Ich brauche eine kleine Interpretation (David Hume: Eine Untersuchung über die Prinzipien der menschlichen Moral). Wie ist der Textausschnitt zu deuten?

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3 Antworten

Hume bezieht sich hier auf die Theologie (Gotteslehre) und auf die Scholastik (Schulphilosophie). Es ist zu beachten, dass David ein neuzeitlicher Philosoph ist, der bis dato mit der Scholastik (mittelalterlichen Philosophie) vertraut war.

Vetreter der Scholastik sind vor allem Thomas von Aquin sowie Anselm von Canterberry.

"Auf Erfahrung gestützt" steht ganz offensichtlich im Kontext mit dem Empirismus, dass Erkenntnisse über Erfahrung gewonnen werden.

Da die Gotteslehre sowie Themen der Scholastik besonders im metaphysischen Kontext stehen, lässt sich dies sehr schlecht mit Erfahrungskategorien erfassen. Die Metaphysik ist darauf fokussiert, was die sinnliche Wahrnehmung übersteigt.

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Mit dem Text endet ein von David Hume geschriebenes philosophisches Werk, in
dem es um Erkenntnistheorie geht. 

David Hume, Enquiry concerning human understanding (1758; „Eine Untersuchung
über den menschlichen Verstand; zuerst 1748 unter dem Titel „Philosophical
essays concerning human understanding“). Section 12: Of the academical or
sceptical Philosophy. Part 3 (Abteilung 12: Über die akademische oder
skeptische Philosophie) enthält als letzten Absatz:

„When we run over libraries, persuaded of these principles, what havoc must
we make? If we take in our hand any volume; of divinity or school metaphysics,
for instance; let us ask, Does it contain any abstract reasoning concerning
quantity or number?
No. Does it contain any experimental reasoning
concerning matter of fact and existence?
No. Commit it then to the flames:
for it can contain nothing but sophistry and illusion.“

David Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand. Übersetzt von
Raoul Richter. Mit einer Einführung herausgegegbenvon Manfred Kühn. Hamburg :
Meiner, 2015 (Philosophische Bibliothek ; Band 648), S. 180 – 181.

„Sehen wir, von diesen Prinzipien durchdrungen, die
Bibliotheken durch, welche Verwüstungen müssen wir da nicht anrichten? Greifen
wir irgendeinen Band heraus, etwa über Gotteslehre oder Schulmetaphysik, so
sollten wir fragen. Enthält er irgendeinen
abstrakten Gedankengang über Größe oder Zahl?
Nein. Enthält er irgendeinen auf Erfahrung gestützten Gedankengang über
Tatsachen und Dasein?
Nein. Nun, so werft ihn ins Feuer, denn er kann
nichts als Blendwerk und Täuschung enthalten."

Die Prinzipien (Grundsätze), die Überzeugung einer
gemäßigten/akademischen Skepsis sind, empfehlen:

1) Bescheidenheit und Zurückhaltung beim Vertreten
einer Meinung: Der größere Teil der Menschen neigt zu dogmatischen Behauptungen.
Einseitigkeit des Standpunkts und Vorurteile über gegenteilige Auffassungen treten
auf. Abwägende Überlegungen werden gemieden. Wer sich der Schwächen des
menschlichen Verstandes bewußt wird, sollte aber einen gewissen Grad an Zweifel
und Vorsicht nicht verlassen.

2) Einschränkung/Begrenzung menschlicher
Forschung/Untersuchung auf für die unvollkommenen Fähigkeiten des menschlichen
Verstandes geeignete Gegenstände/Themengebiete: Vernunftgemäß ist die Wahl von Gegenstände/Themengebiete,
zu denen die natürlichen Kräfte des menschlichen Geistes ausreichen. Wie Hume
meint, sind die einzigen Gegenstände der abstrakten Wissenschaft und der Demonstration
(des Beweisens) Größe und Zahl (also Mathematik) und Versuche, Wissen über diese
Grenzen hinaus zu erstrecken, bedeuten nur Blendwerk und Täuschung. Alle anderen
Forschungen/Untersuchungen betreffen nur Tatsachen und Dasein. Tatsachen und
Dasein (Existenz) können nur durch Begründungen nachgewiesen werden, die aus
ihren Ursachen und Wirkungen stammen, und diese Begründungen haben eine Stütze
nur in der Erfahrung. Nur Erfahrung ermöglicht, aus dem Dasein eines
Gegenstandes das Dasein eines anderen Gegenstandes herzuleiten

Gotteslehre ist Theologie. Schulphilosophie/Schulmetaphysik
meint traditionelle Metaphysik, wie sie verbreitet an Universitäten gelehrt wurde.
Im Mittelalter war dies die Scholastik (z. B. Thomas von Aquin, Bonaventura),
in der frühen Neuzeit ist vor allem der Rationalismus (René Descartes und Gottfried
Wilhelm Leibniz sind bekannte Vertreter) dazuzurechnen.

An Bücher, die Themen untersuchen, wird ein Maßstab/ein
Kriterium zur Beurteilung herangetragen, das Aufbauen auf Erfahrung. Hume
fordert einen „auf Erfahrung gestützten Gedankengang über Tatsachen und Dasein“.
Dies entspricht einem grundlegenden Ansatz seiner Philosophie, seinem Empirismus. Nach Auffassung des reinen/bloßen
Empirismus ist Erfahrung die einzige Quelle von Wissen/Erkenntnis über die Welt.

Hume lehnt alles ab, was nicht entweder Mathematik
(Bereich der abstrakten Wissenschaft und der Demonstration [des Beweisens],
bezogen auf Beziehungen zwischen Ideen/Vorstellungen [relations of ideas]) oder auf Erfahrung gestützte Gedanken (bezogen
auf der Erfahrung zugängliche Tatsachen [matters
of fact
]) enthält.

Was dieser Anforderung nicht standhält, wird als
nicht wahr und damit schlecht beurteilt („kann nichts als Blendwerk und
Täuschung enthalten“). In leidenschaftlicher Zuspitzung wird zur Vernichtung
solcher Bücher geraten/aufgefordert.

Theologie und traditionelle Metaphysik stützen sich
nicht in großem Ausmaß auf Erfahrung mittels Wahrnehmumg, die direkt oder
indirekt auf Sinneseindrücke zurückgeht. Grenzen möglicher Sinneswahrnehmung
werden oft überschritten. Spekulation wird unternommen, Ableitung aus
Vernunfteinsichten versucht, Theologie hat als eine Grundlage den Glauben an
göttliche Offenbarung.

Bei Umsetzung der Empfehlung/Aufforderung ist
Schwund zu erwarten, Regale in Bibliotheken werden leerer sein („Verwüstungen“).
 

 

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Bei der Aussage Humes muss man genau lesen. Mit Gotteslehre und Schulphilosophie ist die Scholastik gemeint mit ihren hochabstrakten Ideenführungen. Und um die geht es, nicht darum dass z.B. die Metaphysik auch die Grenzen der Erfahrung in Grenzbezirken überschreitet. Es wird also auch nicht in einem Rückbezug auf die Welt der Erfahrungen gezeigt, dass bestimmte erfahrungsüberschreitende Spekulationen sinnvoll sein können. Denn Hume schreibt: "Enthält er irgendeinen auf Erfahrung gestützten Gedankengang über Tatsachen und Dasein?" Er verwirft also Schlussfolgerungen, die aus reiner, abstrakter Spekulation bestehen ohne jede Anbindung an unsere Erfahrungen.

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