Homöopathie wirkt bei Tieren und Kindern?

Globuli ein bekanntes Mittel bei der Homöopathie  - (Gesundheit, Gesundheit und Medizin, Medizin)

37 Antworten

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Hallo HoPhLovecroft,

Du liegst völlig richtig bezüglich der Homöopathika: Die Annahme, dass Stoffe in ihrer kompletten Abwesenheit gezielte (also vom Ausgangsstoff abhängige) Wirksamkeit erzielen, widerspricht umfangreich unserem seit Hahnemanns Zeiten dazugekommenen Wissen über die Welt der Atome. Dies hat sich in randomisierten, verblindeten Vergleichsstudien bestätigt.

Die EASAC - die Dachorganisation der Europäischen Wissenschaftsakademien hat eine ausführliche Stellungnahme dazu abgegeben, in der sie klar auf den Placebocharakter der Kügelchen hinweist.

Hier kannst Du diese Stellungnahme im Original einsehen:

https://easac.eu/fileadmin/PDF_s/reports_statements/EASAC_Homepathy_statement_web_final.pdf

Viele Patienten wollen oder können das gar nicht glauben, dass ihnen über die Jahre hinweg immer wieder Placebos geholfen haben sollen. Aus dieser Verwunderung (und der durch die Homöopathen selbst intensiv betriebenen Werbung) ergibt sich die endlose Diskussion um die Homöopathie, die Du nun auch hier siehst.

Wissenschaftlich ist die Sache aber eindeutig: Es handelt sich um Placebos.

Wie passt das nun zu den Besserungen bei Babys, Kleinkindern und Tieren, die Eltern bzw. Tierhalter an ihren Lieblingen nach der Gabe von Globuli erleben?

Deine Mutter hat da recht, dass das mit Autosuggestion nichts zu tun hat. Der Trick ist aber dennoch leicht nachzuvollziehen, wenn Du ein wenig drüber nachdenkst:

Die Antwort in wenigen Zeilen:

1) Tatsächlich sind Placeboeffekte bei Babys, Kleinkindern und auch den meisten Haustierarten nachgewiesen.

2) Nicht vernachlässigt werden darf hier zusätzlich der Placebo-by-Proxy: Der Placeboeffekt bei der Bezugsperson

3) Nicht jede Besserung nach Placebogabe ist ein Placeboeffekt. Das ist der größte Irrtum in dem Argument Deiner Mutter: Auch nach der Gabe eines nutzlosen Mittels arbeitet das Immunsystem normal weiter und wird mit allen selbstlimitierenden Beschwerden von selber fertig. Dazu kommen andere, in der Medizin "vermengte Faktoren" genannte Effekte, wie die Regression zur Mitte, die Effekte von Verhaltensänderungen (Schonen, Bettruhe, Diät,...) oder gar anderer Behandlungen.

4) In Studien zur Tierhomöopathie zeigen sich keineswegs, dass die Homöopathie der Gabe von Placebos beim Tier überlegen wäre. Auch in diesen Studien zeigen aber auch die Tiere in den Placebogruppen Besserungen.... allein dieser Umstand zeigt also, dass nicht jede Genesung beim Tier den Placebocharakter des gegebenen Mittels ausschließt.

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Ganz ausführlich und mit einer Fülle von Links in die wissenschaftliche Literatur findest Du geneu Deine Frage hier erklärt:

http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Tierhomöopathie#Belegen_Besserungen_nach_Globuligabe_bei_Tieren_die_Überlegenheit_gegenüber_Placebo?

Oder etwas knapper hier

http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Oft_geh%C3%B6rte_Argumente_-_Verbreitete_Vorstellungen_%C3%BCber_den_Placebo-Effekt#Wenn_es_bei_Babys_und_Kleinkindern_wirkt.2C_kann_es_kein_Placebo_sein

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Jetzt noch ein paar Anmerkungen zu obigen Punkten von mir:

1) Placeboeffekt bei Babys und Kleinkindern:

Ja, der ist nachgewiesen. Bei Babys und Kleinkindern kann man es sich aber wirklich selber klar machen: Singen hilft, Pusten hilft, den Teddybär verbinden hilft, Schokolade auflegen hilft.... all das sind Placebobehandlungen, die alle Eltern kennen... nur halt nie so bezeichnet haben. Aus medizinischer Sicht sind das aber alles Placebos.

Wenn Du jetzt sagst: Das ist doch nur Beruhigen... ja, stimmt. Das ist Placebo aber auch. Placebo täuscht eine medizinische Handlung vor - es "inszeniert sie". Man fühlt sich behandelt. Und das löst neben den bewussten Erwartungshaltungen auch unbewusste Reaktionen aus, die man gar nicht steuern kann. Endorphinausschüttung im Gehirn z.B., die das Schmerzempfinden herabsetzt. Der Kranke wartet beruhigt und geduldig darauf, dass der Körper die Krankheit los wird sozusagen.

Es gibt zahlreiche Studien, die Placeboreaktionen bei Hunden und anderen Haustierarten nachweisen. Einige Beispiele findest Du in meinen Links oben.

Nicht zu vergessen ist aber hier auch, dass nachweislich auch menschliche Nähe und Zuwendung Tiere beruhigt. (Studien wieder in den Links) Wenn ein Tier also vom Halter versorgt wird und dabei Globuli bekommt, dann hat das mit den Zuckerl nichts zu tun, dass das Tier ruhiger wird: Es ist der nachgewiesene Effekt der menschlichen Nähe. Das gilt natürlich auch bei Baby und Mutter.

2) Placebo by proxy

An der Stelle kommt der Placeboeffekt bei der Bezugsperson zum Zug. Eine nervöse, selber ganz hippelige Mutter tut sich nämlich sehr viel schwerer, ihr Baby zu beruhigen, als eine, die auf eine erfolgte Behandlung vertraut und sich nicht allein fühlt. Die Veränderung der Erwartungshaltung und der Wahrnehmung der Beschwerden, das passiert bei der Bezugsperson. Auch nachweislich. Bei Tierhaltern kann das sogar dazu führen, dass die Beschwerden des Tiers als nicht mehr so schlimm wie vorher wahrgenommen werden, selbst wenn sich gar nichts verbessert hat.

Hier zitiere ich einmal eine Studie, weil das bestimmt ein Effekt ist, den die meisten Tierhalter eher abstreiten würden: Michael Conzemius ( http://avmajournals.avma.org/doi/abs/10.2460/javma.241.10.1314 ) untersucht in dieser Arbeit wie die Halter die Besserung des Gangbildes ihres lahmen Hundes nach einer Placebo-Behandlung subjektiv beurteilten. Parallel dazu wurde mithilfe eines Laufbandes, das den Druck beim Auftreten an allen Pfoten misst, objektiv bewertet, ob es wirklich Veränderungen beim Tier gab. Das Ergebnis war ein deutlicher Placebo-Effekt bei den Bezugspersonen: etwa 40 Prozent der Besitzer und 43 Prozent der Tierärzte meinten, das Gangbild habe sich gebessert, während bei der objektiven Methode keinerlei Besserung festzustellen war.

Mit anderen Worten: Diese Studie zeigt ganz unabhängig von der Homöopathie, dass Placebogaben dazu führen können, dass Bezugspersonen schon Besserungen "sehen", wo noch gar keine vorliegen. Das beruhigt die Bezugsperson... und diese Beruhigung kann sich sowohl auf Kind, Baby als auch einfühlsames Haustier zurückübertragen.

Und oft hilft eben das Beruhigen, wenn Beschwerden behandelt werden, die von selber besser werden. Gerade bei kleinen Kindern ist das übrigens sehr oft der Fall: Blähungen, Zahnen, Unruhe, Blähungen... all das geht vorbei, womit wir beim nächsten Punkt wären:

3) Andere Effekte, die Wirksamkeit vortäuschen können.

Das ist wirklich der zentrale Punkt. Nicht alles, was nach Placebo passiert, ist ein Placeboeffekt.

Weil das so wichtig ist, habe ich ein Video dazu für Dich. Ist etwas laienhaft gemacht, aber der Autor arbeitet u.a. für die Cochrane in Österreich, ist also kein Laie, was medizinische Evidenz angeht.

Schau es Dir mal an, das dauert nur ein paar Minuten:

https://www.youtube.com/watch?v=-n73LHjCh-A&t=1s

Vielleicht kannst Du es Dir auch an einer Erkältung klar machen, die Du mit Gummibärchen behandelst. Du fühlst Dich immer schlechter und nimmst irgendwann grüne Gummibärchen. Doch nach 2 Tagen bleibt die Genesung aus... enttäuscht von den grünen Gummibärchen greifst Du jetzt zu den roten. Nach weiteren 2 Tagen bist Du auch von denen nicht überzeugt. Es wurde zwar leicht besser, doch weg ist es nicht. Du nimmst also weiße Gummibärchen... und stellst freudig fest, dass die Erkältung nach 2 weiteren Tagen weg ist. Bedeutet das jetzt, dass Du nur durch den Placeboeffekt gesund geworden bist? NEIN! Bedeutet es, dass weiße Gummibärchen gegen Erkältung helfen? NEIN!

Dieser Punkt ist der zentrale Fehler des Argumentes Deiner Mutter.

4) Zur Tierhomöopathie gibt es 2 Übersichtsarbeiten, die die Datenlage zusammenfassen. Eine davon wurde sogar von einem Homöopathen geschrieben. Doch auch er muss in den Zusammenfassungen seiner Veröffentlichungen (finden sich oben in meinen Links) schreiben:

„…the low number and quality of the trials hinders any decisive conclusion from meta-analysis.“ (...)

No significant effect was noted for individualised treatment, for non-individualised treatment, or for treatment overall ...."

Und die Carstens Stiftung, die die Homöopathie mit allen Mitteln fördert, hat zu dieser Übersichtsarbeit geschrieben:

Es gibt keine guten Hinweise, dass eine homöopathische Behandlung bei Tieren einen besseren Behandlungserfolg liefert als eine Placebobehandlung.(…) Insgesamt liefert diese nach Kriterien der evidenzbasierten Medizin durchgeführte Analyse der kontrollierten und randomisierten klinischen Studien der Veterinärhomöopathie keine schlagkräftigen Argumente zugunsten der Veterinärhomöopathie.

Vielleicht hilft Dir das in der Diskussion mit Deiner Mutter weiter... vor allem aber hoffe ich, dass es Dir hilft, Dir Deine Frage zu beantworten und zu verstehen, warum es auch bei Tieren oder Kleinkindern nach Gabe von Globuli zu Besserungen kommt.

Grüße

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Vielen herzlichen Dank für diese ausgezeichnete und ausgefeilte passende Antwort! Der Stern ist dir sicher

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Das ist wirklich eine tolle Antwort! Und das sage ich selten...

Der Oberknaller sind übrigens Verstärkungseffekte durch Größe, Häufigkeit und Farbe. So ist es eigentlich perfekt, bei Schmerzen große, bunte Tabletten (blau z.B.) häufig zu geben - deshalb ist Ibuprofen auch so groß, obwohl sie das nicht sein müsste.

Den Vogel abgeschossen haben jedoch Studien zu Placebo-Operationen. Es gibt Fälle, in denen z.B. ein Kreuzbandriss "operiert" wurde - kleiner Schnitt in die Haut und nur nähen - und tatsächlich eine großer Effekt in der Heilung erzielt wurde. Allerdings wurden Placebo-Operationen dann von der Ethik-Kommission verboten.

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Sehr gut. Bis auf die Stelle mit den Gummibärchen, deren Wirksamkeit nicht nur vielfach empirisch belegt werden konnte, sondern von Fachleuten heute als bessere Alternative zur Buchstabensuppe empfohlen wird. Auch diese erhalten dieselben, wichtigen Informationen, nur über den Farbcode.

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Danke für das Sternchen! :-D

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Versprochen ist versprochen

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Homöopathie wirkt bei Kindern und Tieren ganz genauso so wenig (überhaupt nicht) wie auch bei erwachsenen Menchen.

Was wirkt ist der Placebo-Effekt.

Und dazu muss jemand die Wirkung beurteilen und diese Beurteilung ist immer subjektiv. Und weder Kleinkinder noch Tiere füllen dann einen Ergbnisfragebogen aus, sondern immer der für dieses Wesen verantwortliche erwachsene Mensch. Und wenn der halt an Homöopathie glauben will, dann wird er schon deshalb ein positives Ergebnis eintragen, auch wenn es dem Tier oder Kleinkind objektiv nicht besser geht.

Und ja, Placebo-Effekte gibt es auch bei Tieren und Kleinkindern.

Wenn die Mutter das Weh-Weh wegpustet (ohne Schmerzmittel), dann ist der Schmerz in den Nerven nicht ruckartig abgestellt, aber die Interpretation im Gehirn des Kleinkindes ändert sich.

Und auch ein Haustier merkt, wenn sein Halter glaubt ihm mit etwas Placebo helfen zu wollen und reagiert darauf mit Dankabrkeit.

Woher ich das weiß:
Recherche

Du musst differenzieren. Natürlich ist die klassische Homöopathie nach Hahnemann Unsinn. Man kann sogar gut erklären, wie es zu diesem Missverständnis (des nicht dummen Dr. H.) gekommen ist und wieso es sich gehalten hat.

Doch weil sich diese Vorstellung so gut erhalten hat, Homöopathie ist sogar für weite Teile der Bevölkerung ein Synonym für Naturheilkunde, hat sich die Pharmaindustrie darauf eingestellt und bietet 'homöopathische Komplexmittel' an. Das sind altbekannte, zusammengerührte Hausmittelchen mit neuem Namen. Nichts haben die mit Hahnemann zu tun und sie wirken.

Mit Leuten, die nicht selber googeln, diskutiere nicht mehr. Deiner Mutter würde ich also einfach ihren Glauben lassen.

Tiere und Kleinkinder. Es soll vorkommen, dass Tiere und Menschen wieder gesund werden. Auch wenn man ihnen vorher Globuli verabreicht hat.

Weiteres Argument: Ich nehme jetzt so ein Mittel in 'hoher Potenz'. Nur ein paar Moleküle vom wirksamen Stoff befinden sich in der Lösung (im Globuli). Doch leider ist mein Mund alles andere als klinisch sauber. Zehntausende unterschiedliche Moleküle befinden sich dort, obwohl ich nicht gerade opulent gefrühstückt habe. Wie soll mein Körper nun wissen, welche dieser Moleküle er für sein Besserung einsetzen soll? Oder ist Nicht-die Zähne-putzen ebenfalls schon eine homöopatische Methode?

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Pharmaindustrie darauf eingestellt und bietet 'homöopathische Komplexmittel' an. Das sind altbekannte, zusammengerührte Hausmittelchen mit neuem Namen. Nichts haben die mit Hahnemann zu tun und sie wirken.

Sorry, wenn ich widersprechen muss: Aber das stimmt so allgemein nicht.

Richtig ist, dass Komplexmittelhomöopathie nicht nach Hahnemanns Vorgaben abläuft. Richtig ist auch, dass es anders als bei den Hochpotenzen nicht mehr aus der physikalischen Unmöglichkeit allein zu folgern ist, dass die Produkte nicht das tun, was sie versprechen. Falsch ist, dass es was mit Hausmitteln zu tun hat. Falsch ist auch, dass die allesamt spezifisch wirksam wären.

Komplexmittel werden - je nach Hersteller - auf der Basis verschiedener, aber eben widerlegter Gedankengebäude zusammengemixt.

Im Falle der Produkte der Firma Heel ist es etwa die "Homotoxikologie", die Vorstellung, dass alle Erkrankungen auf Einlagerungen von Umweltgiften in den Körper zurückzuführen seinen (was nicht stimmt; hier kannst Du das ausführlich nachlesen http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Homotoxikologie) Andere Firmen wie etwa Hevert liegen näher an der Spagyrik usw.

Auch die Komplexmittel mischen die einzelnen Homöopathika also entweder nach ihrer eigenen Vorstellung oder aber nach dem Ähnlichkeitsprinzip Hahnemanns, das aber als Naturprinzip als widerlegt angesehen werden muss. Darüberhinaus sind auch die Arzneimittelbilder letztlich Zufallsprodukte, weil die homöopathische Arzneimittelprüfung dem Post-Hoc-Irrtum unterliegt.

Zuletzt darf man nicht vergessen, dass den Produkten der "besonderen Therapierichtungen" auch vereinfachte Zulassungen (nicht nur vereinfachte Registrierung) zur Verfügung stehen. Es genügt dann oft ein Unbedenklichkeitsnachweis der Mischung, manchmal ergänzt um - gerne auch ältere - Unterlagen, dass einer der Inhaltsstoffe bei der Indikation erfolgreiche Tests bestanden hat. Zum Teil werden hier In-Vitro-Studien akzeptiert.

Keineswegs bedeutet der Besitz einer Zulassungsnummer - die einige dieser Präparate tatsächlich haben - dass sie die für Medikamente üblichen Wirksamkeitsnachweise in Form randomisierter, mehrfach verblindeter klinischer Studien erbracht hätten. Meditonsin - eines der bekanntesten zugelassenen Homöopathika - zum Beispiel hat nur Umfragen unter Patienten vorzuweisen, aber keine RCTs. (Beispiel https://meedia.de/2017/11/16/der-fall-meditonsin-wie-verdeckte-homoeopathie-pr-in-eine-tageszeitung-kommt/)

Grüße

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@uteausmuenchen

Danke für die Verbesserung und schöne Grüße zurück.

Spagyrik - was es alles gibt! Hatte ich noch nie gehört.

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