In welchen Zusammenhang behauptete Sokrates das?

3 Antworten

Sokrates war wie bekannt ein Philosoph und als Philosoph war es seine Aufgabe zu beobachten... irgendwann kam er mal auf die Idee die Jugend zu beobachten warum sie so rumspackt, vllt. offenbart sich beim beobachten ja die Lösung.

Sokraters war nicht der einzigste dem die Art der Jugend auf die ketten ging - 

„Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“ (Keller, 1989, ca. 3000 v. Chr., Tontafel der Sumerer).

Das Sokrates zugeschriebene Zitat stammt nicht von ihm. Es gibt keinen Beleg, daß der historische Sokrates diese Behauptung geäußert hat, und es ist höchst unwahrscheinlich, daß er mit einer derartigen pauschalisierenden Aussage die Schlechtigkeit/Verdorbenheit der Jugend beklagt hat.

Sokrates selbst hat keine schriftlichen Werke verfaßt. Schüler des Sokrates haben später begonnen, Dialoge zu schreiben, in denen Sokrates als Figur auftritt.

Sokrates hat darüber nachgedacht, wie unsicher menschliches Bemühen um Wissen/Erkenntnis ist und im überprüfenden Gespräch vermeintliches Wissen als bloß scheinbares Wissen entlarvt.

Sokrates hat Kontakt zu jungen Leuten gesucht und wollte sie zum Philosophieren anregen. Im Prozeß gegen ihn, der zu seinem Tod führte (399 v. Chr.), wurde er unter anderem angeklagt, die Jugend/die jungen Leute zu verderben (Diogenes Laertios 2, 40; Platon, Apologie 24 b – c; Xenophon; Apologie 10; Xenophon, Apomnemoneumata [Erinnerungen an Sokrates; lateinischer Titel: Memorabilia] 1, 1, 1; Diodor 14, 37, 7).

Zu einem intelligenten Menschen, der in seinem Anspruch auf Wissen bescheiden und selbstkritisch und an einem echten Austausch mit jungen Leuten interessiert ist, passen Pauschalierungen, wie schlecht sich „die Jugend von heute“ verhält, überhaupt nicht.

Der Inhalt der Sätze stellt das Verhalten der Jugend implizit (durch den Zusatz „heutzutage“, der andeutet, früher sei es anders – und besser – gewesen) als einen (moralischen) Verfall dar. Es wird also ein Dekadenz-Modell verwendet.

Das angebliche-Sokrates-Zitat dient aber dazu, zu zeigen, wie schon in früher Zeit darüber geklagt wurde, wie schlecht die Jugend sei, und um damit ein pauschales Jammern, wie schlimm doch die Jugend sei, zu entkräften. Ein Lamentieren über Verfall/Niedergang erscheint so als ein schon immer auftretendes, gleichsam zeitloses Phänomen. Eine „gute alte Zeit“, so kann daraus geschlossen werden, hat es tatsächlich nicht gegeben. Das verallgemeinernde Klagen über die Jugend der Gegenwart erweckt so den Eindruck, eine typische, in der Betrachtungsweise von Vorurteilen und Klischees geprägte Reaktion von Älteren zu sein.

Die fälschlich Sokrates zugeschriebene Aussage ist anscheinend im 20. Jahrhunderts in englischer Sprache entstanden.

Eine wissenschaftliche Untersuchung (Doktorarbeit an der Universität Cambridge) hat sich mit Erziehung im antiken Griechenland beschäftigt:

Kenneth John Freeman, School of Hellas : an essay on the practice and theory of ancient greek education. Edited by M. J. Rendall. With a preface by A. W. Verrall. London ; New York : Macmillan, 1907

Es werden in einem Textabschnitt verschiedene Äußerungen von Autoren aus dem 5. und 4. Jahrhundert v. Chr., erwähnt, in denen die Erziehung der Gegenwart und das Verhalten der Jugend beklagt und dabei oft ein Zustand einer alten Erziehung entgegengehalten wird.

Textstellen (S. 72 – 74) sind aus:

Aristophanes, Die Wolken 961 – 1023 (Auseinandersetzung zwischen „Gerechte Rede“ [ Ἄδικος Λόγος] und „Ungerechte Rede“ [Δίκαιος Λόγος] darum, wer Lehrer des Bauernsohnes Pheidippides wird)

Isokrates, Areiopagitikos 149 b – c

Platon, Politeia 563 a

Der Autor schreibt dann (S. 74) eine eigene, teilweise pointierende bzw. zuspitzende Zusammenfassung (in die er noch Athenaios 1, 18 C [Äußerung beim Komödiendichter Hermippos gegen warme Bäder und Trunkenheit] und Xenophon, Lakedaimonion politeia [Verfassung/Staat der Lakedaimonier] 2, 1 [über Verweichlichung in Bezug auf Schuhwerk, Kleidung und Menge des Essens bei den Griechen außerhalb von Sparta] einbaut.

https://archive.org/stream/schoolsofhellase00freeiala#page/74/mode/2up

In der Zusammenfassung sind folgende Aussagen enthalten:

„The counts of the indictment are luxury, bad manners, contempt for authority, disrespect to elders, and a love for chatter in place of exercise.”

„Children began to be the tyrants, not the slaves, of their households. They no longer rose from their seats when an elder entered the room; they contradicted their parents, chattered before company, gobbled up the dainties at table, and committed various offences against Hellenic tastes, such as crossing their legs. They tyrannised over the paidagogoi and schoolmasters. Alkibiades even smacked a literature-master."

Jemand hat aus dieser Zusammenfassung Exzerpte angefertigt und 1911 erwähnt, dann auch veröffentlicht:

James J. Walsh, Modern progress and history: addresses on various academic occasions. New York : Fordham University press, 1912, S. 35

Dies kam 1921 in eine Zeitschrift, als hätte der Exzerpierende die Stellen gesammelt und aus zwei getrennten Teilen, die kurz hintereinander standen, wurde eine einzige fortdauernde Aussage.

Der weitere Ablauf ist in Einzelheiten schwierig zu ermitteln. Jedenfalls wurde die Aussage in Zeitungen und Büchern etwas geändert und Sokrates zugeschrieben (der eigentlich nur Dialogfigur bei der einen Platon-Stelle war). So kam es zu einem angeblichen Sokrates-Zitat, das immer wieder nachgeplappert und abgeschrieben bzw. kopiert wird, obwohl die Zuschreibung nicht stimmt.

Bei Platon, Politeia 425 a – b wird von der Dialogfigur Sokrates im Gespräch mit der Dialogfigur Adeimantos im Entwurf des besten Staates für die Erziehung vorgesehen, klein/geringfügig erscheinende Bräuche/Sitten/Gesetzlichkeiten, die Frühere ganz verloren hatten, einzurichten. Dazu gehören Schweigen der Jüngeren im Beisein von Älteren, wie es sich gehöre, Niederlegen/Hinsetzen, Aufstehen, Verehrung der Eltern, Haarschnitt, Kleidung, Schuhwerk, die äußere Körpererscheinung und anderes dieser Art.

Platon, Politeia 562 e – 563 c wird eine Darstellung der Demokratie als Anarchie durch Übermaß an Freiheit, nach der ein unersättliches Verlagen besteht, gegeben (ein entstellendes Zerrbild tatsächlicher Demokratie). Geschildert wird Furcht bei den einen, fehlende Ehrfurcht und Achtung bei den anderen, so im Verhältnis von Vater und Sohn, Eltern und Kindern, Lehrer und Schüler, alte Leute und junge Leute, Bürger und Ausländer, Mann und Frau, Menschen und Tiere.

nützliche Hinweise zu dem angeblichen Zitat:

http://quoteinvestigator.com/2010/05/01/misbehaving-children-in-ancient-times/

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Vgl. auch:

http://www.zeit.de/2004/16/Stimmts_Sokrates (darin richtig, das Zitat als nicht belegt und bei Platon nicht vorkommend zu beurteilen, allerdings mit einem Mangel an Unterscheidung zwischen tatsächlichem und platonischem [Dialogfigur] Sokrates)

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http://www.bartleby.com/73/195.html

„QUOTATION: The children now love luxury; they have bad manners, contempt for authority; they show disrespect for elders and love chatter in place of exercise. Children are now tyrants, not the servants of their households. They no longer rise when elders enter the room. They contradict their parents, chatter before company, gobble up dainties at the table, cross their legs, and tyrannize their teachers.”

„ATTRIBUTION: Attributed to SOCRATES by Plato, according to William L. Patty and Louise S. Johnson, Personality and Adjustment p. 277 (1953)”

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Danke für deine mal wieder sehr interessante und aufklärende Antwort.

Mit den besten Grüßen

SANY3000

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Er hat nur beobachtet und beschrieben.....

im Übrigen, zeitlos

Die Jugend war noch nie der Glanz der Gesellschaft.

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"Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos.
Die jungen Leute hören nicht mehr auf ihre Eltern.
Das Ende der Welt ist nahe."
(Keilschrifttext aus Ur um 2000 v. Chr.)

Sehr zeitlos: die auch so schlimme Jugend wird schon seit 4.000 Jahren gedisst.

Wobei man natürlich anmerken muss, dass die betreffenden Kulturen tatsächlich untergegangen sind. Sollte uns das beunruhigen ? :D

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Sokrates hat bekanntlich keine Schriften verfaßt. Es kann also keine Beschreibung in irgendwelchen veröffentlichten Sokrates-Werken vorliegen.

Seltsam ist auch, Sokrates eine derartige Pauschalisierung zuzuschreiben.

Das angebliche ZItat ist keine von Sokrates stammende Aussage. Leider wird es verbreitet ihm zugeschreiben und diese Zuschreibung von sehr vielen Leuten unkritisch übernommen.

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