Hat der Kulturbegriff den Rassebegriff abgelöst?

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5 Antworten

Meiner Meinung nach auf jeden Fall ja:

Mittlerweile haben die meisten halbwegs halbwegs (die Dopplung ist Absicht) intelligenten Rassisten bemerkt, dass der biologische Rassenbegriff zu abschreckend ist, als dass man ihn in der Politik und zum Wählerfang gebrauchen könnte. Man braucht also einen neuen Mantel, in den man seine Ressentiments stecken kann und da erschien der Kulturbegriff offenbar recht passend.

Vorweg: Natürlich gibt es Unterschiede in Kulturen, das bestreitet überhaupt niemand. Natürlich sind arabische Kulturen nicht so wie europäische. Und ebenfalls ist es wahr, dass durch die Kultur in der man aufwächst auch das eigene Denken und das eigene Selbstverständnis, Weltbild und Werteverständnis mitgeprägt wird. Die Kultur ist insofern also ein Einflussfaktor, eben bei weitem nicht der einzige und erst recht nicht, kann man durch ihn über den Individualismus des Menschen hinwegsehen. Die Kultur beeinflusst, aber bestimmt nicht.

Genau diesen zweiten Teil übersehen die Neu-Rechten aber: So heißt es allzu oft in Diskussionen, die "arabische Kultur sei mit der europäischen nicht kompatibel", man könne insofern einen Araber (oder zmd. einen Araber, der an seinem Kulturkreis festhält) nicht in Europa integrieren. Als "Beweis" für diese These führen Neurechte dann bspw. Parallelgesellschaften und evtl. höhere Kriminalitätsraten von Ausländern an (wobei selbst die Kriminalitätsstatistiken die These oftmals nicht belegen können). Dabei wird aber ignoriert, dass die gescheiterte Integration auch Schuld der Deutschen ist, die die Gastarbeiter nie wirklich als Teil des Landes haben wollten. Dass sich Parallelgesellschaften bilden, wenn man neue Gesellschaftsteile nicht in der eigenen haben will, sollte eigentlich klar sein (-> Integration beruht auf Gegenseitigkeit). So ist es auch nicht teil irgendeiner Kultur kriminell zu sein - wie kommt man überhaupt darauf? Kriminalität ist oftmals Folge von Diskriminierung, ggf. Wirtschaftskrisen und Bildungsdefiziten, mehr steckt dahinter nicht.

Der Kulturbegriff wird hier aber missbraucht und seine Relevanz (insbesondere in Bezug auf Integration und Toleranz) wird (absichtlich) überbewertet. Dabei sollten gerade Rechte, also auch politische Menschen wissen, dass eine Kultur gar nicht den einzelnen bestimmen kann. Gerade in Deutschland gibt es unzählige Gruppen, die sich nur teilweise oder sogar gar nicht mit der "deutschen Kultur" identifizieren - ich spreche dabei nicht von Linksautonomen, sondern mitunter auch von Gruppen, die sich dessen überhaupt nicht bewusst sind. 

So führt ein rechter Redner gerne mal Goethe, Schiller oder Mozart ins Feld der Diskussion, um die deutsche Kultur zu definieren. Dabei übersieht er aber, dass kaum ein Deutscher heutzutage irgendwelche Werke von Goethe, Schiller oder Mozart kennt. Nur die wenigsten können diese zweifellos großen Persönlichkeiten zitieren, sie kennen keine Werke, sie können diese Personen nicht einmal zeitgeschichtlich einordnen. Wie kann also ein Goethe den einzelnen Charakter eines Menschen bestimmen, wenn dieser Einzelne Goethe im Grunde nur vom Namen her kennt? (Dabei ist das für sich nicht verwerflich, jeder hat seine Kenntnisse, aber auch seine Kenntnislücken.)

Ansonsten wird die deutsche Kultur über Werte definiert, die aber bei weitem nicht nur in "unserer" Kultur präsent sind. Ehre? Ein Begriff, den Türken wie Deutsche eher positiv assoziieren. Respekt vor den Eltern? Steht in der Bibel, wie auch im Koran. Fleiß und Pflichtbewusstsein? Das ist in Deutschland etwas positives, aber auch in Japan. Und eine Frau zu vergewaltigen? Ich kenne keine Kultur, in der das als in Ordnung gilt. Letztendlich gibt es auch hier Unterschiede, aber keine, die es unmöglich machen würden, miteinander auszukommen.

Man könnte die Kultur auch über bestimmte Speisen und Getränke und über Traditionen und Bräuche definieren, aber wie inwiefern interessiert es mich denn, ob jemand Weißwurst mit Bier verzerrt oder eben zu McDonalds geht oder sich Sushi bestellt? Und inwiefern interessiert es heutzutage noch jemanden, ob diejenigen, die Weihnachten und Ostern feiern tatsächlich gläubige Christen sind?

Was ich damit sagen will ist: Die Kultur bestimmt nicht was wir sind, sie beeinflusst es bestenfalls. Aber eine Einheitlichkeit wird sich auch hier nicht finden - die Integration kann grundsätzlich immer funktionieren, egal welche Kulturen involviert sind - man muss es eben nur wollen bzw. zulassen.

Diese ganzen "Kulturargumente" ist also bestenfalls heuchlerisch und hat nichts mit einer wirklichen Verbundenheit zur Kultur zu tun, sondern nur damit, seine rassistischen Feindbilder aufrecht zu erhalten. Die Pegida hat mit dem Christentum nichts zu tun - und ich bin mir sicher, dass weder ein Lutz Bachmann, noch eine Tatjana Festerling aus der Bibel, aus Faust oder sonstwoher (auch nur sinngemäß) zitieren könnte. Wie gesagt: Das ist überhaupt nicht verwerflich, aber dann sollte man auch nicht versuchen, die deutsche Kultur auf Gegenstände herunterzubrechen, von denen man keine Ahnung hat.

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Kommentar von PeVau
21.02.2016, 01:25

Nicht schlecht!

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Der Rassismus im engeren Sinn ist heute sicher durch die NS-Zeit aber auch moderne naturwissenschaftliche Erkenntnisse eine Randerscheinung.

Die von der politischen Rechten der 30er Jahre betonten Grundannahmen des autoritären, homogenen und dem bürgerlichen Familienideal verpflichteten Einheitsstaates sind aber heute auch wieder da. Ich sehe da kaum Unterschiede.

Petry Heil

Greg

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Rechts ist angstgesteuerte Brutalität als Grundhaltung zur Globalisierung. Die Angst ist so diffus wie ihr Objekt. Entsprechend schwammig ist auch die Definition des Objekts der Angst. Sieht der Andere nur markant genug anders, fremd aus, verkörpert er sie eigentlich schon, man muss dann nur noch zugreifen.
Es ist dabei egal, ob ich den Unterschied an seiner Frisur oder seiner Hautfarbe bestimme. Ich muss ihn nur irgendwo anknüpfen können.

Es stimmt, dass Rechte sich heute der Eckpfeiler ihrer Haltung schämen. Gerade in Deutschland haben sie mit Rasse-Blut-Boden-Ideologien wohl auf unabsehbare Zeit verspielt. Dies übrigens ein historischer Vorsprung, dessen wir Deutsche uns auch international würdig erweisen sollen. Man muss ihn aber ständig offensiv vertreten.

Es ist diese Offensivität der deutschen Zivilgesellschaft, die Deutschland vor den übelsten Auswürfen wie Rassismus, Führerkult, Ästhetisierung des Krieges und dem ganzen Schmonzes schützt. Aber da gibt es leider keine Atempause ... Denn ständig versuchen propagandistisch gesinnte Rechte erneut auszuprobieren, was man so tun, sagen, behaupten oder wozu man so alles aufrufen kann, ohne verbal eins auf die Schnauze zu bekommen.
Versuche, Fremdenfeindlichkeit zu streuen, gibt es im Übermaß.

In der Tat kommen sie gerade gerne mit Kultur, diese kulturellen Nichtlinge. Zeigen wir, wie fremd ihnen diese Kultur doch ist ! Vor allem mit Witz. Denn sie sind mindestens so humorlos wie dumm.


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Beide "Begtiffe" sind übelste Stammtischparolen 

und werden verschwinden wie einst die Partei " Republikaner" und demnächst pegida, AdD und NPD

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Adolf Hitler ist doch tot und der Kuklux-Clan hat auch nicht mehr viel zu melden. Ich glaube deswegen: JA! Vielleicht denkt aber so mancher Afd- / NPDler anders darüber.

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Kommentar von ghostpaar77
25.07.2016, 01:19

Ich weiß zwar nicht wovon und wo drüber wir hier reden aber keiner kann sagen ich hätte nichts gesagt.

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