Instinkt und Gewissen?

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Eine genaue Beantwortung hängt ein Stück weit vom Zusammenhang und dem dabei zugrundeliegendem Instinktbegriff ab. Aus dem Fragetext geht nicht hervor, ob an den Instinktbegriff der Ethologie (Vergleichende Verhaltensforschung bzw. Verhaltensbiologie) gedacht ist oder ein anderer Begriff mit weitergespannter Bedeutung vorliegt.

Das Wort Gewissen stammt aus althochdeutsch gewizzani und ist eine Lehnübersetzung für lateinisch conscientia, dessen Bedeutung seinerseits durch das griechische συνείδησις (Mitwissen; (begleitendes) Bewußtsein; Gewissen) wesentlich bestimmt wurde.

Instinkt stammt vom lateinischen Wort instinctus (Anreiz, Eingebung, Antrieb), das Verb dazu ist instinguere (anreizen, antreiben, anstacheln) .

Unterschiede bestehen:

Der Instinkt ist natürlich, das Gewissen ist keine einfache Naturgegebenheit und kann von kulturellen Einflüssen geformt sein.

Instinkt hat eine angeborene Grundlage, die ziemlich festlegt, höchstens ein wenig von Umwelteinflüssen ausgestaltet wird. Instinkt ist eine in Grundtrieben des Lebens wurzelnde angeborene Fähigkeit zu Verhaltensweisen. Das Gewissen ist kein angeborenes Repertoire und hängt von moralischen Überzeugungen ab. Seine Inhalte können sich mit diesen ändern.

Der Instinkt ist an Bedürfnissen orientiert, das Gewissen an Bewertung (moralische Urteile).

Beim Instinkt gibt es kein Nachdenken (Reflexion), beim Gewissen sind Gedanken – meist stark mit Gefühlen verbundene – wichtig und ein reflektierendes Nachdenken ist möglich (eigene Gewissensprüfung).

Beim Instinkt im biologischen Begriffsverständnis werden keine Entscheidungen getroffen (es vollzieht sich einfach ein Tun) und damit genaugenommen keine Handlungen ausgeführt, sondern Verhalten/Tätigkeiten (es geschieht etwas/es läuft etwas ab). Schlüsselreize lösen ein Verhalten aus. Das Gewissen bezieht sich dagegen auf Entscheidungen und die Frage, wie moralisch richtig/gut gehandelt werden soll/sollte. Menschliche Willensfreiheit bezieht sich auf Entscheidungen. Instinkt ist nicht von der Vernunft mit abwägender Überlegung geleitet. Was mit dem Gewissen als innere Stimme auftritt (auftreten kann), ist eine Beurteilungsinstanz, in die angeeignete Wertungen eingegangen sind, ob verinnerlichte Einflüsse aus Erziehung und Gesellschaft oder persönliche, aus eigenem Erleben und Denken hervorgegangene Überzeugungen.

Gerhard Funke, Instinkt I. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4: I – K: Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1976, Spalte 408 – 413 gibt an:

Unter Instinkt wird eine angeborene Fähigkeit, zu natürlichen, vorbewußt zweckmäßigen Handlungs- und Tätigkeitsweisen verstanden, in bestimmten Grundtrieben des Lebens wurzelnd.

Ein instinctus naturalis (Naturtrieb) wird als subjektive Quelle von Werteinsicht erst verstanden bei Herbert von Cherbury (De veritate 1624) und danach bei Shaftesbury (The moralists 3 1709) und dem Wolffianer Georg Bernhard Bilfinger, Dilucidationes philosophicae de Deo, anima humana, mundo, et generalibus rerum affectionibus 1725 § 292

Nach Immanuel Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft(1791) ist der Instinkt „ein gefühltes Bedürfnis“, „etwas zu tun oder zu genießen, wovon man noch keinen Begriff hat“. Immanuel Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798). Drittes Buch. Vom Begehrungsvermögen. Von den Leidenschaften. § 80: „Die subjective Möglichkeit der Entstehung einer gewissen Begierde, die vor der Vorstellung ihres Gegenstandes vorhergeht, ist der Hang (propensio); - die innere Nöthigung des Begehrungsvermögens zur Besitznehmung dieses Gegenstandes, ehe man ihn noch kennt, der Instinct (wie der Begattungstrieb, oder der Älterntrieb des Thiers seine Junge zu schützen u. d. g.).“

Thomas Reid, Essays on the active powers of man 3: Of the principles of action. Part 1 Of the mechanical principles of action. Chapter 2: Instinct erklärt, mit Instinkt eine natürlichen blinden Impuls zu bestimmten Aktionen zu meinen, ohne auf irgendein Ziel zu sehen, ohne zu überlegen und sehr oft ohne jede Konzeption eines Tuns (By instinct, I mean a natural blind impulse to certain actions, without having any end in view, without deliberation, and very often without any conception of what we do).

K. Rohde, Instinkt II. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4: I – K: Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1976, Spalte 413 – 417 verweist unter anderem auf Nikolaas Tinbergen, nach dem Instinkt einem hierarchisch organisierten nervösen Mechanismus entspricht, der auf bestimmte vorwarnende, auslösende und richtende Impulse, sowohl innere wie äußere, anspricht und sie mit wohlkoordinierten, lebens- und arterhaltenden Bewegungen beantwortet.

Otfried Höffe, Instinkt. In: Lexikon der Ethik. Herausgegeben von Otfried Höffe. Originalausgabe, 7., neubearbeitete und erweiterte Auflage. München : Beck, 2008 (Beck'sche Reihe ; 152), S. 145 - 147

S. 145 – 146: „Instinkt (lat. Anreiz, Naturtrieb) heißt in der biologischen Verhaltensforschung (Ethologie) von Tinbergen, K. Lorenz, Eibl-Eibesfeldt u. anderen eine angeborene u. artspezifische Antriebskraft, das Moment der von individueller Lernfähigkeit u. Veränderbarkeit (fast) nicht beeinflußbaren biologischen ↑ Determination im Verhalten von Tier u. Mensch. Eine I.Handung ist eine auf Erbkoordination beruhende, zunehmend starre Bewegungsweise, die ohne Einsicht in ihrem Ablauf oder gar in ihre ↑individuum- u./oder arterhaltende ↑ Zweckmäßigkeit verläuft. Ihr geht ein von Individuellem lernen beeinflußbares Appetenzverhalten, das triebhafte Suchen nach einer Reizsituation voraus, die jenen ererbte Mechanismus auslöst, dessen Auslösung als lustgeladene (↑ Freude) Aktivität Befriedigung verspricht.“


Hans Reiner, Gewissen. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 2: G – H. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1974, Spalte 574 - 592 gibt unter anderem an:

Das Gewissen wird zum inneren Ankläger und Richter, belehrt, weist zurecht, mahnt zur Umkehr, befiehlt.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es eine Tendenz, das Gewissen als sekundäres Ergebnis psychologischer Zusammenhänge zu begreifen, meist unter Auflösung seines Autoritätsanspruches.

Gewissen ist:

a) autonom

b) Kontrolle der gewissenhaften Einhaltung von als zweifellos gültig vorausgesetzten Sittlichkeitsvorschriften

a) im Bewußtsein in Erscheinung tretendes persönliches Betroffensein von einem konkreten sittlichen Verhaltensanspruch (Sollensbewußtsein)

b) die solches Bewußtsein ermöglichende oder herbeiführende Anlage bzw. deren Substrat (Organ)

Funktionen:

a) Feststellung/Prüfung eines Anspruches (Verhaltens-Weisung)

b) Feststellung oder Prüfung dessen Erfüllung oder Nichterfüllung (Verhaltens-Kontrolle)

a) eigene beurteilende Stellungnahme (autonomes Gewissen)

b) Forderung einer dazu legitimierten Autorität (autoritäres Gewissen)

Begründung:

a) vorwiegend oder ganz von der Vernunft (ratio) geleitet

b) wesentlich vom eigenen Gefühl bestimmt (irrational, emotional)

a) rückschauend: vergangenes eigenes Verhalten

b) vorausschauend auf zukünftiges, noch zu vollziehendes verhalten (Reflexion auf gegenwärtig on Vollzug befindliches Verhalten oder auf bisher versäumtes, aber noch erfüllbares Verhalten)

Oswald Schwemmer, Gewissen. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Herausgegeben von Jürgen Mittelstraß. Band 3: G – Inn. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 133 – 135 gibt an:

Der Begriff Gewissen wird sowohl für persönliche allgemeine moralische Überzeugungen (zweifelsfreie Annahme moralischer Normen als Urteilsgrudnlage insbesondere für die eigenen Handlungen und zwecke) als auch für einzelne Urteile dieser Überzeugungen verwendet.

Alfred Schöpf, Gewissen. In: Lexikon der Ethik. Herausgegeben von Otfried Höffe. Originalausgabe, 7., neubearbeitete und erweiterte Auflage. München : Beck, 2008 (Beck'sche Reihe ; 152), S. 110 - 112

S. 110: „Mit Gewissen bezeichnen wir moralphilosophisch verschiedene Aspekte der moralfähigen u. für ihr Tun verantwortlichen Personen. Gemeint ist einmal der Besitz eines moralischen Horizonts, d. h. die Fähigkeit zur Unterscheidung von gut u. schlecht u. das Wissen darum, daß das Gute zu tun und das Schlechte zu unterlassen ist.“

S. 110 – 111: „Das Wort meint zum zweiten den auf das eigene Handeln bezogenen Akt der Anwendung dieser Prinzipien in der moralischen Beurteilung einer konkreten Entscheidungs- und Handlungssituation (G. als conscientia). Das Wort meint zum dritten das selbstbezüglich intuitiv richtende Bewußtsein hinsichtlich der Ernsthaftigkeit oder Unlauterkeit der moralischen Urteilsbildung zur Bestimmung des eigenen Handelns. Es meint schließlich ein moralisches Gefühl (der Unlust), das sich als affektive Schranke bemerkbar macht, wenn wir dem zuwiderzuhandeln versucht sind, was wir in concreto für moralisch richtig halten oder als innere Sanktion des moralischen Selbstwertgefühls (»G.biß«), wenn wir gegen unser moralisches Urteil handeln oder gehandelt haben.“

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Als Instinkt verstehen wir ANGEBORENES VERHALTEN. Dagegen können Instinkt und Gewissen zu gegenläufigen Handlungsimpulsen kommen. Der Instinkt rät bei Hunger zu stehlen. Das Gewissen sagt erst mal stopp und prüft, ob der Hunger lebensgefährdend ist, d.h. eine Notsituation vorliegt. Das Gewissen ist eine Instanz der Bewertung, in dem unterschiedliche Wertverinnerlichungen versammelt sind, anerzogene, umgebende gesellschaftliche, eigene charakterlich bedingte wie wertprägende, tiefgehende Erlebnisse. Wie die Hirnforschung gezeigt hat, benötigt ein sensibles Gewissen auch Voraussetzungen der Hirnausprägung. Manchen Menschen fehlt einfach die nötige Sensibilität dazu.

Das Gewissen ist doch eher für moralische Abwägungen da und der Instinkt eine Überlebenseinrichtung.

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