Hat Lessing sich zu der Frage "hat der mensch einen freien willen?" geäußert, und wenn ja, wie?

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3 Antworten

Ja hat er,- du mußt nur seine "Ringparabel" entsprechend interpretieren. Dort wird mit den Mitteln des Theathers die Kernidee der Aufklärung formuliert: nämlich die Toleranzidee. Woraus entsteht Sie? Aus der Begrenztheit und damit der Unmöglichkeit menschlicher Erkenntnismittel, eine "Überlegenheit von Werturteilen" gegenüber anderen Menschen und Anschauungen so formulieren zu können, dass sie als eine, durch fehlerfreie Allwissenheit begründete, letzgültige Urteilsinstanz handeln könnte.

Hieraus folgt: kraft eigener Erkenntnis kann sich der Mensch in seinem Tun und Urteilen moralisch verhalten und zwar in dem Sinne, dass er sich mittels seines freien Willens den Konsequenzen seiner Erkenntnis eines begrenzten Urteilsvermögens unterwirft.

Benjamin Berlin hat das sehr schön formuliert als er diese Konsequenz, die den Kern des >Kategorischen Imperativs< und in der Folge der Proklamation der Menschenrechte als universales Naturrecht darstellt, als "die Freiheit des Menschen VON Etwas" nicht als alleinige Dimension des Freiheitsbegriffes aufgezeigt hat sondern auch als die Freiheit ZU etwas.

Im Kern ist es nichts anderes als die Feststellung, dass das "Gute" nur in der freien Entscheidung des Menschen zu moralischem Handeln, im Sinne von ethischer Logik, wie sie im >Kategorischen Imperativ< formuliert ist besteht.

Das "Gute" im Sinne des >Gerechten< ist also immer Ergebnis einer freien Entscheidung gegen das Ungerechte.

Und es versteht sich von selbst, dass Entscheidungsfähigkeit nur dann gegeben ist wenn Willensfreiheit besteht. - Ansonsten würden wir über Algorhytmen und Automaten / Maschinen sprechen. - Diese können aufgrund ihres algorhytmischen Prozeßzwanges aber nicht "willensfrei" sein - sich folglich auch nicht aufgrund einer moralisch-ethischen Abwägung selbst beschränken. Ihre "Performance" wäre eher analog zu Pathologien, übertragen auf den Menschen zu sehen.

Lessing war halt Kind der Aufklärung.und hats kapiert :-))

Gruß

Sorry, da habe ich zwei Namen über Kreuz gedacht: es ist nicht Benjamin sondern Isaiah Berlin.

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Da ist wie so oft die Frage, welcher freie Wille gemeint ist und wie er aufgefasst wird. Sowohl für den Lutheraner, für den Gott der absolute Dominator der Welt ist im Gegenspiel zum Teufel, dem er sein Spiel nur erlaubt wie auch für den Spinoza-Verehrer, der mit Spinoza eine stoisch-pantheistische Auffassung der Weltverfassung hat, hat der Mensch nur einen relativen freien Willen. Einen absoluten freien Willen hat nur Gott oder der Allwalter Logos. Beide Weltsysteme sind geschlossene Systeme, sozusagen in den Cocon des Göttlichen eingebunden.

Doch die Analyse z.B. des Lessingschen Nathan und zentral dort die Legende von den drei Ringen zeigt, dass dem Menschen dennoch Entscheidungsspielräume gegeben sind. Sie können sich in der guten Interpretation ihres Ringes als gute Menschen erweisen, stehen also in der Wahl. Lessing steht also nicht der totale Determinismus vor Augen, weil es dann auch sinnlos wäre, Literatur zu verfassen, die die Menschen zum Besseren anregen sollen. Wer nicht an eine relative Wahl des Menschen glaubt, muss keine Zeit verschwenden, ihm Anleitung zu geben.

Hier wird Lessing folgendermaßen zitiert:

"Lessing. Sie drücken sich beinah so herzhaft aus, wie der Reichstagsschluss zu Augsburg; aber ich bleibe ein ehrlicher Lutheraner, und behalte »den mehr viehischen als menschlichen Irrtum und Gotteslästerung, dass kein freier Wille sei,« worin der helle reine Kopf Ihres Spinoza sich doch auch zu finden wusste."

http://www.zeno.org/Literatur/M/Jacobi,+Friedrich+Heinrich/Schriften/%C3%9Cber+die+Lehre+des+Spinoza+in+Briefen+an+den+Herrn+Moses+Mendelssohn

Auch hier:

https://books.google.de/books?id=x9-cDgAAQBAJ&pg=PA211&lpg=PA211&dq=den+mehr+viehischen+als+menschlichen+Irrtum+und+Gottesl%C3%A4sterung,+dass+kein+freier+Wille+sei&source=bl&ots=P-0XrfueeU&sig=Jo0rkQvoqugq7iRJAzi8yG-aGRc&hl=de&sa=X&ved=0ahUKEwiR5beyrI7WAhWBbxQKHXJhAfAQ6AEIJjAA#v=onepage&q=den%20mehr%20viehischen%20als%20menschlichen%20Irrtum%20und%20Gottesl%C3%A4sterung%2C%20dass%20kein%20freier%20Wille%20sei&f=false

In den eckigen Anführungszeichen übernimmt er ein Luther-Zitat.

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