Hey, Gute frage community. Meine Frage bezieht sich auf Platons Seelen-Modell. Ist es sinnvoll den Staat und die menschliche Seele zu vergleichen?

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3 Antworten

Ein Vergleich zwischen Staat und menschlicher Seele kann sinnvoll sein. Der Vergleich ist aber nicht unbegrenzt sinnvoll.

Bei einem »Vergleichen« ist allgemein zu unterscheiden, ob ein Gleichsetzen oder ein Vergleichen als Vergleich (mit dem Ergebnis, unter bestimmten Gesichtspunkten Gemeinsamkeiten/Ähnlichkeiten und Unterschiede/Abweichungen festzustellen) gemeint ist.

Vergleichen als Vergleich ist bei sehr vielem möglich, da nur irgendein Gesichtspunkt als Bezug des Vergleichs zwischen Dingen (Tertium comparationis) erforderlich ist und der Vergleich sowohl Gleichheit als auch Ungleichheit (bis hin zu großer Gegensätzlichkeit) unter dem jeweiligen Gesichtspunkt ergeben kann.

Vergleich von Seele und Staat

Wieweit sich geeignete Gesichtspunkte für einen Vergleich ergeben, hängt teilweise davon ab, was für ein Verständnis des Begriffs »Seele« zugrundegelegt wird.

einige Einfälle:

1) Sowohl eine Seele als auch ein Staat können in einem bestimmten Zustand sein und dieser kann beurteilt/bewertet werden.

2) Es können in einer Seele und in einem Staat Stimmungen wie Zufriedenheit und Unzufriedenheit auftreten.

3) Für beide stellt sich das Problem einer Selbsterhaltung/eines Überlebens (zumindest für eine gewisse Zeitdauer). Es gibt Gefährdungen der Existenz.

4) Eine Seele und ein Staat können Ziele aufstellen und anstreben.

5) Wenn eine Auffassung von der Seele als Sitz/Träger von geistig-seelischen Fähigkeiten angenommen wird, gibt es bei Seele und Staat Funktionen wie Wahrnehmung/Informationsbeschaffung, Denken, Fühlen/Beurteilung als angenehm oder unangenehm und Wollen/Treffen von Entscheidungen. Die Funktionen gilt es in Verbindung miteinander zu bringen/zu verknüpfen.

Wenn einem Staat eine Seele zugeschrieben wird, ist dies eine Zuschreibung in einer bloßen Metapher oder nur eingeschränkt in Hinsicht auf Funktionen zutreffend. Ein Staat ist nicht genau wie ein natürliches Lebewesen. Zwar ist ein Staat eine Gesamtheit, aber nur eine mittelbare. Ein Staat ist nicht ein großes Subjekt mit nur einem einzigen Innenleben, das alle zu einem Staat Gehörenden von selbst und gleichermaßen erfüllt. Ein Staat besteht anders als ein natürlicher Organismus aus Individuen. Diese haben ein eigenes Bewußtsein. Wenn Staatsbürger(innen) sich nach Vorgaben nur wie einzelne Organe unterordnen und an bestimmter vorgeschriebener Stelle einfügen sollen, ohne Mitbestimmungsrechte und Wahlmöglichkeiten, mit mangelnden Chancen auf gute Entfaltung ihrer Anlagen, ist dies ein Organiszismus, bei dem Verlust/Auslöschung von Freiheit, Benachteiligung und Unterdrückung durch Herrschende (Einzelne oder Gruppen) droht, bis hin zu einer totalitären Diktatur.

Entsprechung/Analogie/Isomorphie von Seele und Staat

Bei Platon, Politeia, sind Aufbau der Seele und Aufbau des Staates aufeinander bezogen und es gibt eine Entsprechung (Analogie/Isomorphie). Dies bedeutet nicht eine Gleichsetzung, aber ein erhebliches Ausmaß an Ähnlichkeit, das er annimmt.

Ein Vergleich in der Strukur und die Annahme einer bedeutsamen Ähnlichkeit sind unter einer bestimmten Voraussetzung sinnvoll: der Unterteilung der Seele in verschiedene Seelenteile/Arten der seelischen Ausrichtung/seelische Strebeformen.

Dann liegt ein Verhältnis von Einheit und Vielheit vor, die Beziehungen der Teile/einzelnen Kräfte untereinander und zum Ganzen, in dem sie vereint sind, zusammenwirken und zusamenarbeiten können untersucht werden. Es kann Harmonie und Eintracht oder Uneinigkeit und Streit geben. Die einzelnen Bestandteile können zu einer guten Entfaltung kommen oder nicht.

Platon vertritt ein solches Seelenmodell und daher kann er Seele und Staat auf die angegebene Weise in Beziehung zueinander setzen.

Die Entsprechung/Analogie/Isomorphie ist meines Erachtens allerdings nur eingeschränkt sinnvoll, weil Seelenteile/Arten der seelischen Ausrichtung/seelische Strebeformen keine eigenständigen Personen darstellen. Es gibt ein sie umfassendes Bewußtsein, sie sind keine daraus herauslösbaren Individuen.

Platon hat als Thema die Gerechtigkeit. Bei ihrer Untersuchung wird der Staat wie eine im Vergleich zu einem einzelnen Menschen in größeren Buchstaben geschriebene Schrift genommen, an der die Gerechtigkeit leichter zu erkennen (Platon, Politeia 368 d – 369 a). Da Platon die innere Einstellung, die Gerechtigkeit als Tugend/Vortrefflichkeit behandelt, geht es dabei um die Seele. Platon versteht, von üblichen Aufassungen eher abweichend, unter Gerechtigkeit als einer einzelnen Tugend/Vortrefflichkeit wesentlich eine innere Ordnung. Eine Verteilung von Gütern wird eher als Ergebnis davon behandelt. Gerechtigkeit wird als „das Seine tun“ definiert (Platon, Politeia 433 b τὰ αὑτοῦ πράττειν). Etwas, was die Verteilung betrifft, kommt dann zusätzlich hinzu: Gerechtigkeit besteht in einem Haben und Tun des Eigenen und Seinen (Platon, Politeia 433 e – 434 a ἡ τοῦ οἰκείου τε καὶ ἑαυτοῦ ἕξις τε καὶ πρᾶξις δικαιοσύνη).

Das Gerechte ist etwas Gutes. Platon sucht nach der Idee, dem Gerechten selbst. Dieses versteht er als etwas Umfassendes, bei dem ein Grundsatz auftritt, der bei jeder anderen einzelnen Tugend/Vortrefflichkeit auf bestimmte besondere Weise vorliegt und sie ermöglicht.

Das Gerechte ist nach Platons Gerechtigkeitsbegriff die richtige Ordnung im Verhältnis der Teile eines aus verschiedenen Bestandteilen zusammensetzten Ganzen. In der Seele bedeutet Gerechtigkeit, daß verschiedene Teile der Seele das richtige Verhältnis zueinander haben und verwirklichen.

Seelenmodell

Es gibt in der Seele, wie sich an widerstreitenden Regungen in ihr zeigt (vgl. besonders Platon, Politeia 435 – 445):

1) das Vernünftige (τὸ λογιστικόν)

2) das Muthafte/sich Ereifernde (τὸ θυμοειδές) [gemeint ist nicht wütend sein, sondern eher etwas wie engagiert sein]

3) das Begehrende (τὸ ἐπιθυμητικόν)

Die drei Seelenteile, die Arten der seelischen Ausrichtung/seelische Strebeformen sind, werden zu den Ständen/Klassen im Staat und zu Tugenden in Beziehung gesetzt.

Tugenden

Die vier Haupttugenden sind nach Platon:

1) Weisheit (σοφία)

2) Tapferkeit (ἀνδρεια)

3) Besonnenheit (σωφροσύνη)

4) Gerechtigkeit (δικαιοσύνη)

Verbindung von Seelenmodell und Tugenden

Nach Platons Verständnis ist bei der Tugend eine innere Einstellung wesentlich. Die Seelenteile haben ihnen eigentümliche Tugenden, mit denen jeweils auf besondere Weise verbunden sind (auch wenn sie alle Vernunft voraussetzen): Die Besonnenheit mit einer Kontrolle über das Begehrende (τὸ ἐπιθυμητικόν), die Tapferkeit mit dem Muthaften/sich Ereifernden (τὸ θυμοειδές), die Weisheit mit dem Vernünftigen (τὸ λογιστικόν) und die Gerechtigkeit mit einer Übereinstimmung/Harmonie aller Seelenteile/Seelenvermögen.

Weisheit bedeutet, mit der Vernunft wesentliche Dinge erkannt zu haben, bis hin zur Idee des Gutern als größtem Erkenntnisgegenstand.

Gerechtigkeit bedeutet, das Seine zu haben und das Seine zu tun. Der Begriff des Gerechten ist in Platons Auffassung durch eine richtige Ordnung bestimmt. Er beschreibt Gerechtigkeit als ein inneres Verhältnis der Seelenteile/seelischen Strebeformen zueinander. Die Teile der Seele dürfen in Bezug aufeinander nichts Fremdes tun und nicht vielerlei treiben, sondern der Mensch muß ihnen das ihnen Eigentümliche gut vorschreiben, über sich selbst herrschen, eine Ordnung einrichten, mit sich selbst Freund sein und die drei Teile/seelischen Strebeformen zusammenfügen. So entsteht im einzelnen Menschen und im Staat Einheit. Eine Handlung, die diesen Zustand bewirkt und bewahrt, ist gerecht. Die Ungerechtigkeit ist ein Zwiespalt der drei Arten der Seele, Vielgeschäftigkeit, Tun des Fremden, Aufruhr eines Teils gegen das Ganze der Seele und Herrschaft dessen in ihr, dem dies nicht zukommt (Platon, Politeia 444a – b). Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit sind in der Seele wie Gesundheit und Krankheit im Körper (Platon, Politeia 444c).

Alle Seelenteile/Strebeformen umfassen Denken, Fühlen und Wollen. Das Vernünftige ist mit Erkenntnis verbunden, das sich Ereifernde mit Meinung und das Begehrende mit Sinneswahrnehmung. Die Vernunft soll die Leitung übernehmen, eine kluge Fürsorge/Voraussicht (προμήθεια). Platon beschreibt das Verhältnis bei gutem Zusammenspiel (dem gerechten Zustand) als Freundschaft (φιλία), Übereinstimmung/Einklang (συμφωνία) und Harmonie (ἁρμονία).

Alle Seelenteile haben ein Eigenrecht. Begierden sollen nicht die Leitung übernehmen und nicht die Vernunft bloß als dienendes Hilfsmittel ohne Kontrollfunktion benutzen. Sie sind dafür anfällig, sich von einem Anschein täuschen zu lassen („blind“ vor Begierde) und das Gute, nach dem sie streben und das die Menschen zum Ziel haben, nicht zu erreichen. Das Begehrliche hat aber eine Zuständigkeit, ein Lustgefühl wahrzunehmen, festzustellen (etwas fühlt sich angenehm an) und zu melden, während das Vernünftige dies nicht kann und nicht dafür da ist.

Die drei Stände/Klassen im entworfenen Staat sind:

1) Philosophen/Philosophinnen

2) Wächter/Wächterinnen

3) Erwerbsbarbeit Betreibende

Es sind als in Entsprechungen aufeinander bezogen:

Philosophen/Philosophinnen – Weisheit – das Vernünftige

Wächter/Wächterinnen – Tapferkeit – das Muthafte/sich Ereifernde

Erwerbsbarbeit Betreibende – Besonnenheit – das Begehrliche


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Kommentar von miilopha
07.02.2017, 14:56

Danke für diese ausführliche Antwort der Beitrag hat mich um einiges weiter gebracht

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Ja, durchaus, weil "der Staat" in gewissem Sinne eine Personifizierung ist - und aus einer Gesamtheit von Menschen besteht, von Menschen geleitet und gelenkt wird. Die Menschen haben jeder eine Seele, also ist es naheliegend, auch dem Staat eine solche zuzuschreiben.

MfG

Arnold

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Kommentar von miilopha
07.02.2017, 14:55

Danke für die schnelle Antwort :)

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Nein, der Staat ist ein rationaler Begriff, die Seele ein metaphysischer.
Hinzu kommen die Begriffe Sein und Bewußtsein, beide höchst irdischer Wahrnehmung.

Nicht zu vergessen, Geschichte ist nicht statisch, sondern ein dynmischer Prozess.

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