Hallo zusammen! Gibt es auch andere griechische Autoren außer Thukydides, die über den Beginn oder Anlass des Peloponnesischen Krieges geschrieben haben?

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3 Antworten

Ja, auch andere griechische Autoren haben über Anlässe und Beginn des Peloponnesischen Krieges geschrieben. Mehr als die Ereignisse um Korkyra/Kerkyra und um Poteidaia hat dabei der athenische Beschluß, Megara von ihrem Markt und den Häfen des Seebundes auszuschließen (megarisches Psephisma) Beachtung erhalten.

Thukydides ist als Zeitgenosse und Geschichtsschreiber, der sich ausführlich mit dem Thema beschäftigt hat, von besonders großer Bedeutung. Spätere geschichtliche Darstellungen haben ihn verwendet.

Zu Thukydides gibt auch Scholien (ein Scholion ist eine erläuternde Bemerkung in einer alten Handschrift).

Der athenische Kömödiendichter Aristophanes ist ebenfalls ein Zeitgenosse. Figuren in seinen Komödien »Die Acharner« (425 v. Chr. uraufgeführt) und »Der Frieden« (421 v. Chr. uraufgeführt) sagen etwas zum Thema. Die literarische Gattung ist sehr viel anders als Geschichtschreibung. Die Theaterstücke wollen auf witzige Weise unterhalten und enthalten satirische Zuspitzung. Wenn bei Aristophanes die Entführung von Prostituierten als Konfliktursache erscheint, kann dies auch parodistisch zu Frauenraubgeschichten in der Dichtung, aber auch am Anfang von Herodots Geschichtswerk sein. Aristophanes hat auf jeden Fall einige spätere Autoren beeinflußt. Die Deutung, wie die tatsächlciuhe Meinung ist, fällt nicht leicht, aber die persönliche Ebene von Perikles und seinem Verhältnis zu Aspasia tritt in den Komödien in den Vordergrund:

Aristophanes, Ἀχαρνῆς (Acharnes; Die Acharner; lateinischer Titel: Acharnenses) 496 – 556 (Rede des Dikaiopolis) und 719 – 835 (Dikaiopolis, ein Mann aus Megara mit 2 Töchtern, ein Sykophant) und Scholien dazu

Aristophanes, Εἰρήνη (Eirene; Der Frieden; lateinischer Titel: Pax) 603 – 648 und Scholien dazu (auch zu 246 und 483)

Scholion zu Aristophanes, Πλοῦτος (Plutos; Der Reichtum; lateinischer Titel: Plutus) 1193 (enthält verschiedene Fassungen von Thukydides 2, 13, 3)

Reden aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. enthalten Bemerkungen:

Andokides 3 (Περὶ τῆς πρὸς Λακεδαιμονίους εἰρήνης [Peri tes pros Lakedaimonoious eirenes]; Über den Frieden mit den Lakedaimoniern; lateinischer Titel: De pace cum Lacedaemoniis), 8

Aischines 2 (Περὶ τῆς Παραπρεσβείας [Peri tes parapresbeias; Über die Truggesandtschaft), 175

ein Bruchstück aus einem Werk eines Aristodemos (enthalten in Felix Jacoby, Die Fragmente der griechischen Historiker = FGrHist) behandelt unter anderem die Anlässe des Peloponnesischen Krieges:

Aristodemos FGrHist 104

Diodor (Diodoros aus Agyrion; latinisiert: Diodorus Siculus) schreibt zu dem Thema im Rahmen einer Universalgeschichte:

Diodor 12, 30 – 42

verhältnismäßig ergiebig ist zum Thema auch Plutarch, der vor allem durch seine Lebensbeschreibungen berühmter Griechen und Römer bekannt ist:

Plutarch, Perikles 29 - 32; eine ergänzende Information zum megarischen Psephisma bei Plutarch, Πολιτικὰ παραγγέλματα (Politika parangelmata; Politische Lehren; lateinischer Titel: Praecepta gerendae reipublicae) 15 (Ἠθικά [Ethika/Moralia 812 c –e); knappe Aussagen auch bei Plutarch, Σύγκρισις Περικλέους καὶ Φαβίου Μαξίμου (Synkrisis Perikleous kai Phabiou Maximou]; Vergleich des Pericles und des Fabius Maximus]) 3,1 und Plutarch, Alkibiades 14, 2

Pausanias 5, 23, 3

Claudius Aelianus, Ποικίλη ἱστοϱία (Poikile historia; Bunte Geschichte; lateinischer Titel: Varia historia) 12, 53

Aulus Gellius, Noctes Atticae (Attische Nächte) 7, 10

Bei Athenaios kommt etwas im Zusammenhang mit dem Thema »Der Frieden« vor, wobei Kömödienstellen ein Grundlage sind (Aristophanes wird zitiert):

Athenaios, Δειπνοσοφισταί (Deipnosophistai; Das Gelehrtenmahl/Das Gastmahl der Gelehrten; lateinischer Titel: Deipnosphistae) 13, 25 (569 F – 570 B)

Libanios, Logos/Oratio/Rede 16 (Πρὸς Ἀντιοχέας περὶ τῆς τοῦ βασιλέως ὀργῆς [Pros Antiocheas peri tes tou basileos orges]; An die Antiochier über den Zorn des Kaisers; lateinischer Titel: Ad Antiochenos de imperatoris ira) 51

In einem byzantinischen Lexikon ist unter dem Stichwort (s v. = sub verbo) »Aspasia« die auf Komödien fußende Auffassung vermerkt:

Suda s.v. Ἀσπασία

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Auch wenn die weitere antike Geschichtsschreibung praktisch zu 100% von Thukydides abhängig ist, heisst das nicht, dass es nicht weitere, unabhängige Quellen gibt. Die wichtigste für deine Frage ist sicher der Komödien-Autor Aristophanes, der ebenso wie Thukydides ein Zeitzeuge und Athener war, und auch für ein Athener Publikum geschrieben hat. Zu deiner Frage ist v.a. die Passage "Acharner" Vers 496 ff. von Interesse. Mit dem Krieg befasst sich Aristophanes noch in vielen anderen seiner Komödien, insbesondere den "Rittern", dem "Frieden" und "Lysistrate".

Achtung: Die alte Komödie ist keine Geschichtsschreibung, sondern eine Art politisches Kabarett (neben vielem anderem). Jede Interpretation ist darum extrem schwierig und bevor du selbst eine aus dem Bauch heraus versuchst, solltest du dir einige (z. T. extrem divergierende) von modernen Fachleuten ansehen.

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Kommentar von linguista
29.08.2015, 10:57

P.S. Versuch dir vorzustellen, wie du vorgehen würdest, um Frau Merkels Politik anhand eines Beitrags von "Gernot Hassknecht" aus der "heute-show" des ZDF zu rekonstruieren.

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Gibt es auch andere Griechische Autoren außer Thukydides, die über den Beginn oder Anlass des Peloponnesichen Krieges geschrieben haben?

Nun, du könntest auch in die Perikles-Biographie von Plutarch schauen. Allerdings stützt sich Plutarch auf Thukydides, sodass du kein Mehr an Informationen und insbesondere politischer Reflexion erwarten kannst als bei Thukydides selbst. Dasselbe trifft für Diodor und seine Universalgeschichte zu, der auch nichts Neues bietet.

Die antike Überlieferung ist nun einmal dürftig, für die griechische Geschichte noch mehr als für die römische Geschichte. Die einzige zeitgenössische Überlieferung ist und bleibt daher Thukydides.

Ich empfehle allerdings, auch einen Blick in die Sekundärliteratur zu werfen. Für den Einstieg empfehle ich:

Bruno Bleckmann: Der Peloponnesische Krieg. 2007

Ein Standardwerk ist folgende grundlegende Darstellung:

Karl-Wilhelm Welwei: Das klassische Athen. Demokratie und Machtpolitik im 5. und 4. Jahrhundert. 1999

MfG

Arnold

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