Wie überwinde ich meinen Selbsthass weil ich schwul bin?

10 Antworten

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Ich bin 16 Jahre alt und habe mich gestern endlich als Schwul akzeptiert.

Gratuliere. :)

Jedoch fühle ich mich bei dem Gedanken daran immer noch ziemlich unwohl. Ich war lange ziemlich Schwulenfeindlich und habe ihnen auch nur das schlimmste gewünscht. Jedoch hatte ich lange die Vermutung selbst schwul zu sein, habe es lange unterdrückt und nicht war haben wollen, aber nach immer stärker werdenden psychischen Problemen endlich gestern akzeptiert.

Das könnte man Karma nennen. ;) Aber keine Sorge, du bist da in guter Gesellschaft, denn vielen Schwulen ging es ganz genauso wie dir. Man will ja ein richtiger Mann Mann sein und auf Frauen stehen, damit man von seinem Umfeld als echter Kerl akzeptiert wird. Man belügt sich permanent selbst und daraus entsteht der Selbsthaß, den man dann auf alle Schwulen projiziert. Im Grunde ist das nicht deine Schuld, es ist das Umfeld, in dem du aufgewachsen bist, das es dir nicht erlaubt hat, das zu sein, was du bist.

Leider hasse ich mich nun dafür selber und finde mich wertlos, da ich nun selber schwul bin.

Warum wertlos? Weil das kein echter Mann ist? Das Problem ist, dass im männlichen Rudel nur Männlichkeit zählt und jeder, der da nicht mitspielt, ist schwach und wird quasi per definition als Schwul aus der Gruppe ausgestoßen. Das Schwul legitimiert einen biologischen Mann, der aber eben kein "echter Mann" ist. Das ist aber natürlich alles ausgemachter Blödsinn. Du bist nicht weniger Mann, nur weil du auf Männer stehst. Im Gegenteil - du hast im Gegensatz zu vielen anderen, den Mut gefunden, dir das selbst einzugestehen und du wirst den Mut finden, das auch anderen zu sagen und offen zu leben. Das ist weit mehr Mut und Selbstbewußtsein, als das Versteckspiel, dass Männer treiben, indem sie sich permanent hinter ihrem Rollenmodell vom "echten Kerl" verstecken. Diese "echten Kerle" haben Angst vor allem, was auch nur ansatzweise feminin ist, denn das gilt für sie bekloppterweise als Schwäche. Dabei sind sie es selbst, die eigentlich schwach sind.

Außerdem sehe ich mich auch als eine Art Schande für andere schwule an, da ich lange nur schlecht über sie gedacht und gesprochen habe und nur das schlechteste für sie wollte und es teilweise immer noch tue.

Du bist keine Schande für sie, denn du hast erkannt, dass es falsch war und ist. Wir sind alle Menschen, die verschiedene Rollen spielen. Jeder von uns ist zwar völlig anders in Bezug auf sexuelle und romantische Präferenz, auf seine Identität, auf seine Präsentation, aber am Ende sind wir alle nur Menschen, die auf unterschiedlichen Wegen durch's Leben stolpern. Kein Weg ist besser, kein Weg ist schlechter, keiner von uns ist besser oder schlechter, denn wir machen alle das Gleiche: Erfahrungen sammeln. Nur eben auf unterschiedlichen Wegen.

Ich will den Selbsthass und diese Homophobe Art nun aber endlich überwinden.

Und genau das zeichnet dich aus. Du ziehst Lehren, du änderst etwas. Viele machen das nicht, aber du hast den ersten wichtigen Schritt getan.

vielleicht hatten andere ja auch ähnliche Probleme früher.

Ich habe ähnliche Fehler gemacht wie du, wenn auch nicht in Bezug auf Homosexualität. Aber ich habe auch andere Leute aus bestimmten Gründen abgewertet und lernen müssen, dass das falsch war. Wichtig ist nicht, perfekt zu sein. Wichtig ist, aus seinen Fehlern zu lernen. Und vielleicht anderen zu helfen nicht die gleichen Fehler zu machen. :)

Vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Hat mir wirklich weitergeholfen auch deine Erfahrungen zu hören. Nochmals Danke für die nette Antwort hat mir ein kleines fröhliches Lächeln verpasst (wortwörtlich). Danke

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@Ferix

Gerne. Möchtest du nochmal lächeln? ;)

Ich kenne das Problem auch von der anderen Seite. Ich bin genderqueer, passe also nicht in das Mann/Frau Schema, sondern bin im Grunde beides. Oder einfacher: Ein Mensch mit männlichen und weiblichen Anteilen. Ich bin biologisch zwar ein Mann - Dreitagebart, kurze Haare, behaarte Arme, breite Schultern - trage aber auch Nagellack auf langen Nägeln, Ohrringe und meine Klamotten kommen meist aus der Damenabteilung, weil da die Auswahl größer ist. Ich trage eigentlich nur Röcke oder Kleider. Du kannst dir sicher vorstellen, dass die meisten mich sofort als schwul oder trans abstempeln. Mich stört das nicht, ich sehe es eher als Auszeichnung nicht in die normale Männerschublade geworfen zu werden. ;)

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Nutze diese Situation als Gelegenheit du selbst zu sein. Akzeptiere das Schwulsein einfach, da bedeutet zweifle nicht dran rum, ärgere dich nicht darüber, lass es einfach so sein.
Und blicke nicht zurück. Was du damals warst bist du jetzt nicht mehr. Du hast dich verändert, du bist nicht wie damals. Mach dir selbst keine Vorwürfe, nutze jede Situation einfach immer als Gelegenheit, dich auszudrücken, du zu sein. Und es gibt nichts was falsch oder richtig ist. Diese Welt hier ist relativ, deshalb werden die einen es immer so und die anderen so betrachten, somit ist alles richtig und falsch zugleich oder garnichts von beiden.

Und warum bitte findest du schwule bzw. homosexuelle Menschen wertlos? Kein Mensch und kein Lebewesen hat mehr oder weniger Wert wie das andere. Wir sind alle gleich in diesem Sinne. Ich will dir hier keinen Vorwurf machen, ich möchte dich einladen andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Das Leben besteht aus Kreisen. Alles geschieht in Kreisen und deshalb kannst du alles von unendlich verschiedenen Positionen aus betrachten. Geh auf die Suche nach neuen Ansichten und sei immer offen für neue Dinge. Fahr dich nicht auf einer Sache fest, bleib in Bewegung, denn das Leben ist Bewegung.

Salue Ferix

Mit ging es damals wie Dir. Im habe mir alle Mühe gegeben die anderen vermuten zu lassen, dass ich nicht schwul sein kann. Dazu war mir jedes Mittel recht.

Irgendwann wurde der Leidensdruck zu gross. Ich wollte nicht mehr mit einer Lüge leben. Ich habe es erst "zähneknirschend" akzeptiert. Heute weiss ich, dass dies die grösste Hürde war, die ich überwinden musste. Alles was nachher kam, das Comingout usw., war dann alles viel leichter. Es fielen mir Tonnen von Steinen vom Herzen. Diese erste und grösste Hürde, der Kampf mit sich selbst, hast Du schon fast hinter Dir. Ich beglückwünsche Dich dazu!

Glaub mir, jetzt fängt der glückliche Teil Deines Lebens an. Jetzt kannst Du Dich selbst sein! Wenn mir heute eine gute Feh anbieten würde mich umzupolen, ich würde sie zum Teufel jagen.

Das Leben als Gay hat viele Vorteile. Ich wünsche Dir ein gutes Leben in unserer Gay-Familie.

Tellensohn

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung

Danke fur die hilfreiche Antwort, bin froh, dass es auch andere gibt die früher mal so gefühlt haben wie ich jetzt. Danke für deine Erfahrungen und für die nette Antwort. Ich bin froh mich endlich als Schwul akzeptiert zu haben und mich jetzt nicht mehr verstecken zu müssen, ich sehe mich nun endlich als Schwul und bin stolz darauf. Der Rest kommt von selbst.

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@Ferix

Die kleine Unsicherheit die Du im Moment noch hast, ist darauf zurückzuführen, dass Du Dich ja auch in Deiner Lebensplanung neu orientieren musst.

Vorher rechnete auch ich mit einer konventionellen Familie mit Kindern und so. Ich erkannte dann, dass ein freies, selbstbewusstes Leben ohne grosse Abhängigkeiten und Verantwortungen für andere, viele neue Möglichkeiten eröffnet. 

Ich reiste viel, hatte die verrücktesten Autos und Töffs und war beruflich erfolgreich. Unter uns gesagt, ich hatte auch die aufregensten Boys im Bett und auch dabei viel Abwechslung.

Mit 40 bin ich meinen Partner begegnet. Wir leben jetzt seit mehr als 20 Jahren glücklich zusammen.

Es grüsst Dich herzlich

Tellensohn    

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Ich denke solch eine ähnliche Phase hatte so ziemlich jeder Schwule schon mal - wichtig ist, dass du richtig damit umgehst. Setze dich vielleicht mal mit dem Thema auseinander, dann merkst du, dass es keine Gründe zum Selbsthass gibt. Vergangenheit ist vergangen, du kannst dich dafür darauf konzentrieren wer du bist, und wer du sein willst. Wenn du denkst, du hast Fehler gemacht, und wenn du denkst, dass du dich dafür hassen solltest, dann kannst du es jederzeit ändern, in dem du dir selbst zeigst, dass du es besser tun kannst.

Schau mal, mit was definierst du deine Persönlichkeit? Mit dem, was du vor Jahren getan hast, oder mit dem, was du jetzt tust.

Danke für die hilfreiche Antwort, ab jetzt lasse ich den Selbsthass und diese Homophobe Art hinter mir. Und will glücklich schwul sein anstatt wir selbst vorzumachen ich sei Hetero, nur um unglücklich, von Selbsthass zerfressen und Homophob zu sein, nur um meine wahre Sexualität zu unterdrücken.

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Du denkst viel zu viel über das Vergangene nach. Jeder Mensch macht einen Prozess durch, um seinen Standpunkt zu finden. Dazu gehört es auch mal falsch abzubiegen. Das ist Teil des Findungsprozesses. Man lernt auch viel mehr aus Fehlern, als aus Dingen die sofort funktionieren.

Wichtig ist, dass du heute weißt wo du stehst und wer du bist.

Ich kann dir nicht die Hoffnung schenken, dass du nie wieder Irrwege begehst oder auf schlechte Ratschläge hörst. Das ist Teil des Erwachsen-werdens. Man trifft immer die beste Entscheidung mit dem Wissen das man zu dem Zeitpunkt hat.

Für die Zukunft solltest du es dir zur Aufgabe machen, immer gut informiert zu sein und dich genau hinterfragt zu haben. Er danach triff deine Entscheidungen und prüfe sie immer wieder, auf ihren Wert.

Ich könnte deine Oma sein und stelle mich auch heute noch immer wieder in Frage. Anders geht es leider nicht.

Das was du da beschreibst, habe ich schon oft gehört. Es scheint typisch für viele Homosexuelle zu sein auf ihrem Weg im Leben.

Danke für die hilfreiche Antwort, du hast mir sehr geholfen.

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