ich muss im Altersheim eine Weihnachtsgeschichte vorlesen, diese sollte 10 Minuten dauern - sie sollte besinnlich, aber nicht traurig sein?

1 Antwort

Ich weiss nicht genau, was du genau mit besinnlich meinst, aber dies könnte eine Recht schöne Geschichte sein :) Viel Spaß

Zu Weihnachten
"Ich kann nun wieder leben",
hatte Grete gesagt, und wirklich, das Leben wurd ihr leichter seitdem.
Ein beinah freudiger Trotz, dem sie sich, auch wenn sie gehorchte,
hingeben konnte, half ihr über alle änkungen hinweg. Sie gehorchte ja
nur noch, weil sie gehorchen wollte. Wollte sie nicht mehr, so konnte
sie, wie sie zu Valtin gesagt hatte, jeden Tag "dem Spiel ein Ende
machen".

Und wirklich, ein Spiel war es nur noch, oder sie wusst es doch in
diesem Lichte zu sehen. Das gab ihr eine wunderbare Kraft, und wenn sie
dann spätabends in ihre Giebelstube hinaufstieg, die sie, seit das Kind
unten aus der ersten Pflege war, wieder mit Reginen bewohnte, so gelang
es ihr, mit dieser zu lachen und zu scherzen. Und wenn es dann hiess,
"aber nun schlafe, Gret", dann wickelte sie sich freilich in ihre Decken
und schwieg, aber nur, um sich in wachen Träumen eine Welt der Freiheit
und des Glückes aufzubauen.

Dabei sah sich am liebsten am Bug oder Steuer eines Schiffes stehen, und
der Seewind ging, und es war Nachtzeit, und die Sterne funkelten. Und
sie sah dann hinauf, und alles war gross und weit und frei. Und zuletzt
überkam es sie wie Frieden inmitten aller Sehnsucht, ihr Trotz wurde
Demut, und an Stelle des bösen Engels, der ihren Tag beherrscht hatte,
sass nun ihr guter Engel an ihrem Bett.

Und wenn sie dann andren Tags erwachte und hinuntersah auf den Garten
und den Pfau auf seiner Stange kreischen hörte, dann fragte sie sich:
"Bist du noch du selbst? Bist du noch unglücklich?" Und mitunter wusste
sie's kaum. Aber freilich auch andere Tage kamen, wo sie's wusste, nur
allzu gut, und wo weder ihr guter noch ihr böser Engel, weder ihre Demut
noch ihr Trotz sie vor einem immer bitterer und leidenschaftlicher
aufgärenden Groll zu schützen wusste.

Ein solcher Tag, und der bittersten einer, war der Weihnachtstag, an dem
auch diesmal ein Christbaum angezündet wurde. Aber nicht für Grete.
Grete war ja gross, nein, nur für das Kleine, das denn auch nach den
Lichtern haschte und vor allem nach dem Goldschaum, der reichlich in den
Zweigen glitzerte.

"'S ist Gerdts Kind", sagte Grete, der ihres Bruders Geiz und Habsucht
immer ein Abscheu war, und sie wandte sich ihren eigenen Geschenken zu.
Es waren ihrer nicht allzu viele: Lebkuchen und Äpfel und Nüsse, samt
einem dicken Spangen-Gesangbuch (trotzdem sie schon zwei dergleichen
hatte), auf dessen Titelblatt in grossen Buchstaben und von Truds
eigener Hand geschrieben war: Sprüche Salomonis, Kap. 16, Vers 18.

Sie kannte den Vers nicht, wusste aber, dass er ihr nichts Gutes
bedeuten könne, und sobald sich's gab, war sie treppauf, um in der
grossen Bibel nachzuschlagen. Und nun las sie: "Wer zugrunde gehen soll,
der wird stolz, und stolzer Mut kommt vor dem Fall."

Es schien nicht, dass sie verwirrt oder irgendwie betroffen war, sie
strich nur, schnell entschlossen, die von Trud eingeschriebene Zeile mit
einer dicken Feder durch, blätterte hastig in dem Alten Testament
weiter, als ob sie nach einer bekannten, aber ihrem Gedächtnis wieder
halb entfallenen Stelle suche, und schrieb dann ihrerseits die
Prophetenstelle darunter, die des alten Jacob Minde letzte Mahnung an
Trud enthalten hatte:

"Lasse die Waisen Gnade bei dir finden."

Und nun flog sie wieder treppab und legte das Buch an seinen alten
Platz. Trud aber hatte wohl bemerkt, was um sie her vorgegangen, und als
sie mt Gerdt allein im Zimmer war, sah sie nach und sagte, während sie
sich verfärbte: "Sieh und lies!" Und er nahm nun selber das Buch und las
und lachte vor sich hin, wie wenn er sich ihrer Niederlage freue.

Denn seine hämische Natur kannte nichts Liebres als den Ärger andrer
Leute, seine Frau nicht ausgenommen. Zwischen dieser aber und Greten
unterblieb jedes Wort, und als der Fasching kam, den die Stadt diesmal
ausnahmsweise prächtig mit Aufzügen und allerlei Mummenschanz feierte,
schien der Zwischenfall vergessen.

Und auch um Ostern, als sich alles zu dem herkömmlichen grossen
Kirchgang rüstete, hütete sich Trud wohl, nach dem Buche zu fragen.
Wusste sie doch, dass es Gret unter dem Weisszeug ihrer Truhe versteckt
hatte. Denn sie mocht es nicht sehen.

Quelle :
Theodor Fontane: Grete Minde - Kapitel 10

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