Hartz 4 Schicksale!

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4 Antworten

Na dann in Kurzform unser Hartz4-Weg:

Ich selber habe Fachabi Wirtschaft, Schnitt 1,8. Habe eine erste Berufsausbildung gemacht als Sozifa KV in der krankenkasse. Das war definitiv nicht meines, aber ich war bei Lehrbeginn noch nicht volljährig und mein Vater verweigerte mir auf "meinem" Wunschvertrag die unterschrift... also musste ich das lernen.

Hab den Job 8 Jahre durchgehalten, dann hab ich eine zweite lehre gemacht als Pferdewirt (Reiten), Gesellenbrief vorhanden. Habe dann als PW gearbeitet bis ich meinen Ex (Landwirt) kennen lernte. hab den Job aufgegeben, weil Pferdewirtschaft (angestellt) und Landwirtschaft (daheim)....geht zeitlich gar nicht.

Nach 10 Jahren Ehe, aus der 2 Töchter stammen, kam es zur Scheidung. Mittlerweile war ich durch Arthrose in sämtlichen großen Gelenken berufsunfähig in der Pferdewirtschaft. Also fiel ich nach Auszug aus der ehelichen Wohnung mit den Kindern ins Nichts. Beide waren zu dem Zeitpunkt in der Grundschule.

Es folgten 5 Jahre Hartz4-Bezug, zig Maßnahmen (die nix gebracht haben, weil nicht mal die Praktika möglich waren wegen 40 GdB Gehbehinderung) und einige befristete 400€-Jobs. Ich konzentrierte mich darauf den Mädels möglichst viel Wissen zu vermitteln, beide schafften den Gymnasialübertritt ohne Probleme.

Es war und ist ein ständiger Kampf ums geld, da im Gym etliches an materiellen Voraussetzungen im Elternhaus voraus gesetzt wird, was ich nicht habe/brinmgen kann.

Heute habe ich einen Teilzeitjob, zusätzlich einen Minijob und bin Aufstockerin. Die Mädels sind noch immer am Gym, beide wissen, dass sie um ihre Schulbildung kämpfen müssen. Seitens der Schule bis heute nur eine Unterstützung: Die Möglichkeit, die zu erbringenden Gelder in raten zu stottern. Hier eine Lektüre, dort Eintrittsgelder, immer wieder kommen die Mädels mit Zetteln, dass wieder einmal soundsoviel bis zum zu zahlen ist.

Das ist weder durch das ach so tolle Bildungspaket abgedeckt noch erhält man das von der Arge als Sonderleistung.

Beide Mädels jobben, um mich finanziell zu entlasten... sie zahlen sich ihre Wünsche (Schminke etc) grundsätzlich selber und in der letzten zeit haben sie auch einige dieser Sonderzahlungen selbst gestemmt.

So habe ich am Sonntag erst erfahren, dass die Schule am selben tag geschlossen am Charitylauf der Sparkassen teilnimmt... und die Startgebühr von je 7€ haben die Mädels aus eigener Tasche finanziert.WEIL eben die komplette Schule teilgenommen hat, galt es als schulische Pflichtübung. Nicht teilnehmen, weil "kein Geld vorhanden", wäre unmöglich gewesen.

Wenn wir nicht zu dritt geschlossen kämpfen würden und buchstäblich jeden Cent dreimal umdrehen, wäre ein verbleib auf dem Gymnasium finanziell nicht drin. Und das in einem Land, wo die staatliche Schulbildung angeblich jedem in jede Richtung offen steht.

Ich kenne mittlerweile einige Hartz-Familien (man kennt sich im lauf der zeit von den Wartebereichen der Behörden), die diesen Kampfgeist nicht (mehr) haben. Deren Kinder besuchen die Hauptschule bis zur 9. (Abschluss) und fallen dann mit bestenfalls mittelmäßigen Zeugnissen durchs Raster direkt ins ALG2.

Nach meiner Erfahrung werden Kinder aus Hartz4-Familien viel zu wenig unterstützt und gefördert! Die schulen sind sehr schnell mit Ausgrenzung bei der Hand, ich höre regelmäßig: ja wenn Sie sich das nicht leisten können, dann schicken Sie ihre Mädels halt auf die Haupt!

Das tolle Klischee vom bildungsfernen Hartzy, der arbeitsscheu und unsaubver daheim vor der Glotze gammelt und sich null um die Zukunft seiner Kids kümmert, stammt...aus TV und Presse. Fakt ist, dass man ausgegrenzt wird und keine Chancen bekommt.

Ich hatte das Riesenglück, bei meinem Chef die soziale Ader zu treffen... er gab mir eine Chance, diese habe ich genutzt und habe so wenigstens 18 Stunden Arbeit die Woche! Und aus seinem Bekanntenkreis kam dann das Angebot für den minijob... natürlich habe ich Dankeschön gesagt und kann so mit Fug und recht sagen, dass ICH nicht arbeitsscheu bin!

Meine Mädels sind dann auch jeweils mit ihrem 13. Geburtstag in derselben Branche unter gekommen und jobben. Dabei schaffen sie auch noch gute Noten... die große bringt Einser in Latein und franz heim, die Kleine glänzt in Mathe, und den naturwissenschaftlichen Nebenfächern. Beide sind gute Sportler und, abgesehen von den üblichen pubertären Zickereien unter Gleichaltrigen, sehr anständige wohlerzogene Mädels.

Mein Fazit zu deinem Projekt: Gerade die Kinder können sich ihr "Schicksal" nicht aussuchen. Und wenn sie dann gezielt ausgegrenzt werden, dann muss man als Elternteil heftigst kämpfen für Dinge, die für die Klassenkameraden selbstverständlich sind! Ja, Hartz-Kindern werden viele Bildungschancen verbaut!

Details bekommst du von mir über die Freundesnachrichten... bei freundschaftsanfrage auf dein Projekt hinweisen, weil ich normalerweise keine virtuellen Freundschaften annehme.

derdorfbengel 03.07.2012, 15:53

Wenn Du statt Abstottern Deine Ansprüche an das JC/Schule zur Abwechslung mal voll durchsetzen willst, kannst Du Dich gerne bei mir melden.

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Ich denke es kommt immer auf die Einstellung der Eltern an.. Hartz4 soll nicht dazu da sein um sich zu Hause ein schönes Leben zu gönnen, sondern als Übergangslösung und darunter verstehe ich nicht 4, 5 oder sogar 10 Jahre arbeitslos zu sein, weshalb die Kindern eigentlich auch nicht gross betroffen sein sollten.. Jeder kann seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt verbessern (es kommt dann nur drauf an, ob man auch bereit ist nach einem 8h Tag noch eine Abendschule zu besuchen usw., was dann eben die meisten nicht machen)... Klar haben die Kinder vielleicht nicht die Möglichkeit gleich auf eine Privatschule zu gehen sondern müssen vielleicht einen anderen Weg einschlagen wie z. B. zuerst eine Ausbildung zu absolvieren und dann weiterführende Schulen berufsbegleitend zu besuchen..

Ich hatte eben schon mal n Roman geschrieben udn dann kam der Elefant und alles war weg, wende dich mal an www.elo-forum.org, da werden dir bestimmt leute welche betroffen sind erzählen wie es so ist. Ich selber bin der Meinung, das Bildung nicht allzuviel mit Geld ,sondern viel mehr mit Erziehung zutun hat. Auch mit wenig Geld kann man seinem Kind Bildung bieten ( trotzdem ist es traurig das nicht mal 2€ monatlich für Bildung im Regelsatz vorgesehen sind) Man kann z.B in die Bücherei gehen, dort Bücher zum vorlesen ausleihen, Bücher zum nachschlagen, zum bestimmen, raus mit dem kind in die natur gehen und die Bücher dort nutzen nur eine Idee. Oder auch ohne Geld mit dem Kind rechnen und schreiben üben, das meiste geht sogar sehr spielerisch, zum Beispiel mit einem Kaufmannsladen, wenn das Kind die Kasse macht oder mit Brettspielen ( die kann man mittlerweile auch in der Bücherei ausleihen) usw, indem man mit dem Kind backt und man das halbe oder doppelte Rezept nimmt usw.

Dea2010 03.07.2012, 12:19

Spätestens in der weiterführenden Schule ist dann schluss mit lustig.

Am Gym meiner Töchter wird VORAUSGESETZT, dass beide einen eigenen PC zur Verfügung haben, mindestens XP drauf, Office 2010 noch dazu. Immer wieder sind Referate als Powerpoint-Präsentation zu halten (wird so vorgegeben) , bei Projektarbeiten werden Excel-Tabellen erwartet.

Als Klassenfahrt geht es zB ins Schilager. Die fahrt als solche zahlt zwar das Bildungspaket, aber die erforderlichen Klamotten muss man selber finanzieren!

Wegen "Chancengleichheit" werden klassensätze an Taschenrechnern angeschafft, das Stück für eben mal 45€. Die Nutzung eines selbst günstig beschafften anderen TR ist vom Lehrer nicht akzeptiert worden!

Zum Schuljahresende ist immer eine Woche sogenannte "Sommeruni"... die kostet aber! Dieses jahr macht die Kleine "Englische Küche" (sie kocht leidenschaftlich gerne), Materialkosten liegen bei schlappen 38€. Die große geht in die Kreativwerkstatt (Aquarellmalerei), hier fallen sogar 46€ Materialkosten an, zusätzlich noch Fahrtkosten und Eintrittsgelder für die Besichtigung einer Kunstgalerie. Ach ja, die Teilnahme ist verpflichtend, weil noch im Schuljahr.

Diese Sonderkosten werden NICHT vom Bildungspaket getragen. Das gewährt dir pro Kind und Schuljahr 100€ Zuschuß, das hat gefälligst ein ganzes Schuljahr lang zu reichen für alles an schulischen Kosten! Und bei Klassenfahrten gibt es die fahrtkosten, ja, aber wenn Sonderanschaffungen nötig sind (Schianzug etc), ist Schluß mit unterstützung. Man wird an den Flomarkt verwiesen... und wenn man dann mit gebrauchten Klamotten udn Quittungen nachfragt, heisst es: Leistungen müssen VOR Anschaffung beantragt und bewilligt werden!

JETZT sag noch mal, das wäre "nur eine Erziehungsfrage"... da lach ich nur drüber.

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derdorfbengel 03.07.2012, 15:43
@Dea2010

So gut wie alle erwähnten Kosten könntest Du vor den Gerichten einklagen.

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Indivia 03.07.2012, 20:50
@Dea2010

Am Gym meiner Töchter wird VORAUSGESETZT, dass beide einen eigenen PC zur Verfügung haben, mindestens XP drauf, Office 2010 noch dazu. Immer wieder sind Referate als Powerpoint-Präsentation zu halten (wird so vorgegeben) , bei Projektarbeiten werden Excel-Tabellen erwartet.

Mein patenkind besucht eine Hauptschule und selbst da wird es vorausgesetzt, aber wenn die Lehrer es vorraussetzen, finde ich muss die Schule auch eine Möglichkeit gebe, das die Bedingung erfüllt werden kann. Viele Schulen haben Pc Räume ,die man dann mittags nutzen kann. In meiner Ausbildung hatte ich auch keinen pc und bin so manchen mittag länger geblieben um referate etc vorzubereiten.

Als Klassenfahrt geht es zB ins Schilager. Die fahrt als solche zahlt zwar das Bildungspaket, aber die erforderlichen Klamotten muss man selber finanzieren! Man hat als Eltern doch auch die Möglichkeit den mund aufzumachen, oder?

Wobei ich sagen muss einer meiner Lehrer damals hat das problem ganz toll gelöst, bevor es auf Fahrt ging gab es Tettel, welche dei Eltern anonym auszufüllen hatten ( wv kann man max für die Klassenfahrt des Kindes aufbringen stand drauf). Diese wurden falsch herum eingesammelt und danach hat der Lehrer sich dann gerichtet.

Wegen "Chancengleichheit" werden klassensätze an Taschenrechnern angeschafft, das Stück für eben mal 45€. Die Nutzung eines selbst günstig beschafften anderen TR ist vom Lehrer nicht akzeptiert worden! Was würde passieren, wenn sich alle Eltern dagegen stellen würden?

Diese Sonderkosten werden NICHT vom Bildungspaket getragen. Das gewährt dir pro Kind und Schuljahr 100€ Zuschuß, das hat gefälligst ein ganzes Schuljahr lang zu reichen für alles an schulischen Kosten! Und bei Klassenfahrten gibt es die fahrtkosten, ja, aber wenn Sonderanschaffungen nötig sind (Schianzug etc), ist Schluß mit unterstützung. Man wird an den Flomarkt verwiesen... und wenn man dann mit gebrauchten Klamotten udn Quittungen nachfragt, heisst es: Leistungen müssen VOR Anschaffung beantragt und bewilligt werden!

Mir ist durchaus bewusst ,das man es vor der Anschaffung beantragen muss, aber das wiederum heißt die Chance es bezahlt zu bekommen gibt es.

Aber glaubst du ein Kind wo beide Eltern arbeiten und kaum Zeit haben ist aufgrund des finanziellen besser in der Schule? Wenn ja sprciht dem entgegen das ich eine Lehrerin hatte , deren Sohn es "nur" auf die Hauptschule geschafft hat.

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Ja.

Um Bildungschancen zu haben, muss man ein Gymnasium besuchen. Schulen kosten aber Geld, und je höher, um so mehr. Auch wenn auf dem Papier Lernmittelfreiheit besteht, werden ständig Zahlungen fällig:

  • "Eigenanteile" zu Schulbüchern, die jedes Jahr kommen,
  • Taschenrechner, Hefte, Stifte, neuerdinfgs sogar Computer (!),
  • Kosten von Klassenfahrten und Exkursionen,
  • Kosten für den Schulweg,
  • ggf. Verpflegung für mittags
  • Nachhilfe,
  • usw.

Theoretisch können für die meisten dieser Positionen seit 2011 extra Zuschüsse bei den Jobcentern beantragt werden, da das Bundesverfassungsgericht das 2010 gefordert hat.

De facto werden diese Zuschüsse jedoch von den Städten (die das Geld bereit stellen müssen) oft "gedecket". dh: die städtische Schule verlangt zwar bspw 800 Euro für die Klassenfahrt, das städtische JC begrenzt jedoch den Zuschuss auf 500 Euro.

Dasselbe ist erst recht üblich bei Nachhilfe, die auch nur gewährt wird, wenn nach Lehrergutachten die Versetzung durch die Zensur gefährdet ist, und nicht in der Oberstufe eines Gymnasiums.

Manche Jobcenter haben für diese Leistungen 50 Seiten Formulare ersonnen, es soll sogar welche geben, die noch mehr verlangen. Dazu kommen zusätzliche Forderungen wie bei manchen das "erweiterte Führungszeugnis" für jeden Nachhilfelehrer. Damit würdest DU als Nachhilfelehrer/in schon mal ausfallen, denn Du könntest das gar nicht bekommen. Auch keine andere Privatperson. Es verbleiben professionelle Institute, die aber wiederum: richtig, über den Kostengrenzen liegen.

Es werden also reichlich Hürden und Hindernisse ersonnen.

Um das volle Geld zu bekommen, muss der Vater oder die Mutter des Kindes dann - mal wieder - gegen das JC klagen. Zwar würde er gewinnen: jedoch: nur eine Minderheit klagt.

Zu Punkt 1 und 2 und einigen anderen Positionen gibt es sogar per Gesetz nur einen Festbetrag von 100 Euro pro Jahr. Auch hier müsste nun wieder geklagt werden - diesmal bei einem anderen Gericht und gegen die Stadt bzw. Schule. Und wieder: wer tut das?

Für die grosse Masse der Leute ist das Klagen vor Gericht, vier oder mehr male pro Jahr, keine Alternative. Sie nehmen alles Unrechte hin und reagieren auf zwei Arten:

  • entweder sparen sie sich das nötige Geld von ihrem Regelbedarf, also zusagen dem "Grundfestbetrag Hartz IV" ab oder
  • sie geben auf und schicken das Kind nur in die minimal vorgeschriebene Schullaufbahn. Immerhin die gymn. Oberstufe ist ja nicht vorgeschrieben

Wie ich weiter oben schon kurz erwähnt habe, wird von den JC Nachhilfe in der gymn. Oberstufe grds. abgelehnt. Die Gerichte schliessen sich dieser Meinung bisher an. Und damit hast Du den entscheidenden Punkt, der sogar für den übrig bleibt, der sich durch alle Formulare kämpft, den ganzen Rechtsweg ausschöpft usw. etc:

soweit nach dem Gesetz und dem Handel der Behörden und Gerichte seit 2011 "gleiche Chancen" gegeben werden, beziehen sie sich nur auf das Erreichen eines Haupt- oder Realschulabschlusses, während jedoch ausgedrückt wird: das Abitur braucht man - also die Armen - nicht.

Wer Geld hat, kann seinem Kind also mit reichlich Nachhilfe das Abitur kaufen. Wer keins hat, muss das Bestehen des Abiturs ganz in die Hand seines Kindes legen. Nachhilfe ist für ihn keine Option.

Ich habe darauf verzichtet, Dir für alles Gesetzestexte, Formularbeispiele uä. Quellen anzugeben, weil ich nicht weiss, ob Du das brauchst. Wenn Du willstm schreib mich an und ich liefere davon reichklich nach.

Ich kann Dir auch den Kontakt zu einem Vater vermitteln, der (als einziger) gegen die Schule seiner Kinder die Befreiiung von den Lernmittelgebühren eingeklagt hat.

Viel Spass.

Indivia 03.07.2012, 20:57

Mhh, es gibt auch andere Wege, mein Bruder ( sowir Bekannte sind den etwas unüblicheren Weg gegangen). Hauptschule-Ausbildung-Fachhochschulreife erwerben- Fachhoschule besuchen Das Abitur kann man teilweise heutzutage auch bei einigen Ausbildungen mitnehmen.

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derdorfbengel 04.07.2012, 00:52
@Indivia

Ich bestreite keineswegs, dass es unübliche Wege gibt. Nur würde zur Chancengleichheit gehören, dass nicht bestimmte Menschen auf unübliche, abseitige Wege angewiesen sind. Und eine Garantie, eine Ausbildung bekommen zu können, kannst Du sicherlich auch nicht geben, denke ich.

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