Hermann Hesse vs. Thomas Mann

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2 Antworten

Mögliche Antworten: Ein Vergleich zwischen zwei Menschen muß scheitern, wenn man sich nur auf ganz bestimmte Ereignisse konzentriert. Bei einem Vergleich zweier Lebewesen kann der Betrachter nur Äußerlichkeiten zueinander in Relation setzen. Das ist dann aber auch schon alles, was sich oberflächlich vergleichen ließe.

Die Natur erschafft immer nur Unikate, niemals Kopien. Noch nie hat eine Schneeflocke der anderen geglichen. Diese unendliche Kreativität bringt immer nur einmalige Exemplare zum Vorschein. Erst bei einer eingeschränkten Sicht ergeben sich flüchtige Gleichheiten, welche aber einer genaueren Betrachtung nicht standhalten können.

Menschen, welche die Welt nur aus ihrem Verstand heraus betrachten können, werden nur das feststellen können, was ihnen ihr Verstand zeigt. Ihre Sicht ist auf das Niveau des Verstandes reduziert. Die Vielfalt der Existenz entgeht ihnen eines Tages, wenn sie sich im ständigen Denken-Müssen verloren haben. Sie überlassen alle Wahrnehmungen nur noch dem Ego-Bewußtsein. Sie wissen nicht mehr, wer sie im Grunde sind.

Und aus dieser eingeschränkten Sichtweise heraus betrachten sie nun ihre Mitmenschen und den Rest der Schöpfung. Dann sehen sie nur noch kleine Einzelheiten und glauben, diese wären ausschlaggebend für eine objektive Betrachtungsmethode. Sie sind so sehr in Einzelheiten vertieft, daß sie das große Ganze nicht mehr erkennen können.

Und dann kommen sie auf die Idee, man könnte Menschen miteinander vergleichen. Und genau das ist Schwachsinn. Jeder Mensch ist einmalig. Jeder Mensch ist ständig kreativ in seinem Lebensausdruck. Wie könnte ein Mensch ein Individuum sein, wenn es ihn mehrere Male auf dieser Welt gäbe? Der volkstümliche Ausdruck hierfür lautet – Gleichmacherei.

Und hier spielt die Bequemlichkeit des Verstandes eine Rolle. Er fürchtet sich vor Neuem. Er wittert Gefahr, sobald etwas ihm Unbekanntes in seinem Revier auftaucht. Es ist das Ego im Menschen, welches unter allen Umständen als Mehr erscheinen muß vor allen Anderen. Und dazu kommt noch, daß ein Ego nach Rechthaben strebt. Unbewußt setzt das Ego den Anderen ins Unrecht, nur um Recht haben zu können.

Wenn man es so betrachtet, ist Hermann Hesse immer nur – Hermann Hesse, und Thomas Mann ist immer nur – Thomas Mann. Wie könnte sich ein Mensch jemals im Anderen finden können? Sollte ein Mensch etwa im Anderen – aufgehen? Sollte er sich so weit zurücknehmen, daß nichts mehr von ihm zu erkennen ist? Oder wie sollte das gehen, zwei Menschen vergleichen zu können?

Das sehen wir doch schon bei Geschwistern. Drei Kinder haben dieselben Eltern. Doch sie sind niemals gleich in ihrer Entwicklung, obwohl sie doch physisch aus den gleichen Körpern zu stammen scheinen. Wie oft wird dann ohne zu überlegen gesagt, daß ein Kind dieses oder jenes von Vater oder Mutter hätte. Das mag wohl auf den ersten Blick stimmen, reduziert aber das Individuum auf eine mechanistische Betrachtungsebene.

Und doch muß jeder Mensch durch diese Entwicklungsstufe des Bewußtseins, und er muß sich in der Materie verlieren. Erst wenn er sich mit der Form identifiziert hat, erst dann ist es ihm möglich, sich von der Natur als getrennt erkennen zu können. Er entwickelt das Ego so weit, bis er es erkennen kann. Zuvor lebt er unbewußt in der Gnade des Vergessens.

Schriftsteller, Maler, Musiker und alle kreativ schaffende Menschen – sie alle weißen auf diese Entwicklung des Denkens hin. Ihre Werke zeugen von einem inneren Wissen, welches dem Verstand nicht zugänglich ist. Der Verstand befaßt sich mit der materiellen Welt. Dort kennt er sich bestens aus. Für die innere Welt stellt die Schöpfung dem Menschen die Intuition zur Verfügung.

Und beide Fähigkeiten zu gleichen Teilen akzeptiert, ermöglichen der Intelligenz im Menschen – also der Erkenntnisfähigkeit – dem Bewußtsein im Menschen zu gestatten, etwas zu erkennen, was nur im Einklang von Verstand und Intuition möglich ist. Dieser Vorgang wird Handlung genannt, denn nur aus ihr kann Erfahrung entstehen. Und Erfahrung transformiert Bewußtsein.

Thomas Mann und Hermann Hesse – wie auch alle Kreativen – treten aus sich selbst heraus und betrachten sich als mit Allem ständig in Verbindung stehend. Sie lassen den Verstand ruhen, den Gedanken können sie nicht über die Grenzen des Denkens bringen. Gedanken sind hierbei nur hinderlich, da sie zur Welt der Formen gehören.

In diesem Zustand der Kontemplation wirken Hesse und Mann wie Übermittler einer viel größeren Intelligenz, welche jedoch nur außerhalb des Denkens zu finden ist. Beim Verlassen des Denkbereiches werden alle Erklärungen bedeutungslos. Dort findet man den Zustand des Seins. Und dieser Zustand kann immer nur Jetzt erfahren werden – wo, sonst?

Herzliche Grüße

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