene Ereignisse. Und diese seltenen Hexenverfolgungen wurden von der Kirche seinerzeit durchweg bekämpft.

In Mitteleuropa fand die verbreitete Hexenverfolgung vor allem während der Frühen Neuzeit statt. Global gesehen ist die Hexenverfolgung bis in die Gegenwart verbreitet. In der Neuzeit wurden die Hexenverfolgungen von Teilen des Klerus unterstützt, von anderen Teilen bekämpft. Und außerhalb des Klerus gab es ohnehin kaum eine Gegenerschaft zum Hexenglauben.

Was möchtest Du wissen?